Familie/Inzest

1 Definition

Herleitung des Begriffs: Inzest ist von incestus (Adj.) abgeleitet. Ursprünglich wurde das Substantiv incestus mit "Unzucht" und "Blutschande" vor allem auf Blutsverwandte bezogen. Durch veränderte gesellschaftliche Familienformen (z.B. sog. Patchwork-Familien) wird bei sexualisierter Gewalt der Begriff Inzest auch auf andere Familienmitglieder, die nicht blutsverwandt sind, aber mit dem Kind unter einem Dach wohnen, bezogen.

Das Wort Inzest stammt aus dem Lateinischen. Es verweist auf die Rein-Unrein-Bewertung, vor allem im sittlichen Bereich. Castus heißt keusch, züchtig, unschuldig, was die moralischsittliche aber auch sexuelle Ebene betrifft. Das Gegenwort incestus (Adj.) heißt unrein, befleckt, unsittlich, sündhaft.
Das Substantiv incestus umschließt einmal die Bedeutung von Unzucht zum anderen erweitert von Blutschande. Durch diese Erweiterung ist incestus auf die abweichende Sexualität in der Familie bezogen, genauer auf die Blutsverwandten. Aus dieser Verbindung von Unzucht und Blutschande entstand dann das Inzesttabu.

Sexualverkehr als Unzucht unter Blutsverwandten wurde als Blutschande unter Strafe gestellt. Die heutigen veränderten Familienstrukturen müssen auch bei der Definition von Inzest berücksichtigt werden und führen zu einer Erweiterung des betroffenen Personenkreises, weil nicht mehr nur Blutsverwandte unter einem Dach leben sondern eben auch Lehrer/Lehrerinnen und Schüler/Schülerinnen in Internaten.

Der Begriff Unzucht legt nahe, dass sich jemand nicht „in Zucht nehmen“ kann. Der Unzüchtige lebt seine Sexualität unbeherrscht aus oder verliert die Kontrolle über sich. Unbeherrscht und ohne Selbstkontrolle handelt dann der Unzüchtige. Das Wort Blutschande spielt einmal auf die Blutsbande unter direkt Verwandten an, zum anderen auf die Schande der Tat, die durch Schändung geschieht. Das Opfer der Schande bleibt geschändet und befleckt zurück. Die Unzucht mit Abhängigen, wie sie sich in den aufgedeckten Fällen darstellt, wird als eine Erweiterung des Inzesttabus verstanden und ebenso unter Strafe gestellt. Abhängigkeit der Schüler/Schülerinnen, auch wenn sie ihre Lehrer/Lehrerinnen mit „Du“ anreden dürfen, beinhaltet trotzdem ein Machtgefälle, das missbraucht werden kann, weil durch Machtmissbrauch die Tat leicht ermöglicht und erleichtert wird.

Das Opfer erlebt durch diesen Machtmissbrauch die größte Vertrauenskrise, die Überlebende, wie sie sich selbst verstehen, oft ein Leben lang begleitet. Insofern ist die Bezeichnung „Seelenmord“ (Wirtz, S.21) für den Inzest angemessen und aussagekräftig.

Seelenmord meint beides:

  1. die aus dem Machtmissbrauch erwachsene sexualisierte Gewalt und
  2. die Zerstörung der Vertrauensbeziehung durch die Primärpersonen in der Familie oder Gruppe. Dieser Verrat am Kind/Schüler/Schülerin/Zögling durch vertraute Personen, auf die die Abhängigen für ihre emotionale Entwicklung besonders angewiesen sind, macht den Inzest für viele Überlebende zu einem Verbrechen.

2 Machtstrukturen in Inzestfamilien

Machtstrukturen in Inzestfamilien zeichnen sich durch starke patriarchale Verhaltensweisen der versorgenden Personen aus. Die Familie wird gegenüber der Außenwelt "abgeschottet", um nach außen einen "heilen" Eindruck zu vermitteln.

