Sexuelle Orientierung

verfasst von Dr. Ludger Kotthoff

1 Sexuelle Orientierung

Menschliches Sexualverhalten ist das Ergebnis eines langen körperlichen und psychischen Entwicklungsprozesses. Nach Haeberle (1985) lassen sich drei Faktoren unterscheiden, die eine Rolle spielen: das biologische Geschlecht, die Geschlechtsrolle und die sexuelle Orientierung. Das biologische Geschlecht wird im Wesentlichen pränatal durch die Geschlechts-Chromosomen und Geschlechts-Hormone bestimmt. Die Entwicklung der Geschlechtsrolle und die Identifizierung mit dieser Rolle unterliegen einem Sozialisationsprozess. Kinder werden mit Erwartungen konfrontiert, die an sie als Junge oder Mädchen gestellt werden. Sie übernehmen diese Rollenerwartungen und identifizieren sich mit ihrem männlichen oder weiblichen Geschlecht. Die sexuelle Orientierung, die sich im Jugend- und Erwachsenenalter ausprägt, erfasst die sexuellen Wünsche und die sexuelle Neigung bezüglich des Geschlechts des Sexualpartners/der Sexualpartnerin. Sie äußert sich als Heterosexualität, Homosexualität oder Bisexualität.

Die Angaben über Häufigkeiten der sexuellen Orientierung schwanken je nach Lebensalter, Zeitpunkt der Befragung und kulturellem Hintergrund. Man kann davon ausgehen, dass etwa 90% der Erwachsenen in westlichen Kulturen heterosexuell sind. Knapp 8% der deutschen Männer sind zu etwa gleichen Teilen homosexuell bzw. bisexuell. 1,6% der deutschen Frauen sind homosexuell und 4,6% bisexuell orientiert (Asendorpf, 1999). Die Anzahl derjenigen, die im Verlauf ihres Lebens homo- oder bisexuelle Erfahrungen machen, scheint jedoch größer zu sein. Es ist nämlich zu beobachten, dass sowohl die gesellschaftliche Toleranz gegenüber dem homo- oder bisexuellen Verhalten zunimmt, als auch die Bereitschaft wächst, mit der sexuellen Orientierung zu experimentieren und sexuelle Erfahrungen unterschiedlicher Art zu sammeln.

2 Heterosexualität

Bei der Heterosexualität sind die sexuellen Wünsche, das sexuelle Verhalten und das Begehren ausschließlich oder überwiegend auf Personen des anderen Geschlechtes gerichtet. Heterosexuelles Verhalten wird in vielen Kulturen und Religionen als das normale Verhalten angesehen, weil es der Fortpflanzung und Erzeugung von Nachkommen dient. Die Ehe oder eheähnliche Formen des Zusammenlebens stehen daher unter staatlichem Schutz und genießen gesellschaftliche Anerkennung. Sexuelles Verhalten außerhalb der Ehe wird dagegen häufig sanktioniert und in manchen Kulturen mit drastischen Strafen belegt. Menschliche Sexualität ist aber nicht auf Fortpflanzung beschränkt. Sie wird wesentlich auch durch die sozial-emotionale Funktion definiert. Sie dient einerseits der Befriedigung der sexuellen Lust, befriedigt andererseits zentrale menschliche Bedürfnisse von Bindung, Zugehörigkeit und Liebe. Diese sozial-emotionale Funktion gilt in gleicher Weise für alle Formen der sexuellen Orientierung und ist nicht auf Heterosexualität beschränkt.

3 Bisexualität

Menschen beschreiben sich als bisexuell, wenn sie freiwillig mit beiden Geschlechtern eine befriedigende Sexualität haben können und in einer sozial-emotional positiven Beziehung zu beiden Geschlechtern leben können. Bisexuelles Verhalten kann als Durchgangsphase vom hetero- zum homosexuellem Verhalten angesehen werden, wenn – überwiegend junge Menschen – mit ihrer sexuellen Orientierung experimentieren. Homo- und heterosexuelle Beziehungen können aber auch parallel nebeneinander geführt werden.

1948 hat bereits der berühmte Sexualforscher Kinsey festgestellt, dass es schwierig ist, Menschen eindeutig als hetero-, bi- oder homosexuell einzuordnen. Er hat daher eine Skalierung von 0 bis 6 vorgeschlagen. Die Stufe 0 entsprach einem ausschließlich heterosexuellen Verhalten, und 6 entsprach einem ausschließlich homosexuellen Verhalten. Die Stufen 1 bis 5 sollten das bisexuelle Verhalten klassifizieren. Sie beschreiben die unterschiedlichen Anteile von hetero- und homosexuellem Verhalten (Fiedler. 2004). Diese Skalierung macht deutlich, dass es schwer ist, eindeutige Zahlen über die bevorzugte sexuelle Orientierung zu ermitteln. Sie zeigt aber auch, dass sexuelle Orientierung variabel sein kann und sich im Verlauf des Lebens verändern kann.

