Resilienz

verfasst von Dr. Monika Friedrich

1 Definition

Der Begriff Resilienz leitet sich vom englischen „resilience“ her und bedeutet Spannkraft, Widerstandsfähigkeit und Elastizität (z.B. von Werkstoffen). In den Humanwissenschaften gewinnt der Begriff Resilienz eine übertragene Bedeutung, die zusammenfassend wie folgt beschrieben werden kann: Resilienz ist die psychische Widerstandsfähigkeit (besonders von Kindern) gegen-über biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken, an denen viele andere Kinder Schaden nehmen. Das Phänomen der Resilienz bezieht sich auf die Abwehr von fehl angepassten Reaktionen angesichts belastender Lebensumstände (vgl. u.a. Wustmann 2004 und Zander 2008). Vulnerabilität (Verletzlichkeit) ist der Gegenbegriff. Er verweist auf die Möglichkeit, dass ein Kind unter dem Einfluss von Risikobelastungen verschiedene Formen von Erlebens- und Verhaltensstörungen entwickelt. Resilienz bezieht sich also auf psychische Gesundheit trotz erhöhter Entwicklungsrisiken, d.h. auch auf Bewältigungskompetenz. 

In der Literatur werden drei unterschiedliche Erscheinungsformen von Resilienz genannt:

  1. Eine positive Entwicklung eines Kindes trotz andauerndem, hohem Risikostatus, z.B. bei Aufwachsen in chronischer Armut und niedrigem ökonomischen Status;
  2. eine beständige Bewältigungskompetenz unter akuten Stressbedingungen, z.B. infolge elterlicher Trennung oder Scheidung, und
  3. eine positive bzw. schnelle Erholung von traumatischen Erlebnissen, wie z.B. Tod eines Elternteils, Erleben von Naturkatastrophen und Kriegserfahrungen (nach Wustmann 2004 und Zander 2008).
    In der Diskussion dieser Erscheinungsformen von Resilienz wird vom Erhalt der kindlichen „’Funktionsfähigkeit’ unter erschwerten Lebensbedingungen“ gesprochen, oder von der „Wiederherstellung dieser Funktionsfähigkeit nach traumatischen Erlebnissen“ (Zander 2008, S. 19).

2 Herkunft des Resilienz-Konzepts

Der Begriff Resilienz wurde zuerst über eine Studie der amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy E. Werner und ihrem Team bekannt. Sie verfolgten 40 Jahre lang die Entwicklungsverläufe von fast 700 Kindern, die 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai geboren wurden. Etwa ein Drittel von ihnen wuchs unter schwierigsten und für ihre Entwicklung höchst riskanten sozialen Bedingungen auf. Werner und ihr Team fanden, dass etwa zwei Drittel dieser „Risiko-Kinder“ höchst problematische Entwicklungsverläufe nahmen. Ein Drittel der Risiko-Kinder jedoch wuchs, unbeschadet dieser widrigen Ausgangsbedingungen, zu kompetenten, psychisch gesunden und stabilen, leistungsfähigen und zuversichtlichen Erwachsenen heran. Sie erwiesen sich als resilient gegenüber den Entwicklungsrisiken, die ihr Umfeld barg. Diese und andere Studien aus der Pionierphase begründeten eine neue Forschungsrichtung, die Resilienzforschung.

Das Resilienz-Konzept spielt seit den Neunzigerjahren in der theoretischen Diskussion und in der empirischen Forschung der Humanwissenschaften, besonders der Psychologie, eine zunehmend wichtige Rolle. Heute gibt es kaum noch eine wissenschaftliche Veröffentlichung zur Entwicklung von Kindern, in der dieser Begriff nicht verwendet, erläutert, diskutiert, differenziert oder kritisiert wird. Das Resilienz-Konzept hat Konjunktur. Das Thema Resilienz taucht „inzwischen auch in der Populärliteratur (…) und sogar in den Ratgebersparten der yellow press (…) auf“ (Fingerle 2007, S. 299), wie auch im Jahr 2009 in seriösen Magazinen wie DER SPIEGEL und STERN. Trotz dieser scheinbaren „Allgegenwart“ des Konzepts sind in der interessierten Öffentlichkeit oft Missverständnisse erkennbar, die u.a. aus einer unkritischen Rezeption des Resilienzkonzepts und der Resilienzforschung resultieren.