Die stärkste Schädigung der Opfer ist im Vertrauensverrat zu sehen, so dass Ursula Wirtz zu Recht vom "Seelenmord" beim Inzest spricht. Ein zerstörtes Vertrauen zu den geliebten primären Bezugspersonen löst oft irreparable Schäden aus: Es zerstört die Intimsphäre; lässt Fluchtreflexe entwickeln und zerstört Selbstwertgefühle. Die Korrelation von Macht und Sexualität durch den Täter/die Täterin verhindern, dass sich das Opfer als sexuelles Wesen akzeptieren kann. Ein therapeutisches Ziel für Inzestopfer ist in der Gewinnung von positiven Selbstwertgefühlen zu sehen, die erlauben, die Schuld dem Täter/der Täterin zuzuordnen und eigene Schamgefühle zuzulassen, um Intimität erleben zu können.

3 Kurzer historischer Abriss

Die Auseinandersetzung mit Inzest in unserer westlichen Gesellschaft hat eine recht kurze Geschichte. Ca. 25 Jahre ist es erst her, dass das Thema ‚Sexuelle Gewalt gegen Kinder in der Familie’ zuerst in der Literatur aufgegriffen wurde (vgl. psychologie heute, 1984, S. 50-51). In Autobiografien oder in als Roman deklarierten Büchern wagten es Überlebende, ihre Leidensgeschichten öffentlich zu beschreiben.

Inzest verlor durch den Mut von Opfern, die von ihren Erfahrungen berichteten, die patriarchale Bewertung als Kavaliersdelikt, wurde dann auch Thema wissenschaftlicher Diskurse und Veröffentlichungen und damit weiterer gesellschaftlicher Tabuisierung entzogen. Erst in den 90er Jahren setzte dann eine sehr intensive öffentliche Diskussion ein, die bald zur Gegenreaktion mit dem Vorwurf eines "Missbrauchs mit dem Missbrauch" führte.

Doch die kritische Auseinandersetzung mit dem Problem des Inzests geht weiter, auch wenn es immer wieder Versuche gibt, durch Diffamierungen die Diskussion zu beenden. Solche Versuche misslingen aber, denn es gibt zu viele Initiativen, Institutionen, universitäre Einrichtungen, sogar die Polizei, Bundes- und Landesministerien, die sich des Themas angenommen haben und die Öffentlichkeit auch über das Internet informieren. Sicher lässt sich mancher Pressebericht als „Medienrummel“ einordnen, doch wird dadurch das gesellschaftliche Problem Inzest keineswegs relativiert.

Inzwischen ist die Literatur zum Thema Inzest kaum noch zu überblicken und eine Sichtung notwendig.

4 Ein Fallbeispiel aus der Literatur

"Vor vielen, vielen Jahren war ich ein kleines Mädchen. Ich hatte den Spitznamen 'Punky', denn damals war ich so rund wie ein Kürbis. Mein Bruder nannte mich 'Sis' oder 'Sissy'. Niemand in der Familie rief mich jemals mit meinem richtigen Namen oder auch nur mit einem davon abgeleiteten Spitznamen.

Als kleines Mädchen dachte ich, dass das Unglück damit begonnen hatte, dass meine Mutter arbeiten gehen musste. In meinen ersten Lebensjahren hatten wir auf einer großen Farm gewohnt, und meine Mutter hatte auf dem Hof gearbeitet und war zu Hause gewesen.

Aber mein Vater war jähzornig und hatte sich mit seinen Arbeitgebern überworfen ... Meine Mutter blieb also bei der Nachtarbeit, auch wenn ihr Mann wütend auf sie war. Sie arbeitete, bis der letzte Gast das Lokal verlassen hatte ... In all diesen langen Nächten ließ sie einen frustrierten, zornigen Mann zurück – denn es verletzte seinen Stolz, dass seine Frau arbeiten gehen musste –, allein im Hause mit seinen kleinen Kindern. Und so hielt er sich an sie ... und ließ seine Wut an ihnen aus ... an seinen Opfern, jagdbarem Wild, und so fing es an mit dem hässlichen kleinen Geheimnis.

Wenn ich zurückdenke, war ich vielleicht fünf, als er es übernahm, mich abends zu baden ... Nicht lange danach fingen die Besuche zur Schlafenszeit an ... Mein Vater kam und steckte seine Hand unter die Decke und machte etwas mit mir. Er flüsterte mir zu, dass es unser Geheimnis sei, nicht wahr, und dass ich es gern hätte, nicht wahr. Er wollte, so sagte er, nur mit mir ´spielen´. Es fühlte sich aber nicht wie Spielen an ... Es tat weh.

