Sekten / Rituelle Kontexte

Verfasst von Brigitte Hahn, Fachstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen des Bistums Münster

1 Rituelle Gewalt aus Sicht der Fachstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen:

1.1 Definition

Als Rituelle Gewalt bezeichne ich planmäßige und systematische sexuelle, körperliche und psychische Gewaltausübung, bis hin zu Tötungen, im Kontext einer Ideologie/Weltanschauung.

Meine erste Begegnung mit dem Thema „Rituelle Gewalt“ war im Jahr 2000. Eine Ratsuchende berichtete mir von ihrer Kindheit und Jugendzeit, die geprägt war von extremer Gewalt, permanenten sexuellen Übergriffen und rituellen Tötungen.

Es folgten weitere Beratungen, vorwiegend von Frauen, die von Sekten berichteten, die an Satan glauben und im Verborgenen ein System von absoluter Abhängigkeit und Geheimhaltung etabliert haben.

Viele Ratsuchende wurden in die Sekte „hineingeboren“. Darüber hinaus berichteten mir Aussteigerinnen, dass sie als Kinder, über Verwandte oder Bekannte in die Sekte hineingezogen worden sind. Den Kindern wurde suggeriert, sie seien Kinder Satans.

Sexueller Missbrauch, Misshandlungen und Tötungen wurden mit dem Willen Satans gerechtfertigt. Den Kindern wurde gesagt, dass Schmerzen dazu gehören, dass sie über den sexuellen Missbrauch zum Kind bzw. zur Braut Satans werden, dass rituelle Tötungen von Satan verlangt werden.

Es wird berichtet, dass diese Sekten viel Geld mit Kinderprostitution, Kinder- und Menschenhandel und vielen illegalen Geschäften verdienen.

Aus meiner Sicht ist es das Ziel der Satanisten, die christlich –demokratische Grundordnung zu zerstören und ein Reich Satans zu errichten.

1.2 Wieso wissen wir davon so wenig?

Satanistischen Sekten gelingt es, nach außen eine bürgerliche Existenz vorzutäuschen und gleichzeitig innerhalb der Sekte schwerste Straftaten zu begehen. Die Menschen leben in zwei Welten. Die Kinder dieser Sekten lernen sehr früh, sich einerseits in unserer Welt angepasst zu verhalten und andererseits den Regeln der Sekten zu folgen. Ein effektiver Schutzmechanismus für die Sekte ist das absolute Schweigegebot aller Mitglieder. Unter Androhung extremster Strafen und Tötungen wird das Schweigegebot installiert und aufrecht erhalten. Darüber hinaus werden die Kinder systematisch verwirrt und mit falschen Informationen versorgt.

Beispiele:

  • Ein als Polizist verkleidetes Sektenmitglied vermittelt den Kindern, dass es gefährlich ist, mit Polizisten zu sprechen.
  • Einem Kind wird vorgeführt wie das Drücken eines Schalters eine Explosion auslöst und das Lieblingstier in Stücke zerreist. Das Kind hat lebenslang eine panische Angst vor (harmlosen)Schaltern.
  • Ein Kind wird zu einem Arzt gebracht, der Mitglied der satanistischen Sekte ist, und in dessen Praxis gefoltert. Das Kind wird immer Angst vor Ärzten haben.
  • Den Kindern wird beigebracht, dass alle roten Verkehrszeichen signalisieren, dass Satan alles sieht. Die Kinder/Erwachsenen haben Angst vor der Farbe rot und fühlen sich permanent beobachtet.
  • Den Kindern wird mitgeteilt, dass sie nach Südamerika geflogen sind, dabei waren sie in Spanien. Sollte dieser Mensch irgendwann darüber berichten, wird schnell nachzuweisen sein, dass sein Name nie auf einer Passagierliste nach Südamerika war.
  • Die Kinder werden psychisch aufgespalten, indem man sie gewaltsam in Nahtodsituationen bringt und sie damit zwingt, den menschlichen Überlebensmechanismus der Dissoziation (Spaltung) in Gang zu setzen.
  • Die Kinder werden in diesen traumatischen Zuständen der Dissoziation auf Befehle und Signale konditioniert. Die Kinder/Erwachsenen reagieren darauf hin wie Roboter auf die programmierten Befehle und Signale.
  • Die Kinder haben nur ein fraktioniertes Wissen, die Erlebnisse und Ereignisse sind in verschiedene Persönlichkeitsanteile aufgeteilt.
  • Die Kinder werden auf ein Drehkreuz gebunden und minutenlang herumgedreht, sie verlieren jegliche Orientierung.
  • Die Kinder werden stundenlang in einem Sarg eingegraben, derjenige der sie daraus "befreit" wird vom Täter zum Retter.
  • Die Kinder lernen Worte, deren Bedeutung sich in unserer Welt und in der satanistischen Welt extrem unterscheiden: z.B. beten, heißt in unserer Welt in der Regel zu Gott beten, bei den Satanisten heißt das sexuelle Gewalt erleiden müssen.
  • Die Kinder werden angeleitet anderen Kindern und Erwachsenen Schmerzen zuzufügen.
  • Die Kinder werden zu Straftaten gezwungen und leiden ihr Leben lang unter Schuldgefühlen.
  • Die Kinder und Erwachsenen werden zur Prostitution, Drogenhandel und illegalen Geschäften gezwungen und verdienen dadurch viel Geld für die Sekte.
  • Die Kinder selbst werden gezielt drogenabhängig gemacht und bleiben damit auch über diesen Weg in der Abhängigkeit von der Sekte.
  • Wenn sich die Kinder bzw. Erwachsenen später an Personen außerhalb der Sekte wenden, wirken sie verwirrt und unglaubwürdig. Polizeiliche Ermittlungen werden dadurch sehr erschwert und damit fast unmöglich gemacht.

