Sexuelles Erleben und Verhalten

verfasst von Dr. Ludger Kotthoff

1 Einführung

Sexualität ist ein wichtiges biologisches Prinzip, das der Erhaltung der Art durch Erzeugung von Nachkommen dient. Im Tierreich wird Sexualität weitgehend auf diese Fortpflanzungsfunktion reduziert. Das menschliche Sexualverhalten ist dagegen nicht darauf beschränkt, sondern wird eher durch sexuelle Lust und sexuelle Befriedigung definiert. Bedingt durch Sozialisation und Normen in der Gesellschaft ist das Sexualverhalten von Menschen variabel und vielschichtig, und verschiedene sexuelle Verhaltensweisen und Praktiken befriedigen das sexuelle Bedürfnis. Neben der Lustfunktion ist vor allem die soziale Funktion von Bedeutung. Sie hat damit zu tun, dass im sexuellen Erleben die Eigenart und Einmaligkeit des Partners erfahren wird. Durch Einfühlung in die Bedürfnisse des Anderen werden im sexuellen Erleben auch soziale Bedürfnisse von Bindung, Zuneigung, Liebe und Geborgenheit befriedigt.

Manchen Männern und Frauen fällt es schwer, sich auf Intimität und Nähe zum Partner einzulassen. Sie fühlen sich festgelegt und gebunden und in ihrer Unabhängigkeit und Individualität bedroht. Das macht ihnen Angst. Sexualität in der Partnerschaft erfordert aber anzuerkennen, dass die eigenen Bedürfnisse nur in der Abhängigkeit von den Bedürfnissen des Anderen befriedigt werden können. Es ist also ein gleichwertiges, aber selbstverantwortliches Geben und Nehmen. Sexualität in der Partnerschaft wird damit zu einer komplexen sozial-emotionalen Erfahrung.

2 Sexuelle Erregung

Männliche und weibliche Sexualhormone sind zwar für die körperlichen Veränderungen und physiologischen Prozesse, - wie z.B. Eisprung und Menstruation bei der Frau - von zentraler Bedeutung. Sie haben jedoch bei den meisten Männern und Frauen wenig Einfluss auf ihre sexuelle Bereitschaft und Befriedigung. Sexuelle Erregung beim Menschen ist ein motivationaler Zustand. Erotische Reize führen zur Erregung, zum Begehren und zur Leidenschaft, die durch befriedigende sexuelle Aktivität verringert werden und schließlich zum Orgasmus führen können.

Lange Zeit war es ein Tabu sexuelle Erregungen wissenschaftlich zu untersuchen. Erst in den 70er Jahren gab es umfangreiche Untersuchungen der amerikanischen Forscher Masters und Johnson, in denen direkt sexuelles Verhalten beobachtetet und physiologische Messungen beim Sexualverkehr durchgeführt wurden. Ihre Befunde waren sehr umfangreich. Sie stellten unter Anderem fest, dass männliches und weibliches Sexualverhalten einen ähnlichen Reaktionsablauf hat von Erregung, Plateaubildung, Orgasmus und Rückbildung.

  • Erregung
    Die Erregung kann – besonders bei jungen Männern – relativ schnell auftreten, sie kann aber auch über eine längere Zeit entstehen. Es kommt zur intensiveren Durchblutung und zur Erweiterung der Blutgefäße. Der Penis erigiert und die Klitoris schwillt an; Blut und andere Körperflüssigkeit werden in den Sexualorganen angesammelt.


  • Plateaubildung
    Die Plateaubildung ist eine Fortsetzung der Erregung, die als lustvoll erlebt wird. Verschiedene physiologische Reaktionen begleiten diesen Prozess: Anstieg des Blutdrucks, der Pulsfrequenz, die Ausscheidung von Drüsensekreten.


  • Orgasmus
    Der Orgasmus ist der subjektive Höhepunkt der sexuellen Erregung mit dem anschließenden Gefühl einer angenehmen Entspannung. Beim Mann ist ein Orgasmus fast immer mit einer Ejakulation verbunden. Aber es kann auch zum Orgasmus ohne Samenerguss kommen, z.B. bei Jungen – weil noch keine Spermien produziert werden. Während Männer relativ leicht durch ausreichende Reizung zum Orgasmus kommen, ist das bei Frauen deutlich variabler und abhängiger von emotionalen und situativen Bedingungen. Manche Frauen erleben ihren ersten Orgasmus nach vielen Jahren Geschlechtsverkehr. Andere Frauen können bei anhaltender Erregung mehrfach hintereinander einen Orgasmus haben.


  • Rückbildung
    In der Rückbildungsphase wird die Erregung wieder abgebaut. Die Geschlechtsorgane und der ganze Körper kehren relativ schnell in den nicht erregten Zustand wieder zurück.

 

Diese vier Phasen können individuell sehr unterschiedlich sein und hängen von psychischen Prozessen ab. Ob es zur Erregung, zum Orgasmus oder zur Befriedigung kommt, wird häufig von seelischen Bedingungen beeinflusst. Oft liegt die Ursache von Funktionsstörungen, sexueller Frustration und fehlender Befriedigung in persönlichen Problemen. Angst, Stress, unbewusste Schuldgefühle oder negative Gedanken können die sexuelle Erregung tiefgreifend beeinflussen. Sexuelle Erregung ist beim Menschen also eher ein psychischer als ein physiologischer Vorgang.

3 Sexuelles Begehren

Eine zufriedene Liebesbeziehung zwischen Menschen, gleichen oder verschiedenen Geschlechtes, besteht aus verschiedenen Elementen, und zwar der körperlichen und psychischen Attraktivität des Partners/der Partnerin, dem sexuellen Begehren und der Bereitschaft, sich auf Intimität einzulassen. Sexuelles Begehren wird weitgehend von äußeren Reizen aktiviert. Besonders körperliche Merkmale von realen Menschen oder von Bildern, Filmen oder Videos sind in der Lage, sexuelles Begehren, mit dem Ziel nach sexueller Lust, auszulösen.

