Geschlechtersensibilität - "Ist das noch männlich?" - Jungen als Opfer sexualisierter Gewalt. Aktuelle Perspektiven aus Forschung und Praxis

verfasst von Dr. Peter Mosser

1 Wozu eine geschlechtersensible Sichtweise auf sexualisierte Gewalt?

Dass die Dimension „Geschlecht“ im Zusammenhang mit dem Phänomen sexualisierte Gewalt eine hohe Relevanz besitzt, erscheint evident. Dennoch ist im öffentlichen Diskurs immer wieder ein merkwürdiges Verschwinden von Differenzlinien zu beobachten, entlang derer die unterschiedlichen Gefährdungen, Betroffenheiten und Bewältigungsweisen von Mädchen/Frauen einerseits und Jungen/Männern andererseits zu skizzieren sind (Lenz 2014; 2010a; Neutzling 2010). Dies betrifft sowohl die politische Diskussion als auch die Gestaltung von Hilfesystemen (Kavemann/Rothkegel 2012) und die theoretische Beschäftigung mit dem Thema (Lenz 2014). Forschungsarbeiten rekurrieren häufig nur implizit auf Geschlechterfragen, wobei der Eindruck entsteht, dass rein quantitativ orientierte Untersuchungen in ihrem Vermögen, Tiefendimensionen von Geschlechteraspekten erkennbar zu machen, eingeschränkt sind (Helming et al. 2011). Angeregt durch die Aufdeckungen sexualisierter Gewalt in (vorwiegend kirchlichen und reformpädagogischen) Institutionen wurde auch in Deutschland – eher vereinzelt und schleppend – der wissenschaftliche Diskurs über Geschlechterfragen im Kontext sexualisierter Gewalt wiederbelebt (Kavemann 2015; Kavemann et al. 2016; Hagemann-White 2015; Dissens e.V. im Druck; Mosser 2015a; Mosser 2015b; Puchert/Scambor 2012).

 

Die Begleitforschung zur Arbeit der Unabhängigen Beauftragten Sexueller Kindesmissbrauch (UBSKM) zeigte, wie sich die Zusammensetzung der Bevölkerungsgruppen, die die im Jahre 2010 eingerichtete bundesweite Anlaufstelle kontaktierten, im Laufe des ersten Halbjahres ihres Bestehens veränderte: Während die Geschlechterverteilung zu Beginn beinahe ausgeglichen war, waren nach einem halben Jahr bereits 2/3 der Anrufenden weiblich (UBSKM 2011). Diese Entwicklung wird im Bericht nicht weiter kommentiert, es liegt aber die Vermutung nahe, dass die „Ordnung des Diskurses“ (Foucault) über sexualisierte Gewalt in relevantem Ausmaß geschlechtsdeterminiert ist, wodurch das Erkennen von Gefährdungen, das Erleben von Betroffenen und Formen der Bewältigung beeinflusst werden.

 

Folgende konstruierte Beispiele aus der Fortbildungsarbeit der Münchner Beratungsstelle KIBS lassen die Unterschiedlichkeit geschlechtsabhängiger Wahrnehmungsmodi intuitiv erkennen (vgl. Mosser 2010):

 

„Im Rahmen einer Freizeitmaßnahme nimmt eine Betreuerin einen 8-jährigen Jungen zu sich mit ins Zimmer, weil er Angst vor Gewitter hat.“

 

„Im Rahmen einer Freizeitmaßnahme nimmt ein Betreuer ein 8-jähriges Mädchen zu sich mit ins Zimmer, weil sie Angst vor Gewitter hat.“

 

„Ein frühreifer 12-Jähriger hat Sexualkontakt zu einer 15-Jährigen“. „Eine frühreife 12-Jährige hat Sexualkontakt zu einem 15-Jährigen.“

 

„Ein 3-jähriges Mädchen legt sich in der Bauecke im Kindergarten auf einen gleichaltrigen Jungen und macht dabei merkwürdige Stöhngeräusche.“

 

„Ein 3-jähriger Junge legt sich in der Bauecke im Kindergarten auf ein gleichaltriges Mädchen und macht dabei merkwürdige Stöhngeräusche."

 

Mit hoher Wahrscheinlichkeit führen Berichte über solche Situationen zu unterschiedlichen emotionalen Resonanzen, je nachdem, welches Geschlecht den jeweiligen Protagonisten zugeordnet wird. Dies ist weder überraschend noch bedenklich. Wichtig erscheint nur, dass solche Resonanzen bewusst reflektiert und in Sprache gebracht werden. Es würde verwundern, wenn die Themen „Sexualität“ und „Gewalt“ unabhängig von der Dimension „Geschlecht“ betrachtet würden, aber es ist häufig zu beobachten, dass diese Dimension keiner bewussten Reflexion zugeführt wird, was zu entsprechenden Wahrnehmungsverzerrungen führt (Nitsch 2004; Maikovich-Fong/Jaffee 2010; Smith/Fromuth/Morris 1997; Giglio et al. 2011).