Seine Hände waren groß und durch jahrelange Arbeit knotig geworden, aber es lag vor allem an ihrer Größe, denn er war ein großer Mann. Und er wanderte mit seinen Fingern hierhin und dahin und bahnte sich seinen Weg zwischen meine Beine, wie fest ich die Augen auch zusammenkniff und die Beine zusammenpresste und zu Maria und Gott und Sankt Judas, dem Heiligen des Undenkbaren betete, damit er fort ginge ...

Jahrelang kam er jede Nacht von der anderen Seite des Zimmers herüber, und manchmal stand er dort drüben, bevor er das Licht ausmachte, und rieb sein schrecklich großes Ding, das rot und hässlich und dick aussah ... Mit elf Jahren bekam ich meine Periode, und ich entdeckte, dass er mich nicht anfasste, wenn ich mich mit Camelia und Bindegürtel ausgerüstet hatte – ein moderner Keuschheitsgürtel, wie sich herausstellte. Daraufhin hatte ich Perioden von phänomenaler Länge. Jahre später musste ich über diese List lächeln, denn sie zeigte doch, dass ich eine gewisse Courage besaß.

Eines Abends im Winter kam ich mit einem Berg Hausaufgaben von der Schule nach Hause. Das Haus war kalt; es brannte kein Feuer im Kamin ... Ich fror, fühlte mich ungeliebt und mit Arbeit überhäuft, und so beschloss ich schluchzend, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen ... Ich beschloss, mich vor seinen Augen zu töten, so dass er wusste, warum ich es getan hatte ... Er blickte auf. Ich schluchzte: ‚Ích halte das nicht mehr aus!´ ... Er sprang auf und entriss mir mit einer einzigen Bewegung der einen Hand die Waffe, während er mich mit der anderen zu Boden warf, wo ich weinend zwischen Kohlengrus und Kiefernnadeln liegen blieb...

Ich dachte mir neue Tricks aus, um das Grauen zu beenden ... Aber gegen eine Sache war ich machtlos: Jeden Morgen - ohne Ausnahme - weckte er mich, indem er mich in eine oder beide meiner inzwischen voll entwickelten Brüste kniff ... Als er schließlich auf die andere Seite des Wohnzimmers ging und sich eine Zigarette anzündete, stieß ich voller Abscheu und Zorn unter Tränen hervor: ´Warum kannst du nicht wie ein richtiger Vater sein?´ Und dann hielt ich inne und fügte mit gesenkter Stimme hinzu: ´Du weißt, ich könnte dich vor Gericht bringen und denen sagen, was du für einer bist ...´Und er drehte sich um und sagte ganz leise: ´Wenn du das jemals tust, bring' ich dich um.´ Und ich glaubte ihm" (Auszüge aus dem Selbstbericht von Carol Poston in: Lison, K. und C. Poston 1991, S. 15-23).

5 Verlust des Vertrauens bei Inzest

Inzest zerstört die Fähigkeit zu vertrauen. Ohne Vertrauen in ihre (Um-)Welt haben Kinder es sehr schwer, sich selbst und den Menschen ihrer Familie ohne Misstrauen zu begegnen. Wenn Ursula Wirtz für den Inzest das Wort Seelemord benutzt und das auf die gestörte bis verhinderte Identitätsentwicklung sexueller Gewaltopfer bezieht, ist ihr zuzustimmen, weil zu einer gesunden Identitätsentwicklung über das Urvertrauen hinaus auch das Vertrauen zu den primären Bezugspersonen in der Familie gehört.

Hier sind Vater und Mutter von besonderer Bedeutung, weil sie dem Kind helfen, sich die Welt zu erschließen. Wenn Väter - und auch Mütter - ihren Kindern sexualisierte Gewalt antun, nehmen sie ihnen die entscheidende Möglichkeit, vertrauensvolle Beziehungen zu ihren Mitmenschen, auch außerhalb der Familie, zu entwickeln.

