Einführung

verfasst von Dr. Monika Friedrich

1 Überlegungen zu Gewalt und sexueller Gewalt

Seit Beginn der Diskussion über Sexualvergehen an Kindern hat ein Begriffswandel stattgefunden. Der neueste Begriff „sexualisierte Gewalt“ spiegelt wissenschaftlich notwendige Differenzierungen wider. Er weist auch auf die gesellschaftliche und individuelle Sensibilisierung gegenüber den vielfältigen neuen Formen der Gewalt gegen die sexuelle Integrität von Kindern hin (wie Pornografie in den neuen Medien, Sexting, Sex-Tourismus etc.).

Eine eindeutige und für alle konsensfähige Definition der sexualisierten Gewalt hingegen gibt es bis heute nicht. Unterschiedliche Ansätze in Forschungsmethodik, Diagnostik und bei therapeutischen Zielsetzungen z.B. erschweren eine eindeutige und allgemein akzeptierte Definition (Vgl. Koch/Kruck 2000, S.3).

Dennoch möchte ich eine Definition voraus schicken, die gegenwärtig in der Literatur häufig verwendet wird und in Fachkreisen weitgehend akzeptiert ist.

„Sexueller Missbrauch an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird. Kinder können aufgrund ihrer körperlichen, psychischen, kognitiven und sprachlichen Unterlegenheit sexuellen Kontakten mit Erwachsenen nicht zustimmen. Der Täter [die Täterin, M.F.] nutzt seine [ihre] Macht- und Autoritätsposition aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.“ (Bange 2010, S. 4)

Bange verweist auf den Aspekt der Macht, die bei sexuellen Übergriffen eine wichtige Rolle spielen. Fauser macht darüber hinaus die in dieser Definition nur implizit angesprochene Gewalt explizit:

„Sexueller Missbrauch ist eine besonders verwerfliche Form der Gewalt und der Verletzung der Menschenrechte von Kindern“ (Fauser 2010, S.12).

Zu wissen, worüber wir sprechen erfordert nicht nur eine Definition, sondern auch, die sexuellen Gewalthandlungen gegen Kinder und Jugendliche klar und deutlich zu benennen:

Sie umfassen u.a: Vergewaltigungen, anal, oral oder vaginal, mit Fingern, Gegenständen oder dem Penis. Kinder werden gezwungen, Erwachsene mit der Hand oder dem Mund zu befriedigen, an Pornoaufnahmen teilzunehmen, pornografische Produkte anzusehen oder Sexting. Sie werden weiter gezwungen, den Täter, die Täterin nackt zu sehen und anzufassen, sich gegen ihren Willen nackt zu zeigen und berühren zu lassen, Zungenküsse zu geben oder zu empfangen und z.B. lüsterne Blicke und Redensarten zu ertragen.

Dieser Aufzählung unterliegt der weit gefasste Begriff von sexuellen Übergriffen gegen Kinder, der mit „sexualisierte Gewalt“ umschrieben wird. Dennoch wird im  Folgenden der Begriff „sexuelle Gewalt“ verwendet, weil der Zusammenhang zwischen sexuellen Übergriffen und verschiedenen Formen von Gewalt  aufgezeigt werden soll.

Betroffen sind Kinder aller Altersgruppen. Auch Säuglinge und Kleinkinder werden  Opfer sexueller Gewalt. Am häufigsten betroffen sind aber Kinder im Grundschulalter, zum größten Teil Mädchen, aber auch Jungen. Studien belegen, dass in Deutschland ca. jedes fünfte Mädchen und etwa jeder zehnte Junge sexuelle Gewalt erfahren hat oder noch erfährt (vgl. Bange 2010, S.4).

Sexualisierte Gewalt wird am häufigsten von Männern ausgeübt. Aber auch Frauen werden zu Täterinnen. Bei Mädchen sind es bis zu 10 Prozent, bei Jungen bis zu 20 Prozent Frauen, die sexuelle Gewalthandlungen an den Kindern begehen. Sie finden in allen Gesellschaftsschichten statt.

