Diagnostik

1 Diagnostik von sexualisierter Gewalt

Wenn man versucht Hinweise auf möglichen Missbrauch richtig zu deuten, muss man sich vor einem gegenläufigen Fehler hüten: Einerseits die Äußerungen des Kindes oder bestimmte Verhaltensweisen nicht ernst genug zu nehmen, andererseits Hinweise und Anzeichen überzuinterpretieren und damit zu falschen Schlussfolgerungen zu gelangen. Beide Arten von Fehlern gehen zu Lasten des betroffenen Kindes. Schwierig ist folgendes:

  • Es gibt keinen Test und keine spezifischen Merkmale, die eindeutig auf sexualisierte Gewalt schließen lassen.
  • Es gibt keinen eindeutigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Die gleichen psychischen Folgen (Vgl. Folgen sexualisierter Gewalt) können durch verschiedene verursachende Bedingungen zustande kommen (z.B. durch Vernachlässigung oder Misshandlung).
  • Die Bandbreite der Reaktionen und Auswirkungen ist außerordentlich groß. Sie reicht von relativ guter psychischer Verarbeitung bis hin zu schweren Traumatisierungen.
  • Die innerpsychischen Verarbeitungsmechanismen bei schweren Traumatisierungen (z.B. Verleugnung, dissoziative Amnesie, eigene Schuldzuschreibung) führen bei dem missbrauchten Kind zu einer veränderten Realitäts- und Personenwahrnehmung (Vgl. Psychodynamik). Da diese Verdrängungsmechanismen unbewusst sind, können sie allein durch Befragung nicht erfasst werden, sondern verlangen eine umfangreiche psychologische Untersuchung.
  • Art, Dauer und Intensität des Missbrauchs weisen große Unterschiede auf, so dass man abhängig von Geschlecht und individuellem Entwicklungstand des Kindes mit unterschiedlichen Schweregraden rechnen muss.
  • Diagnostik bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch verlangt mehr als die Feststellung eines Sachverhaltes. Es ist ein komplexer Prozess, der in das Leben des Kindes und der Familie eingreift und daher das Zusammenspiel von verschiedenen Einrichtungen und Fachleuten (medizinische, psychologische, pädagogische, sozialpädagogische, juristische) verlangt.

2 Verdacht auf sexualisierte Gewalt

Die Diagnose beginnt mit der sorgfältigen Bewertung der Verdachtsmomente. Verdacht auf sexuellen Missbrauch kann bestehen,

  1. wenn Dritte einen Missbrauch/sexualisierte Gewalt beobachtet haben und als Zeugen zur Verfügung stehen;
  2. wenn ein Kind direkt von sexualisierter Gewalt berichtet;
  3. wenn sich aus indirekten, spielerischen oder bildnerischen Ausdrucksformen Hinweise ergeben. Das altersgemäße Ausdrucksmittel bei Kindern, besonders Kleinkindern, ist weniger die Sprache als vielmehr der spielerische oder bildnerisch-gestaltende Ausdruck. Deshalb werden die Kinder häufig angeregt, Bilder zu malen, in denen sie spontan Themen darstellen, die sie psychisch beschäftigen. Die Symbolik des Bildes allein erlaubt jedoch keine gültige Aussage. Erst der Kommentar und die Erläuterungen des Kindes zu dem Gemalten, lassen eine vorsichtige Hypothese zu. Oder es wird in der Untersuchung das Spiel mit sog. „anatomisch korrekten Puppen“, die alle äußeren Geschlechtsmerkmale haben, angeregt. Der Einsatz dieser projektiven Mittel wird in der Literatur oft kritisch bewertet (Vgl. Greul, L., 1998). Bei einer sorgfältigen und einfühlsamen Analyse können diese Verfahren aber als ergänzende Mittel neben anderen Formen der Untersuchung eingesetzt werden.
  4. Wenn Kinder Verhaltensweisen zeigen, die bisher bei ihnen nicht beobachtet wurden (Aggressivität, hypermotorisches Verhalten, Ängste, Leistungsversagen, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlaflosigkeit), sind diese als unmittelbare Reaktion auf ein traumatisierendes Erlebnis anzusehen (Vgl. Traumatisierung).
  5. Wenn Kinder sexuelle Auffälligkeiten zeigen, die dem Alter des Kindes nicht entsprechen (z.B. übermäßiges Interesse an den Genitalien der Eltern oder Geschwister, exzessives Masturbieren, anhaltendes Masturbieren in der Öffentlichkeit, Einführung von Gegenständen in Anus oder Vagina, sexuelle Frühreife, Aufforderung zur sexuellen Stimulation, Erzwingen von sexuellem Verhalten durch Gewalt und Drohung, vgl. Volbert,R. 1998).
  6. Wenn Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen, die als eine Verarbeitungs- und Bewältigungsform von traumatisierenden Erlebnissen angesehen werden können (z.B. Regression in bereits durchlaufende Entwicklungsphasen, erneutes Einnässen oder Einkoten, Beziehungsverweigerung, sozialer Rückzug, Depression, Ängste, Weglaufen, Leistungsstörungen, Alpträume, Schlaflosigkeit, Aggressivität und Vandalismus, Essstörungen, Drogenmissbrauch, selbstschädigendes Verhalten).

3 Medizinische Untersuchungen

Sexuelle Gewalttaten können vom Täter bzw. der Täterin auch ohne physische Gewalt ausgeübt werden und hinterlassen somit keine „Spuren“ am Körper des Kindes. Steht der Missbrauchende z.B. in einer engen Beziehung zum Opfer, so erreicht er nicht selten allein durch psychischen Druck die Gefügigkeit des Opfers.