3 Erweiterte Definition nach heutigen Erkenntnissen

Resilienz ist nicht als individuelle Eigenschaft zu verstehen, sondern als eine Fähigkeit, die sich im Verhalten der Personen und ihren Lebensmustern (life patterns) manifestiert. Sie ist also  „kein angeborenes, stabiles und generell einsetzbares Persönlichkeitsmerkmal“ (Weiß 2007, S. 158), sondern das Ergebnis eines Prozesses, der sich in der Interaktion zwischen dem Individuum und seiner Umwelt vollzieht. Mit anderen Worten:

„Sie entwickelt sich in der Auseinandersetzung mit widrigen situations- und lebensbereichsspezifischen Bedingungen auf der Grundlage und im Austausch mit Schutzfaktoren, auf die das Individuum in seiner Interaktion mit der Umwelt zugreifen kann“ (Weiß 2007, S. 159).

Wichtig ist also die Erkenntnis, dass sich Resilienz nicht trotz widriger Umstände (wie z. B. Armut oder Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt) entwickelt, sondern wegen der Herausforderungen, die diese negativen Bedingungen für die Entwicklung eines Kindes bergen und mit denen es sich auseinandersetzen muss.

Voraussetzung für die Bewältigung solcher Herausforderungen ist das Vorhanden-sein von Schutzfaktoren im Umfeld, auf die das Kind zurückgreifen können muss. Auf widrige situations- und lebensbereichspezifischen Bedingungen und Schutzfaktoren wird weiter unten noch einzugehen sein. In diesem Interaktionspro-zess muss das Kind also immer im Kontext seiner Entwicklungsbedingungen und Lebensverhältnisse betrachtet werden (vgl. Zander 2008).

Resilienz ist somit ein dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess, eine variable, relationale (bezogen auf schwierige Lebensumstände und schützende Faktoren) und relative Größe, d.h., es gibt keine absolute Invulnerabilität (Unverletzlichkeit), sondern immer nur eine mehr oder minder hohe Wahrscheinlichkeit resilienten Verhaltens.

Resilienz ist aber auch situationsspezifisch und multidimensional. So ergaben z.B. Untersuchungen, dass Kinder, die in einem chronisch konflikthaften Elternhaus aufwuchsen, sich in ihrer schulischen Kompetenz resilient, viele von ihnen – jedoch nicht alle - aber hinsichtlich ihrer sozialen Kompetenz höchst verletzlich (vulnerabel) zeigten. Resilienz umfasst demnach ein hochkomplexes Zusammenspiel aus individuellen Merkmalen eines Kindes und seiner Umwelt.

4 Paradigmenwechsel

Die besondere Bedeutung der Auseinandersetzung mit Resilienz für alle Humanwissenschaften liegt in der Erkenntnis, dass sich die wissenschaftliche „Denkrichtung“ und das damit verbundene Forschungsinteresse umkehrten. Die theoretische und empirische Aufmerksamkeit richtete sich nicht mehr überwiegend auf Entwicklungsdefizite oder -störungen bzw. Fehlanpassungen und deren Behebung. Sie nahm vielmehr die Stärken der Individuen, die positiven und gesunden Widerstandskräfte und deren Förderung in den Blick. Dieser Paradigmenwechsel bewirkte, dass zunehmend die „Möglichkeiten und Bedingungen einer ‚positiven Entwicklung’ – trotz erkannter Risiken und Belastungen“ (Zander 2008, S. 28) ins wissenschaftliche Blickfeld rückten.