2 Typen sexueller Gewalt

Um sexuelle Gewalthandlungen an Kindern und Jugendlichen besser zu verstehen, müssen wir den Blick auf die verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen richten, auf denen es Gewaltbeziehungen gibt: die personale, die strukturelle und die symbolische Ebene einer Gesellschaft.

Neben anderen Gewaltbeziehungen wie z.B. Gewalt gegen alte Menschen oder gegen Frauen, findet auch sexuelle Gewalt an Kindern auf allen drei Ebenen statt: 

  • Die personalen oder direkten sexuellen Gewaltbeziehungen finden auf der Ebene zwischenmenschlicher Interaktion statt,
  • die im gesamtgesellschaftlichen System vorherrschenden strukturellen sexuellen Gewaltbeziehungen wirken sich auf Teile von ganzen gesellschaftlichen Gruppen aus und
  • die in alltägliche Interaktionsverhältnisse eingelagerte symbolische sexuelle Gewalt durchzieht die gesamte Gesellschaft.

 

Ehe nun aber genauer beschrieben werden kann, was unter personaler, struktureller und symbolischer sexueller Gewalt verstanden wird, muss geklärt werden, was mit personaler, struktureller und symbolischer Gewalt gemeint ist:

2.1 Personale Gewalt

Sie findet zwischen Individuen in konkreten Interaktionen statt. Die von der Gewalt Betroffenen und die Gewalt Ausübenden sind eindeutig identifizierbar, auch wenn letztere nicht immer sofort bekannt sind. Personale Gewalt wirkt direkt und kann sowohl physischer als auch psychischer Natur sein.

2.1.1 Personale sexuelle Gewalt

Mit personaler oder direkter sexueller Gewalt befinden wir uns auf gut  bekanntem alltäglichem Terrain. Alle Beschreibungen konkreter Fälle sexuellen Missbrauchs  nämlich sind Beschreibungen personaler sexueller Gewalt.

Bei personaler sexueller Gewalt gibt es konkret handelnde Personen (hier also Täter und Täterinnen), die die sexuelle Gewalt ausüben, und Individuen (hier Kinder und Jugendliche), die dieser Form der Gewalt ausgesetzt sind.

Personale sexuelle Gewalt findet in direkten Interaktionen statt. Die Täter/Täterinnen kommen meist dem sozialen Umfeld und bedienen sich bestimmter Methoden, die in unterschiedlichen Kombinationen immer verwandt werden, um sich der Opfer zu bemächtigen und sie gefügig zu machen. Meist verwenden sie psychosoziale Gewalt, aber auch physische Gewalt wird eingesetzt.

Dabei bedienen sie sich folgender Methoden:

Sie nutzen z.B. das schon vorhandene oder von ihnen gezielt aufgebaute Vertrauen  aus und zerstören oft gleichzeitig das Vertrauensverhältnis zu anderen Erwachsenen. Sie schüchtern ihre Opfer ein, drohen (wenn Du nicht schweigst, geschieht etwas Schlimmes) oder überreden sie. Sie verunsichern sie moralisch (was wir hier tun, willst du doch auch) und beuten ihre Verletzlichkeit aus (z.B. durch die Androhung von Liebesentzug). Sie übertragen ihren Opfern die Schuld am Geschehen. Sie manipulieren die Kinder auch (wie besonders in Inzestfällen) durch positive Beeinflussung und Bevorzugung und fordern für Geschenke und Privilegien Willfährigkeit und Gefügigkeit.