So genannte „Hands-off“-Handlungen wie Exhibitionismus, das erzwungene Anschauen von Pornofilmen oder Voyerismus können ohne direkten Körperkontakt stattfinden. Dennoch kommt es in vielen Fällen, oft zunehmend mit steigendem Alter des Kindes, auch zu körperlicher Gewalt durch den Täter bzw. die Täterin. Die physische Gewaltanwendung, die das Opfer entweder durch die Handlungen des Missbrauchs selbst erleidet oder die der Täter bzw. die Täterin gezielt zur Einschüchterung einsetzt, reichen von Verletzungen im Genitalbereich bis zu massiven Schädigungen des gesamten Körpers. Auch Geschlechtskrankheiten, Aids und Schwangerschaft können Folge sexueller Gewalt sein.
 
Die körperliche Untersuchung bei einem Verdacht auf sexuellen Missbrauch muss daher durch einen erfahrenen, einfühlsamen Kinderarzt erfolgen, der nach Hämatomen, Rötungen, Schwellungen, Abschürfungen, Bissspuren oder anderen Verletzungen oder Symptomen, vorwiegend im Genitalbereich, sucht.

4 Psychologische Untersuchungen

Der Rahmen der psychologischen Untersuchung muss kindgerecht und motivierend mit angemessenem Spielangebot gestaltet sein.

Der/die Untersuchende sollte empathisch mit dem Kind umgehen und das Augenmerk auf die Unterstützung des Kindes richten und weniger „etwas herausfinden“ wollen. Suggestive Fragen sollten in jedem Fall vermieden werden. Sie führen zu falschen Schlussfolgerungen und fördern den Widerstand des Kindes gegen die Untersuchung. Die Wertschätzung des Kindes und die empathische Einfühlung des/der Untersuchenden sind Voraussetzung für eine angemessen psychologische Untersuchung.

5 Erhöhte Sensibilität gegenüber Jungen

Es gibt bekanntlich kein einheitliches Symptombild, das die Identifikation einer Betroffenheit von sexualisierter Gewalt nahelegt. Die Bewältigungsversuche nach erlebter sexualisierter Gewalt sind so vielfältig wie die Jungen selbst. Wichtig ist, dass bei der Wahrnehmung dessen, was Jungen zeigen, die Möglichkeit zugrunde liegender Belastungen mitgedacht wird (Mosser, 2009). Was ist mit einem Jungen los, der sich zurückzieht, der immer stiller wird, der sich zunehmend aggressiv verhält, der sich einer sexualisierten Sprache bemächtigt? Es muss in Betracht gezogen werden, dass all diese Verhaltensweisen Signalcharakter haben können. Jungen befinden sich in ihrem Bewältigungsverhalten in einem Dilemma: Ziehen sie sich zurück, so fallen sie nicht weiter auf. Agieren sie ihre Belastungen offensiv aus, so werden sie als Störer, Provokateure, eben als „schwierige Jungs“ gesehen und entsprechend behandelt. Die Tragik dieses Bewältigungsverhaltens besteht darin, dass die Jungen nicht annähernd das bekommen, was sie brauchen: Statt Zuwendung und Beziehung wird von Seiten der Erwachsenen mit Sanktionen und Abwertung reagiert. Solange sowohl die Jungen als auch die Erwachsenen in geschlechtstypischen Wahrnehmungsschemata gefangen bleiben, kann kein hilfreicher Kontakt aufgebaut werden. Es ist unabdingbar, dass auffälliges Verhalten so früh wie möglich als Bewältigungshandeln interpretiert wird und zugrunde liegende Belastungen aufgespürt werden.

6 Literatur

Gramel,S. (2008): Die Darstellung von guten und schlechten Beziehungen auf Kinderzeichnungen. Zeichnerische Differenziehung unterschiedlicher Beziehungsqualitäten. Hamburg.

Greul,L. (1998): Anatomische Puppen. -Zur Kontroverse um ein diagnostisches Mittel. In: Amann,G., Wipplinger,R., (Hrsg.) Sexueller Missbrauch. Tübingen.

Ihli,D. (2000): Die Bedeutung von Kinderzeichnungen bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch. Eine kritische Analyse aus grundlagenpsychologischer Sicht. Regensburg.

Lenz, H.-J. (2007): Gewalt und Geschlechterverhältnis aus männlicher Sicht. In: S.B. Gahleitner & H.-J. Lenz (Hrsg.), Gewalt und Geschlechterverhältnis. Interdisziplinäre und geschlechtssensible Analysen und Perspektiven, (S. 21 –51). Weinheim und München: Juventa

Mosser, P. (2009): Sexueller Missbrauch als möglicher biographischer Hintergrund verhaltensauffälliger Jungen. In W. Wiater & D. Menzel (Hrsg.). Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf in der Regelschule, Band 3: Schülerinnen und Schüler mit Verhaltensbesonderheiten.

Volbert,R. (1998): Sexuelles Verhalten von Kindern: Normale Entwicklung oder Indikator für sexuellen Missbrauch? In: Amann,G., Wipplinger,R., (Hrsg.) Sexueller Missbrauch. Tübingen.

 

Autoren

  • Dr. Ludger Kotthoff

    Dr. Ludger Kotthoff ist Akademischer Oberrat am Fachbereich Psychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und langjähriges Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Projekts Kinderschutzportal.

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  • Dr. Peter Mosser

    Dr. Peter Mosser ist Psychologe bei der Münchner Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle "kibs" für männliche Opfer sexueller Gewalt.

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Buchtipp

Deegener, Günther: Kindes- missbrauch - Erkennen, hel- fen, vorbeugen. Beltz, 2010.

 

Fort- und Weiterbildung

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