Einige Gründe für fehlende Entwicklungen bei der Vertrauensbildung:

  • Zerstörung der Intimsphäre des Kindes
    Da der Täter/die Täterin beansprucht, zu jeder Zeit und beliebigen Gelegenheit in die kleine Welt des Kindes einzudringen, sich des Kindes zu "bedienen", wenn es ihm günstig und gelegen erscheint, lebt das Kind in einer Atmosphäre andauernder Angst vor Übergriffen. Es hat keinen sicheren Zufluchtsort, keinen Ort der Geborgenheit, keinen Schutz vor Willkür, nicht einmal das eigene Bett verschafft Sicherheit. Das sich daraus entwickelnde Gefühl der Ohnmacht und Ausweglosigkeit führt schon früh zu Verzweiflungsphantasien wie Selbstmord als einzigen Weg der Befreiung aus der Zwangslage.

  • Die Entwicklung von Fluchtreflexen
    Da Täter und Täterinnen die Gefühle der Opfer in ihrem Sinne zu manipulieren versuchen, um das eigene Gewissen zu beruhigen, "finden" Kinder Überlebensstrategien, die sich zu Schuld- und Schamgefühlen weiter entwickeln. Die Kinder nehmen Bestechungsgeschenke an, um die Gewalt des Täters/der Täterin abzumildern; sie stellen sich schlafend und üben Totstelleffekte ein, um sich aus der Situation emotional zu entfernen; sie trennen Gefühl und Realität voneinander, was zu Dissoziationen führt; sie täuschen Gefühle vor, um den Täter/die Täterin zu beruhigen, damit er/sie die Gefühlsverweigerung nicht erkennt und keine weitere Gewalt anwendet.
  • Die Zerstörung des Selbstwertgefühls
    Das missbrauchte Vertrauen zerstört auch die Selbstachtung. Weil Opfer das Gefühl nicht verlieren, "benutzt" worden zu sein, gehen sie misstrauisch in jede neue Beziehung in der Erwartung, wieder ausgebeutet zu werden. Da sich Opfer sexualisierter Gewalt kein stabiles Selbstwertgefühl aufbauen konnten, laufen sie immer wieder Gefahr, Opfer zu werden. Der erlernte Mangel an Selbstvertrauen und Selbstachtung lässt sie unterwürfig sein, unfähig, ihre wahren Gefühle auszudrücken und damit oft gefühllos erscheinen, Ärger, Wut und Hass unterdrücken und autoaggressiv werden.

6 (Machtorientierter) Geschwisterinzest

Die Begriffe "(Machtorientierter) Geschwisterinzest", "Sexualisierte Gewalt unter Geschwistern", "Sexuelle Übergriffe unter Geschwistern" oder "Sexueller Missbrauch unter Geschwistern" bezeichnen sexuelle Kontakte zwischen biologischen, Adoptiv-, Halb-, Stief- oder Pflegegeschwistern, die sich aufgrund der Motivation und/oder der Ausdrucksweise der sexuellen Handlungen von entwicklungstypischen Sexualverhalten (wie z.B. Doktorspielen) abgrenzen (vgl. Klees 2008, S. 99).

Im Gegensatz zu einvernehmlichen sexuellen Handlungen, wird bei sexuellen Übergriffen von einem der Beteiligten ein Machtgefälle ausgenutzt. Die sexuellen Handlungen werden durch Bedrohungen, Zwang, Gewalt oder aber durch manipulative Verhaltensweisen (z.B. Belohnungen, Versprechungen) durchgesetzt. Das unterlegene Geschwisterkind setzt sich gegen die Handlungen zur Wehr oder duldet die sexuellen Übergriffe unfreiwillig. Die zentralen Merkmale von sexuellen Übergriffen sind demnach Unfreiwilligkeit und Machtgefälle (vgl. Freund, Riedel-Breidenstein 2004).

