Ziele und Inhalte

1 Ziele und Inhalte der Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen

Die Präventionsarbeit gegen sexuelle Gewalt verfolgt die Ziele, Mädchen und Jungen zu stärken, in ihrer ungestörten sexuellen Entwicklung zu unterstützen, selbstbewusst und selbstständig zu machen, sie über sexuelle Gewalt aufzuklären, sie über ihre Rechte zu informieren und ihnen Hilfsmöglichkeiten zu verdeutlichen.

Natürlich ist das oberste Ziel der Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt. Jedoch kann auch die beste Präventionsarbeit das Machtungleichgewicht zwischen Täter und Opfer nicht beseitigen und somit auch nicht verhindern, dass sich Täter und Täterinnen über alle Abwehrversuche eines Kindes hinwegsetzen. Ein zweites wesentliches Ziel der Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen ist es deshalb, sie durch Aufklärung und Stärkung zu ermutigen, möglichst frühzeitig von sexuellen Grenzverletzungen und Übergriffen zu erzählen bzw. auf anderem Weg nach Hilfe suchen (Nummer gegen Kummer, Online-Beratung, Beratungseinrichtungen etc.).

Folgende Inhalte gehören zur Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch:

1.1 Aufklärung über sexuellen Missbrauch in altersentsprechender Form

Diese Aufklärung kann auch mit Hilfe von Büchern, Theaterstücken, Filmen erfolgen, die als Grundlage für weiterführende Gespräche genutzt werden können. Natürlich braucht ein Kindergartenkind andere Informationen mit einer anderen Wortwahl als ein 16-Jähriger.

Präventionsarbeit darf niemals Angst machen!

Es muss für jedes Kind, für jede Gruppe neu ausgewählt werden, welche Informationen hilfreich und verständlich sind. Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche ihre Fragen stellen dürfen und Antworten erhalten, die sie verstehen können. Wo nur angedeutet wird oder ‚drum herum geredet’ wird, findet keine Aufklärung statt, sondern werden neue Tabus aufgebaut.

1.2 Aufklären über Täterstrategien

Hier stehen vor allem die Themen ‚Geheimnisse, Erpressung, Bestechung, Bedrohung’ im Vordergrund. Aber auch die Kontaktaufnahme und Belästigung im Internet sollte thematisiert werden. Beispiele und Rollenspiele können helfen, die Vorgehensweisen der Täter einzuordnen und zu durchschauen.

Der Bereich ‚Geheimnisse’ hat dabei einen besonderen Stellenwert, da Kinder Geheimnisse sehr ernst nehmen und es für Kinder auch wichtig ist, Geheimnisse haben zu dürfen. Da viele TäterInnen den sexuellen Missbrauch als ein Geheimnis deklarieren, das unter keinen Umständen weitererzählt werden darf, wird den Kindern vermittelt, dass es Geheimnisse geben kann, die man nicht für sich behalten soll.

Häufig wird bei jüngeren Kindern über den Begriff ‚Bauchwehgeheimnis’ versucht, den vom Täter auferlegten Druck zur Geheimhaltung zu beschreiben und zu erklären. 

1.3 Sexualerziehung

Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch kommt ohne eine offensive Sexualerziehung nicht aus. Kinder und Jugendliche brauchen ein ihrem Alter und Entwicklungsstand entsprechendes Wissen und eine Sprache über Sexualität und haben auch ein Recht darauf, Sexualität zu leben. Erst auf der Grundlage einer guten Sexualerziehung und einer lustvollen Haltung zu sich selbst und zum eigenen Körper, kann auch über die grenzverletzenden Berührungen des sexuellen Missbrauchs aufgeklärt werden.