2.1.2 Auswirkungen auf die Opfer

Die betroffenen Kinder und Jugendlichen reagieren mit Angst, häufig mit Hass-Liebe und dulden die sexuellen Übergriffe aus Angst vor Liebes- und Zuwendungsverlust. Sie versuchen durch extreme Alarmbereitschaft, Anpassung und Unterwerfung die bedrohliche Situation zu bewältigen. Sie übernehmen die Schuld für die sexuellen Handlungen und internalisieren sie. Sie reagieren mit moralisch-ethischer Verwirrung, ihr Selbstwertgefühl wird verunsichert und in vielen Fällen zerstört. Sie fühlen sich verraten und ohnmächtig.

Im Gegensatz zu diesem direkten und durch einzelne, identifizierbare Täter- und Opfer-Personen gekennzeichneten Gewalttypus ist die strukturelle sexuelle Gewalt, abstrakter und nicht so leicht erkennbar. Auch hier ist zuerst eine Klärung erforderlich, was unter struktureller Gewalt zu verstehen ist, ehe die strukturelle sexuelle Gewalt näher beschrieben werden kann.

2.2 Strukturelle Gewalt

Diese Form der Gewalt ist generell in gesellschaftliche Institutionen (wie z.B. Familie, Schule, Justiz, Vereinswesen, Kirche, Sport etc.) und in gesellschaftliche Strukturen (wie z.B. Armut in einer Gesellschaft bei gleichzeitigem Reichtum) eingelagert.


Galtung verdeutlicht den Unterschied zwischen personaler und struktureller Gewalt mit einem einprägsamen Beispiel: Wenn ein Ehemann seine Ehefrau schlägt, dann ist das personale Gewalt. Wenn aber eine Million Ehemänner eine Million Ehefrauen in Unwissenheit halten, dann ist das strukturelle Gewalt (vgl. Galtung, 1975:13).

Ehe auf strukturelle sexuelle Gewalt eingegangen werden kann, soll eine Definition helfen, die genauer umreißt, was allgemein unter struktureller Gewalt zu verstehen ist:

Strukturelle Gewalt liegt dann vor, „wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische [körperliche, M.F.] und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potenzielle Verwirklichung… Gewalt wird hier definiert als die Ursache für den Unterschied…zwischen dem was hätte sein können und dem was ist. (Galtung 1975, S. 9).

Strukturelle Gewalt ist demnach eine indirekte Form von Gewalt. Sie produziert ebenfalls Opfer, aber es sind nicht einzelne Personen, sondern Teile ganzer gesellschaftlicher Gruppen, so z.B. Teile der Gruppe der Kinder, der Frauen, der Alten oder der Behinderten, um nur drei weitere betroffene Gruppen zu nennen.

Es gibt auch keine individuellen Täter/Täterinnen, die identifizierbar sind und verantwortlich gemacht werden können. Verantwortlich sind spezifische organisatorische oder gesellschaftliche Strukturen und Lebensbedingungen, die strukturelle Gewalt begünstigen. 

2.2.1 Strukturelle sexuelle Gewalt

Wenn strukturelle Gewalt, wie Galtung formuliert, als die ‚Ursache für den Unterschied zwischen dem, was hätte sein können und dem was ist‘ verstanden wird, dann wird deutlich, dass strukturelle sexuelle Gewalt eine spezifische Variante der strukturellen Gewalt ist. Sie bereitet den Boden dafür, dass z.B. für die betroffene  Gruppe der Kinder keine Möglichkeit besteht, ihre sexuelle Integrität zu wahren. Ihnen werden ein psychisch und physisch gesundes Aufwachsen, körperliche und psychische Unversehrtheit und eine gewaltfreie Kindheit und Jugend verwehrt. Sie werden ihrer Potenziale als gesunde starke Menschen beraubt.


Die institutionellen Strukturen, die sexuelle Gewalt ermöglichen, sind  von einem deutlichen Macht- und Autoritätsgefälle geprägt, d.h. von starken Machthierarchien, die Autoritätsgläubigkeit und Gehorsam fordern, fördern und pflegen. Sie bereiten damit den Boden für sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen und schützen oft noch die Täter und Täterinnen durch Solidarisierung mit ihnen. Ihr Hauptinteresse gilt dem Schutz der Reputation der Institution und nicht der Aufklärung der sexuellen Gewalt oder der Veränderung der Strukturen, die sie ermöglichen.