 

Exemplarische Effekte einer mangelnden Beachtung der Geschlechterdimension bestehen darin, dass Gefahren, die von weiblichen Täterinnen ausgehen, häufig übersehen werden, dass männliche Mitarbeiter in Kinderbetreuungseinrichtungen vorauseilend der sexuellen Übergriffigkeit verdächtigt werden (Cremers/Krabel 2012; Helming et al. 2011) und dass Opfererfahrungen von Mädchen und Jungen mit unterschiedlichen Stigmatisierungsprozessen einhergehen können (Helming et al. 2011; Kettritz 2014). Nicht ausreichend reflektierte Geschlechterbilder führen auch dazu, dass Jungen, die sexualisierte Gewalt erfahren, häufig „übersehen“ werden. Dieser Umstand hat bedeutende Implikationen sowohl für die Prävention (Spitczok v. Brisinski 2014; Wojahn 2014) als auch für die praktische Arbeit mit betroffenen Jungen (Werner 2014) und für die epidemiologisch bedeutende Frage nach dem Ausmaß sexualisierter Gewalt gegen Jungen in der Bevölkerung.

2 Ausmaß sexualisierter Gewalt

Annäherungen an die Frage, wie viele Jungen von sexualisierter Gewalt betroffen sind, sind einer Reihe methodischer Probleme unterworfen, die eine einigermaßen exakte Bestimmung des Ausmaßes erschweren (Bange 2004; Mosser 2009). Die Befunde der entsprechenden Prävalenzforschung präsentieren sich daher in ihrer Gesamtheit als nur begrenzt konsistent, dennoch bieten vor allem Metastudien Orientierungen, die einen Eindruck vom Ausmaß des Problems vermitteln. Zu nennen sind hier vor allem die Arbeiten von Pereda et al. (2009) und Stoltenbergh et al. (2011), die ziemlich übereinstimmend zu der Einschätzung kommen, dass weltweit etwa 18-20% der weiblichen Bevölkerung und ca. 8% der männlichen Bevölkerung sexualisierte Gewalt in der Kindheit erleben müssen.

 

Exemplarisch lässt sich anhand von Prävalenzerhebungen in einzelnen Staaten zeigen, dass der Anteil der weiblichen Betroffenen häufig etwa 2-3x so hoch ist wie jener der männlichen Betroffenen (z.B. Kanada: 12,8% w, 4,3% m; Israel: 31% w, 16% m; Pereda et al. 2009). Dies trifft auch auf die von Stoltenbergh et al. (2011) für Europa ermittelten Betroffenenraten zu (weiblich: 13,5%; männlich: 5,6%). Es fällt auf, dass weder bei den 39 von Pereda et al. (2009) analysierten nationalen Prävalenzstudien noch bei den 217 Studien, die in die Arbeit von Stoltenbergh et al. (2011) einflossen, Erhebungen aus Deutschland Berücksichtigung finden. Dies liegt daran, dass es lange Zeit nur eine einzige bundesweite Repräsentativbefragung gab (Wetzels 1997), die erst 2011 repliziert wurde (Stadler/Bieneck/Pfeiffer 2012). In dieser Studie wurden auffallend niedrige Prävalenzraten für beide Geschlechter (6,4% weiblich vs 1,3% männlich) gefunden, wobei der Unterschied zwischen dem Anteil weiblicher und männlicher Betroffener bedeutend größer ist als unter der globalen bzw. europäischen Perspektive.

 

Ursachen dafür werden vor allem in forschungsmethodischen Problemen gesehen (Tauwetter 2011; Enders 2011). In einer aktuellen Prävalenzerhebung wurde gefunden, dass 11,6% der weiblichen und 5,1% der männlichen Bevölkerung Deutschlands von sexuellem Missbrauch in der Kindheit betroffen sind (MiKADO 2015), wobei insbesondere das Verhältnis von 2:1 zwischen weiblichen und männlichen Betroffenen auffällt. Bange kommt bereits 2007 nach Durchsicht mehrerer nicht repräsentativer Studien zu dem Ergebnis, dass etwa 5-10% der männlichen und 15-20% der weiblichen Bevölkerung Deutschlands sexuellen Missbrauch erleben musste. Diese Einschätzung zeigt eine hohe Übereinstimmung mit den in den genannten Metastudien berichteten Daten. Die in der aktuellsten Erhebung (MiKADO 2015) gefundenen Werte sind vermutlich vor allem deshalb niedriger, weil ihr eine sehr enge Definition von sexuellem Kindesmissbrauch zugrunde gelegt wurde. Dass nur solche Fälle erhoben wurden, bei denen ein Kind von einer mindestens fünf Jahre älteren Person, die mindestens 14 Jahre alt war, sexualisierte Gewalt erfahren hat, könnte zu einer erheblichen Verzerrung wahrer Viktimisierungsraten insbesondere bei Jungen geführt haben. Es liegen nämlich einige empirische Hinweise vor, wonach bei Jungen eine erhöhte Gefährdung durch sexualisierter Gewalt durch peers vorliegt (Romano/De Luca 2001; Cashmore/Shackel 2014).

 

Die polizeiliche Kriminalstatistik weist eine seit Jahren konstante Verteilung auf, wonach Mädchen viermal so häufig von sexuellem Missbrauch nach §§ 176 und 176a betroffen sind als Jungen. Es lässt sich vermuten, dass eine Erhebung, die ausschließlich auf der Anzahl von Strafanzeigen basiert, insbesondere das Ausmaß an sexualisierter Gewalt an Jungen unterschätzt, da die entsprechenden Aufdeckungsprozesse bei Jungen mit spezifischen Problemen assoziiert sind (MIKADO 2015; Priebe/Svedin 2008; Mosser 2009).