1.4 Gefühlserziehung/Gesprächserziehung

Im Rahmen der Präventionsarbeit gegen sexuelle Gewalt wird den sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten der Kinder große Aufmerksamkeit geschenkt. In vielfältigen Übungen zur Differenzierung sollen Kinder und Jugendliche nicht nur lernen, Empfindungen, Berührungen, Geheimnisse und Interaktionen differenziert wahrzunehmen, sondern auch diese Differenzierungen genau zu artikulieren und zu benennen. Eine Sprache für Emotionen zu finden bzw. Worte für Gefühlslagen und somit Ausdrucksformen für eigene Wahrnehmungen zu entwickeln, muss mit Mädchen und Jungen immer wieder und in vielfältiger Form geübt werden. Insbesondere Jungen fällt es oft schwer, neben ‚schön’ und ‚blöd’ eine differenziertere Sprache für Gefühle zu finden.

1.5 Information über Hilfsmöglichkeiten

Kinder und Jugendliche müssen Schritte des Hilfeholens genau kennen, um diese Möglichkeit für sich selbst oder aber auch für Freunde oder Geschwister wahrnehmen zu können.

Neben lokalen Ansprechpartnern und Einrichtungen spielt besonders für Jugendliche das Internet eine große Rolle. Einige Internetforen für Jugendliche (besonders die zum Thema Sexualität) haben einen Unterbereich, in dem es um sexuelle Gewalt geht. Daneben gibt es Foren (z.B. von Beratungsstellen oder von Betroffenen), die sich speziell mit sexuellem Missbrauch beschäftigen (z.B. Gegen - Missbrauch e.V. Die Plattform für Betroffene, Überlebende, Freunde und Partner). Jugendlichen nutzen diese Seiten als Informations- und Hilfsplattform, insbesondere aber zum Austausch bei Fragen zu sexuellen Übergriffen. Konkrete Hilfe über das Internet bietet die Online-Beratung.

Oft werden die Themen Körper, Gefühle, Berührungen etc. zu allgemein behandelt, so dass das wesentliche Ziel, Kinder über sexuellen Missbrauch aufzuklären und ihnen eine Sprache zu geben, die ihnen ermöglicht, über Sexualität zu sprechen, nicht erreicht wird. Erfolgreiche präventive Arbeit gegen sexuellen Missbrauch muss alle inhaltlichen Schwerpunkte in den Blick nehmen. „Präventionskonzepte, die gegen sexuellen Missbrauch arbeiten, aber ohne explizit sexuelle Bezüge aufklären, erreichen alles Mögliche, aber keine erfolgreiche Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch“ (Damrow, 2010, S. 26).

Grundsätzlich sind Präventionsansätze zu kritisieren, die sich ausschließlich an die potentiellen Opfer sexuellen Missbrauchs wenden. Durch diese Gewichtung wird die Verantwortung für den Missbrauch in ungerechtfertigter Art und Weise auf das Opfer übertragen. Kinder geraten unter Druck, wenn sie die Präventionsbotschaften nicht umsetzen können und unrealistische Erwartungen spüren. Trotz Selbstverteidigungstechniken sind sie Erwachsenen unterlegen.
 
In vielen Präventionsmaßnahmen werden Sexualität und sexueller Missbrauch nicht deutlich thematisiert, wodurch eine Tabuisierung des Themas aufrechterhalten wird. Den Kindern werden keine Ausdrucksmöglichkeiten gegeben und für viele bleibt möglicherweise unklar, was sexueller Missbrauch überhaupt ist. Die Sprache der präventiv Handelnden hat dabei einen entscheidenden Vorbildcharakter. Redet z.B. eine Erzieherin nur von ‚da unten’, statt die Geschlechtsteile zu benennen, signalisiert sie damit, dass es ihr unangenehm ist, die Worte ‚Scheide’ oder ‚Penis’ auszusprechen. Kinder nehmen dies sehr sensibel wahr und werden mit dieser Erzieherin wohl kein Gespräch über Sexualität oder sexuelle Grenzverletzungen suchen.