Aber auch gesellschaftliche Verhältnisse wie die Kluft zwischen Armut und Reichtum und die resultierende Chancenungleichheit zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen begünstigen sexuelle Gewalt. Darüber hinaus sind Diskriminierungen von Minderheiten und ungleiche Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau Strukturen, die sexuelle Gewalt begünstigen und so die Entfaltung der Potenziale der Menschen beeinträchtigen.

2.2.2 Auswirkungen auf die Opfer

Die Auswirkungen auf die Betroffenen sind vielfältig. Anpassung und Gehorsam werden innerhalb der Hierarchie erwartet, oft auch erzwungen. Die durch die Stellung innerhalb der Institution verliehene Autorität und Macht können missbraucht werden und begünstigen so sexuelle Übergriffe. Die Opfer fühlen sich gedemütigt,  ohnmächtig und ausgeliefert.

Aber auch das Wissen, zu einer Gruppe zu gehören, die weniger Chancen hat, die diskriminiert wird und/oder als „unterprivilegiert“ gilt, führt bei den Betroffenen zu Gefühlen der Ohnmacht und zu Resignation. Beide Reaktionen sind ein guter “Nährboden“ für unkritische Anpassung und Unterwerfung und erleichtern so sexuelle Übergriffe von Mächtigeren.

2.3 Symbolische Gewalt

Das Konzept der symbolischen Gewalt wurde von dem französischen Kultursoziologen Pierre Bourdieu entwickelt und ist sehr komplex. Seine Bedeutung erschließt sich nicht auf den ersten Blick, verweist aber auf Zusammenhänge, die eine wichtige Rolle bei sexueller Gewalt spielen. Deshalb stelle ich Ihnen dieses Konzept etwas detaillierter vor, ehe ich auf die besondere Form der symbolischen sexuellen Gewalt näher eingehe.

Das Konzept der symbolischen Gewalt fußt auf dem Konzept der kulturellen Gewalt Johan Galtungs: „Unter kultureller Gewalt verstehen wir jene Aspekte der Kultur, der symbolischen Sphäre unserer Welt – man denke an Religion und Ideologie, an Sprache und Kunst, an empirische und formale Wissenschaften (Logik, Mathematik) –, die dazu benutzt werden können, direkte oder strukturelle Gewalt zu rechtfertigen oder zu legitimieren“ (Galtung 1998:344).

Bourdieu ergänzt und vervollständigt diese Inhalte, indem er die Pfeiler herausarbeitet, auf denen die symbolische Gewalt ruht, und aufzeigt, wie die Opfer dieser Gewalt „an ihren eigenen Benachteiligungen mitwirken“...Der eine Pfeiler ist die objektive Tatsache des Symbolischen. Gesellschaftliche Hierarchien bilden sich…immer vermittelt über Symbole ab. Durch Symbole erkennen wir sie, akzeptieren sie als frei gewählt, naturgegeben, verdient u.Ä. und verkennen sie in ihrem sozialen Geworden-Sein, ihrer Genese. Sozial gemachte (d.h.’ungerechte’) Hierarchien werden durch Symbole in selbstverständliche, quasi-natürliche (d.h. ‚gerechte’) Hierarchien ‚verwandelt’“ (vgl. Schmitt 2006:21).

Schmitt nennt als leicht nachvollziehbares Beispiel den „’Schuster’, der es für gerecht hält, dass andere Menschen eine höhere Position im Sozialraum einnehmen, weil sie ‚Köpfchen haben’, studiert sind etc.“ (Schmitt 2006:21). Der andere Pfeiler ist, wie Schmitt formuliert, die „Komplizenschaft von Habitus und Struktur…Menschen, die in einer benachteiligten Umgebung aufwachsen bzw. die mit benachteiligten Gruppenzugehörigkeiten (z.B. weiblich, kleinbürgerlich…) versehen sind, erleben spätere Situationen der Benachteiligung möglicherweise gar nicht als fremd, sondern als etwas zu ihrem Habitus, zu ihrer Identität, Passendes“ (Schmitt 2006:21).

