Medien/Chat

1 Sexualisierte Gewalt in der Onlinekommunikation

Sexualisierte Gewalt in der Onlinekommunikation erfolgt nicht durch physische Kontakte sondern durch text- oder bildbasierte Kommunikation bzw. audiovisuelle Aufeinandertreffen (beispielsweise per Webcam).

Katzer (2007) unterscheidet zwischen leichten und schweren Formen sexueller Viktimisierung im Internet (vgl. ebd., S. 89). Bei den leichten Formen handelt es sich um die unerwünschte Kommunikation über sexuelle Themen (beispielsweise wenn jemand gegen den Willen einer anderen Person mit dieser über Sex redet, nach dem körperlichen Aussehen und sexuellen Erfahrungen fragt oder ohne Zustimmung des anderen von eigenen sexuellen Erfahrungen berichtet). Zu den schweren Formen sexueller Viktimisierung gehört das unerwünschte Erhalten von "Fotos nackter Personen oder Genitalien, pornografischer Comics oder Pornofilme sowie die Aufforderung zu sexuellen Handlungen vor der Webcam (Aufforderung Geschlechtsteile zu berühren, sich selbst zu befriedigen oder Gegenstände in sich einzuführen usw.)" (Katzer 2010, S. 184).

1.1 Aktueller Forschungsstand

In der Bitkom-Studie "Jugend 2.0" (2011) konnte festgestellt werden, dass 6% der Befragten (Alter der Befragten: 10-18 Jahre) bereits unangenehme Nachrichten von unbekannten Erwachsenen bekommen haben. Um welche Art von Nachrichten es sich hierbei handelt geht aus den Studienergebnissen jedoch nicht hervor. 5% der befragten Jugendlichen gaben an, im Internet von Erwachsenen sexuell angemacht worden zu sein (Bitkom Studie 2011, S. 33). 7% der Befragten wurden von Gleichaltrigen sexuell angemacht.

Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen fand heraus, dass 12,8 % der befragten Schülerinnen und Schüler der neunten Jahrgangsstufe im Chat bereits einmal sexuell belästigt wurden (Erhalt von Material mit sexuellen Inhalten). 14,9 % wurden schon einmal aufgefordert, Nacktbilder/ -videos von sich zu schicken bzw. sich vor der Webcam auszuziehen (Pfeiffer u.a. 2010, S. 37).

Der Medienkonvergenz Monitoring Report 2010 konnte in Bezug auf die Nutzung sozialer Online Netzwerke feststellen, dass 23% der befragten Jugendlichen (Alter: 12-19 Jahre) dort bereits negative Erfahrungen gemacht haben (vgl. S. 43). 18% dieser Gruppe berichten von Erfahrungen mit sexueller Belästigung (vgl. S. 44). Dabei sind geschlechtsspezifische Unterschiede deutlich. Mädchen berichten häufiger von sexueller Belästigung (25%) als Jungen (6%) (vgl. ebd.).

1.2 Täterstrategien / Groomingprozess

Bei den Täterinnen und Tätern im Internet kann es sich um Gleichaltrige handeln, aber auch um Erwachsene, die zum Teil eine falsche Identität angeben. Täterinnen und Täter "verfolgen unterschiedliche Ziele: Einige scheint das Gespräch mit Kindern und Jugendlichen über Sex und/oder der Versand von pornografischem Material Befriedigung zu sein, andere arbeiten sehr direkt oder auch über Wochen auf ein persönliches Treffen mit einem potenziellen Missbrauchsopfer hin" (Enders 2004, S. 13).

Der Prozess des Vertrauensaufbaus über das Internet mit dem Ziel ein Offline-Treffen zu initiieren, bei dem ein sexueller Übergriff geplant ist, wird Groomingprozess genannt. In der Groomingphase agieren Täterinnen und Täter als verständnisvolle Gesprächspartner bzw. Gesprächspartnerinnen. Sie sprechen mit ihren potenziellen Opfern über deren Probleme und Wünsche, hören ihnen zu, zeigen Interesse an der Person des Kindes/Jugendlichen und schmeicheln ihnen. Ist ein Vertrauensverhältnis entstanden, folgen Aufforderungen Fotos zu senden und die Bereitschaft sich auf sexuelle Themen einzulassen wird getestet. Fotos, Videos oder aufgezeichnete Chatverläufe können von Täterinnen und Tätern als Druckmittel genutzt werden, indem sie mit einer Veröffentlichung des Datenmaterials (z.B. Versendung an die Facebook-Freundesliste) drohen.