2 Präventionsbausteine

Heute fest in der Präventionsarbeit verankert sind die folgenden inhaltlichen Schwerpunkte, die sich im Rahmen der Veränderung der Präventionsansätze für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen herauskristallisiert haben. Als Reaktion auf die gezielten Strategien der Missbrauchstätern und Täterinnen und deren oft nahezu identischen Vorgehensweisen, mit denen der Kontakt zum Kind oder Jugendlichen aufgebaut, das Kind bzw. der Jugendliche gefügig gehalten und am Reden gehindert wird, wurden sechs zentrale Themen für die präventive Arbeit entwickelt. Die genannten Präventionsbausteine beziehen sich weitgehend auf die Arbeit mit Kindern.

Präventionsbausteine:

  • Bestimmungsrecht über den eigenen Körper. Kinder  haben ein Recht darüber zu bestimmen, wer sie wann und wie anfasst. Gleichzeitig sollen sie erfahren, dass ihnen ihr Körper ganz alleine gehört und sie das Recht haben, über ihn zu bestimmen. Sie sollen ihren Körper als wertvoll und liebenswert begreifen, Wissen über ihn, sowie eine Sprache für ihn haben.
  • Wahrnehmung von Gefühlen / auf die Gefühle achten
    Kinder sollen lernen, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen, auf sie zu achten und über ihre Gefühle zu sprechen. Im Umgang mit Menschen ist das Vertrauen in die eigenen Gefühle ein grundlegender Selbstschutz. Deshalb wird in vielen Präventionsprogrammen zusätzlich vermittelt, den eigenen Gefühlen zu trauen. Hier gilt es allerdings zu bedenken, dass besonders in sexuellen Missbrauchssituationen Täterinnen und Täter die Gefühle von Kindern verwirren. Denn Kinder erleben häufig auch sexuell angenehme Gefühle bei sexuellem Missbrauch. Ausschließlich zu vermitteln, den eigenen Gefühlen zu trauen, entspricht somit nicht mehr den fachlichen Standards heutiger Präventionsprogramme.
  • Unterscheidung zwischen ‚guten‘, ‚schlechten‘, ‚komischen‘ und ,verwirrenden‘ Berührungen. Mit den Kindern wird geübt, Berührungen und deren Abhängigkeit von Personen, Situationen und Umständen einzuordnen und zu bewerten. Hierbei soll auch auf Veränderungen im Empfinden von anfänglich schönen Berührungen eingegangen werden.
  • Umgang mit Geheimnissen. Kinder müssen wissen, dass es Geheimnisse geben kann, über die sie sprechen dürfen, auch wenn es ihnen ausdrücklich verboten wird. Deshalb sollen Kinder lernen, dass es ‚gute‘ und ‚schlechte‘ Geheimnisse gibt und wie diese zu unterscheiden sind.
  • Nein-Sagen-Können und Ja-Sagen-Können: Kinder haben das Recht, Nein zu sagen, wenn sie auf eine Art angesprochen oder berührt werden, die ihnen nicht gefällt. Sie lernen, dass es aber nicht immer einfach ist, Grenzen zu setzen. Wichtig ist, dass Kinder lernen, sich für eine missglückte Grenzsetzung nicht schuldig zu fühlen. Ebenso notwendig ist die Auseinandersetzung mit beglückenden und erfüllenden Begebenheiten, Empfindungen und Berührungen, die es zu bejahen gilt.
  • Hilfe holen /Informationen über Unterstützungsangebote. Kinder benötigen Hilfe von Gleichaltrigen und Erwachsenen. Jedes Kind hat ein Recht, sich Hilfe zu holen, wenn es sich ängstigt oder sich über eine Situation ungewiss ist. Die Kinder erhalten Informationen über Personen und Institutionen, bei denen sie Unterstützung bekommen können, falls sie Hilfe benötigen. Sie erfahren, dass sie Hilfe holen und über ihre Sorgen sprechen dürfen, auch wenn es jemand ausdrücklich verboten hat. Die Schwierigkeit des Hilfe-Holens darf dabei jedoch nicht übersehen werden.