Wie stark der Reiz von sexuellen Bildern und Filmen ist, wird sichtbar in der immer häufiger vorkommenden Abhängigkeit von Pornographien im Internet besonders bei Männern. Als besonders problematisch sind die zunehmende Verbreitung und der Konsum von Kinderpornographie anzusehen. Gehirnphysiologische Untersuchungen belegen, dass die Abhängigkeit von Pornographie und die häufige Wahrnehmung von sexuellen Reizen ähnliche Auswirkungen haben wie Spielleidenschaft oder andere Formen von Abhängigkeiten. Das Gehirn schüttet Hormone aus, die einen Drang nach immer neuer Aktivierung bewirken und damit Abhängigkeit verursachen.

Das sexuelle Begehren wird aber nicht nur durch die visuelle Wahrnehmung aktiviert, sondern auch durch andere lustvoll erlebbare Körperfunktionen wie z.B. Beriechen, Berühren und Belecken des Körpers. Sie haben ihren Ursprung in der kindlichen Sexualität, in der auf spielerische Art und Weise der Körper mit all seinen Funktionen und lustvollen Reaktionen erkundet wird.

Die meisten Menschen sind sich der Dualität von zärtlicher Liebe und sexuellem Begehren bewusst. Man kann sich von jemandem sexuell angezogen fühlen, ohne Sehnsucht nach Nähe oder Angst vor Bindung und Partnerschaft. Andererseits gibt es langjährige enge Partnerschaft und Liebesbeziehung, in der Körpernähe und Zärtlichkeit eine wichtige Rolle spielen, aber kein sexuelles Begehren.

4 Verliebtheit

Das Verliebtsein ist ein sehr starkes Gefühl, das umgangssprachlich mit „Kribbeln im Bauch“ oder „Schmetterlinge im Bauch“ umschrieben wird. Verliebte sind ganz und gar besetzt vom geliebten Menschen, fühlen sich zu ihm hingezogen und wollen eins mit ihm sein – körperlich, seelisch und geistig. Verliebtheit kann sich aus einer sexuellen Beziehung entwickeln, aber in den meisten Fällen ergeben sich die sexuellen Handlungen aus der Verliebtheit. Sie sind eine Folge des intensiven Wunsches nach Nähe, nach Verschmelzen und Symbiose mit dem geliebten Menschen. Verliebte leben in einer eigenen, abgetrennten Welt, die durch Intimität und Sich-verstanden-fühlen geprägt ist und im hohen Maße befriedigt. Verliebte gehen im anderen auf und fühlen sich erkannt und im innersten Wesen akzeptiert wie nie zuvor.

Mit der Verliebtheit geht eine hohe Idealisierung des Partners einher, bei der dessen Schwächen und Fehler übersehen werden. Enttäuschung, Kränkung und seelische Verletzung können die Folge sein, wenn das Verliebtsein schwindet. Eine problematische Schlussfolgerung ist häufig, sich nicht auf Intimität, Nähe und Bindung einzulassen und nur den Reiz des Neuen in wechselnden sexuellen Verhältnissen zu suchen. Diese Menschen bleiben daher ständig (oft täglich) auf der Suche nach sexuellen, emotional unverbindlichen Abenteuern. Ihr Bedürfnis nach Sexualität bleibt unbefriedigt.

5 Partnerschaft

Wenn die sexuelle und seelische Attraktivität des Partners/der Partnerin über die Phase der Verliebtheit hinaus bestehen bleibt, können sich eher langfristige soziale Bedürfnisse der Zusammengehörigkeit, Geborgenheit und Zärtlichkeit entwickeln, die man als  eine reifere Form der Liebe bezeichnen kann. Das sexuelle Begehren bleibt bestehen, hat aber bei vielen Paaren nicht mehr den Stellenwert wie in der Phase der Verliebtheit. Nach der Phase der Idealisierung des Partners/der Partnerin werden die Stärken und Schwächen des Anderen realistischer wahrgenommen. Eine auf Dauer angelegte Partnerschaft verlangt, den Anderen in seiner Andersartigkeit und seinen Eigenschaften zu akzeptieren. In einer reifen Liebesbeziehung sind sich die Partner/Partnerinnen der Ambivalenz bewusst, dass einerseits ein starkes Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und Zugehörigkeit besteht, andererseits ein Bedürfnis nach Individualität, Autonomie und Unabhängigkeit. Beide Bedürfnisse haben ihre Berechtigung und müssen von beiden Partnern/Partnerinnen ausgehandelt, akzeptiert und in den Alltag integriert werden. Die Lösung der Frage, wie viel Freiheit und Unabhängigkeit brauche ich, wie viel Individualität und eigene Interessen kann ich dem Partner/der Partnerin zugestehen, ohne dass daraus Konflikte entstehen, ist nicht immer leicht. Frei zu sein in der Bindung wird angestrebt. Dazu ist es wichtig sich auf den andern verlassen zu können und ihm zu vertrauen. Eine gute Regelung von Distanz und Nähe, von individuellen und gemeinsamen Interessen und Zielen ist ein guter Indikator für eine reife Liebesbeziehung.

6 Literatur

Haeberle,E.J., Die Sexualität des Menschen. Handbuch und Atlas. Berlin 1985

Autor

  • Dr. Ludger Kotthoff

    Dr. Ludger Kotthoff ist Akademischer Oberrat am Fachbereich Psychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und langjähriges Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Projekts Kinderschutzportal.

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Sexualpädagogisches Projekt für Kinder und Jugendliche

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