Eine in den Jahren 2001/2002 in den USA durchgeführte Untersuchung von über das Internet angebahnten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Jugendlichen konnte feststellen, dass sich die Täterinnen und Täter Zeit für die Kontaktaufnahme mit ihren potenziellen Opfern nahmen, mit ihnen telefonierten und ihnen Geschenke sandten. Sie manipulierten ihre Opfer und nutzen deren natürliches Interesse an sexuellen Themen aus. Sie logen jedoch überwiegend nicht bezüglich ihrer sexuellen Interessen (Wolak et al. 2004, 424.e16).

1.3 Präventionsbausteine

Im Rahmen der Präventionsarbeit ist es wichtig, mit Jugendlichen sowohl die positiven Möglichkeiten von Onlinekommunikation zu besprechen als auch die Gefahr der sexuellen Belästigung zu thematisieren. Im Folgenden werden wichtige thematische Bausteine für die praktische Präventionsarbeit mit Jugendlichen zum Themenschwerpunkt aufgelistet:

  • Reflexion der Chancen und Risiken der Onlinekommunikationssituation in sozialen Onlinenetzwerken und Chaträumen
  • Kenntnisse über Präventionsstrategien
    Dazu gehören Kenntnisse über Sicherheitstipps bzw. sogenannte Chatregeln (Misstrauisch sein, keine persönlichen Daten angeben, möglichst moderierte Chaträume nutzen, etc.)
  • Kenntnisse über Interventionsstrategien
    In Chaträumen und sozialen Onlinenetzwerken stehen verschiedene Funktionen zur Verfügung, die es ermöglichen, eine übergriffige Person zu blockieren oder zu melden. Um bei der Polizei Anzeige zu erstatten sollte der Vorfall möglichst genau dokumentiert werden (Datum, Chatname, Raumname, Nickname, Screenshot des Gesprächs).
  • Aufklärung von Jugendlichen über rechtliche Aspekte
    Vielen Jugendlichen ist nicht bewusst, dass sexuelle Belästigung in der Onlinekommunikation eine Straftat darstellt.
  • Kenntnisse über Täterstrategien
  • Täterprävention
    Da zu den Tätern und Täterinnen auch Gleichaltrige gehören, sollte der Bereich der Täterprävention ebenfalls im Rahmen von Präventionsprojekten angesprochen werden.

2 Literatur

BITKOM (Hrsg.): Jugend 2.0. Eine repräsentative Untersuchung zum Internetverhalten von 10- bis 18-Jährigen (2011). Online: http://www.bitkom.org/files/documents/bitkom_studie_jugend_2.0.pdf [Stand 21.1.2012]

Enders, Ursula: Sexueller Missbrauch in den Chaträumen des Internets. Wie Mädchen und Jungen sexuell ausgebeutet werden und wie Erwachsenen sie davor schützen können (2004). Online: http://www.zartbitter.de/0/Eltern_und_Fachleute/5400_sexueller_Missbrauch_in_den_chatraeumen_des_internets.pdf [Stand 22.1.2012]

Katzer, Catarina: Tatort Internet ? Sexuelle Gewalt in den neuen Medien: Problemanalyse, Prävention & Intervention. In: Die Kinderschutzzentren (Hrsg.), Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen - Ein altes Thema und seine neuen Risiken in der medialen Ära, Berlin, 2010, S. 181-195.

Katzer, Catarina: Gefahr aus dem Netz- Der Internet-Chatroom als neuer Tatort für Bullying und sexuelle Viktimisierung von Kindern und Jugendlichen. Dissertation, Universität Köln, 2007.

Pfeiffer, Christian et al. (2010): Kinder und Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum. Zweiter Bericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN. Online: http://kfn.de/versions/kfn/assets/fob109.pdf [Stand 21.1.2012]

Schorb, Bernd et al.: MeMo_SON10. Medienkonvergenz Monitoring Soziale Online-Netzwerke-Report 2010 http://www.uni-leipzig.de/~umfmed/MeMo_SON10.pdf [Stand 21.1.2012]

Wolak, Janis et al.:Internet-initiated Sex Crimes against Minors: Implications for Prevention Based on Findings from a National Study. In: Journal of Adolescent Health, 2004;35, 424.e11- 424.e20

Autorin

  • Dr. phil. Verena Vogelsang

    Verena Vogelsang ist Diplom-Pädagogin und arbeitet seit 2009 im Projekt Kinderschutzportal mit. Zu ihren Schwerpunkten gehört der Bereich "Sexualisierte Gewalt und Medien".

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