 

Zusammenfassend legt der momentane Stand der Forschung die Einschätzung nahe, dass in Bezug auf die Betroffenheit von sexuellem Missbrauch der Anteil von Mädchen etwa 3x höher ist als jener der Jungen. Ausgehend von diesen allgemeinen Annahmen ist es wichtig, die je Geschlecht unterschiedlichen Gefährdungskontexte zu analysieren.

3 Gefährdungen

Forschungsergebnisse weisen mit einem relativ hohen Maß an Übereinstimmung darauf hin, dass sich die Kontexte, innerhalb derer sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige ausgeübt wird, je nach Geschlecht der Betroffenen unterscheiden. Allgemein lässt sich sagen, dass Mädchen eher im familiären Umfeld gefährdet sind (Zimmermann 2010), während bei Jungen ein erhöhtes Risiko besteht, dass sie in Institutionen und Organisationen Opfer sexualisierter Gewalt werden (UBSKM 2011; Bundschuh 2010; Bange 2007).

 

In diesem Zusammenhang ist darauf zu verweisen, dass sich die in der Öffentlichkeit so stark beachteten Aufdeckungen im Jahre 2010 in ihrer überwiegenden Mehrzahl auf Fälle in Institutionen bezogen, in denen Jungen betroffen waren. Dies ist als deutlicher Beleg für die Annahme zu werten, dass es einen Zusammenhang zwischen Gefährdungskontext und Geschlecht gibt, wobei diese Beobachtung auch durch internationale Befunde bestätigt wird (Bundschuh 2010; Terry 2008).

 

Einige Charakteristika sexualisierter Gewalt in Institutionen sind dabei von Bedeutung: Erstens ist – entgegen dem populären Bild, das durch die berechtigte mediale Skandalisierung transportiert wurde – das Ausmaß an innerinstitutioneller peer-Gewalt wesentlich höher als das Ausmaß jener Gewalt, die von erwachsenen Betreuungspersonen verübt wird (Helming et al. 2011; Gibbs/Sinclair 2000; Farmer/Pollock 1998; Khoury-Kassabri/Attar-Schwartz 2013). Zweitens scheint es eine systematische Koinzidenz mehrerer Gewaltformen zu geben, d.h. dass innerhalb jener institutionellen Kontexte, in denen körperliche und/oder psychische Gewalt vorkommt, ein erhöhtes Risiko besteht, dass die betreuten Minderjährigen auch von sexualisierter Gewalt betroffen sind (Davidson-Arad/Golan 2007; Spencer/Knudson 1992). Und drittens empfiehlt sich bei der Analyse von Gefährdungskontexten insofern eine ökologische Betrachtungsweise (Astor et al. 1996), als das Auftreten von Gewalt im Zusammenhang mit bestimmten institutionellen Charakteristika gesehen werden sollte. Solche Risikostrukturen betreffen zum Beispiel eine weitgehende Geschlossenheit von Systemen, ein geringes Ausmaß an pädagogischer Reflexion des Nähe-Distanz-Verhältnisses zwischen Betreuern und Betreuten oder das Fehlen externer Instanzen, die als Korrektiv wirksam werden könnten (Keupp et al. 2013; 2015; Bundschuh 2010).

 

Zum Verständnis sexualisierter Gewalt in Institutionen erscheint es daher sinnvoll, von definierbaren Risikokulturen zu sprechen, die durchaus nicht reduzibel sind auf das Wirken von Täterstrategien (Helming et al. 2011; Attar-Schwartz 2011). Inzwischen sind eine Reihe von Indikatoren verfügbar, anhand derer eingeschätzt werden kann, inwieweit das Klima einer Institution mit Gefährdungsrisiken assoziierbar ist. Dazu gehören vor allem Mitbestimmungsmöglichkeiten der Betreuten, das subjektive Sicherheitsgefühl der Betreuten, das Ausmaß an subjektiv wahrgenommener Selbstwirksamkeit, das Ausmaß an Identifikation mit den Regeln der Einrichtung, die wahrgenommene Unterstützung durch das Personal und die wahrgenommene Fairness im Handeln der Pädagogen (Furlong et al. 2005; Benbenishty et al. 2002). Diese Erkenntnisse zusammenfassend liegt die Annahme nahe, dass Jungen vor allem dann von sexualisierter Gewalt gefährdet und betroffen sind, wenn sie in Institutionen untergebracht sind, die von einem Mangel an gewaltpräventiven Strukturen gekennzeichnet sind. Dort ist mit einem erhöhten Auftreten verschiedener Gewaltformen v.a. auch in Form von peer-Gewalt zu rechnen.

 

Ein besonderes Augenmerk ist in diesem Zusammenhang auf kirchliche Institutionen zu legen. Auch wenn die Gefahr besteht, dass sich die öffentliche Wahrnehmung sexualisierter Gewalt an Jungen auf den Bereich Kirche verengt, so besteht andererseits mittlerweile kein Zweifel daran, dass es sich hier um einen Kontext handelt, innerhalb dessen männliche Kinder und Jugendliche überzufällig häufig entsprechenden Gefährdungen ausgesetzt waren (für einen Überblick siehe Hackenschmied/Mosser im Druck). Dieser Umstand wird sowohl durch internationale als auch nationale Untersuchungen verdeutlicht (Fernau/Treskow/Stiller 2014). So liegen etwa für die USA (Terry 2008), Irland (Commission to Inquire into Child Abuse 2009), Niederlande (Deetman et al. 2011) oder Österreich (Unabhängige Opferschutzanwaltschaft 2012) erschreckende Zahlen bezüglich des Ausmaßes an sexualisierter Gewalt im Kontext Kirche vor. Für Deutschland liegen neben ersten quantitativen Daten (UBSKM 2011; Zimmer et al. 2014) vor allem qualitative Studien vor, die die besondere Funktionsweise kirchlicher Gefährdungskontexte beschreiben (Bange at al. 2014; Keupp et al. 2013).

