Kirche

verfasst von Prof. Dr. Ulonska

1 Sexualisierte Gewalt im Kontext kritischer Priester- und Pfarrerforschung

Die öffentliche Diskussion um sexualisierte Gewalt durch Kleriker, sei es in den Gemeinden oder in den Schulen mit Internaten, darf nicht als Medienspektakel oder Kirchenschelte abgetan, auch nicht als "innere Angelegenheit" der Kirchen, abgeschirmt von der öffentlichen Meinung, bewertet werden. Weil Kirchen (immer noch) eine hohe moralische Autorität besitzen und diese in einer pluralistischen Gesellschaft auch dringend erforderlich ist, muss Kirche zum selbst reinigenden Prozess unter den Bedingungen einer aufgeklärten Gesellschaft immer wieder bereit sein.

Auch wenn wir immer wieder ratlos fragen, wer die Täter denn seien, die sich an Kindern und Jugendlichen im Raum der Kirchen vergreifen, übergriffig werden, ob mit oder ohne Gewaltabsicht und bei ihren Opfern großen leiblichen und seelischen Schaden anrichten, steht uns umfangreiche Literatur über Täterprofile und Täterstrategien zur Verfügung.

Waren es zuerst missbrauchte Frauen, die den Mut hatten, vor ca. 20 - 30 Jahren das Schweigen zu brechen, sich zu Wort zu melden, um ihr körperliches Leiden wie ihre seelischen Qualen öffentlich zumachen, haben es missbrauchte Jungen dagegen wegen der Rollenerwartung an einen Mann noch schwerer, erlittene sexualisierte Gewalt aufzudecken. Das zeigt sich vor allem an den sehr langen Wartezeiten, die missbrauchte Jungen benötigen, um von ihren sexualisierten Gewalterfahrungen zu berichten. Als wohl letztes Tabu wurde jetzt die sexualisierte Gewalt in den Kirchen aufgedeckt, weil auch der Schutz dicker Kirchen-, Kloster- und Internatsmauern das Unrecht hinter ihnen nicht mehr verbergen konnte. Der Schmerz Betroffener war größer als alle Versuche des Vertuschens.

In meinem Beitrag soll genauer nach solchen Tätern gefragt werden, die im Arbeitsbereich der Kirchen durch ihre Berufswahl Möglichkeiten zur sexualisierten Gewalt suchen und sie dann auch umsetzen können. Sind es allgemein zu ca. 80% männliche Täter und zu ca. 20% weibliche Täterinnen, die gegenüber Kindern und Jugendlichen übergriffig werden, so erhöht sich der Anteil der männlichen Täter noch einmal in den patriarchal organisierten Kirchen.

Es wird deshalb in der Analyse vornehmlich vom erwachsenen männlichen Täter ausgegangen, der sich "in Amt und Würden"befindet, sei es als Pastoralreferent, Diakon, Jugendsekretär, Vikar,Kaplan, Pastor, Pfarrer oder in "höheren" Ämtern hinauf bis zum Bischof.

Bestimmte Berufsfelder locken entsprechende Täter mit den dazugehörenden Persönlichkeitsprofilen an. Die Möglichkeit, mit Kindern und Jugendlichen in einem geschützten bis herrschaftsfreien Raum umgehen zu können, motiviert Pädosexuelle, in solchen Berufen unterzutauchen. Die dazu gehörenden Tätigkeiten gewähren eine institutionell abgesicherte Nähe zu Kindern und Jugendlichen, die Übergriffe erleichtern: Erstkommunions-, Firmungs- und Konfirmandenunterricht, Kinder- und Jugendarbeit.

Die durch die Kirchen vergebenen Ämter, die sich durch Weihe und Ordination von anderen abheben und den Inhabern einen "charakterindelebilis" verleihen, können leicht dazu verführen, sich über Gesetz und Moral zu stellen, was die Gefahr zu gewissenlosem Handeln und Schuldunfähigkeit impliziert. Das verhüllende Gewand lässt die Person in ihrer Individualität darunter"verschwinden" und die Identität auch mit ihren dunklen Seiten relativieren.

Ebenso die öffentlich akzeptierte Autorität solcher Berufe nutzt den Tätern und schützt sie vor Verdächtigungen. Der dem Priester/Pfarrer gewährte Vertrauensvorschuss oder das mit der Institution Kirche verbundene Vertrauen helfen den Tätern, schnell einen sozialen Nahbereich aufbauen zu können, in dem das Vertrauenschenkende Kind leicht zum Opfer werden kann. Wehrt sich das Opfer, wird ihm oft nicht geglaubt, wie die Berichte erkennen lassen, die Opfer erst nach vielen Jahren den Mut fassen lassen, sich zu offenbaren.

Korreliert die Hochschätzung des Priesters, vor allem in der Messliturgie als Spender der Gnadengaben, mit einer Gehorsamserziehung der Kinder "dem Mann Gottes gegenüber", begünstigt diese Erziehung "wohlmeinende" Formen sexualisierter Übergriffigkeit. Wenn Menschen mit Autorität und Würde nicht widersprochen werden darf, kann das missbrauchte Kind nur ohnmächtig auf diese Übergriffe reagieren.