Ein Machtgefälle besteht nicht nur in den Fällen, in denen ein älteres Kind mit einem jüngeren Kind sexuelle Kontakte ausführt, sondern kann auch beispielsweise durch den körperlichen/geistigen Entwicklungsstand oder die Machtposition innerhalb der Familie bedingt sein. In einigen Fällen haben die sexuellen Übergriffe ihren Ursprung in sexuellem Explorationsverhalten, das zunächst in beiderseitigem Einvernehmen begonnen hat und mit der Zeit von einer/einem Beteiligten ohne Einwilligung des Geschwisterkindes gesteigert wurde. In anderen Fällen werden die sexuellen Kontakte von Beginn an gegen den Willen des Geschwister-kindes durchgesetzt.

Machtorientierter Geschwisterinzest geht in den meisten Fällen von einer männlichen Person aus - zu den Betroffenen zählen überwiegend Schwestern, aber auch Brüder.

6.1 Wie viele Kinder sind davon beroffen?

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), in der jährlich Angaben zu den angezeigten Fällen (Hellfeld) veröffentlicht werden, gibt leider keine Auskunft zum (verwandtschaftlichen) Beziehungsverhältnis von Opfern und Tätern. Die Anzeigebereitschaft ist beim machtorientierten Geschwisterinzest wahrscheinlich auch grundsätzlich gering einzuschätzen und das Dunkelfeld entsprechend hoch, da die Familienmitglieder eher davon absehen, eine Strafanzeige zu stellen.

In Deutschland gibt es bislang keine repräsentative Studie, die sich speziell mit der  Problematik sexueller Übergriffe an Geschwistern befasst. Nicht selten wird machtorientierter Geschwisterinzest in den wenigen Forschungsarbeiten, die sich überhaupt mit der Problematik der sexualisierten Gewalt befassen, sogar methodisch ausgeklammert, indem beispielsweise wie in der jüngsten repräsentativen Befragung zum Thema sexueller Missbrauch (Bieneck, Stadler & Pfeiffer, 2011)  in der Definition des sexuellen Missbrauchs ein Altersunterschied zwischen Opfer und Täter von 5 Jahren vorausgesetzt wird, oder Geschwister nicht explizit als eigene Tätergruppe abgefragt werden.

Auch international gibt es kein verlässliches Datenmaterial zum Ausmaß von sexualisierter Gewalt unter Geschwistern. Verschiedene Forschungsprojekte, die jedoch aufgrund ihrer unterschiedlichen Methodik nur sehr bedingt miteinander vergleichbar sind, kommen zu den Ergebnissen, dass zwischen  2 % - 17 % der Befragten von sexuellen Kontakten zu Geschwistern berichteten (vgl. Klees 2008).  

Fachkräfte, die zum Thema sexualisierte Gewalt arbeiten, sind mit der Problematik des machtorientierten Geschwisterinzestes vertraut. In der Praxis sind diese Fälle keine Ausnahmeerscheinung, sondern Bestandteil der Alltagspraxis. Daher wäre es wünschenswert, wenn das Thema Geschwisterinzest zukünftig in das Blickfeld wissenschaftlicher Forschung gerückt werden würde.  

6.2 Risikofaktoren

Auf der Basis derzeitiger Forschungsergebnisse lassen sich verschiedene Faktoren identifizieren, die mit einem erhöhten Risiko für das Auftreten von sexuellen Übergriffen unter Geschwistern einhergehen. Die Familien, in denen machtorientierter Geschwisterinzest auftritt, kennzeichnen sich durch eine hohe Geschwisteranzahl, die emotionale und/oder physische Abwesenheit der Eltern, die frühe Trennung vom Vater, die elterliche Bevorzugung eines Kindes, ein sexuell stimulierendes oder puritanisches Familienmilieu, das Auftreten von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung und eine multigenerationale Missbrauchs- /Misshandlungsdynamik (vgl. ausführlich Klees 2008). Auf gesellschaftlicher Ebene erhöhen Faktoren, wie ein patriarchalisches Rollenverständnis, die Erosion sexueller Normen, die mediale Sexualisierungs- und Brutalisierungstendenz, die zunehmende Verfügbarkeit pornografischer Darstellungen und die fehlende emanzipatorische sexualpädagogische Begleitung von Kindern die Auftretenswahrscheinichkeit sexualisierter Gewalt unter Geschwistern.