Dieses veränderte wissenschaftliche Interesse am Phänomen der psychischen Widerstandsfähigkeit führte zu einem neuen Erkenntnisinteresse in Forschung und Praxis und damit auch „zu einer grundlegenden Richtungsänderung in der Fragestellung“. Die Fragen, die in den Mittelpunkt des Interesses rücken, lauten nun:

  • Welche Faktoren können dazu beitragen, dass sich Kinder (oder Erwachsene) trotz widriger Lebensumstände, Belastungen und Risiken als ‚resilient’ erweisen?
  • Wie kann diese Widerstandsfähigkeit (Resilienz) gefördert und gestärkt werden?“ (Zander 2008, S. 29).

Beide Fragen verweisen direkt auf das Interesse an Prävention.

5 Resilienz und Prävention

Zum Zusammenhang von Resilienz und Prävention bemerken Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse:

„Die Ergebnisse der Resilienzforschung machen immer wieder deutlich, dass frühzeitige (und damit präventive) Unterstützung und Förderung wesentlich dazu beitragen, die Entwicklung von Kindern nachhaltig zu beeinflussen. Schutz- und Resilienzfaktoren beeinflussen diesen Prozess positiv. So ist es nicht verwunderlich, dass Resilienz und Prävention oft gemeinsam genannt werden. Programme, die Resilienz fördern und entwickeln, sind in der Regel auch Präventionsprogramme“ (2009, S. 57).

Voraussetzung für präventive Maßnahmen ist das Wissen um die widrigen Lebensumstände, Belastungen und Risiken, die Kinder gefährden und um die Schutzfakto-ren, die es ihnen dennoch ermöglichen, Widerstandsfähigkeit zu entwickeln. Ebenso wichtig ist aber auch zu erforschen, wie solche Maßnahmen aussehen müssen, um präventiv tauglich zu sein und Resilienz fördern und stärken zu können.

Die eine gesunde kindliche Entwicklung gefährdenden Lebensverhältnisse sind aus der Defizitforschung hinlänglich bekannt. Dazu zählen u.a.

  • die Risikofaktoren Armut, Vernachlässigung, psychisch kranke, drogen- und/oder alkoholabhängige Eltern sowie Erfahrungen der Kinder mit Miss-handlungen aller Art.
  • Weitere Risikofaktoren sind anhaltende extreme Stressbedingungen wie chronische Krankheiten oder Behinderungen der Kinder.
  • Aber auch traumatische Erfahrungen wie Naturkatastrophen, Kriegserlebnis-se, Tod eines nahe stehenden Menschen und Erleben von Gewalt und sexueller Gewalt sind Risikofaktoren für Kinder.

Der o.g. Perspektivwechsel bewirkte einen Wechsel von der Defizit- zur Ressourcenperspektive. Nicht mehr die Risiken, die im Umfeld des Kindes für seine Entwicklung gesehen werden, stehen im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Analyse von vorhandenen oder fehlenden Ressourcen und möglichen Schutzfaktoren. Auch wenn sich die theoretische Blickrichtung und damit das Erkenntnisinteresse mit den resultierenden Fragestellungen verändert haben, muss immer folgendes im Bewusstsein bleiben:

„Als zentraler Leitsatz des Resilienzkonzepts gilt, dass Resilienz sich nur in der Bewältigung von (Lebens-)Risiken zeigt. Daher bildet die konkrete Bedrohung durch Risiken weiterhin die eine Seite der Medaille, wenn wir auf der Suche nach dem Resilienzphänomen sind. Insofern waren und sind wissenschaftliche Forschungen, die solche Risiken ausgemacht und ihre Wirkungen untersucht haben, eine notwendige Voraussetzung für den…Paradigmenwechsel“ (Zander 2008, S. 30).

Sie sind aber nicht nur als Voraussetzung für den Paradigmenwechsel zu verstehen, sondern auch als notwendiges Grundlagenwissen für den nun geänderten Blick auf die Stärken des Kindes und auf die Resilienz fördernden Schutzfaktoren in seinem Umfeld.