Nicht berücksichtigt werden solche jugendlichen Täter, die innerhalb kirchlicher Gruppen tätig sind, die ein Laienamt mitbegrenztem Engagement wahrnehmen, z. B. die in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit freiwillig begrenzte Ausgaben suchen und übernehmen. Sicher befinden sich auch unter ihnen Täter, genausowie in anderen Arbeitsfeldern außerhalb der Kirchen, wie in Sportvereinen oder Kinderchören, in denen mit Kindern undJugendlichen gearbeitet wird.

Welche Täterprofile lassen sich statistisch signifikant "herausfiltern"? Es sind vor allem pädosexuelle Täter, die darauf fixiert sind, ihre Macht-, Gewalt-, Lust- und Befriedigungsbedürfnisse im Umgang mit Kindern und Jugendlichen zu sexualisieren.

Auf eine Bezeichnungsveränderung soll aufmerksam gemacht werden; denn es zeigt sich auch hier ein Wandel in der Begrifflichkeit vom Pädo-philen zum Pädo-sexuellen, vergleichbar dem Begriffswandel vom "Sexuellen Missbrauch" zur "Sexualisierten Gewalt". Die euphemistische Selbstbezeichnung ein Pädophiler zu sein, legt das Missverständnis nahe, dass die philia=Liebe/Freundschaft nichts mit den begehrenden und auf Befriedigung aus seien den sexualisierten Bedürfnissen des Täters zu tun hätte, so wie ein Missbrauch auch einen Gebrauch vermuten lässt.

Die spezifische sexuelle Orientierung artikulieren Pädosexuelle zwar als "Vorliebe für das Kind" und möchten sie als eine erzieherische Grundhaltung dem Kind gegenüber -wenn auch eingegrenzt auf die Sexualität- verstanden wissen. Doch es darf die Absicht des Täters, das Kind so zu manipulieren, dass es seinem Begehren nach sexualisierter Machtbefriedigung entspricht, nicht verschwiegen werden. "Der strukturierte Pädosexuelle, der sich seiner sexuell-erotischen Interessen an Kindern bewusst ist und auf diesen eine Sexualform aufgebaut hat, scheitert beständig an der Ungeformtheit der kindlichen Sexualität und der Formbestimmtheit seiner eigenen. Immer wieder wird der Pädosexuelle veranlasst, die gemessen an der erwachsenen Sexualität vergleichsweise unstrukturierte Sexualität von seiner Warte herab zu interpretieren. Das führt häufig dazu, dass Pädosexuelle die offenkundig nicht sexuelle Lust von Kindern in sexuelle Lust umdeuten." (Dannecker, S. 392)

Die ebenso nicht vorhandene Einsicht in die Irreversibilität beider Sexualformen lässt sie Kinder in ihrem Sinne so manipulieren, dass wir von sexualisierter Gewalt sprechen müssen. Wenn Pädosexuelle auf Grund ihres Wissens um diese Manipulierungen von kindlicher Sexualität und der Strafbarkeit dieser Handlungen, weil sie gegen das Selbstbestimmungsrecht des Kindes gerichtet sind und weil sie möglicherweise auch ein ungutes Gefühl den Kindern gegenüber haben, nehmen sie solche Verdrehungen vor, sie seien nur am Wohle des Kindes interessiert, was aber das eigene schlechte Gewissen beruhigen soll.

Pädosexualisierte Gewalt dient nur zum Teil der sexuellen Lust, vielmehr der Befriedigung verschiedener ungelöster und unerfüllter Bedürfnisse aus der kindlichen und jugendlichen Sozialisation des Täters. Sicher gibt es auch Pädosexuelle, die ihre sexuelleOrientierung nur in der Masturbationsphantasie oder durch kinderpornographische Darstellungen selbstbefriedigen, ohne schon übergriffig zu werden. Auch diese mehr Medien orientierte Gruppe soll hier nicht weiter betrachtet werden, da sie sich nicht schwerpunktmäßig im Raum der Kirche sondern auch außerhalb finden lässt, d.h. nicht unbedingt den Schutz von kirchlichen Institutionen benötigt.

Die hier gemeinten pädosexuellen Täter begehren vorwiegend oder ausschließlich männliche und weibliche Kinder und Jugendliche bestimmter Altersgruppen für ihre eigene sexualisierte Macht-, Frust- oder Defizitbefriedigung. Sind es im römisch-katholischen Raum mehr die Erstkommunionskinder im Alter von 7-9-Jahren und weniger die Messdienerinnen und -dienern, so im evangelischen Raum mehr die Konfirmandinnen und Spätpubertierenden.

Betrachten wir diese Gruppe genauer, so haben sich in der wissenschaftlichen Diskussion verschiedene Profile pädosexueller Täter "herausgefiltert", die von je eigenen Präferenzen ihrer sexualisierten Befriedigungsinteressen bestimmt sind. (Vgl. Deegener 1995, S. 193-212/ Bundschuh/ Altmann 1982)

Vor allem drei Typen bestimmen die jüngere Diskussion: diefixierten, regressiven und soziopathischen Pädosexuellen.

1.1 Der fixierte Pädosexuelle

Er versteht sich als Opfer der Lebensverhältnisse, in denen er jeweils lebt. Das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Ohnmacht und der Hilflosigkeit gegenüber den vorgegebenen Lebensbedingungen lassen ihn nach „Objekten“ suchen, mit denen er sich identifizieren kann. Er findet sie im Kind, das ebenso auf Hilfe und Unterstützung angewiesen ist.