 

Dabei fanden Keupp et al. (2013; 2015) folgende geschlechtsbezogene institutionelle Risikofaktoren: (1) Eine rigide Orientierung an traditionellen katholischen Männlichkeitsvorstellungen, (2) eine gering ausgeprägte zwischenmenschliche Emotionalität und einen damit einher gehenden Mangel an sozialer Unterstützung, (3) ein männliches Bewältigungsverhalten, das auf Bagatellisierung und Normalisierung erlebter Gewalt basiert, (4) fehlende soziale Korrektive, z.B. auch durch weibliches Personal oder weibliche Mitschülerinnen, (5) Formen von Sexualität, die im strikt geschlechtshomogenen Kontext als homoerotisch, homophob und gewaltaffin beschrieben werden, wobei der Einfluss pädosexueller Täter sowie das Fehlen sexualpädagogischer Konzepte in destruktiver Weise wirkten. Inwieweit eine besondere Gefährdung männlicher Minderjähriger in kirchlichen Institutionen auch noch für die Gegenwart behauptet werden kann, lässt sich derzeit schwer einschätzen, allerdings sind augenfällige Probleme bei der diesbezüglichen Vergangenheitsbewältigung und Verantwortungsübernahme auf Seiten der Kirche zu beobachten (Keupp et al. 2015; Pfeiffer/Mößle/Baier 2014).

4 Probleme bei der Aufdeckung und Hilfesuche bei sexualisierter Gewalt an Jungen

Die aktuelle MiKADO-Studie bestätigt bisher vorliegende Erkenntnisse über die Schwierigkeiten bei der Aufdeckung sexualisierter Gewalt in deutlicher Weise, wobei folgendes Befundmuster repliziert wird (MiKADO 2015):

 

  1. Ein Großteil (ca. zwei Drittel) der Betroffenen deckt den erlittenen sexuellen Missbrauch entweder gar nicht oder erst im fortgeschrittenen Erwachsenalter auf (London et al. 2005; Mosser 2010b).
  2. Fast alle Mitteilungen über erlebte sexualisierte Gewalt werden innerhalb privater Zusammenhänge platziert (Ullman/Filipas 2005; Priebe/Svedin 2008). (In der MiKADO-Studie haben sich insgesamt nur 1% (!) aller Betroffenen gegenüber Jugendämtern oder Polizei anvertraut).
  3. Betroffene Mädchen decken den an ihnen begangenen sexuellen Missbrauch häufiger auf als Jungen (Priebe/Svedin 2008; Paine/Hansen 2002; Edinburgh/Saewyc/Levitt 2006). Im Rahmen des in diesem Beitrag fokussierten Themenbereichs verdient vor allem der letzte Punkt Beachtung. In Relation zu bisher vorliegenden Befunden ist das Ergebnis der MiKADO-Studie vor allem deshalb bemerkenswert, weil der geschlechtsabhängige Unterschied im Aufdeckungsverhalten außerordentlich groß ist (47% der betroffenen weiblichen jungen Erwachsenen und nur 18% ihrer männlichen Altersgenossen gaben an, dass sie sich bezüglich ihrer sexuellen Gewalterfahrung anderen gegenüber anvertraut haben) und auf eine sehr umfangreiche Gesamtstichprobengröße (n = 7.909) zurückgegriffen werden konnte.

Welche besonderen Schwierigkeiten bestehen für männliche Opfer sexualisierter Gewalt in Bezug auf die Aufdeckung solcher Erfahrungen? In der Forschungsliteratur etabliert sich eine Sichtweise, wonach Aufdeckungsprozesse weniger von bestimmten Fähigkeiten oder Charakteristika Betroffener moduliert werden, sondern dass es sich dabei um ein systemisches Geschehen handelt, in dem mikrosoziale Prozesse ebenso einfließen wie gesellschaftliche Rollenbilder, die mit dem jeweiligen Geschlecht assoziiert sind (Kavemann et al. 2016; Dissens e.V. im Druck; Mosser 2009; Holmes/Offen/Waller 1997). Anhand zweier Zitate aus Interviews, die Mosser (2009) im Rahmen seiner Studie geführt hat, soll die Verschränkung dieser Dynamiken verdeutlicht werden. Eine Mutter äußerte folgende Befürchtung hinsichtlich der Entwicklung ihres betroffenen Sohnes:

 

„Und wenn jetzt das Problem kommt, weil ich das schon mal gehört oder im Fernsehen gesehen hab‘, dass vielleicht solche Kinder halt schwul sein können. Da hab‘ ich gedacht, um Gottes Willen, was wird das dann noch werden!“ (S. 208).

 

Ein betroffener Junge beschrieb seine Selbstwahrnehmung in Folge der sexuellen Viktimisierung wie folgt:

 

„Man wollte einfach nicht, dass die Persönlichkeit sozusagen... Dass man selber damit ein Leben lang geschändet ist und dadurch auch nichts Großes machen oder werden kann.“ (S. 162).