Als Schutzfaktoren gelten dabei

  • schützende Faktoren in der Familie. Sie spielen eine bedeutende Rolle für die kindliche Entwicklung. Kinder, die in höchst problematischen Familien aufwachsen, aber dennoch eine sichere Bindung mit mindestens einer kompetenten und stabilen Person innerhalb oder außerhalb der Familie entwickeln können, die auf ihre Bedürfnisse eingeht, haben die Chance, Vertrauen und Selbstbewusstsein als Grundlage für Resilienz, aufbauen.
  • lebensbegünstigende Eigenschaften des Kindes sind ebenfalls wichtig für Resilienz, vorausgesetzt, sie können sich entfalten. Schon als Baby sind sie aktiv, gutmütig, liebevoll und haben ein hohes Antriebsniveau; als Kleinkind sind sie gesellig und ausgeglichen; zur Einschulung dann zeigen sie große Selbstständigkeit; als Schulkinder kennzeichnet sie Leistungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit. Hier ist besonders zu beachten, dass diese „Tempera-menteigenschaften“ nicht auf genuine Persönlichkeitsmerkmale zu verkürzen sind. Sie sind vielmehr auf unterstützende Interaktionen im sozialen Umfeld angewiesen, um sich entwickeln zu können.
  • Schützende Faktoren in der Gemeinde helfen darüber hinaus Risiko-Kindern, eine positive Lebensperspektive zu entwickeln. Die widerstandsfähigen Kinder wenden sich z.B. Verwandten, Freunden, Nachbarn zu, bei denen sie sich Trost und Hilfe holen, aber auch Lehrern und Lehrerinnen, die für sie positive Rollenmodelle, soziale Vorbilder sind (nach Werner 2007, vgl. auch Luthar, 2000, Wustmann 2004, Weiß, 2007 sowie Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse 2009).

 

Im „Konzert“ mit einem schützenden Umfeld führt die individuelle Disposition resiliente Kinder also dazu,  sich „eine Umwelt auszuwählen, die sie schützt und ihre Fähigkeiten und ihr Selbstbewusstsein verstärkt“ (Werner 2007, S. 25). Wichtig ist auch hier die Interaktion zwischen Kind und einem protektiven Umfeld.

Darüber hinaus haben sich resiliente Kinder oft auch schon sehr früh Leistungsanforderungen stellen und Verantwortung übernehmen müssen und dann diese Herausforderungen bewältigt. Sie konnten sich so als kompetent und belastbar erfahren und ihr Selbstbewusstsein, ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstwirksamkeit stärken.

Da diese Kinder in schwierigen Lebensverhältnissen aufwachsen, muss beachtet werden, dass sich die Balance zwischen Stress erzeugenden Lebensereignissen und stärkenden Schutzfaktoren immer wieder verändern kann und sich meist auch im individuellen Lebensverlauf verändert. Das Gleichgewicht kann sich z.B. durch neue Krisensituationen verschieben. Es ist außerdem sowohl vom Lebensabschnitt, vom Geschlecht des Kindes als auch vom kulturellen Kontext abhängig.

Resilienz ist ein Prozess der Wiederherstellung der Balance zwischen Stressoren und Schutzfaktoren durch konstruktive Krisenbewältigung. Resilienz zeigt sich auch nur in der Art und Weise solcher Krisenbewältigungen. Resilienzorientierte Präventionsprogramme müssen demnach zuvörderst eine Stärkung der Schutzfaktoren zum Ziel haben.

6 Resilienz und sexualisierte Gewalt an Kindern

In der fachlichen Diskussion zu sexualisierter Gewalt ebenso wie in der einschlägigen Forschung wird häufig darauf verwiesen, dass der emotionale Umgang mit und die Verarbeitung von sexualisierter Gewalterfahrung individuell höchst unterschiedlich sein können.