Symbolische Gewalt ist demnach „die Durchsetzung von Bedeutungen und ihrer Legitimität bei gleichzeitiger Verschleierung der Kräfteverhältnisse, die der Gewalt zu Grunde liegen“ (Rehbein, 2006:191). Sie ist „jene Form der Gewalt, die über einen sozialen Akteur unter Mittäterschaft dieses Akteurs ausgeübt wird“ (Bourdieu und Wacquant 1996:204). Und, sehr wichtig ist auch zu erkennen, sie „operiert sanft und alltäglich“ (Schmidt/Woltersdorff, 2008:8).

Ich möchte Ihnen das Konzept dieser „sanften und alltäglichen Gewalt“ an einem leicht nachvollziehbaren Beispiel aufzeigen.

Schauen wir uns die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau an, die oben als gesellschaftliche Struktur, die sexuelle Gewalt begünstigt, ausgewiesen wurde.

Wir alle gehen im Alltag davon aus, dass Frauen und Männer von Natur aus unterschiedlich (Schmitt 2006:21) sind und unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten haben. Es stellt sich aber die Frage, ob diese unterschiedlichen Eigenschaften wirklich angeboren, ein biologischer Tatbestand sind. Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass dies nicht der Fall ist! Mut, Risikobereitschaft, Dominanz, Aggressivität, Ängstlichkeit, Egoismus, Sanftheit oder Empathie etc. sind allgemein-menschliche Merkmale, keine spezifisch männlichen oder weiblichen. Die von uns als natürlich empfundenen Unterschiede sind in den sozialen Rollen (Gender) und den damit verbundenen Rollenerwartungen verankert und damit sozial „hergestellt“. Sie sind nicht biologisch determiniert, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt. Es sind gleichsam Etikette, die einem Menschen vom ersten Tag an angeheftet werden und die ihn ein ganzes Leben begleiten. Hier ein Beispiel für die Zuweisung von geschlechtsspezifischen Eigenschaften, des „doing gender:

Zwei Neugeborene wurden von ihren jeweiligen Großeltern auf der Wöchnerinnenstation eines Krankenhauses besucht. Die Großeltern sahen ihre Enkelkinder zum ersten Mal:

Dialog 1:
Großmutter Hilde: Da ist es, unser erstes Enkelkind und es ist ein Junge!

Großvater Bernd: So ein kräftiges Kerlchen! Schau, wie er eine Faust macht! Er wird bestimmt mal ein richtiger Haudegen! (Großvater Bernd macht eine Box-Geste und sagt)‚ für einen richtigen Jungen!...

Dialog 2:
Großmutter Lili: Da ist sie, die einzige mit einer kleinen rosa Schleife…Ist sie nicht niedlich?

Großvater Georg: Ja, sie ist so zart. Und schau nur, wie winzig ihre Finger sind! Oh, nun versucht sie, eine Faust zu machen!

Großmutter Lili: Ist sie nicht süß? ...

Es wird deutlich, dass den beiden Neugeborenen das Etikett „männlich“ oder „weiblich“ angeheftet wird und sie entsprechend ihrem Geschlecht unterschiedlich wahrgenommen werden, obwohl sie gleich groß sind  und vielleicht sogar das gleiche Geburtsgewicht haben. Gleich am ersten Tag bereits beginnt ein lebenslanger Sortierungsvorgang, der Jungen und Mädchen einer unterschiedlichen Behandlung unterwirft (vgl. dazu Eickelpasch, 1999:88) und zu unterschiedlichen Bewertungen ihrer Gender-Rollen führt. Diese Bewertungen bauen eine Geschlechterhierarchie auf, in der das Männliche höher bewertet wird. Die sozialen Unterscheidungen werden von den Kindern internalisiert und so als natürlich, biologisch verankert verstanden. 