 

Exemplarisch wird hier deutlich gemacht, dass das Problem der Aufdeckung in engem Zusammenhang steht mit Fragen der Identität, vor allem auch mit Problemen der Geschlechteridentität (Mosser 2009). Es besteht demzufolge ein bedeutender Unterschied zwischen dem Erleben von sexualisierter Gewalt und der Mitteilung derselben. Indem die eigene sexuelle Viktimisierung der sozialen Verhandlung preisgegeben wird, liefert sich der Junge möglicherweise unkontrollierbaren Diskursdynamiken und Zuschreibungen aus, die er mit einer Schwächung des Selbstbildes assoziiert.

 

Ein wenig bekanntes historisches Beispiel zeigt, wie massiv solche Verunsicherungen wirken und dass es vor allem antizipierte Ängste sind, die sexuell misshandelte Jungen davon abhalten, ihre Gewalterfahrung zu kommunizieren. Das folgende Zitat stammt von C.G. Jung aus einem Brief an Sigmund Freud vom 28. Oktober 1907:

„Dieses abscheuliche Gefühl stammt daher, dass ich als Knabe einem homosexuellen Attentat eines von mir früher verehrten Menschen unterlegen bin (...) (Höfer 1997; S. 20).

 

An anderer Stelle erklärt Jung zu seinem Umgang mit dieser Erfahrung:

„Jahrzehntelang lag von der Kindheit her ein strenges Tabu darauf. Meine ganze Jugend kann unter dem Begriff des Geheimnisses verstanden werden. Ich kam dadurch in eine fast unerträgliche Einsamkeit, und ich sehe es heute als eine große Leistung an, dass ich der Versuchung widerstand, mit jemandem davon zu sprechen.“ (Höfer 1997; S. 16).

 

Fünf Tage, nachdem sich Jung gegenüber Freud anvertraut hatte, schrieb er ihm – offenbar geplagt von Ängsten, die sich auf mögliche Konsequenzen der Aufdeckung bezogen - unter anderem folgende Zeilen:

 

"Ich falle in alle Besorgnisse des analytisch behandelten Kranken, indem ich mir alle möglichen Befürchtungen ausmalen muss über eventuelle Folgen meiner Beichte.“ (Höfer 1997, S. 25).

 

Dieses Selbstbekenntnis von C.G. Jung kann in mehrfacher Hinsicht als paradigmatisch für die emotionale Situation sexuell misshandelter Jungen angesehen werden: Die identitätsstiftende Wirkung der Viktimisierung, das Problem der sozialen Isolation, die Umdeutung des Schweigens in eine „stolze Leistung“ und die Angst vor den unkalkulierbaren sozialen Reaktionen auf die Aufdeckung gehören zum weitverbreiteten psychologischen und verhaltensbezogenen Repertoire sexuell misshandelter Jungen. Es ist wichtig, dieses psychologische Geschehen nicht isoliert zu sehen.

 

Neben diesen individuellen Schwierigkeiten bestehen sowohl auf einer mikro- als auch auf einer meso – und makrosoziologischen Ebene bestimmte Aufdeckungshemmnisse, die mit Geschlechtsrollenzuschreibungen im Kontext sexualisierter Gewalt verbunden sind (Lenz 2014; Lenz 2010b; Mosser 2009; Mosser 2010b; Dissens e.V. im Druck; Holmes/Offen/Waller 1997):

 

  1. Nahe Bezugspersonen ziehen die Möglichkeit, dass auch ein Junge von sexualisierter Gewalt betroffen sein könnte, eher weniger in Betracht,
  2. Institutionen sind auf sexualisierte Gewalt, die an Jungen begangen wird, weniger vorbereitet,
  3. es existiert eine gesellschaftlich weit verbreitete Abwehr männlicher Gewaltbetroffenheit. Lenz (2002) beschreibt dieses Bedingungsgefüge als „Koalition des Verschweigens“, die es betroffenen Jungen erheblich erschwert, sich in Bezug auf eigene sexualisierte Viktimisierungserfahrungen ihren Mitmenschen gegenüber anzuvertrauen.

 

Die empirisch inzwischen gut fundierten spezifischen Probleme männlicher Betroffener sexualisierter Gewalt verweisen auf diese Verschränkung individueller Blockaden mit sozialen Zuschreibungsprozessen. Als zentral gelten dabei die folgenden Aspekte (Teram et al. 2006; Tremblay/Turcotte 2005; Romano/De Luca 2001; Spataro/Moss/Wells 2001):

 

  1. Das Erleiden von Opfererfahrungen gilt als unmännlich,
  2. sexualisierte Gewalt, zumal wenn sie von Frauen gegen Jungen ausgeübt wird, ist anfällig für Umdeutungen und Verharmlosungen,
  3. Das Erleiden von sexualisierter Gewalt durch gleichgeschlechtliche Täter wird (nicht nur) von den Opfern mit Homosexualität assoziiert. Die Opfer fühlen sich häufig homosexuell im Sinne von „nicht-männlich“ (Schlingmann 2010).
  4. Männlichen Opfern sexualisierter Gewalt wird eine erhöhte Wahrscheinlichkeit zugeschrieben, dass sie später selbst zu Tätern werden können. (
  5. Sozialisationsbedingt werden Jungen und Männern Probleme bei der Identifikation und beim Ausdruck von Gefühlen zugeschrieben.