In den meisten Fällen, so formuliert z.B. Damrow, stellt sexualisierte Gewalt „eine traumatische Erfahrung dar, die gravierende Spätfolgen haben kann“ (2006, S. 199). Das heißt aber auch, dass für einige Betroffene diese Erfahrung nicht zwangsläufig traumatisch sein und solche gravierenden Spätfolgen haben muss. Im Gegenteil, einige von ihnen scheinen resilient gegenüber solchen Traumata zu sein. Bereits in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts haben z.B. Finkelhor und seine Kollegen folgende Fragen gestellt: ‚Ist eine Behandlung auch dann angezeigt, wenn Kinder kein symptomatisches Verhalten zeigen?’, oder ‚Kann Verleugnung eine gesunde Bewältigungsstrategie für einige Kinder sein?’ Weiter haben sie andere Forscher und Forscherinnen aufgefordert zu untersuchen, wie sich Verhalten und Gefühle von Individuen, die wenige lang anhaltende Symptome zeigten und resilient waren, von denen unterscheiden, die stark gelitten haben (1988, S. 64, zitiert bei Hunter, 2010, S. 6). Finkelhor und sein Team mahnten also bereits damals die Berücksichtigung von Unterschieden bei der kindlichen Verarbeitung von sexualisierter Gewalterfahrung an.

Heute wird auf der Basis neuerer Forschung partiell belegt, dass solche Unterschiede in der Disposition, also in der „inneren Bereitschaft“ der betroffenen Personen, in ihren personalen Ressourcen, verankert sind und vermutlich mit bestimmten Faktoren in ihrer Umwelt in Zusammenhang stehen.

Damrow z.B. bezieht sich neben deutschen besonders auf amerikanische Studien zu Resilienz bei Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt (2006, S. 199 ff).

So berichtet sie aus der amerikanischen Untersuchung von Liem et al. (1997), die der Frage nach den Unterschieden zwischen resilienten und nicht resilienten (verletzlichen) Opfern sexualisierter Gewalt nachgeht. In dieser Studie werden z.B. zwei Persönlichkeitsvariablen herausgearbeitet, die resiliente und nicht resiliente Opfer unterscheiden:

  • Resiliente Opfer schreiben sich selbst die Fähigkeit zu, gewünschte Ergebnisse auch zu erreichen. Sie konnten ein Gefühl der Selbstwirksamkeit entwickeln, d.h. ein Gefühl, Probleme lösen und sich selbst steuern zu können. Nicht resiliente Opfer hingegen neigen dazu, solche gewünschten Ergebnisse äußeren Umständen zuzuschreiben, über die sie keine Kontrolle haben. Sie sehen sich als von außen beeinflusst (vgl. dazu auch Daniel und Wassell, 2002, zitiert bei Weiß 2007, S. 161 f).
  • Resiliente Opfer zeigten sich zudem als weniger selbstzerstörerisch.

Besonders die erste Persönlichkeitsvariable verweist auf eine sichere emotionale Basis der resilienten Individuen, die überzeugt sind, dass sie Menschen und Situationen beeinflussen und kontrollieren können (vgl. Liem et al. (1997, S. 601); zitiert bei Damrow (2006, S. 200). Sie erfahren sich damit als kompetent und handlungsmächtig und haben Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen entwickeln können. Das lässt vermuten, dass sie die emotionalen Dispositionen (oder Persönlichkeitsvariablen) auch auf ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt übertragen konnten und können.

Noch aber ist wenig bekannt, worin insgesamt diese dispositionellen Unterschiede bestehen und genau „welche Faktoren dafür zuständig sind“ (Damrow 2006, S. 200). Damrow rät hier zu weiterer Forschung.

Die australische Kinder- und Familienberaterin Sally Hunter legt, höchst aktuell, eine Studie zum Thema Resilienz bei sexualisierter Gewalterfahrung vor (2010).