Die einzelnen Präventionsschwerpunkte werden in der pädagogischen Praxis auf unterschiedliche Art und Weise behandelt, zum Teil werden die Themenkomplexe noch erweitert, so z. B. die Bekräftigung, dass kein Erwachsener das Recht hat, Kindern Angst zu machen, die Benennung konkreter Hilfsadressaten und die Bekräftigung, dass ein Kind niemals Schuld an einem sexuellen Missbrauch hat.

Präventive Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen erfordert eine altersspezifische Differenzierung der Präventionsbausteine. Im Mittelpunkt der Präventionsarbeit steht bei dieser Altersgruppe die Stärkungsarbeit zur Selbstwahrnehmung. Themen wie Liebe, Beziehung, Freundschaft, Sexualität, eigene Grenzen und das Achten der Grenzen anderer, rollenspezifisches Verhalten, sexualisierte Selbstdarstellung, etc. sind weitere Inhalte, die in der vorbeugenden Arbeit mit Jugendlichen behandelt werden. In Bezug auf sexualisierte Gewalt in Medien gehört zu den wichtigen Präventionsschwerpunkten die Vermittlung von Wissen über Täter-/Taterinnenstrategien, die Achtung der eigenen Gefühle, die Reflexion von Privatsphäre und Öffentlichkeit in den Kommunikationsräumen des Web 2.0 und das Wissen über mögtiche technische Präventions- und Interventionsstrategien.

Ein wesentlicher Beitrag zur Prävention ist die Aufklärung über die Tatsache, dass es sexualisierte Gewalt gibt und dass Hilfe möglich ist.

Bei der Entwicklung von Präventionsangeboten ist es wichtig, die folgenden grundsätzlichen Aspekte zu beachten:

  • Präventionsarbeit sollte Kinder und Jugendliche explizit über sexualisierte Gewalt aufklären. "Oft werden die Themen Körper, Gefühle, Berührungen etc. zu allgemein behandelt, so dass das wesentliche Ziel, Kinder über sexuellen Missbrauch aufzuklären und ihnen eine Sprache zu geben, die ihnen ermöglicht, über Sexualität zu sprechen, nicht erreicht wird. Erfolgreiche präventive Arbeit gegen sexuellen Missbrauch muss alle inhaltlichen Schwerpunkte in den Blick nehmen" (Kruck-Homann 2012, S. 230).
  • Basis für eine erfolgreiche Präventionsarbeit ist eine offensive Sexualerziehung. Schon in der Grundschule haben Kinder ein Recht auf eine umfassende Sexualerziehung. Das Wissen um die eigene Sexualität und eine Sprache für den Körper, einschließlich der Geschlechtsteile, kann Mädchen und Jungen vor unerwünschten und zugemuteten sexuellen Übergriffen und körperlichen Berührungen schützen. Unwissende sind gefährdete Kinder, weil Täter und Täterinnen dadurch die Möglichkeit gewinnen, ihr Handeln als etwas Normales für ein Kind zu erklären.
  • Präventionssarbeit sollte sich nicht nur auf die potentiellen Opfer von sexualisierter Gewalt fokussieren. Einserseits wird "durch diese Gewichtung (...) die Verantwortung für den Missbrauch in ungerechtfertigter Art und Weise auf das Opfer übertragen. Kinder geraten unter Druck, wenn sie die Präventionsbotschaften nicht umsetzen können und unrealistische Erwartungen spüren. Trotz Selbstverteidigungstechniken sind sie Erwachsenen unterlegen" (Kruck-Homann 2012, S. 230). Darüber hinaus ist es gerade in Bezug auf Themen wie "Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen" nötig, in Projekten mit Schülerinnen und Schülern Täterprävention zu leisten. Zu den wichtigen Aspekten gehört dabei das Aufzeigen von Grenzen, die Vermittlung von Werten und Normen, die Reflexion gesellschaftlicher und medialer Geschlechtsrollenzuweisungen, die Förderung von Sozialkompetenzen, etc..

