Rahmenbedingungen

1 Voraussetzungen

Der Erfolg von schulischer Präventionsarbeit gegen sexualisierter Gewalt hängt u.a. von den jeweiligen Rahmenbedingungen einer Institution und deren Personen ab. In einigen Bundesländern gibt es administrative Verankerungen in den Lehrplänen, die die präventive Arbeit gegen sexualisierte Gewalt als verbindliche Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer festschreiben.

Eine offene Sexualerziehung ist eine wichtige Voraussetzung für eine angemessene Präventionserziehung und sollte durch Informationen über sexualisierte Gewalt und das Selbstbestimmungsrecht von Kindern ergänzt werden.

Darüber hinaus ist es für die pädagogische Praxis bedeutsam langfristig zu arbeiten (kein einmaliges Programm zu 'absolvieren'), Wiederholungen der Inhalte vorzunehmen, altersspezifische, interkulturelle und geschlechtsspezifische Angebote zu machen, Inhalte handlungsorientiert umzusetzen und die Eltern in das Präventionskonzept einzubeziehen.

2 Prävention auf verschiedenen Ebenen

Präventionsbemühungen zum Schutz des Kindes vor sexualisierter Gewalt gibt es nicht erst, seitdem das Problem ans Licht der Öffentlichkeit geraten ist. Althergebrachte Präventionsstrategien wie 'geh nie mit einem Fremden mit', 'steig in kein fremdes Auto und nimm nichts von Fremden an', richteten sich lange Zeit an Kinder, insbesondere an Mädchen.

Lehrerinnen und Lehrer handelten bis dahin im Sinn der althergebrachten Prävention: sie beschränkten sich darauf, „sich den elterlichen Warnungen an die Kinder vor fremden Männern und dunklen Wäldern anzuschließen.“ (Koch/Kruck 2000, S.35).

Durch die öffentliche Diskussion und zunehmende Enttabuisierung des Themas hat sich die Präventionsarbeit dann verändert und weiterentwickelt. So ist mittlerweile bekannt, dass die traditionellen Präventionsbemühungen nicht greifen, da die überlieferten Informationen nicht der Realität entsprechen, unvollständig sind und angsterzeugend wirken.

So warnte traditionelle Prävention ausschließlich vor dem Fremdtäter. Es wurde den Mädchen und Jungen vermittelt, dass etwas geschieht, worüber niemand reden kann und es keine Worte gibt.

Dabei hat die Warnung vor dem Fremdtäter weiterhin ihre Berechtigung, allerdings widerspricht die starke Gewichtung dieser Tätergruppe Forschungsergebnissen und wird deshalb kritisiert. Studien belegen, dass etwa 25% der Täterinnen und Täter Angehörige, 50% Bekannte und 25% Fremde sind (vgl. Deegener in: Ulonska/ Koch 1997, S.63). Das bedeutet, ca.75% der Täterinnen und Täter sind den Kindern gut bekannt.

Nach diesen Zahlen befindet sich der „böse, fremde Onkel“ vor allem in der Familie oder ist den Kindern zumindest gut bekannt. Das Angstmachen vor dem „bösen fremden Onkel“ macht stumm und reglos und gibt keine Antwort auf die Frage, wie mit dem grenzüberschreitenden bekannten Onkel oder vielleicht sogar mit dem Vater, Großvater, Bruder, der Tante, der Erzieherin... umzugehen ist. Hier muss sich das Kind, der/die Jugendliche gegen eine vertraute Person zur Wehr setzen. Dabei sind die Grenzen zwischen Zuwendung und sexualisierter Gewalt für das Kind oft verwischt und sind in der Wahrnehmung meist fließend.

Häufig wird mit massivem Druck der Geheimhaltung seitens des Täters/ der Täterin gearbeitet. Von Mädchen und Jungen wünschen wir uns, dass sie das „Unaussprechliche“ ansprechen, dass sie Worte finden, wo es von Seiten der Erwachsenen kaum Worte gibt, denn über Sexualität und die dazugehörigen Gefühle und Wünsche überhaupt zu reden, fällt auch heute noch vielen Erwachsenen schwer.