Da wir sie als „von Natur aus gegeben“ ansehen und nicht als gesellschaftlich hergestellt (konstruiert), ist es schwer, die eingelagerten Kräfte- und Machtverhältnisse zu erkennen. Sie sind verschleiert und werden verkannt und dienen so der Aufrechterhaltung der Geschlechterhierarchie und Sicherung männlicher Überlegenheit – sie liegen ja in der Natur begründet, wie allseits betont wird.

Besonders wichtig ist, dass symbolische Gewalt als jene Form der Gewalt definiert ist, die über soziale Akteure unter Mittäterschaft dieser Akteure selbst ausgeübt wird (vgl. Bauer und Bittlingmaier, 2004:67). In unserem Beispiel erleben nicht nur Männer über ihre Sozialisation die Inhalte der Gender-Rollen, zum Beispiel ihre Überlegenheit, als von Natur gegeben, sondern auch Frauen. Mädchen und Frauen übernehmen die Wertungen und sehen sich z. B. als unterlegen und passiv, folgen lieber als zu führen und nehmen auch heute noch ungleiche Bezahlungen bei gleicher Leistung im Beruf als quasi selbstverständlich, naturgegeben und meist klaglos hin. Sie stabilisieren so selbst die in der Geschlechterhierarchie angelegte symbolische Gewalt, werden zu „Mittäterinnen“ (vgl. Schmidt/Woltersdorff, s.o.) ihrer Benachteiligung.

2.3.1 Symbolische sexuelle Gewalt

Symbolische Gewalt und damit auch symbolische sexuelle Gewalt benennen also „häufig nicht unmittelbar sichtbare informelle Unterdrückungs- und Abhängigkeitsbeziehungen“ (vgl. Bauer und Bittlingmaier, 2004:66).

Symbolische sexuelle Gewalt ist in die alltäglichen Interaktionen eingelagert. So sind z.B. die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Erwachsenen und Kindern informell und meist nicht unmittelbar sichtbar. Sie bilden eine Machthierarchie, die sowohl von den Tätern und Täterinnen als auch von den Kindern als „naturgegeben“ empfunden wird. Zugleich bergen diese ungleichen Machtverhältnisse nicht unmittelbar sichtbare und informelle Unterdrückungs- und Abhängigkeitsbeziehungen in sich. Sie werden meist nur indirekt erkennbar, wie z.B. in einem durchaus alltäglichen Vater-Kind-Dialog:

Kind: „Warum muss ich das tun?“

Vater: „Du tust das einfach, weil ich das sage!“

Der Vater spricht also ein Machtwort (ist hier Sprache nicht wunderbar entlarvend?).

Solche versteckten Unterdrückungs- und Abhängigkeitsbeziehungen werden weder immer bewusst ausgeübt noch durchgehend als ein Zwangsverhältnis erfahren. Die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Erwachsenen und Kindern begünstigen aber, dass Täter und Täterinnen ihre verschleierte und verkannte Machtposition zu sexueller Gewalt nutzen können (und viel zu oft auch nutzen).

2.3.2 Auswirkungen auf die Opfer

Da die ungleichen Machtbeziehungen und die darin eingelagerten unsichtbaren und informellen Unterdrückungs- und Abhängigkeitsbeziehungen sowohl von den Tätern als auch von den Opfern als in der „Natur der Sache“ liegend erlebt werden, werden Kinder und Jugendliche als Opfer zu unbewussten „Mittätern“. So können sie die sexuelle Gewalt nicht als Unrecht erkennen, weil ihnen z.B. die Macht des Vaters als natürlich und legitim erscheint. Sie können sich gegen eine mächtigere und Autoritäts-Person, die sie oft ja lieben und der sie auch vertrauen, nicht wehren, aber sie „fühlen“ das Unrecht. Sie versuchen deshalb z.B. durch extreme Alarmbereitschaft, Anpassung und Unterwerfung bedrohliche sexuelle Situationen zu bewältigen. Sie übernehmen die Schuld für die sexuellen Handlungen und internalisieren diese Schuld. Sie reagieren mit moralisch-ethischer Verwirrung, ihr Vertrauen in andere und ihr Selbstwertgefühl werden verunsichert, schwer beschädigt und oft dauerhaft zerstört.