Der fixierte Täter möchte darum wieder „wie ein Kind“ sein, um erlebte Defizite in der eigenen Entwicklung jetzt als Erwachsener im Umgang mit Kindern „wieder zu beleben“. Die Erfahrungen des eigenen Versagens, des Scheiterns, der verweigerten kindlichen Bedürfnisse und Sehnsüchte („Alles was ich mache, ist ja doch verkehrt“) lassen den Täter in Traumwelten leben, in denen die Identifikation z.B. mit medialen Helden gesucht wird. Dieses Heldentum wird dann auch einem schwachen Kind gegenüber imitiert, um selbst „Held“ für das Kind zu sein.

Da im sozialen Nahbereich männliche Bezugspersonen als Identifikationsfiguren in der Kindheit oftmals fehlten oder nur eingeschränkt und phasenweise vorhanden waren, lebten sie häufig allein bei der Mutter. Für dem späteren Pädosexuellen war schon als Kind eine realitätsnahe Begegnung mit einem Mann nur eingeschränkt vorhanden. Lebensbewältigungsstrategien konnte er so nicht lernen, was ihn immer wieder auf Grund der Defizite in die Opferrolle flüchten läßt. Da häufig solche Täter auch schon ihre Väter als Opfer unter der dominanten Frau/Mutter beschrieben, und darauf verwiesen, wie sich der Vater „bemuttern“ ließ, bestätigt in der Identifikation mit dem Vater die eigene erlebte Opferrolle in der Kindheit und lässt weibliche Bezugspersonen als bedrohlich für das männliche Selbstbild in Erinnerung behalten. Die Befreiung aus der Opferrolle und den Ohnmachtserfahrungen eigener Kindheit wird fortschreitend durch Identifikation mit dem verletzlichen und schwachen Kind erneut versucht.

Der fixierte Pädosexuelle hat als Erwachsener von der physischen und psychischen Unterlegenheit des Kindes keine neuen Ohnmachtserfahrungen zu erwarten. Er kann die Rolle des Stärkeren, des Beschützers, des Freundes, des Retters des Kindes wählen, um Mängel eigener Sozialisation zu kompensieren. Das Machtgefälle zwischen dem erwachsenen Täter und dem gesuchten schwächeren Kind verschafft ihm Anerkennung, bindet Ängste und stärkt das verletzte männliche Selbstwertgefühl. Diese Bedürfnisse „tarnen“ den „Pädo-philen“ als „Kinderfreund“, lassen ihn Anerkennung bei den Eltern der Kinder finden und lange Zeit unentdeckt handeln.

Pädosexuelle sexualisieren dieses Machtgefälle zwischen dem älteren Erwachsenen und dem Kind. Sie praktizieren eine Sexualität, die nicht dem kindlichen Entwicklungsstand entspricht, das Kind überfordert und bedrängt (Vgl. Lothstein, 1998, S. 48). Auch wenn sie sich „wie ein Kind“ verhalten und sich kindlich-sexuellen Bedürfnissen anzupassen versuchen, konfrontieren sie das Kind mit dem eigenen erwachsenen ausgebildeten Geschlechtsteil. Ein erregierter Penis wirkt bedrohlich auf ein Kind, vor allem wenn es dann noch zum Samenerguss kommt. „Schlägt im körperlichen Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern die diffuse Erregung in sexuelle Lust und sexuelle Erregung um, ist die Grenze zum sexuellen Missbrauch erreicht... In diesem Moment verändert sich die Beziehung zum Kind auch in qualitativer Hinsicht: es wird sexuell begehrt und zu einem Objekt sexueller Befriedigung und es wird, so paradox das auch klingen mag, sexuell so ‚behandelt’, als ob es seinerseits erwachsen sei.

Diese paradoxe Modalität ist grundlegend für die Pädosexualität. Der Pädosexuelle ist zur Befriedigung seiner sexuellen und erotischen Wünsche an nicht erwachsene Objekte gebunden und er behandelt seine kindlichen Sexualobjekte zugleich so, als ob sie erwachsen und reif für sexuelle Beziehungen wären.“ (Dannecker, S. 393)

Sie sind vor allem diejenigen, die Straffreiheit für den sexuellen Umgang Erwachsener mit Kindern fordern und das Recht des Kindes auf sexuelle Entfaltung mit Erwachsenen. In der Phase der Pubertät werden die pädosexuellen Neigungen und Fixierungen offenkundig. Pädosexuelle jugendliche Täter suchen das sexuelle Erleben nicht mehr mit konkurrierenden gleichaltrigen Jugendlichen sondern mit dem nicht bedrohlich wirkenden schwachen gleichgeschlechtlichen Kind, d.h. mit dem verletzten Kind in ihm selbst. In der Projektion auf einen anderen kleinen Jungen soll Heilung erfahren werden.

Durch diese Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Kind erfüllen sich die nicht erlebten Sehnsüchte eigener Kindheit nach Nähe, Liebe, Aufmerksamkeit, Zuwendung, Anerkennung. Diese narzisstische Verliebtheit in den kleinen Jungen, der er selbst ist, zeigt eine starke emotionale Kongruenz mit dem gesuchten fremden Kind und lassen Schuldgefühle gegenüber dem Opfer kaum aufkommen.

