Definition

1 Begriffsbestimmung

Seit das gesellschaftliche Phänomen der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche von betroffenen Frauen Anfang der 1970er Jahre öffentlich gemacht wurde, gibt es zahlreiche Begriffe zur Beschreibung dieser Form der Kindesmisshandlung. Neben Bezeichnungen wie beispielsweise 'sexueller Missbrauch', 'sexualisierte Gewalt' oder 'sexuelle Gewalt' werden in der Literatur Begriffe wie 'Inzest' oder 'Seelenmord' zur Beschreibung sexueller Gewalthandlungen verwendet.

Der synonyme Gebrauch dieser unterschiedlichen Termini kann jedoch zum Verlust einer begrifflichen Differenzierung führen. Obwohl einer der am häufigsten genutzten Begriffe der des 'sexuellen Missbrauchs' ist, wird er von Kritikern und Kritikerinnen als ungeeignet empfunden. Ihrer Ansicht nach impliziere das Wort 'Missbrauch' einen sowohl richtigen als auch falschen 'Gebrauch' von Kindern und Jugendlichen. Darüber hinaus wird die Verwendung des Wortes 'Gebrauch' (im Sinne des Gebrauchens eines Gegenstandes) im Zusammenhang mit dem Umgang Erwachsener mit Kindern und Jugendlichen als unpassend empfunden (vgl. Krieger et al. 2007: 62f.).

Auch die begriffliche Trennung der Termini 'sexualisierte Gewalt' und 'sexuelle Gewalt' ist selten eindeutig, da sich beide Begriffe ähneln. Heynen beschreibt den Unterschied folgendermaßen:

„Sexualisierte Gewalt betont primär, dass die Gewalt im Vordergrund steht und sexualisiert wird. Sexuelle Gewalt hebt im Vergleich zu physischer und psychischer Gewalt hervor, dass die Gewalt mit sexuellen Mitteln ausgeübt wird” (Heynen 2000: 20).

2 Definition

Neben der Begriffsbestimmung besteht eine weitere Schwierigkeit in der Festlegung einer für die unterschiedlichen Berufsfelder und Forschungsparadigmen allgemeingültigen Definition sexueller Gewalt gegen Minderjährige.

2.1 Definitionskriterien sexueller Gewalt

Aus diesem Grund schlägt Ulonska eine Unterteilung von drei Definitionskriterien sexueller Gewalt vor.

Er differenziert 'eindeutige Kriterien' (z.B. Inzest; Kinderpornographie; Kinderprostitution), 'enge Kriterien' (z.B. Altersdifferenz zwischen TäterIn und Opfer von mindestens drei bis fünf Jahren; sexuelle Berührungen des oralen, analen und genitalen Bereichs; Missachtung des Selbstbestimmungsrechtes des Kindes bzw. des/ der Jugendlichen) und 'weite Kriterien' (z.B. sexistische Sprache; sexuelle Ausbeutung kindlicher Neugier auf den eigenen Körper; mangelnde Empathie des Täters/ der Täterin) (vgl. Ulonska 2008: 25ff.).

Krieger et al., Herzig, u.a. nehmen ähnlich wie Ulonska eine Unterteilung der unterschiedlichen Definitionen in 'enge' und 'weite' Definitionen vor. So umfassen 'enge' Definitionen ausschließlich den direkten als sexuell identifizierbaren Körperkontakt, der eindeutige negative Auswirkungen auf das Opfer hat. Dies ist beispielsweise der Hautkontakt mit der Brust oder den Genitalien des Kindes bzw. des/ der Jugendlichen oder der anale, vaginale oder orale Geschlechtsverkehr (vgl. Herzig 2010: 4).

Als 'weite' Definitionen werden neben den oben genannten sexuellen Handlungen zudem diejenigen mit indirektem Körperkontakt wie beispielsweise Berührungen des Kindes bzw. des/ der Jugendlichen durch die Kleidung oder Handlungen ohne Körperkontakt wie z.B. Exhibitionismus oder Betrachtung pornographischer Videos gezählt (vgl. Krieger et al. 2007: 64).

Eine allen Fällen sexueller Gewalt gerecht werdende Definition gibt es bislang nicht. Aus diesem Grund werden in der Literatur verschiedene Merkmale genannt, mit deren Hilfe eine Handlung als sexuelle Gewalthandlung klassifiziert werden kann. So wird zum einen das Machtgefälle zwischen TäterIn und Opfer untersucht. Dieses Merkmal kann besonders in Fällen, in denen sexuelle Handlungen unter Gleichaltrigen stattgefunden haben zur Beurteilung der Situation beitragen.