Sie hat 22 Erwachsene zu deren „sexuellen Kindheitserfahrungen mit Erwachsenen“ befragt. Sie wählt mit Blick auf das Resilienzphänomen statt der Begriffe „sexuelle Gewalt gegen Kinder“ bzw. „sexueller Missbrauch an Kindern“ (child sexual abuse) die Bezeichnung „sexuelle Erfahrungen mit Erwachsenen in der Kindheit“ (childhood sexual experiences with adults). Sie begründet diese neutrale Begriffswahl mit der Befürchtung, dass die beiden Begriffe sexuelle ‚Gewalt’ und sexueller ‚Missbrauch’ ausschließlich und allumfassend mit lang anhaltendem Leid der Betroffenen assoziiert werden. Sie möchte der Gefahr entgegen wirken, dass schon im Vorfeld empirischer Untersuchungen bereits gedanklich (nämlich über die Begriffswahl) die Möglichkeit resilienten Verhaltens der Kinder auch im Bereich sexueller Gewalt ausgeschlossen wird.

Hunters narrative Daten sind Resilienzerzählungen („narratives of resilience“). Sie geben Aufschluss über die höchst unterschiedlichen Erlebens- und Verarbeitungs-weisen der Kindheitserfahrungen mit „Erwachsenensexualität“ und füllen den „abstrakten Begriff der Resilienz“ mit Inhalten des Erlebens und Handelns. Sie belegen, dass Risikofaktoren wie Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch nicht notwendiger-weise zu einer massiven und nachhaltigen Beeinträchtigung in den Biographien der Kinder führen müssen. Es gibt auch im Zusammenhang mit sexueller Gewalt wohl einen Prozentsatz von Kindern, die trotz derartiger Risiken in ihrem weiteren Leben erfolgreich sind.

Hunters Analysen ihrer Daten dürfen aber nicht dazu „missbraucht werden“, die tiefen Verletzungen und Traumata der meisten Betroffenen zu relativieren. Das gilt besonders vor dem Hintergrund der gegenwärtigen „Aufdeckungswelle“ von sexuellen Missbrauchsfällen in verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen in Vergangenheit und Gegenwart.

Hunters Ergebnisse können aber helfen, differenziertere Erkenntnisse über die Erscheinungsformen von Resilienz im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch zu gewinnen. Sie legen nahe, auch im Zusammenhang mit dem Problembereich sexualisierter Gewalt den Paradigmenwechsel zu vollziehen und der Forschungsfrage nachzugehen, wie  Widerstandsfähigkeit (Resilienz) gefördert und gestärkt werden kann.

Erkenntnisse über Widerstandskräfte und Bewältigungskompetenz zu suchen und zu gewinnen tritt so in den Mittelpunkt wissenschaftlichen Denkens und Forschens.

7 Kritische Anmerkungen zur Rezeption des Resilienz-Konzepts

Resilienz als Begriff stammt aus der psychologischen Fachliteratur. Das Resilienzkonzept spielt zunehmend auch in anderen Disziplinen eine große Rolle, besonders in Pädagogik und Sozialpädagogik, aber auch in Psychiatrie und Soziologie. So weckte die Entdeckung protektiver (schützender) Faktoren

„als Gegenspieler von Entwicklungsrisiken…in der pädagogischen Szene einen großen Optimismus, der Resilienz als eine Art immunisierende Persön-lichkeitseigenschaft ansah, die es lediglich zu wecken oder zu trainieren galt“ (Fingerle 2007, S. 299).

Eine solche Sichtweise ignoriert das komplexe Zusammenspiel von Persönlichkeitsvariablen des Individuums und den Bedingungen, die es in seinem Umfeld vorfindet. „Diese nicht selten unkritische Rezeption der Resilienzforschung führte schließlich dazu, dass der Resilienzbegriff zu einem Modekonzept wurde, zu einem nahezu beliebig verwendbaren Marketingvehikel für Trainingsprogramme…“(Fingerle 2007, S. 299)

.Die Konzipierung solcher Trainingsprogramme zur „Stärkung von Kindern“ ignoriert oft die schon seit den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts vorhandene wissenschaftliche Erkenntnis, dass Resilienz kein stabiles Merkmal „im Sinne einer universalen Unverletzlichkeit“ eines Individuums ist. Die Entwickler solcher Programme verkennen damit auch die Tatsache, dass Resilienz nur verstanden werden kann „als eine zumeist zeitlich begrenzte, von verschiedenen (personalen und sozialen) Schutzfaktoren gespeiste psychische Widerstandsfähigkeit oder Bewältigungskapazität“ (Fingerle 2007, S. 299).