Fixierte Pädosexuelle vereinsamen leicht, leben oft allein, sind in der Regel unverheiratet, und leiden unter starken Kontaktstörungen. In ihren Arbeitsfeldern erleben sie sich als „Solisten“, was durch bestimmte Berufe, wie z.B. das Pfarramt, unterstützt wird. Besonders das Vereinsamungssyndrom macht zölibatär Lebenden sehr zu schaffen. Die Liebe zu Gott, zum Christus Gottes, Zur Gottesmutter, zur Gemeinde Christi als Ersatz für menschliche Liebe überwindet nur schwerlich emotionale Vereinsamungen. Niemand Vertrautes ist da, der/die z.B. am Ende eines erlebnisreichen Tages die Arme ausbreitet, um Geborgenheit zu verschenken. „Verheizte Menschen geben keine Wärme“ (aus der „Fastenopfer/Brot-für-alle-Agenda“). Die Bereitschaft, sich für die anvertrauten Menschen als Priester ganz hinzugeben, entspricht zwar der christlichen Tradition von der Selbstlosigkeit und der Selbstaufgabe, doch wird die Trias der Liebe zu Gott, dem Nächsten und zu sich selbst dadurch relativiert.
Mangelnde emotionale Nähe zu einem geliebten Menschen bestätigt in der erlebten Vereinsamung den Opferzustand. Dieser lässt sich durchaus noch christologisch rechtfertigen, wenn er mit dem Opfer verglichen wird, das der Christus Gottes für die Menschen am Kreuz gebracht hat. Eine solche Ideologisierung des christologischen Bekenntnisses kann dazu „verführen“, die kirchlichen Mitarbeitenden systemimmanent emotional auszubeuten, indem die Liebe zum Christus über alles gestellt wird. Doch Ausgebeutete laufen dann Gefahr, sich das „illegal“ zurückzuholen, was ihnen an emotionaler Nähe verweigert wird.

Immer wieder wird die Sublimation sexueller Energien als „Heilmittel“ in die Diskussion gebracht. Dass Gebet und Meditation ein bescheidener Ersatz für fehlende menschliche Nähe sein können, soll nicht geleugnet werden. Doch der schon durch die familiäre Sozialisation vereinsamte fixierte Pädosexuelle verbleibt durch solche Ersatzangebote in diesem Zustand auch weiterhin, was als großes Gefährdungspotenzial für sexualisierte Übergriffe eingeschätzt werden kann. Auch die frühzeitig abgebrochene sexuelle Entwicklung des Priesteramtskandidaten, oft am Ende der Pubertät, wenn die Wahl zum Priesterberuf fällt, lässt die eigene männliche
Selbstwahrnehmung als Geschlechtswesen verkümmern, da sie im Pflichtzölibat nicht lebbar weiterentwickelt werden kann. Mehr noch: der Pflichtzölibat sanktioniert jede weitere sexuelle Entwicklung, so dass alternativ kompensatorische Wege gesucht werden, die viele emotionale Energien im Vermeiden einer natürlichen partnerschaftlichen Lebensform binden. Eine über die Phase der Pubertät hinaus sich nicht mehr weiter entwickelnde Sexualität verhindert ein Erwachsenwerden in einem elementar menschlichen Lebensbereich.

Der Verzicht auf die Verantwortung für eine Familie oder eine verantwortete Beziehung im sozialen Nahbereich, lassen manchen Amtsträger menschlich verkümmern, was der Glaubwürdigkeit des Evangeliums schadet.
Dieser Mangel an menschlicher Lebensfülle wird oft durch das Machtgefühl im Kult kompensiert, wenn dem das Heil (in der Eucharistie und dem Abendmahl) vor allen Augen Zelebrierenden und Repräsentierenden die entsprechende Bewunderung entgegengebracht wird. Kinder knien vor dem Heiligen und dem dieses darbringenden Mann, was beim Priester Allmachtsphantasien wie Omnipotenzgefühle aufkommen und Ohnmachtserlebnisse zurückdrängen lassen.

Wenn dann Kinder aus traditionell-religiösen Familien noch zum Gehorsam gegen Amtspersonen erzogen wurden, werden sie zur „leichten Beute“. Das aufgeklärte, kritische und selbstbewusste Kind ist vielmehr geschützter. Die in Kirche und religiöser Erziehung oft praktizierte Sexualmoral
ächtet leider allzu oft sexuelle Aufklärung und diffamiert das zu früh wissende Kind. Dazu kommen romantische Vorstellungen von der Unschuld des Kindes, die möglichst lange erhalten bleiben soll. Doch aufgeklärte Kinder sind geschützte, weil sie den Täterlügen von der Normalität sexualisierten Verhaltens nicht glauben und zu ihren eigenen Gefühlen stehen können.

1.2 Der regressive Pädosexuelle

Auch diese Gruppe von Tätern versteht sich (wie die fixierten) als Opfer, doch nicht auf Grund der Lebensverhältnisse sondern mehr als in ihrer kindlichen Entwicklung zu kurz Gekommene. Sie haben sich zu sehr an Vorgaben der Erwachsenen orientiert, um entsprechende Anerkennung durch Anpassung zu gewinnen. Sie haben als Kinder nicht authentisch leben können, ihre eigenen kindlichen Bedürfnisse verdrängt und den Erwartungen an einen „braven Jungen“ entsprochen. Diese frühzeitige Aneignung altersunangemessener weil erwachsener Verhaltensweisen hat sie als „Frühreife“ im sozialen Umfeld zwar beliebt gemacht, aber unter Gleichaltrigen wenig Akzeptanz erfahren lassen. Diese Schwierigkeiten bei der Integration in die gleichaltrige Gruppe ließ sie zu Außenseitern werden.