4 Homosexualität

Bei der männlichen  und der weiblichen Homosexualität – Schwule und Lesben – sind die sexuellen Wünsche und die sexuelle Orientierung auf den gleichgeschlechtlichen Partner gerichtet. Sexuelle Wünsche und sexuelle Orientierung müssen mit dem realen Verhalten nicht immer übereinstimmen. Ein Mann, der mit einer Frau verheiratet ist, dessen sexuelle Wünsche sich aber mehr auf Männer als auf Frauen richten und daher seine Wünsche nicht auslebt, empfindet homosexuell, lebt und handelt aber heterosexuell. Sexuelle Orientierung und sexuelles Verhalten stimmen da nicht überein.

In der wissenschaftlichen Literatur wird immer wieder die Frage diskutiert, ob die homosexuelle Orientierung auf Anlage- oder Umweltfaktoren zurückzuführen ist. Zwillingsuntersuchungen legen nahe, dass die sexuelle Orientierung vermutlich eine genetische Grundlage besitzt. In verschiedenen Studien wurden schwule und lesbische Zwillinge in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung befragt. Die Ergebnisse waren überraschend. Obwohl eineiige und zweieiige Zwillinge in den Untersuchungen unter ähnlichen Umweltbedingungen aufwuchsen, unterschieden sie sich deutlich in ihrer sexuellen Orientierung. Bei den Frauen waren 48% der eineiigen Zwillinge lesbisch, verglichen mit 16% der zweieiigen. Bei den Männern waren 52% der eineiigen Zwillinge beide schwul, aber nur 22% der zweieiigen Zwillinge (zit. in Zimbardo, Gerrig, 2004). Es ist also anzunehmen, dass Sexualität eine genetische Komponente hat. Andere Forscher betonen den Einfluss von Umweltfaktoren: Z.B Wenn Mütter während der Schwangerschaft hohe Dosen von Geschlechtshormonen bekommen haben, um Fehlgeburten zu vermeiden, tendieren Mädchen eher zu homosexuellem oder bisexuellem Verhalten. Ferner kommt es häufiger vor, dass homosexuelle Männer in der Reihenfolge ihrer Geschwister später geboren wurden oder mehrere ältere Brüder hatten (Berk, 2005). Es ist also davon auszugehen, dass sowohl genetische Faktoren als auch Umweltbedingungen die hormonelle Ausstattung des Menschen und seine Hirnstrukturen so verändern, dass homosexuelle Gefühle und Verhaltensweisen entstehen.

Homosexualität ist in der Vergangenheit kriminalisiert (Straftat nach §175 StGB bis 1994) und pathologisiert (psychische Krankheit bis 1997) worden. Das hat sich mit zunehmender Akzeptanz verändert, Homosexuelle werden aber immer noch häufig stigmatisiert, wie die abwertende Sprache, mit der sie beschrieben werden, belegt. Das Coming-out d.h. die sexuelle Orientierung vor sich selbst und den anderen zu bekennen, ist daher ein wichtiger Prozess der sexuellen Identifizierung. Watzlawik und Weil (2009) stellten in einer Online-Befragung bei 720 Männern fest, dass 73% der Befragten bis zum 17. Lebensjahr sich ihrer homo- bzw. bisexuellen Orientierung bewusst wurden (inneres Coming-out) und bis zum Zeitpunkt der Befragung auch 3 von 4 Teilnehmern sich anderen gegenüber geäußert hatten (äußeres Coming-out). Angst vor Ablehnung ist eines der wichtigsten Gründe, seine sexuelle Orientierung zu verheimlichen.

5 Transsexualität

Menschen mit einer Störung ihrer Geschlechtsidentität werden transsexuell bezeichnet. Sie fühlen sich von Kindheit an dem anderen Geschlecht zugehörig und haben eine Abneigung gegen Verhaltensweise oder Kleidung des eigenen Geschlechtes. Ihre körperliche Ausstattung, d.h. normale Genitalien und sekundäre Geschlechtsmerkmale wie Brustbildung bei der Frau, Bartwuchs und Stimmbruch beim Mann, überzeugt sie nicht von ihrer männlichen oder weiblichen Geschlechtsidentität. Ein Mann mit einer Störung der Geschlechtsidentität empfindet sein sexuelles Interesse an Männern als normal, da er sich ja als Frau sieht. Besonders Männer erhalten von der Umwelt viel Missbilligung und Spott, wenn sie sich kleiden wie Frauen.