Aus heutiger Sicht ist bekannt, dass Prävention auf verschieden Ebenen und an unterschiedlichen Personengruppen ansetzen muss. An erster Stelle steht sicherlich, die Kinder und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt zu schützen und sie zu stärken, damit sie Gefahrensituationen erkennen, sich gegebenenfalls selbst gegen sexualisierte Übergriffe und Grenzverletzungen wehren können und/ oder sich Hilfe und Unterstützung im Falle eines Übergriffs holen.

Doch

Machtungleichgewicht zwischen Täter und Opfer

"  ...  [auch] die beste Präventionsarbeit [kann] das Machtungleichgewicht zwischen Täter und Opfer nicht beseitigen und somit auch nicht verhindern, dass sich Täter und Täterinnen über alle Abwehrversuche eines Kindes hinwegsetzen. Ein zweites wesentliches Ziel der Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen ist es deshalb, sie durch Aufklärung und Stärkung zu ermutigen, möglichst frühzeitig von sexuellen Grenzverletzungen und Übergriffen zu erzählen bzw. auf anderem Weg nach Hilfe suchen (Nummer gegen Kummer, Online-Beratung, Beratungseinrichtungen etc.)." (Kruck-Homann 2012, siehe auch "Ziele und Inhalte" )

Grundvoraussetzung ist deshalb eine Erziehungshaltung, die Rechte und Selbstbestimmung für Kinder und Jugendliche im Alltagsleben einräumt. Insbesondere Mädchen und Jungen, deren Grenzen und Bedürfnisse auch im Alltag nicht gesehen und anerkannt werden, sind eher gefährdet, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden.

„Kinder können nur so stark sein, wie es ihnen die Erwachsenen erlauben“ (Saller 1989)

3 Präventionsarbeit als integraler Bestandteil von Gewaltprävention

Prävention ist immer dann sinnvoll, wenn sie in einen größeren Kontext gestellt wird. Die Evaluationsergebnisse zur Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen führten dazu, Kinder nicht mehr trainieren zu wollen, sich gegen sexualisierte Gewalt zur Wehr zu setzen. Fast allen aktuellen Präventionskonzepten ist gemein, die Selbststärkung der Kinder in den Vordergrund zu stellen.

Präventionsarbeit gegen sexualisierte Gewalt an Mädchen und Jungen kann als integraler Bestandteil der Gewaltprävention verstanden werden, mit dem Ziel einer allgemeinen Lebenskompetenzförderung. Prävention kann folglich nicht isoliert vermittelt und aufgrund der Komplexität des Themas nicht erlernt werden wie ein herkömmlicher Unterrichtsstoff.

Die Arbeit gegen sexualisierte Gewalt muss immer als eine sozialpolitische Aufgabe betrachtet werden und erfordert deshalb auch eine strukturelle Prävention in Schule und Gesellschaft. Ferner ist Schule nicht nur ein Ort der Prävention, sondern auch ein Ort, an dem sexualisierte Gewalt ausgeübt wird. (vgl. May 1997, S. 23) „Stellt man sich als Lehrerin und Lehrer dem Thema, so bedeutet dies neben der unterrichtlichen Behandlung auch eine Reflexion des eigenen Verhaltens im gesamten Schulleben und erfordert in bestimmten Situationen klare Reaktionen“ (Kruck/Risau in: Itze/ Ulonska/ Bartsch 2002)

Präventionsprojekte

Kinderbücher für die Prävention

Welche Bücher eignen sich für die präventive Arbeit mit Kindern? Eine Auswahl an Kinderbüchern finden Sie hier.

Buchtipp

Ja zum Nein. Unterrichts- materialien für die Grundschule zur Prävention von sexuellem Missbrauch     (Hrsg: Petze Institut für Gewaltprävention)

Unterrichts- materialien

Wie kann ich im Unterricht mit Schülerinnen und Schülern zu den Themen sexualisierte Gewalt, Sexualität, Pornografie, etc. arbeiten? Eine Auswahl an Unterrichtsmaterialien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen finden Sie hier.