Anerkennung setzte die Akzeptanz typischer Eigenschaften eines leistungsorientierten Männerbildes voraus, das durch Rationalität und Unterdrückung eigener Emotionalität, Selbstbeherrschung, Sachbetonte Handlungskompetenz bestimmt ist. Die männliche Selbstrepräsentation in der Imitation vorgegebener Männlichkeitsideale hat das eigene Kindsein verleugnen lassen. Doch verleugnete und verdrängte Lebensphasen wiederholen sich im Lebenslauf. In einer späteren Lebensphase wird Versäumtes nachgeholt und das geschieht jetzt im Umgang mit Kindern.

Der regressive pädosexuelle Täter möchte wieder wie ein Kind spielen können, nicht nur am Computer seinem Spieltrieb nachkommen; „die Leichtigkeit des Seins“ in einer Stressgesellschaft genießen und noch einmal „das Kind im Manne“ legal erleben, ohne gesellschaftlich sanktioniert zu werden.

Erst wenn dieses Spiel-Bedürfnis emotionalisiert und sexualisiert kompensiert wird, beginnt die Regression. Der Erwachsene fällt zurück in die Phase der kindlichen „Doktorspiele“ als mögliche sexuelle Spielart: gegenseitig sich nackt zeigen, Sexualorgane sehen, streicheln, masturbieren. Gesuchte emotionale Nähe wird zuerst erotisiert, nicht unbedingt schon anal oder vaginal sexualisiert, was bei fortschreitendem Missbrauch allerdings praktiziert werden kann.

Die Faszination für das Kind korreliert hoch mit der Bewunderung durch das Kind. Der regressive Täter will durch sein Wiedergutmachungsbedürfnis dem Kind (in sich) „alle Liebe“ schenken und darin Anerkennung finden. Weil er es mit dem Kind gut meint, „verführt“ ihn diese Intention zur Manipulation des Kindes, doch seinen eigenen Bedürfnissen zu entsprechen, was die tatsächlichen des Kindes auf Selbstbestimmung verleugnen lässt.

Genauso ist es ihm in der eigenen Kindheit widerfahren, dass sein Selbstbestimmungsrecht ignoriert wurde. Anders als der fixierte Pädosexuelle, der wie ein Kind zurück in die Kindheit will, hebt der regressive Pädosexuelle das Kind als gleichberechtigten Partner zu sich als Erwachsenen empor.

Da es viele regressive Täter früh gelernt haben, Verantwortung zu übernehmen, um dem männlichen Ideal zu entsprechen, finden sie sich in Kinder- und Jugendgruppen, oft in leitender Verantwortung. Sie erleben sich als „Retter“ anderer zu kurz gekommener Kinder. Ihre Fürsorglichkeit und ihr vorbildliches Engagement für das Kind machen sie beliebt und unverdächtig. Sie haben es ja gelernt, zuerst auf die Erwartungen und Gefühle anderer zu achten, damit es ihnen selbst auch gut geht.

Auch bei dieser Tätergruppe erweist sich die Zeit der Pubertät als höchst krisenanfällig, was die Entwicklung zur reifen Erwachsenensexualität betrifft, da Leistungserwartungen auch die Sexualität mit Gleichaltrigen in der Pubertät bestimmen. Versagensängste, sexuell nicht zu genügen, nicht attraktiv für die gleichaltrigen Mädchen zu sein, körperlich nicht mithalten zu können, wenn unter Pubertierenden renommiert wird, werden erlebt und erlitten. Da die angepassten Verhaltensmodelle aus der Kindheit nicht mehr in der Pubertät mit Gleichaltrigen greifen, wird die Sehnsucht nach der „heilen“ kindlichen Welt reaktiviert und idealisiert.

Der spielerische Umgang mit dem Kind lässt Versagensängste gar nicht erst aufkommen. Körperliche Nähe mit einem Kind wird als erotisch angenehm empfunden. So funktioniert der regressive Pädosexuelle das Kind um und macht es zum geeigneten gleichberechtigten Sexualpartner, weil er sich selbst im kindlichsexuellen Entwicklungsstand wohlfühlt und vom Kind nicht als unmännlich erlebt wird.

Bleiben Zweifel an der eigenen Männlichkeit im späteren Leben bestehen, werden diese durch die „liebevolle“ Hinwendung zum „bedürftigen“ Kind kompensierend überwunden. So wird das Kind als Ersatz für nicht vorhandene altersadäquate Geschlechtspartner gewählt, um anfänglich keineswegs sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen, vielmehr Störungen und Krisen der männlichen Selbstwahrnehmung zu kompensieren.

Diese regressiven Pädosexuellen haben es sehr schwer, ihr schuldhaftes Verhalten einzusehen und anzuerkennen und Schuldgefühle gegenüber ihren Opfern zu entwickeln, da sie es ja mit dem Kind (in sich) nur gut meinen. Die Einsicht, dass kein Kind Sexualität mit Altersungleichen erleben will, auch wenn das Kind durchaus schöne Gefühle erlebt, ist wohl nur therapeutisch zu vermitteln. Auch verleugnen sie den Schaden an Leib und Seele, den sie ihren Opfern angetan haben. Da die Opfer, vor allem wenn es Jungen sind, nicht als unmännlich gelten wollen, dazu die Rollenerwartung vom starken, coolen Jungen Gewaltübergriffe nicht zulässt, haben es die männlichen Missbrauchten besonders schwer, sich zu offenbaren, wenn sie nicht weitere Versagensängste erleiden wollen.