Es ist wichtig, den Prozess der Aufdeckung vom Prozess der Hilfesuche zu unterscheiden. Dass sich Jungen anvertrauen, bedeutet nicht automatisch, dass sie sich um Hilfe und Unterstützung bemühen. Wie oben angedeutet, nehmen nur die wenigstens betroffenen Jungen in Folge ihrer Viktimisierung professionelle Hilfe in Anspruch (MiKADO 2015; Ullman/Filipas 2005; Priebe/Svedin). Dies steht in Zusammenhang mit der Angst vor sozialen Reaktionen und der Verharmlosung der Auswirkungen sexualisierter Gewalt.

 

Forschungsergebnisse zeigen übereinstimmend, dass betroffene Mädchen ihre Viktimisierungserfahrung signifikant belastender einschätzen als sexuell misshandelte Jungen (MiKADO 2015; Ullman/Filipas 2005). Dazu kommt ein Sozialisationsmodus, der es Jungen nahe legt, die Angewiesenheit auf Hilfe und Unterstützung als Ausdruck eigener Schwäche zu interpretieren.

 

Solche Mechanismen sind in der Forschung zur Geschlechtsdetermination von Gesundheitsverhalten vielfach nachgewiesen (Galdas/Cheater/Marshall 2005). So zeigen etwa Richardson/Rabbiee (2001), dass aus der Perspektive männlicher Jugendlicher ein Problem sowohl körperlich als auch hinreichend schwer sein muss, damit Hilfesuche gerechtfertigt erscheint. Bagatellisierte psychologische Probleme in der Folge sexualisierter Gewalterlebnisse bieten daher wenig Anlass für Hilfesuchaktivitäten.

 

Zusätzlich zum Geschlecht spielen in Bezug auf Zugänge zum professionellen Hilfesystem vor allem auch entwicklungspsychologische Aspekte eine bedeutende Rolle (Helming et al. 2011). Kinder und Jugendliche sind hinsichtlich der Inanspruchnahme von Hilfen auf Erwachsene angewiesen, die ihnen die entsprechenden Zugänge verschaffen (Eich/Reiter/Reiter-Theil 1997). Anlass dafür können häufig prospektive Vermutungen darüber sein, wie sich die sexualisierte Gewalterfahrung im weiteren Lebenslauf des betroffenen Jungen auswirken könnten (siehe dazu das oben angeführte Zitat einer Mutter). Betroffene Kinder und Jugendliche werden dem Hilfesystem nur mehr oder weniger freiwillig zugeführt. Dabei ist es wichtig, dass ihnen im Rahmen der Hilfe ein hohes Maß an Mitgestaltungmöglichkeiten zugestanden wird und ihre Autonomiebedürfnisse Berücksichtigung finden (Mosser 2014). Häufig nehmen Betroffene erst als Erwachsene professionelle Hilfen in Anspruch (Helming et al. 2011). Grundlage dafür ist in vielen Fällen eine retrospektive Deutung, wonach bestimmte im Lebensverlauf persistierende Probleme mit der früheren sexuellen Viktimisierung in Zusammenhang stehen. Unzweifelhaft eröffnete die in einer breiten Öffentlichkeit diskutierte Aufdeckungswelle im Jahr 2010 vielen Männern die Möglichkeit, ihre eigene Betroffenheit anzuerkennen und Hilfe für sich in Anspruch zu nehmen.

5 Geschlechtsspezifische Aspekte in Bezug auf Auswirkungen und Bewältigung

Die wissenschaftliche Literatur über die Folgen sexualisierter Gewalt hat sich in den vergangenen Jahren stark ausdifferenziert (Chen et al. 2010; Zimmermann/Neumann/Celik 2011; Görgen/Rauchert/Fisch 2012; Mosser im Druck). Auch die Rolle des Geschlechts im Zusammenhang mit der Ätiologie von Schädigungswirkungen wird immer wieder Gegenstand der Forschung (Cashmore/Shackel 2014). Die Genderfrage ist dabei ein wesentlicher Bestandteil einer ökologisch orientierten Konzeption von Folgen, die über kausal begründete Modelle hinausgeht. Es existiert zwar eine umfangreiche Literatur, die die Zusammenhänge zwischen sexualisierten Viktimisierungserfahrungen und darauf folgenden Belastungen vorwiegend psychodiagnostisch definiert, aber der Erklärungswert solcher Arbeiten muss als begrenzt eingeschätzt werden, da die darin generierten Zusammenhänge korrelativ sind und wesentliche Aspekte im Erleben Betroffener unberücksichtigt lassen.

 

Aussagekräftiger sind Zugänge, die jenseits psychischer Belastungen auch soziale und kognitive Beeinträchtigungen erheben, die vor allem auf der Ebene von Beziehungen sowie im Bereich von Ausbildungs- und Berufsbiographien operationalisiert werden (Helming et al. 2011). Das Problem einer psychodiagnostisch orientierten Folgenforschung besteht unter anderem auch darin, dass standardisierte Diagnosen nicht geschlechtssensibel sind (Johnson/Stewart, 2010; Knefel/Lueger-Schuster 2013). Zwar gibt es erhebliche Unterschiede in der Geschlechterverteilung in Bezug auf relevante Diagnosen (Steinhage 2009; Ullman/Filipas 2005), aber daraus lässt sich per se noch nicht erschließen, auf welch unterschiedliche Arten und Weisen weibliche vs männliche Betroffene auf sexualisierte Gewalt reagieren. Dies gilt insbesondere für die posttraumatische Belastungsstörung, die als klassische Folgestörung für sexualisierte Gewalt gilt, jedoch nicht sensibel ist für die Lebensbedingungen, Bewältigungsressourcen und das Geschlecht von Betroffenen (Mosser/Schlingmann 2013).