Sie beziehen ebenfalls die Erkenntnis nicht oder unzureichend ein, dass der Begriff „Resilienz“ nur aussagt, dass Risikofaktoren wie z.B. Armut, Alkoholismus der Eltern oder auch Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch „nicht notwendigerweise zu einer massiven und nachhaltigen Beeinträchtigung in den Biographien der Kinder führen müssen – vielmehr gibt es einen relativ hohen Prozentsatz solcher Kinder, die trotz derartiger Risiken in Schule und Beruf erfolgreich sind…Resilienz ist – in diesem Sinne – sozusagen die Gegenwahrscheinlichkeit der Wahrscheinlichkeit für einen negativen Entwicklungsverlauf, die wiederum mit bestimmten Risikofaktoren statistisch assoziiert ist“ (Fingerle 2007, S. 300).

Solche Trainingsprogramme „springen auch zu kurz“, weil sie meist nur die Stärkung der personalen Schutzfaktoren konzeptionell in den Blick nehmen, nicht aber die sozialen Ressourcen. Sie vernachlässigen oft die Komplexität der Interaktion zwischen den personalen Ressourcen des Kindes und den Resilienz fördernden Schutzfaktoren in seinem Umfeld (den sozialen Ressourcen).

In diesem Sinne sehr problematisch sind z.B. Projekte, die die personalen Bewältigungsressourcen der Kinder einseitig und oft in kurzen Zeitspannen zu fördern suchen, ohne Zugang zu Ressourcen im sozialen Umfeld schaffen zu können oder auch nur zu reflektieren. Gerade auf solche Ressourcen im sozialen Umfeld, die ihren überdauernden Bedürfnisstrukturen gerecht werden, sind die Kinder aber angewiesen, sollen sie in ihrer Widerstandsfähigkeit und Bewältigungskompetenz gestärkt werden.

In solchen Trainingsprojekten lauert damit eine große Gefahr: Sie suchen einseitig das Kind zu stärken und verankern damit letztlich die Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg ebenso einseitig im späteren Verhalten des Kindes.

Bei einem fast immer zu erwartenden Versagen - denn Kinder sind im Vergleich zu Erwachsenen gerade auch bei sexualisierter Gewalt immer die Schwächeren - übernehmen die Kinder dann oft diese zugeschriebene Verantwortung und suchen die „Schuld“ bei sich.

Da Kinder aus problematischen Milieus selten auf soziale Ressourcen in ihrem Umfeld zurückgreifen können, unterstreicht Fingerle folgerichtig,„dass sich die Förderung von Resilienz nicht nur auf das Training personaler Bewältigungsressourcen, sondern auch auf die Erkundung, Organisation und Etablierung entwicklungsfördernder sozialer Nischen beziehen muss, wenn sie erfolgreich sein will“ (2007, S. 299).

Hier wird ein weiteres Defizit solcher Praxisprojekte deutlich. Meist fehlt nämlich eine Verankerung der Förderung der kindlichen Resilienz in einem Umfeld, das Schutzfaktoren bereitstellt, die zudem für das Kind erreichbar sein müssen.

Wir erinnern uns, dass sich Resilienz als „Widerstandsfähigkeit“ nur in der Auseinandersetzung mit den widrigen Bedingungen eines sozialen Milieus und auf der Grundlage eines Austauschs mit Schutzfaktoren entwickeln kann, auf die das Kind auch zugreifen können muss

.Da Risiko-Kindern oft der Zugang zu solchen Schutzfaktoren in seinem Umfeld fehlt – wie die Grundlage für eine sichere Bindung, um nur ein Beispiel zu nennen –, kann auch präventive Entwicklungsförderung nur gelingen, wenn besondere Bereiche, Nischen, gefunden werden, die solche Schutzfaktoren bereitstellen und für die Kinder verfügbar machen (vgl. Fingerle 2007, S. 304 ff).