Bedenken wir diese Beobachtungen für den kirchlichen Bereich, so fällt auf, dass auch der regressive Pädosexuelle die Allmachtsphantasien, die ihm das Amt in den Kirchen ermöglicht, nutzen kann, um Defiziterlebnisse eigener Männlichkeit zu kompensieren. Denken wir z.B. daran, wie der Priester/-Pfarrer am Altar von den vor ihm knienden jungen Menschen bewundert wird. Im kultischen Handeln ist er ganz groß, erhaben, abgehoben, fast unerreichbar, das Göttliche darbietend. Diese Bewundernden können Mädchen und Jungen sein.

Wird dieses Bild der Allmacht internalisiert und täglich zelebriert, überlagert es Ohnmachtserfahrungen in Alltagsbeziehungen und relativiert die nötige aber beschädigte Selbstdarstellung als Mann, was auch noch durch ein entsprechend gestaltetes und die Person verhüllendes Priestergewand unterstützt wird. Dieses reduzierte Bild vom Mann wird durch den Pflichtzölibat noch verstärkt, da es dem Zölibatär „erspart“ bleibt, ein solches männliches Selbstkonzept für sich zu entwerfen, das an emotionaler Nähe und an Bedürfnissen erotisch-sexuellen Erlebens orientiert sein könnte.

Wenn dann Priester/Pfarrer übergriffig werden, geschieht ein doppelter Vertrauensverlust: gegenüber der Person des Vertrauens und der Institution. Einmal geht der letzte Ort der Geborgenheit außerhalb der Familie verloren, dabei auch der Glaube an die bergende und schützende Macht Gottes. Verschleiert zum anderen die Kirchenleitung dazu noch das Verhalten ihrer Amtsträger, kommt es zu einem weiteren Vertrauensverlust.

Es ist auch möglich, dass Pädosexelle, die um ihre Fixierungen auf Kinder wissen, ein Leben im Zölibat suchen und wählen, um ihre Sexualität „in den Griff zu bekommen“. Sie erwarten Hilfen in ihrem Priesteramt, um ein gerechtes Leben nach den Weihegelübden verwirklichen zu können. Doch ohne begleitende seelsorgerliche Unterstützung, die eine Offenlegung ihrer sexualisierten Ersatzhandlungen voraussetzt, wird ein Gelingen immer wieder gefährdet sein wenn kein brüderlichen Diskurs sie begleitet. Da Sexualität wegen des Zölibats tabuisiert wird, erlischt dadurch keineswegs die Macht der Sexualität. Sie bleibt darum ein Dauerthema.

1.3 Der soziopathische Pädosexuelle

Sie sind durch ein deutlich erlebtes ungleiches Machtverhältnis zwischen Mann und Frau geprägt. In ihren primären Bezugsgruppen haben sich die Frauen trotz gegenteiliger Bedürfnisse den Männern untergeordnet. Das männliche Familienoberhaupt hatte eindeutig"das Sagen", war in der Regel der Ernährer und garantierte den sozialen Status der Familie. Frauenarbeit im Hause oder außer Hause in Teilzeitbeschäftigung wurden geringer geschätzt.

Der Junge lernt ein männliches Vorbild kennen, das die klassischen patriarchalen Verhaltensmuster beinhaltet: Dominanz gegen Frauen, Selbstbeherrschung gegenüber eigenen Gefühlen, Durchsetzungswille und Unterwerfungsstrategien gegenüber Konkurrenten, was durchaus auch Gewalt impliziert.

Die Identifikation des männlichen Kindes mit dem vorgegebenen männlichen Ideal erfährt erste Störungen mit dem Beginn der Pubertät, wenn die Erfolg versprechenden "Tugenden" sich im Umgang mit Gleichaltrigen nicht bewähren. Das männliche Selbstbild, "ein richtiger Junge" sein zu wollen, gerät in die Krise, wenn sich körperliche Unterlegenheiten ("Weichei") z. B. im Sport oder bei Mutproben als Initiationsriten der peer-groups zeigen. Auch intellektuelle Niederlagen durch Mädchen in der Schule müssen "eingesteckt" werden. Die Höherbewertung des Mannes im Vergleich mit Frauen findet außerhalb der Familie keine Bestätigung. Das männliche Selbstwertgefühl, das auf traditionellen männlichen Tugenden beruht, zerbricht immer mehr und fördert starke Selbstzweifel.

Der durch berufliche Beanspruchung oft abwesende Vater bleibt idealisiert. Er begleitet das Kind/den Jugendlichen nicht durch die Krisen des Mann-Werdens in der Pubertät, vielmehr werden die Standards, die der Vater selbst lebt, hochgehalten, die die Versagensängste im Jungen vermehren und die Zweifel vertiefen können, kein richtiger Mann zu sein und zu werden. Das hat auch Auswirkungen auf die erlebte und zu lebende Sexualität. Frauen sind zwar begehrenswerte Sexualpartnerinnen, haben aber dem Manne und seinen Bedürfnissen zu dienen. Wenn erste Versuche dann noch scheitern, Mädchen erfolgreich "anzubaggern", da sie die Jungen in der Pubertät für nicht attraktiv und begehrenswert halten, stellen sich schnell männliche Selbstzweifel ein, gleichaltrigen Mädchen zu genügen, was zu weiteren Misserfolgserlebnissen führt und Versagensängste vertieft.