Der Aspekt des Geschlechts erhält vor allem in der Kombination mit der Betrachtung von Entwicklungsaspekten Relevanz (Helming et al. 2011). Gahleitner (2008) hat gezeigt, dass eine zunehmende Bewusstwerdung hinsichtlich gesellschaftlich determinierter Rollenzuschreibungen das eigene Selbstbild als Betroffene bzw. Betroffener moduliert. Für heranwachsende Jungen bringt dies ein erhöhtes Risiko mit sich, das eigene Selbstbild als Opfer zunehmend diskrepant zu männlichen Rollenanforderungen zu sehen. Gahleitner gelangt daher zu der Einschätzung, dass sich Mädchen und Jungen in Bezug auf die Initialfolgen sexualisierter Gewalt kaum voneinander unterscheiden, während die Langzeitfolgen immer stärker von bewusst gewordenen geschlechtstypischen Sozialisationsanforderungen überformt werden.

 

Demzufolge stelle nach Gahleitner eine hohe Flexibilität im Geschlechtsrollenverständnis einen wichtigen salutogenetischen Faktor bei der Bewältigung sexueller Viktimisierungen dar. Geht man einen Schritt weiter, dann lässt sich die Frage aufwerfen, inwieweit man überhaupt von Folgen sexualisierter Gewalt sprechen kann oder ob es nicht angemessener wäre, Belastungsphänomene unter dem Aspekt mehr oder weniger gelungener Bewältigungsversuche Betroffener zu betrachten (Schlingmann 2009). In diesem Zusammenhang spielen grundlegende Konzepte wie Vulnerabilität und Resilienz eine wichtige Rolle, die beschreiben, dass Menschen über sehr unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen in Bezug auf die Bewältigung sexueller Viktimisierungserfahrungen verfügen. Im weiteren Verlauf wiederum ist es entscheidend, unter welchen Bedingungen die Bewältigung stattfinden kann.

 

Die Untersuchungen zu Gewaltvorkommnissen in katholischen Klosterinternaten zeigten in diesem Zusammenhang deutlich, wie dysfunktionale Sozialisationsbedingungen einen besonders problematischen Rahmen zur Bewältigung von Gewalterfahrungen bildeten (Keupp et al. 2013; Keupp et al. 2015). Diese Bedingungen sind durch folgende Aspekte gekennzeichnet:

 

  1. Frühe Sozialisation in einem hermetischen System,
  2. Entwicklungsaufgaben des (frühen) Jugendalters (wie z. B. Autonomie, Selbstkonzept, sexuelle Orientierung) müssen innerhalb stark isolierter „Mikrokosmen“ bewältigt werden,
  3. Heranwachsende sind auf „Notgemeinschaften“ angewiesen, d.h. sie können ihre sozialen Ressourcen nicht frei wählen,
  4. aus dieser sozialen Konstellation entwickeln sich häufig lebenslange Freundschaften, die als Ver-Bindungen im Sinne einer negativen Umkehrung von Bindung bezeichnet werden und den Charakter traumatischer Bindungen annehmen können.

 

Wir finden demnach bei ehemaligen Schülern aus Klosterinternaten auffallend viele Hinweise auf das Vorliegen von Beziehungsstörungen (Keupp et al. 2015). Im schlimmsten Fall kommt es innerhalb solcher Settings zu weiteren Viktimisierungen im Sinne sequentieller Traumatisierungen, deren Effekte diagnostisch schwer erfassbar sind. Männliche Bewältigung, die häufig auf die Normalisierung und Bagatellisierung von Gewalt sowie auf den Versuch, mit dem Erlebten „alleine klar zu kommen“ zurückgreift, erscheint in vielen Fällen durchaus funktional. Das Problem dieser Strategie besteht aber häufig in einer Einschränkung sozialer Ressourcen und offenbart sich als Erschöpfungsverlauf (Mosser 2009) im Sinne einer „fortlaufenden und zunehmenden Überanstrengung, die zur Selbstentfremdung und zunehmenden Schwächung des psychologischen Immunsystems führt“ (Schütze 1983, S.99).

Als spezifische Folge sexualisierter Gewaltanfahrungen an Jungen wird die Entwicklung eigenen sexuell übergriffigen Verhaltens diskutiert. Zu dieser Problematik gibt es inzwischen eine Reihe wissenschaftlicher Befunde, die eine Sichtweise nahelegen, wonach die Betroffenheit von sexualisierter Gewalt nur unter bestimmten Risikobedingungen zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit führt, dass Jungen im weiteren Verlauf tatsächlich selbst übergriffig werden (Kindler/Schmidt-Ndasi 2011; Bange 2010).

Die Frage, ob sexualisierte Gewalterfahrungen zur Beeinträchtigung der Sexualität im Erwachsenenalter führt, ist ebenfalls Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, wobei auffällt, dass speziell zu dieser Frage vor allem medizinische und kaum psychologische Arbeiten vorliegen (Büttner et al. 2014; Haase et al. 2009; Strauß/Mette-Zillessen 2000; Laumann et al. 1999).