Sie erinnern sich, dass die gerade genannten Folgen der symbolischen sexuellen Gewalt bereits als Folgen der personalen sexuellen Gewalt weiter oben genannt wurden. Diese Wiederholung ist kein Versehen!  Sie macht vielmehr deutlich, dass symbolische sexuelle Gewalt „…in die alltäglichen Interaktionsverhältnisse eingelagert [ist]“ (Bauer und Bittlingmayer, 2004: 66).

3 Fazit

Diese Überlegungen wirken erst einmal recht abstrakt. Sie provozieren Sie vielleicht zu der Frage: „Was kann ich denn nun mit diesem abstrakten Wissen über personale, strukturelle und symbolische sexuelle Gewalt anfangen?“

Die Antwort liegt im Untertitel der Ausführungen: alle sind betroffen und gefordert. Schauen Sie zuerst auf die Behauptung, alle seien „betroffen“.

Es besteht kein Zweifel, dass uns alle sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen  betroffen macht. Wenn wir uns die Auswirkungen auf die Kinder vergegenwärtigen, können wir uns nicht desinteressiert und unbeteiligt abwenden. Wir wollen den Kindern helfen bzw. präventiv tätig werden.

Wir alle sind noch auf eine andere Weise betroffen. Als Mitglieder der Gesellschaft, in der wir leben, sind wir auch den verschleierten und unerkannten Mechanismen der strukturellen und der symbolischen Gewalt unterworfen. Das heißt, auch wir sind in gewalttätige alltägliche Interaktionen verwickelt, meist ohne es zu reflektieren, zu wissen oder zu wollen (ich meine hier natürlich nicht sexuelle Gewalt!).

Diese doppelte Bedeutung von „Betroffen-Sein“ verweist auf die zweite Behauptung, (wir) alle sind „gefordert“. Auch „Gefordert-Sein“ hat hier eine doppelte Bedeutung.

Die Not betroffener Kinder fordert uns heraus, aktiv zu werden, aber  w i e können wir das sinnvoll tun?

Wir dürfen das Thema in seiner Komplexität nicht verkennen, müssen es differenziert sehen. Wie Christa Wanzek-Sielert sehr treffend formuliert: “Verleugnung auf der einen Seite und Rettungsaktionismus auf der anderen Seite helfen den betroffenen Mädchen und Jungen nicht. Beide Extreme finden sich dort, wo kein Bewusstsein für das Thema vorhanden ist“ (Wanzek-Sielert, 2010:8).

Dieses Bewusstsein ist angewiesen auf Wissen. Im Falle von sexueller Gewalt ist das erforderliche Wissen sehr komplex und „fordert“ uns intellektuell, die zweite Bedeutung von „fordern“.

Wenn wir z.B. präventiv arbeiten möchten, müssen wir ein differenziertes Wissen über sexuelle Gewalt haben. Nur wenn wir Ursachen und Zusammenhänge von sexueller Gewalt auf den verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen kennen, können wir professionell und im Sinne der Kinder aktiv werden. Prävention braucht Aufklärung, Aufklärung gerade über die nicht sichtbaren und informellen Unterdrückungs- und Abhängigkeitsbeziehungen, die sexuelles Gewalthandeln begünstigen. Wenn wir den Schleier des nicht unmittelbar Sichtbaren und damit Verkannten lüften, können wir gegen strukturelle und symbolische Gewalt angehen. Gerade symbolische Gewalt wird ihrer symbolischen Stärke beraubt, indem die Willkür, mit der sie wirkt, bewusst gemacht wird.