Da aber der Junge "gelernt" hat, dass Frauen ihre Bedürfnisse zugunsten des Mannes zu unterdrücken haben, wird nun, beginnend in der Pubertät und dann auch später, Sexualität als geeignetes Mittel zur Unterdrückung anderer Schwächerer eingesetzt. Die fehlende und nicht gelernte Gleichwertigkeit der Frau erhöht die Bereitschaft in Verbindung mit dem internalisierten männlichen Selbstbild, Macht- und Dominanzgehabe gegenüber jüngeren Frauen einzusetzen. Diese so verstandene Überlegenheit lassen eigene erlebte Versagensängste und Ohnmachtserlebnisse im Umgang mit Frauen, wie auch Ablehnungserlebnisse bei Annäherungsversuchen ihre Bedrohlichkeit verlieren und das gelernte männliche Selbstbild retten.

Ängstliche, schüchterne, gehorsame kleine Mädchen faszinieren solche soziopathischen Pädosexuellen, selbstbewusste bedrohen sie. Die Unfähigkeit, sich durch das eigene männliche Selbstbild bei Gleichaltrigen Respekt zu verschaffen aber auch die Verweigerung der Frauen sich zu unterwerfen, lassen diese Täter -vor allem in Krisen- und Grenzsituationen- in denen ihre Männlichkeit in Zweifel gezogen wird, gegenüber Schwächeren sexualisiert gewalttätig reagieren.

Der Anspruch auf sexuelle Verfügbarkeit eines emotional besetzten weiblichen "Objektes", das die angefochtene Männlichkeit bestätigen soll, lässt diese Täter vor allem kleine Mädchen bis zur Pubertät missbrauchen, weil der kindliche weibliche Körper durch Unschuld, Unverdorbenheit und Naivität fasziniert. Sobald diese Kinder geschlechtsreif werden, beginnen die Bedrohungsmuster wieder zu wirken, ein "Versager" zu sein,- und das Interesse lässt nach. Nach neuen jungen "Opfern" wird dann Ausschau gehalten.

Bedenken wir diese Beobachtungen wieder für den kirchlichen Raum, so zeigen sich unterstützende Motive: Die patriarchale christliche Tradition kennt die Geringschätzung der Frau und die Idealisierung des Kindes in dem "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich Gottes kommen"(Mk 10,13-16). In den Haustafeln der Deuteropaulinen ist die Rede von der Unterordnung der Frau unter den Mann, wie der Mann unter den Christus Gottes (Eph 5,21-26). Dieser Text, der immer noch bei Trauungen gelesen wird, "vernebelt" dieser Tätergruppe ihre Schuld gegenüber den Opfern. Ein Priesteramt nur für Männer hebt diese als geweihte gegenüber dem Laienstand heraus, und ein Pflichtzölibat mit verweigerter Sexualität in Ehe oder verantworteter Partnerschaft lassen ein Unrechtsbewusstsein gegenüber dem kindlichen Opfer kaum aufkommen.

Doch mangelndes Unrechtsbewusstsein verhindert schuldfähig zu werden. Das ist aber eine entscheidende Voraussetzung, Empathie für die Leiden des Opfers über die aufgezwungene Sexualität zu empfinden. Hier muss präventive Arbeit mit Tätern ansetzen, um Schuldfähigkeit als Zeichen menschlicher Reife zu erreichen.

Die Kirchen haben die zwingende Aufgabe, die recht kleine Gruppe der Pädosexuellen gegenüber der gesamten Priester- und Pfarrerschaft in ihren Mauern frühzeitigst zu erkennen, um sie nicht in das Amt aufzunehmen oder aber, wenn sie entdeckt sind, sie nur in solchen Bereichen tätig sein zu lassen, die sie nicht in Versuchung führen, ihren sexuellen Optionen nachgehen zu können.

Da in einer Therapie mit fixierten und regressiven Tätern wegen des Pflichtzölibats nicht auf alternative sexuelle Beziehungen hingearbeitet werden kann, sind personenbezogene Therapieziele nicht praktikabel. Es wird eher eine asketisch-kastrierendeSexualität angeboten. Die Kastrationsängste gegenüber einer übermächtigen Mutter, nicht nur aus ödipaler Verstrickung, können sich möglicherweise je nach Frömmigkeit noch steigern, wenn die verehrungswürdige "Übermutter" als zentrale Kultfigur in ihrer sexuellen Reinheit dem priesterlichen Mann vor Augen gestellt wird. Der Umgang mit der "normalen" erwachsenen Frau wird dadurch keineswegs erleichtert. Kommen dann noch Frustrationserlebnisse und Impotenzerfahrungen im pubertären Umgang mit gleichaltrigen Mädchen hinzu, ist ein Ausweichen auf bewundernde unmündige Kinder mehr als eine Ersatzhandlung. Die in den Kirchen hochgehaltene regressive Sexualmoral, in der weiterhin mit Keuschheitsidealen umgegangen wird, mit dem Verbot des vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehrs, mit der Hochschätzung des ehelichen Verkehrs im Blick auf Zeugung, favorisiert bei den Amtsträgern mehr eine sanktionierend verdrängende Sexualität, die erotisches Begehren und sexuellen Lustgewinn als uneigentlich gelten lässt. So wird als gängiges Modell lebbarer Sexualität eine mystisch kompensierende gepflegt, die in das große Mysterium der Kirche eingeht.