 

Die meisten Studien finden Korrelationen zwischen sexualisierten Viktimisierungserfahrungen und sexuellen Auffälligkeiten, wobei ganz allgemein zwischen hypo- und hypersexuellen Störungen unterschieden wird (Büttner et al. 2014). Hyposexuelle Störungen zeigen sich als Vermeidung oder mangelndes Interesse an Sexualität, während zwanghaftes oder promiskuitives Sexualverhalten als Ausdruck einer hypersexuellen Störung gesehen wird. Der Befund, wonach weibliche Patientinnen vor allem hyposexuelle Auffälligkeiten berichten, während hypersexuelles Verhalten stärker bei männlichen Patienten zu finden ist (Büttner et al. 2014), wirft einmal mehr die Frage nach der Rolle des Geschlechts sowie sozialisations- bzw. kulturbezogener Aspekte bei der Entstehung und Interpretation psychodiagnostischer Phänomene auf.

 

Als Folge von Gewalterfahrungen werden auch sexuelle Funktionsstörungen im Sinne einer reduzierten sexuellen Ansprechbarkeit nachgewiesen (Amann/Wipplinger 2013; Julius/Boehme 1995). Einige Autorinnen sehen diesen Zusammenhang durch die Entwicklung psychischer Symptome, die dem Bild einer posttraumatischen Belastungsstörung entsprechen, vermittelt (Haase et al. 2009).

 

Insgesamt erscheint aber die Datenlage wenig überzeugend, weil sie hauptsächlich auf einfachen korrelativen Zusammenhängen beruht, die der Komplexität der sexuellen Entwicklung nicht gerecht zu werden scheinen. Eine Ausnahme stellt die Arbeit von Hall (2008) dar, die Manifestationen von Sexualität im Kontext ihrer gesellschaftlichen Begleitumstände zu erklären versucht. Hall nennt folgende wahrscheinliche Hintergründe für sexuelle Probleme:

 

  1. Soziokulturelle, politische und ökologische Faktoren,
  2. Partnerschafts- und Beziehungsfaktoren,
  3. psychologische Faktoren und
  4. physiologische und medizinische Faktoren.

 

Die Autorin vermerkt explizit, dass Geschlechtsrollen und Geschlechtsrollenerwartungen bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung sexueller Probleme eine bedeutende Rolle spielen können. Im Gegensatz zu einer rein traumaorientierten Sichtweise geht Hall davon aus, dass das Erleben von sexuellem Missbrauch auf viele verschiedene Weisen beeinflussen kann, welche Sichtweisen Menschen auf Sex haben, welche Partner sie wählen und welche sexuellen Aktivitäten sie bevorzugen bzw. ablehnen.

 

Anhand von Fallbeispielen weist sie exemplarisch folgende Dynamiken nach, die den Zusammenhang zwischen der Erfahrung sexualisierter Gewalt und dem Erleben sexueller Probleme modulieren:

 

  1. Indem sexueller Missbrauch vor allem auch als Missbrauch von Macht erlebt wird, können wahrgenommene Machtunterschiede in der erwachsenen Partnerschaftsbeziehung destruktiv wirken.
  2. Da eine Einschränkung bezüglich sozioökonomischer Ressourcen in der Folge sexueller Gewalterfahrungen den Zugang zu Information, Gesundheitsfürsorge und Erholung erschwert, wird das Erleben einer befriedigenden Sexualität unwahrscheinlich.
  3. Kulturelle Definitionen von Männlichkeit können zu Überforderungen männlicher Betroffener in der erwachsenen Paarbeziehung führen.

 

Verzerrte Wahrnehmungen und dysfunktionale Attributionsstile wirken entsprechend destruktiv. Die von Hall (2008) genannten Aspekte sind exemplarisch. Die Stärke dieses Ansatzes liegt aber darin, dass über einfache Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge hinausgegangen wird und unter anderem Fragen der Geschlechtsrollensozialisation bei der Entwicklung der Sexualität eine bedeutende Rolle zugemessen wird.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich in den vergangenen Jahren insbesondere auch in Deutschland die Wahrnehmung der männlichen Betroffenheit von sexualisierter Gewalt zunehmend ausdifferenziert hat. Es ist zu hoffen, dass die gewonnenen Erkenntnisse zu einer fortschreitenden Enttabuisierung des Themas und somit auch zur Entstigmatisierung Betroffener führt. Hilfreich scheint hier vor allem eine ganzheitliche Sichtweise, die die Bedeutung des Faktors Geschlecht anerkennt und seine Wechselwirkungen zu anderen Sozialisationsbedingungen berücksichtigt.

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Autor

  • Dr. Peter Mosser

    Dr. Peter Mosser ist Psychologe bei der Münchner Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle "kibs" für männliche Opfer sexueller Gewalt.

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Buchtipp

Kavemann, Barbara et al. (2016): Erinnern, Schweigen und Sprechen nach sexueller Gewalt in der Kindheit. Ergebnisse einer Interviewstudie mit Frauen und Männern, die als Kind sexuelle Gewalt erlebt haben. Springer Verlag.

Buchtipp

Mosser, Peter /Lenz, Hans-Joachim (Hrsg.) (2014): Sexualisierte Gewalt gegen Jungen: Prävention und Intervention: Ein Handbuch für die Praxis. Springer VS.