Die Geschlechtsidentitätsstörung beginnt im Alter von 3 bis 5 Jahren, wenn Kinder sich mit ihrer Geschlechtsrolle identifizieren und sich ihres männlichen oder weiblichen Geschlechtes bewusst sind. Diese Störung tritt bei Jungen deutlich häufiger auf als bei Mädchen, bleibt oft bis in die Pubertät bestehen und verliert sich meistens im Erwachsenenalter. Manche Menschen versuchen jedoch mit Hilfe einer Operation eine Geschlechtsumwandlung vorzunehmen, um mit dem bevorzugten Geschlecht identisch zu sein. Aber auch das ist häufig keine zufriedenstellende Maßnahme, weil die Geschlechtsumwandlung nicht selten zu psychischen und körperlichen Komplikationen führt.

6 Pädophilie/Pädosexualität

Bei der Pädophilie richtet sich das sexuelle Interesse von Erwachsenen auf Kinder. Durch körperlichen und sexuellen Kontakt mit Kindern kommen Erwachsene zur sexuellen Befriedigung. Pädophile nutzen häufig Kinderpornographie oder Kinderbilder zur sexuellen Stimulation und suchen über das Internet Kontakt zu potentiellen Opfern.

In der Sexualwissenschaft und klinischen Psychologie wird die Pädophilie nicht zu den sexuellen Orientierungen gezählt, bei denen es um eine gleichwertige, auf Einverständnis beruhende sexuelle Beziehung geht, sondern zu den sexuellen Störungen (Davison und Neal, 2002).

Die sexuellen Bedürfnisse des Erwachsenen entsprechen nämlich nicht den Wünschen des Kindes. Kinder zeigen in ihrer Entwicklung zwar sexuelles Verhalten und Erleben, sie unterscheiden sich aber wesentlich von der Sexualität der Erwachsenen. Da das Kind die Sexualität des Erwachsenen nicht kennt, kann es dessen Wünsche und Absichten nicht verstehen. Es erkennt nicht, aus welchen Beweggründen ein sexuell motivierter Erwachsener Körperkontakt oder sexuellen Kontakt aufnimmt. Sexuelle Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen sind daher immer strafbar.

Kinder sind gegenüber Erwachsenen, besonders aber gegenüber näheren Bezugspersonen, in einer emotionalen Abhängigkeit, da sie auf deren Schutz und Zuwendung existenziell angewiesen sind. Dieses Abhängigkeitsverhältnis birgt die Gefahr in sich, dass der Erwachsene seine Überlegenheit bewusst ausnutzt, um das Kind zu sexuellen Handlungen zu bewegen, die nicht dem wirklichen Willen des Kindes entsprechen. Körperkontakt und Nähe, die zur sexuellen Erregung des Erwachsenen führen, sind immer Missbrauch, weil das Kind in seinem Bedürfnis nach Zärtlichkeit, Schutz und Zuwendung nicht akzeptiert sondern ausgebeutet wird. Sexueller Kontakt mit Erwachsenen birgt für das Kind immer die Gefahr in sich traumatisiert zu werden mit schwerwiegenden Persönlichkeitsstörungen.

7 Literatur

Asendorpf,J.B., Psychologie der Persönlichkeit. Heidelberg 1999

Berk, L.: Entwicklungspsychologie. München 2005

Davison, G.C.; Neale,J.M.: Klinische Psychologie. Hautzinger,M.. (Hrsg.) Weinheim 2002                                                                                                                                                                                                                        

Fiedler, P.: Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung. Weinheim 2004

Haeberle, E.J.: Die Sexualität des Menschen. Berlin 1985

Watzlawik, M.; Weil, S.: Coming-out – Was motiviert zu diesem Schritt?
In: Watzlawik, M.; Heine, N.: (Hrsg.) Sexuelle Orientierungen. Göttingen 2009

Zimbardo, P. G.; Gerrig, R. J.: Psychologie. München 2004

Autor

  • Dr. Ludger Kotthoff

    Dr. Ludger Kotthoff ist Akademischer Oberrat am Fachbereich Psychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und langjähriges Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Projekts Kinderschutzportal.

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