1.3 Rituelle Gewalt ein gesellschaftliches Problem

Bereits 1998 hat sich die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" mit Ritueller Gewalt beschäftigen müssen. "Allerdings werden mit okkulten satanistischen Gruppierungen immer wieder drastische Formen von Kindesmißhandlung, Kindesmißbrauch und Kindestötungen in Zusammenhang gebracht. Über diese als 'ritueller Mißbrauch' bezeichnete Formen, liegen inzwischen einige Erfahrungs- und Betroffenenberichte sowie journalistische Recherchen vor" (Endbericht der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" 5/98 S.184).

Die Kommission weist auf die gespaltene Datenlage hin: Einerseits drastische Berichte über Rituelle Gewalt und andererseits keine polizeilichen Erkenntnisse. Obwohl es keine polizeilichen Erkenntnisse gibt, kommt die Kommission zu dem Ergebnis: "Von der Existenz solcher Kulte ist jedoch auszugehen"(S.188 Endbericht "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" 1998) Es werden Fortbildungen und Forschungen zu diesem Thema empfohlen.

Dreizehn Jahre später muss das Thema erneut auf Bundesebene aufgegriffen werden : denn "in Anrufen und Briefen in der Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten haben Betroffene mehrfach von ritueller Gewalt berichtet. Die Berichte sind erschütternd in Ausmaß und Dimension, da die meisten Betroffenen bereits in sehr frühem Kindesalter vielfach und jahrelang durch verschiedene Täter und Täterinnen - zum Teil höchst sadistisch und/oder mit kultischem und/oder satanistischem Hintergrund missbraucht und hierfür regelrecht "umprogrammiert" worden sind."

"Ein Blick in die vorhandene Forschung zu ritueller Gewalt zeigt, dass es weder eine einheitliche Definition gibt noch einheitliche Standards zur Phänomenerfassung vorhanden sind. Rituelle Gewalt ist noch stärker als sexueller Missbrauch in der Gesellschaft tabuisiert. Der defizitäre Wissensstand der Forschung erschwert Arbeit und Diskussion des Themas."

"Betroffene sexuellen Missbrauchs sollen sich trauen, etwas zu sagen Sie sollen merken, dass es trotz Programmierung nicht verboten ist, darüber zu sprechen."

"Vor diesem Hintergrund sind Bestandsaufnahmen zur Thematik rituelle Gewalt, bezogen auf Folgeerscheinungen und die Versorgungssituation in Deutschland, und zur Qualität der Beratung, Begleitung und Behandlung aus Sicht Betroffener und aus therapeutischer und medizinischer Sicht erforderlich. Die Entwicklung spezifischer, interdisziplinärer Unterstützungskonzepte wäre ebenso wünschenswert wie die Erstellung von berufsgruppenspezifischen Informations- und Fortbildungsmaterialien"

(Abschlussbericht der Unabhängigen Beauftragten, 24.05.2011 Dr. Christine Bergmann S.221-223.

1.4 Wie erkenne ich, ob jemand Opfer von Ritueller Gewalt ist?

Die Opfer Ritueller Gewalt haben seit Anbeginn ihres Lebens gelernt zu schweigen bzw. nur dann zu sprechen, wenn es ihnen von den Sektenmitgliedern erlaubt wird. Das Leben in zwei Welten und die vielen inneren Persönlichkeitsanteile halten sie selbst für normal, da sie nichts anderes kennen gelernt haben. Wenn sie erwachsen sind, erleben sie allerdings häufig Verständigungsschwierigkeiten. Besonders schwierig wird es für Opfer Ritueller Gewalt, wenn sie aufgrund von Krankheit in unser Gesundheitssystem kommen. Die Opfer berichten immer wieder von vielen Missverständnissen und fehlender adäquater Hilfe. Wir gehen davon aus, dass Menschen sich über ihren Zustand und über ihre Erfahrungen äußern können und sind enttäuscht, wenn scheinbar "verstockte" Menschen vor uns sitzen. Das extreme Schweigegebot ist bewusst in das Gehirn der Opfer eingebrannt worden, um die Täter zu schützen.