Weiter ist zu bedenken, dass das Christentum keine körperfreundliche, lustbetonte Sexualkultur entwickelt hat, eher eine auf Verzicht und Enthaltsamkeit beruhende Antikultur. Dadurch wurde der Sexualität keine angemessene Sprache gegeben. Wird schon kaum über Sexualität gesprochen, um wie viel weniger über sexualisierte Gewalt, was der Tabuisierung vielfältig genutzt hat.

Finden schon Missbrauchte kaum Gehör und müssen viele Signale ihrer Not geben, haben es durch Priester/Pfarrer missbrauchte Jungen um vieles schwerer, Glauben für die Untaten der "Männer Gottes" zu finden, da dieser Personengruppe niemand solche Untaten zutraut: "Es kann nicht sein, was nicht sein darf." In der Güterabwägung entscheiden sich trotz des öffentlichen Druckes Kirchen immer wieder zuerst für ihre Amtsträger, um Schaden von der Kirche abzuwenden, obwohl klare juristische Regelungen vorliegen, die den Täter zur Verantwortung ziehen. Dabei ist es schon seit Jahrhunderten die vornehmste Aufgabe der Kirchen, den Kindern (nach Mk10,13-16) in der Nachfolge Jesu Schutz zu gewähren und sich um die Entrechteten und Stigmatisierten zu sorgen. Der angerichtete Schaden kann durch keine Beichte wieder gutgemacht werden, auch durch keine Satisfaktion der Kirche. Wegen des zugefügten unendlichen Leides und des "Seelenmordes" liegt es am Opfer, dem Täter zu vergeben.

1.4 Thesen zur Diskussion gestellt

  1. Priester können die Flucht in den Zölibat antreten, um ihr eigenes pädophiles Verhalten besser kontrollieren zu können. Sie glauben, mit der Wahl eines „geschlechtslosen Lebens im Zölibat“ auch ihre eigenen sexuellen Fixierungen überwinden zu können. Verdrängtes bleibt latent präsent, wenn es nicht immer wieder begleitend supervisiert wird. Eine Kirche, die den Pflichtzölibat als unaufhebbar hält, hat hier eine dringende kontinuierliche, lebensbegleitende seelsorgerliche Aufgabe wahrzunehmen.

  2. Da viele Priesteramtskandidaten immer noch aus streng katholischen Familien entstammen und durch eine asexuelle Erziehung geprägt sein können, besitzen sie nur ein begrenztes Sprach- und Gefühlsrepertoire für eigene und fremde Sexualität. Dieser Mangel an Sprach- und Lebenserfahrung kann kaum durch die Fülle des Amtes kompensiert werden, auch wenn dieses ihnen immer wieder zugesagt wird. Durch die zu früh abgebrochene sexuelle Entwicklung mit/nach der Pubertät regredieren Pädophile Priester/Pfarrer als Erwachsene zu sexuell Pubertierenden oder zu infantil-sexuell empfindenden Kindern, die über verkümmerte Formen sexueller Praktiken nicht hinauswachsen.

  3. Das Vereinsamungssyndrom zölibatär Lebender lässt auch ihre Sexualität lieblos werden, da sie unterdrückt, beziehungslos gelebt und als nicht eigentlich angesehen wird. Angesammelter alltäglicher emotionaler Stress besonders im Umgang mit jungen, vitalen und auch attraktiven Menschen „entlädt“ sich in vielfältigen Formen, auch in sexualisierter Gewalt gegenüber Schwächeren, da Stress in einer liebevollen Partnerschaft nicht „abgearbeitet“ werden kann.

  4. Pädosexuelle Täter glauben, dass Sexualität mit Kindern, dazu noch mit Jungen, für ein zölibatäres Leben „unschädlich“ sei, da mit Kindern keine „Ehe“ eingegangen werde und mit Jungen keine „Beschmutzung“ stattfinden könne. Dieser kasuistische Betrug am Zölibatsgelöbnis zeigt die Unreife pädosexueller Täter, zugleich ihr Wissen um das begangene Unrecht.

  5. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: nicht der Pflichtzölibat „schafft“ pädosexuelle Priester-Täter, vielmehr begünstigt er im Priesteramt Voraussetzungen und Arbeitsbedingungen, die eine pädosexuelle/ephebophile Fixierung leben lassen.

2 Literatur

Altmann, Annette: Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Männer aller Altersgruppen, medizinische Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin 1982 (Lit.).

Deegener, Günther: Sexueller Missbrauch: Die Täter. Verlag Julius Beltz, Weinheim 1995 (Lit.).

Lothstein, L.M.: Psychologische Theorien über Pädophile und Ephebophile. In: Steffen Rosetti/Wunibald Müller: Auch Gott hat mich nicht beschützt. Matthias-Grünewald-Verlag, 1998, S. 31-60.

Sipe, A. W. Richard: Sexualität und Zölibat, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, 1992.

 

Autor

  • Prof. Dr. Herbert Ulonska

    Prof. Dr. Ulonska ist Initiator und langjähriger Leiter des Projekts Kinderschutzportal.

    Mehr erfahren

Buchtipp

Ulonska, Herbert; Rainer, Michael (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt im Schutz von Kirchenmauern. Band 6: Anstösse zur differenzierten (Selbst-)Wahrnehmung. 2. Auflage. Münster: Lit Verlag, 2007.

Buchtipp

Zimmer, Andreas et al. (2014): Sexueller Kindesmissbrauch in kirchlichen Institutionen - Zeugnisse, Hinweise, Prävention.