3 Praktische Umsetzung

"Die Erarbeitung der Präventionsinhalte muss durch vielfältige Angebote geschehen, die den Mädchen und Jungen ein eigenständiges Erproben und ein Handeln mit allen Sinnen ermöglichen. Präventionsarbeit muss möglichst früh, ganzheitlich, öfter wiederkehrend und handlungsbezogen erfolgen, wenn sie eine längerfristige Wirkung haben soll!
Inzwischen liegen eine Reihe von Medien und Materialien zur Präventionsarbeit vor, mit denen dieser Anspruch erfüllt werden kann. Es gibt Spiele, CDs, Hörspiele, Computerspiele und Filme. Besonders hilfreich für die präventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sind Materialsammlungen, oder Präventionskoffer, die neben Medien, Spielmaterialien, Arbeitsblättern, Filmen, CDs, und vielem mehr auch Informationsmaterial, Begleithefte und Leitfäden für Erwachsene enthalten.
Viele Möglichkeiten der präventiven Arbeit werden von Erzieherinnen, Erziehern und anderen pädagogischen Fachkräften im Alltag bereits praktiziert. Sie leisten bereits täglich wertvolle präventive Arbeit:

  • Lieder mit präventiven Inhalten werden mit den Kindern gesungen, dazu getanzt, die Lieder mit Instrumenten begleitet, weiter- und umgedichtet.
  • Es werden mit Mädchen und Jungen Erfahrungen rund um den Körper gesammelt: durch sportliche Übungen ebenso wie durch Körperbemalungen.
  • Mit Geschichten oder Bildkarten werden mit den Kindern Anregungen zu Rollenspielen, zu Standbildern, pantomimischen Übungen oder zu kleinen Theaterszenen rund um das Thema ‚Gefühle’ gefunden.
  • Ausdruckmöglichkeiten für Gefühle werden ferner in Farben, Tönen, Bildern und Skulpturen entdeckt.

 

(…) Ebenso wichtig wie Spiele und Übungen zu den einzelnen Aspekten sind Reflektion und Austausch darüber. In Gesprächen, die ihren Ausgangspunkt z.B. in der Auswertung einer Körperübung haben, können die weitergehenden Gedanken, Vorstellungen und Fragen der Kinder und Jugendlichen aufgegriffen und diskutiert werden. In der einen Gruppe ergibt sich aus dem Gespräch über eine Körperübung dann vielleicht ein Gespräch über Körperteile, und es werden Benennungen für Geschlechtsteile besprochen. In einer anderen Gruppe läuft das Gespräch vielleicht in eine andere Richtung und es bietet sich eine erste Möglichkeit für die Aufklärung über sexuellen Missbrauch.
Schon im Vorfeld, aber besonders während der Präventionsarbeit, muss gewährleistet sein, dass es bei allen Übungen und Gesprächen, besonders bei Theaterstücken, Filmen und anderen Medien, Rückzugsmöglichkeiten für Kinder oder Jugendliche gibt, für die die Situation zu belastend wird. Dass Präventionsarbeit auch aufdeckende Wirkung haben kann, liegt auf der Hand. Kenntnisse über Interventionsschritte sind deshalb eine Grundvoraussetzung für verantwortliche Präventionsarbeit" (Kruck-Homann 2012, S. 231ff.).

Die einzelnen Präventionsbausteine lassen sich in gezielten Gruppenaktivitäten, Rollenspielen und Unterrichtseinheiten umsetzen, wobei ein Wechsel der Methodik und geschlechtsspezifische Arbeit erforderlich ist.

Die oben angeführten einzelnen Präventionsbausteine können z.B.

  • im Deutschunterricht (z. B. sprechen, schreiben, lesen über Gefühle; Lesen von Jugendbüchern, die sexualisierte Gewalt thematisieren),
  • im Sachunterricht (Sexualerziehung, mein Körper und meine Sinne),
  • im Biologieunterricht (Sexualpädagogik, Thematisierung von Sexualität, Liebe, Gefühlen, sexualisierter Gewalt, sexueller Selbstdarstellung, Pornografie)
  • im Kunstunterricht (Kreatives Malen und Gestalten, z. B. Malen von Gefühlen),
  • im Sportunterricht (Selbstverteidigung, Bewegungsspiele, Körpererfahrung),
  • im Religionsunterricht (Ich und meine Gefühle, Werteerziehung) sowie
  • im Musikunterricht (Stimmungsmusik‚ Gefühle vertonen)
  • an Projekttagen oder in Medien-AGs (z. B. Thematisierung von sexualisierter Gewalt in Medien) etc. behandelt werden.