Wenn wir uns in diesem Sinne gefordert fühlen, können wir unser eigenes Gewaltverständnis reflektieren. Erst eine kenntnisreiche Selbstreflexion ermöglicht es nämlich, sich dem Thema der sexuellen Gewalt unvoreingenommen zu stellen.

4 Literatur

Bange, D. (2010):„Sexueller Missbrauch an Kindern – Definitionen, Zahlen, Daten und Fakten“ in:Lernende Schule 5/2010, S. 4-7.

Bange, D. und W. Körner (2002): Handwörterbuch sexueller Missbrauch.
Göttingen.

Bauer, U. und U. Bittlingmayer (2004):„Gewaltsoziologie“
in: Körner, W. und A. Lenz (Hg.) (2004), S. 59-72.

Bourdieu, P. und L. Wacquant (Hg.) (1996): Reflexive Anthropologie.Frankfurt am Main.

Elliot, M. (1995): Frauen als Täterinnen. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen. Ruhnmark.

Eickelpasch, R. (1999): Grundwissen Soziologie.Stuttgart, Düsseldorf, Leipzig.

Fauser,P und J. Oelkers im Gespräch mit der LERNENDEN SCHULE (2010): „’Pädagogischer Eros’ oder ‚Pädagogisches Ethos’: Klarstellungen und Folgen für pädagogisches Handeln“ in: Lernende Schule 5/2010, S. 12 -15.

Galtung, J. (1975): Strukturelle Gewalt. Reinbek.

Galtung, J. (!998): Frieden mit friedlichen Mitteln. Frieden und Konflikt, Entwicklung und Kultur. Opladen.   

Gugel, G. (2010): Handbuch Gewaltprävention II. Institut für Friedenspädagogik e.V., Tübingen/WSD Pro Child e.V.

Heyne, C. (1993): Täterinnen. Offene und versteckte Aggression von Frauen. Zürich.

Koch, H. und M. Kruck (2000):„Ich werd’s trotzdem weitersagen!“. Münster.

Körner, W. und A. Lenz (Hg.) (2004): Sexueller Missbrauch. Bd. 1. Göttingen et al.

Rehbein, B. (2006): Die Soziologie Pierre Bourdieus. Stuttgart.

Schmidt, R. und V. Woltersdorff (Hg.) (2008): Symbolische Gewalt. Herrschaftsanalyse nach Pierre Bourdieu. Konstanz.

Schmitt, L. (2006): Symbolische Gewalt und Habitus-Struktur-Konflikte.
CCS Working Papers Nr. 2. Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Tübingen.

Suer, P. (1998): Wenn Kinder Angst haben. München.

Suer, P.H. (1998): Sexuelle Gewalt gegen Kinder. Hamburg.

Ulonska, H. und H. Koch (Hg.) (1997): Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen. Bad Heilbrunn

Wanzek-Sielert, Ch. (2010): „’Was geht das die Schule an?“ Zur Handlungskompetenz von Lehrkräften, Schulleitungen und Schulen bei sexueller Gewalt.“ in: Lernende Schule 5/2010, S. 8-11.

Autorin

  • PD Dr. Monika Friedrich

    PD Dr. Monika Friedrich arbeitet im wissenschaftlichen Beirat des Projekts Kinderschutzportal mit. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören die Themen Resilienz, Mütter von Betroffenen sexualisierter Gewalt und Täterinnen.

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Buchtipp

Thole, Werner; Baader, Maike et al. (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt, Macht und Pädagogik. Budrich, 2012.

Buchtipp

GiG-net (Hrsg.): Gewalt im Geschlechter- verhältnis: Erkenntnisse und Konsequenzen für Politik, Wissenschaft und soziale Praxis. Budrich, 2008.