Eine solche Nische muss drei Bedingungen erfüllen: Sie darf die (Regulierungs-) Fähigkeiten des Kindes nicht überfordern, d.h. sie muss Stressoren von ihm fern halten, sie darf aber auch keine für das Kind unerfüllbaren Veränderungsanforderungen stellen.

Diese erste Bedingung wirkt stabilisierend auf das Kind, jedoch noch nicht entwicklungsfördernd. Dafür bedarf es der Erfüllung zweier weiterer Bedingungen, nämlich der „Förderung der Exploration der Umwelt und der eigenen Fähigkeiten des Kindes. Von großer Wichtigkeit ist weiter die Orientierung dieser Exploration auf Ziele, die anschlussfähig für die eigenen Fähigkeiten, aber darüber hinaus auch im weiteren Sinne sozial anschlussfähig sind“ (Fingerle 2007, S. 304).

Das bedeutet, dass sowohl die Risiko- als auch die Schutzfaktoren nur kontextbezogen bestimmt werden können.Nur wenn Nischen, die diese Bedingungen erfüllen, Risiko-Kindern zur Verfügung stehen, können ihre Widerstandsfähigkeit und Bewältigungskompetenz entwickelt und gefördert, d.h. Kinder wirkungsvoll und nachhaltig „gestärkt“ werden.

8 Literatur

Damrow, M.K., 2006: Sexueller Kindesmissbrauch. Eine Studie zu Präventionskonzepten, Resilienz und erfolgreicher Intervention. Weinheim und München.

Fingerle, M., 2007: Der „riskante“ Begriff der Resilienz – Überlegungen zur Resilienzförderung im Sinne der Organisation von Passungsverhältnissen. In: Opp/Fingerle (Hg), S. 299-310.

Finkelhor, D. et al., 1988: Stopping Family Violence: research priorities for the coming decade.Newbury Park, Calif. USA.

Fröhlich-Gildhoff, K. und M. Rönnau-Böse, 2009: Resilienz München, Basel.

Hunter, S. V., 2010: Childhood Sexual Experiences. Narratives of Resilience, Oxford, New York.

Hüther, G., 2007: Resilienz im Spiegel entwicklungsneurobiologischer Erkenntnisse. In: Opp/Fingerle (Hg), S. 45-56.

Liem, J.H. et al., 1997: Assessing resilience in adults with histories of childhood sexual abuse.I n: American Journal of Orthopsychiatry, 64 (4), S. 594-606.

Luthar, S.S. et al., 2000: The construct of resilience: A critical evaluation and guidelines for fur-ther work. In: Child Development 71, S. 543-562.

Opp, G. und M. Fingerle (Hg), 2007: Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. München, Basel.

Weiß, H, 2007: Frühförderung als protektive Maßnahme. In: Opp/Fingerle (Hg), S. 158-174.

Werner, E. E. , 2007: Entwicklung zwischen Risiko und Resilienz. In: Opp/Fingerle (Hg), S. 20-31.

Wustmann, C., 2004: Resilienz. Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern. Weinheim.

Zander, M., 2008:Armes Kind – starkes Kind? Die Chance der Resilienz.Wiesbaden.

Autorin

  • PD Dr. Monika Friedrich

    PD Dr. Monika Friedrich arbeitet im wissenschaftlichen Beirat des Projekts Kinderschutzportal mit. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören die Themen Resilienz, Mütter von Betroffenen sexualisierter Gewalt und Täterinnen.

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Buchtipp

Fröhlich-Gildhoff, Klaus; Rönnau- Böse, Maike: Resilienz. 2.Auf- lage. Stuttgart: UTB Verlag. 2011.