Insbesondere die Grundschule bietet aufgrund der Unterrichtsstruktur (Freiarbeit, Projektarbeit, fächerübergreifender Unterricht) eine sehr gute Voraussetzung zur Durchführung interdisziplinärer Präventionsarbeit.
Lehrerinnen und Lehrer brauchen für die Durchsetzung der präventiven Arbeit viel Unterstützung, auch von Kolleginnen und Kollegen. Viele Lehrkräfte leisten, ohne sich dessen bewusst zu sein, schon Präventionsarbeit, indem sie Wert auf eine Gefühlserziehung legen und Kinder in ihrer Identitätsentwicklung wahrnehmen, akzeptieren und unterstützen. Es ist deshalb wichtig, auch die Lehrerinnen und Lehrer zu stärken, sie zu ermutigen und für die Problematik zu sensibilisieren.

Für die erfolgreiche präventive Arbeit ist es bedeutsam:

  • langfristig zu arbeiten (kein einmaliges Programm zu 'absolvieren'),
  • Wiederholungen der Inhalte vorzunehmen,
  • altersspezifische, interkulturelle und geschlechtsspezifische Angebote anzubieten,
  • Inhalte handlungsorientiert und ganzheitlich umzusetzen,
  • die Präventionsschwerpunkte in einen Kontext einzubinden,
  • Arbeitsformen zu wählen, in denen die Kinder selbst aktiv werden können (z.B. in Rollenspielen),
  • zeitweiliges Arbeiten in geschlechtshomogenen Gruppen zu ermöglichen,
  • die Eltern, Kollegen und Kolleginnen in das Präventionskonzept einzubeziehen und
  • die eigenen Verhaltens- und Denkweisen mit Hilfe von Selbstreflexion zu hinterfragen.

4 Literatur

Kruck-Homann, Marlene: Sexuelle Gewalt - Basiswissen, Prävention und Intervention. In: Sielert, Uwe und Schmidt, Renate-Berenike: Sexualpädagogik in beruflichen Handlungsfeldern. 1. Auflage. Köln: Bildungsverlag EINS, 2012, S. 212-248.

Autorin

  • Dr. Marlene Kruck-Homann

    Dr. Marlene Kruck-Homann ist Grundschullehrerin und langjährige Mitarbeiterin im wissenschaftlichen Beirat des Projekts Kinderschutzportal. Im Rahmen ihrer Dissertation hat sie sich mit Kinder- und Jugendbuchliteratur zum Thema sexualisierte Gewalt auseinandergesetzt. Zu ihren thematischen Schwerpunkten gehört die Präventionsarbeit gegen sexualisierte Gewalt in der Grundschule.

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Studie

Andresen, Sabine et al. (2015): Prävention sexueller Gewalt in der Grundschule: Erfahrungen, Überzeugungen und Wirkungen aus Sicht von Kindern, Eltern, Lehr- und Fachkräften. Beltz.

Präventionsprojekte

Kinderbücher für die Prävention

Welche Bücher eignen sich für die präventive Arbeit mit Kindern? Eine Auswahl an Kinderbüchern finden Sie hier.

Buchtipp

Ja zum Nein. Unterrichts- materialien für die Grundschule zur Prävention von sexuellem Missbrauch     (Hrsg: Petze Institut für Gewaltprävention)

Unterrichts- materialien

Wie kann ich im Unterricht mit Schülerinnen und Schülern zu den Themen sexualisierte Gewalt, Sexualität, Pornografie, etc. arbeiten? Eine Auswahl an Unterrichtsmaterialien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen finden Sie hier.