Deshalb sind wir auf eine andere Art der Kommunikation angewiesen: Die Opfer sprechen mit uns über ihre Symptome:

  • Meiden von Körperkontakt,
  • Tragen von schwarzer Kleidung,
  • den Körper immer ganz bedecken,
  • Essstörungen, Selbstverletzungen,
  • Erinnerungslücken,
  • häufig abwesend wirken, müde sein,
  • viele Fehlzeiten,
  • immer die Kontrolle behalten müssen,
  • übermäßige und schwer nachvollziehbare Ängste,
  • Schlafstörungen, Albträume,
  • zahlreiche körperliche Schäden und Verletzungen.

Erst eine lange therapeutische Beziehung ermöglicht, das Unfassbare in Worte zu fasse.

1.5 Was muss gemacht werden?

Alle gesellschaftlichen Bereiche sind von den Machenschaften der satanistischen Sekten bedroht. Deshalb sind alle gefordert diesen Berichten Raum zu geben und Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Dringend erforderlich sind wissenschaftliche Forschungen, um solide Daten und Fakten zu ermitteln. Darüber hinaus ist es aufgrund der geringen Anzeigebereitschaft von Opfern notwendig, die berichteten Taten im Bereich der Holkriminalität/Initiativermittlungen anzusiedeln.

Für die Opfer ist es wichtig, zuzuhören, die Symptome zu entschlüsseln und umfangreiche Unterstützung anzubieten.

2 Literatur

Endbericht der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" 5/98

Abschlussbericht der Unabhängigen Beauftragten, 24.05.2011 Dr. Christine Bergmann

3 Weiterführende Literatur zum Thema

Breitenbach, Gaby: Innenansichten dissoziativer Welten extremer Gewalt, Asanger Verlag 2011.

Christiansen, Ingolf: Satanismus, Gütersloh 2000.

Fromm, Rainer, Satanismus in Deutschland, 2003.

Fliß, Claudia; Igney, Claudia: Handbuch Rituelle Gewalt. Lengerich 2010.

Fröhling, Ulla: Vater unser in der Hölle. Bergisch Gladbach 2008.

Grandt, Guido und Michael: Schwarzbuch Satanismus.

Huber, Michaela: Der Feind im Innern. Paderborn 2013.

Huber, Michaela, Multiple Persönlichkeiten, Paderborn 2010.

Huber, Michaela (Hrsg.): Viele sein. Ein Handbuch. Paderborn 2011.

Hayden, Torey L., Jadie: Das Mädchen das nicht sprechen wollte. München 1991.

Jäckel, Karin Isis: Die Fürstin der Nacht. Als Kind in den Fängen einer satanistischen Sekte. Bergisch Gladbach 2003.

Jahnes, Ines: Initiativermittlungen im Bereich der Organisierten Kriminalität, Frankfurt a. M. 2010. Gallwitz, Adolf; Grünkram, Paulus Manfred: Die Kinder Sex Mafia in Deutschland, Hilden 1998.

Miller, Alison: Healing the Unimaginable, Treating Ritual Abuse und Mind Control, London 2012.

Smith, Margaret: Gewalt und sexueller Missbrauch in Sekten. Zürich 1994.

Vogt, Ralf: Täterintrojekte. Asanger Verlag 2012.

Zeitschrift für Psychotraumatologie, Psychotherapiewissenschaft, psychologische Medizin, Themenschwerpunkt Rituelle Gewalt, Heft 4, 2010, Asanger Verlag.

Wildwasser Bielefeld e.V.(Hrsg.): Der aufgestörte Blick, Multiple Persönlichkeiten, Frauenbewegung und Gewalt. Bielefeld 1997.

Tagungsdokumentation: Rituelle Gewalt. Vom Erkennen zum Handeln 6.11.2009 Trier, Lengerich 2011.

Autorin

  • Dipl.-Päd. Brigitte Hahn

    Brigitte Hahn ist Diplom Pädagogin, Supervisorin und Gruppenanalytikerin. Sie arbeitet im Bischöflichen Generalvikariat in der Fachstelle für Sekten-und Weltanschauungsfragen in Münster.

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Buchtipp

Hahn, Brigitte (Hrsg.) (2014): Rituelle Gewalt - das (Un)heimliche unter uns. Eine ausführliche Rezension von Prof. Dr. Herbert Ulonska zum Buch finden Sie hier

Interview zum Thema

Rituelle Gewalt, destruktive Kulte, organisierte sexuelle Ausbeutung von Kindern. Ein Gespräch mit Traumaexpertin Michaela Huber über Folgen und nötige Hilfen für Opfer - und Täter. zum Artikel

Fachstelle für Sekten- und Weltanschauungs- fragen des Bistums Münster

Die Fachstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen des Bistums Münster informiert über religiöse Gruppen oder Psychogruppen und bietet Rat und Hilfe bei direkter oder indirekter Konfrontation mit Sekten- und Weltanschauungsfragen. mehr erfahren