6.3 Die besondere Situation der Eltern

Die besondere Problematik beim machtorientierten Geschwisterinzest besteht darin, dass die Eltern bei der Aufdeckung der sexuellen Übergriffe in einen massiven Loyalitätskonflikt geraten, da sowohl das übergriffige Kind, als auch das von den Übergriffen betroffene Kind, ihre eigenen Kinder sind, die sie schützen möchten.
Würde das eigene Kind sexuelle Übergriffe durch ein Kind erleiden, das nicht aus der eigenen Familie stammt, wäre eine höhere Parteilichkeit für das betroffene Kind zu erwarten.

Die Eltern sind in vielen Fällen mit ihren Gefühlen von Ohnmacht, Hilflosigkeit, Schuld, Zorn, Misstrauen und Zerrissenheit überfordert. Das Infragestellen der eigenen Erziehungsfähigkeit und die Sorge als „schlechte Eltern“ dazustehen und vom sozialen Umfeld verurteilt zu werden führen dazu, dass Eltern die sexuellen Übergriffe herunterspielen und verharmlosen, um das Geschehene ungeschehen zu machen und das Unerträgliche aushalten zu können.

Die Position des unterlegenen, von den sexuellen Übergriffen betroffenen Kindes, wird durch diese Dynamik zusätzlich geschwächt. Studienergebnisse zeigen, dass viele Eltern dazu tendieren, den Schilderungen der betroffenen Kinder keinen Glauben zu schenken, ihnen keine emotionale Unterstützung anbieten oder gar ablehnend und strafend reagieren (vgl. Klees 2008).

Eltern brauchen professionelle Hilfe, um das betroffene Kind schützen zu können und beiden Kindern, die notwendige therapeutische Hilfe zukommen zu lassen. Im Hilfeprozess bedarf es der Einbindung mehrerer Fachkräfte, um einen gelingenden Hilfeprozess zu gestalten.  Beratungsangebote werden von Fachberatungsstellen bereitgestellt, die auf das Thema sexualisierte Gewalt spezialisiert sind. Die Fachberatungsstelle Violetta e.V. hat jüngst eine sehr empfehlenswerte Arbeitshilfe für soziale Fachkräfte entwickelt, der Details zur Ausgestaltung des Hilfeprozesses zu entnehmen sind (vgl. Violetta e.V. 2012).

6.4 Was können Sie als Lehrerin/Lehrer konkret tun?

Die wissenschaftliche Forschung zeigt, dass sich viele Betroffene von sexualisierter Gewalt durch Geschwister an außerfamiliäre Gesprächspartner (z.B. Lehrer/innen) wenden, um die sexualisierte Gewalt aufzudecken und sich Hilfe zu holen. Eine Studie des Deutschen Jugendinstitutes (2011) legt zur Aufdeckung sexualisierter Gewalt differenzierte Ergebnisse vor.

Nach einer aktuellen Studie der UBS Optimus Foundation (2012) in der Schweiz, sind  Kinderschutzorganisationen gemeldete Kinder insbesondere in der Phase des Schuleintritts (6-11 Jahre) von sexualisierter Gewalt durch Geschwister betroffen. Geschwister machen in dieser Altersgruppe der Opfer einen Anteil von 15 % der Täter aus. Eine Studie des Deutschen Jugendinstitutes, bei der u.a. Lehrkräfte an Schulen befragt wurden, zeigt, dass die verdächtigen Personen bei Verdachtsfällen auf sexuellen Missbrauch außerhalb der Schule,  zu ca. 15 % Geschwister sind.
 
Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass Lehrerinnen und Lehrer zunächst einmal über die Problematik der sexualisierten Gewalt unter Geschwistern informiert sind und bereit sind diesbezügliche Schilderungen wahr- und ernst zu nehmen.
Ferner sollten Schulen Strukturen implementieren, die eine Kultur der Grenzachtung fördern, indem sie Kinder sexualpädagogisch begleiten; ihnen ihre Rechte verdeutlichen; Vereinbarungen zu Nähe und Distanz festschreiben, externe Ansprechpartner benennen, die Unterstützungsangebote bereithalten (z. B. Fachberatungsstelle zum Thema sexualisierte Gewalt); den Grundsatz der Grenzachtung in einem Leitbild der Schule aufnehmen; ein Beschwerde-management etablieren; Präventionsprojekte für Schülerinnen und Schüler anbieten; Fortbildungen für das gesamte Lehrpersonal bereit stellen (Begrenzung auf Vertrauenslehrerinnen und Vertrauenslehrer vermeiden) und die zeitlichen Ressourcen der Lehrerinnen und Lehrer stärken, damit diese sich neben ihren anderen Aufgabenbereichen angemessen mit dem Thema auseinandersetzen können.  

Diese Maßnahmen verbessern den Schutz von Mädchen und Jungen in Institutionen.

Im konkreten Verdachtsfall einer Kindeswohlgefährdung durch Geschwisterinzest sollten Lehrerinnen und Lehrer von ihrem Recht auf eine professionelle Beratung Gebrauch machen. Das im Januar 2012 in Kraft getretene Bundeskinderschutzgesetz schreibt explizit einen  Beratungsanspruch von Lehrerinnen und Lehrern in § 8b SGB VIII und § 4 KKG fest. Hiernach haben Personen, die in Kontakt mit Kindern oder Jugendlichen stehen, bei der Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung im Einzelfall Anspruch auf eine Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft beim örtlichen Träger der Jugendhilfe (Jugendamt).

Entscheidend ist, dass Lehrerinnen und Lehrer sensibel sind, um sexualisierte Gewalt wahrzunehmen und wissen, welche Handlungsschritte im Verdachtsfall einzuleiten sind. Lehrerinnen und Lehrer sind keine Kinderschutzexperten - ihre Aufgabenschwerpunkte liegen in anderen Bereichen. Das Lehrpersonal sollte jedoch über die notwendigen Grundlagenkenntnisse verfügen, die zur Handlungsfähigkeit erforderlich sind und den Schutz von Mädchen und Jungen vor allen Formen der Gewalt gewährleisten.

7 Literatur

Deutsche Jugendinstitut e.V. (Hrsgb.) (2011): Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen. Abschlussbericht.  (online) (Stand 29.10.2012)

Freund, U. & Riedel-Breidenstein, D. (2006): Sexuelle Übergriffe unter Kindern. Handbuch zur Prävention und Intervention. 2. Auflage, Köln: mebes & noack

Klees, E. (2008): Geschwisterinzest im Kindes- und Jugendalter. Eine empirische Täterstudie im Kontext internationaler Forschungsergebnisse. Lengerich: Pabst

König, A. (2011): Sexuelle Übergriffe durch Kinder und Jugendliche. (online) (Stand: 29.10.2012)

Mebes, M. & Klees, E. (2009) Katrins Geheimnis. Eine Geschichte über sexuelle Übergriffe unter Kindern. (inklusive Begleitheft für Eltern) Köln: mebes & noack

UBS Optimus Foundation (2012). Sexuelle Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen in der Schweiz. Formen, Verbreitung, Tatumstände. (online) (Stand: 29.10.2012)

Violetta e.V. (2012) (Hrsgb.): Sexuelle Übergriffe unter Geschwister, Geschwisterinzest, Sexueller Missbrauch unter Geschwistern: Eine Arbeitshilfe für soziale Fachkräfte, Hannover

Wirtz, Ursula (1993): Seelenmord. Inzest und Therapie. Stuttgart, 6. Aufl.

Autorinnen und Autoren

  • Prof. Dr. Herbert Ulonska

    Prof. Dr. Ulonska ist Initiator und langjähriger Leiter des Projekts Kinderschutzportal.

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  • Dr. Esther Klees

    Dr. Esther Klees ist Vertretungsprofessorin an der FH Dortmund im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften. Sie war langjährig als Diplom-Sozialpädagogin in verschiedenen ambulanten und (teil-)stationären Betreuungssettings der Kinder- und Jugendhilfe tätig und hat insbesondere traumatisierte Mädchen und Jungen und gewaltbereite Jugendliche pädagogisch begleitet. Ihre Promotion beschäftigt sich mit dem Thema Geschwisterinzest.

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Buchtipp

Klees, Esther: Geschwisterinzest im Kindes- und Jugendalter. Eine empirische Täter- studie im Kontext internatio- naler Forschungsergebnisse. Lengerich: Papst Science Publishers, 2008.