Zum anderen werden

  • die Intention des Täters/ der Täterin eine sexuelle Handlung an einem Jungen oder Mädchen zu vollziehen;
  • die Altersdifferenz zwischen TäterIn und Opfer;
  • der Einsatz von Zwang und Gewalt;
  • der Aufbau eines Geheimhaltungsdrucks durch den/ die TäterIn;
  • das Gefühl des Kindes bzw. des/ der Jugendlichen missbraucht worden zu sein;
  • das mangelnde Einfühlungsvermögen des Täters/ der Täterin;
  • kulturelle Hintergründe sowie
  • die Schwere der Folgen für das Opfer als weitere Merkmale zur Bestimmung einer Handlung als sexuelle Gewalthandlung betrachtet (vgl. Unterstaller 2006: 6-3).
  • Im Rahmen dieses Artikels dient die folgende Beschreibung des Begriffs 'sexuelle Gewalt' als Grundlage. In Anlehnung an die Definition von Bange und Deegener lässt sich jede sexuelle Handlung an einem Kind oder einem/ einer Jugendlichen als 'sexuelle Gewalt' definieren, die gegen seinen/ ihren Willen durchgeführt wird bzw. die der Junge oder das Mädchen aufgrund seines körperlichen, seelischen, geistigen oder sprachlichen Entwicklungsstandes nicht abwehren kann. Die sexuellen Handlungen dienen der Bedürfnisbefriedigung des Täters/ der TäterIn und werden unter Missachtung des kindlichen Willens vollzogen (vgl. Deegener 2010: 22).

Der/ die TäterIn setzt seine/ ihre Wünsche dabei entweder unter Gebrauch seiner/ ihrer Macht- und Autoritätsposition d.h. mithilfe der Androhung oder Anwendung von Gewalt in die Tat um oder indem er/ sie die Abhängigkeit, Liebe und das Vertrauen des Kindes bzw. des/ der Jugendlichen für seine/ ihre Zwecke missbraucht. „Ich hatte keinen Schutz mehr, denn der, von dem ich Geborgenheit erhoffte, mein Vater, der kam nachts und mißbrauchte mich. Als ich es Oma einmal erzählte und sie meinen Vater ansprach, da tyrannisierte er für einige Zeit die ganze Familie, vor allem meine behinderte Schwester. Mir drohte er, daß er sich umbrächte und ich dann ins Heim käme. [...]” (Enders 1990: 42).

Häufig entwickelt sich sexuelle Gewalt auch schrittweise von anfänglich weniger intimen Formen des Körperkontaktes zu nicht altersgemäßen sexuellen Handlungen zwischen TäterIn und Opfer. Deegener meint hiermit z.B. die Entwicklung von einem sich dem Mädchen oder Jungen gegenüber natürlichen nackt zeigen zu einem exhibitionistischen sich nackt zeigen oder die Entwicklung von der natürlichen väterlichen Zärtlichkeit zu dem die Sexualität stimulierenden Streicheln und Liebkosen, die bis zu genitalen Berührungen und oralem und analem Verkehr zwischen Erwachsenem und Kind bzw. Jugendlichem/ Jugendlicher führen kann (vgl. Deegener 2010: 22).

2.2 Vier Stufen sexueller Gewalt (Deegener 2010)

Deegener unterscheidet ferner zwischen vier Stufen sexueller Gewalt.

  • 'Sehr intensiver sexueller Missbrauch' (versuchte oder vollendete vaginale, anale oder orale Vergewaltigung; Opfer muss TäterIn oral befriedigen oder anal penetrieren),
  • 'intensiver sexueller Missbrauch' (Opfer muss vor TäterIn masturbieren; TäterIn masturbiert vor Opfer; TäterIn fasst Opfer an die Genitalien an; Opfer muss TäterIn an die Genitalien anfassen; Opfer muss TäterIn die Genitalien zeigen),
  • 'weniger intensiver sexueller Missbrauch' (TäterIn versucht, die Genitalien des Opfers anzufassen; TäterIn fasst Brust des Opfers an; sexualisierte Küsse, Zungenküsse);
  • 'sexueller Missbrauch ohne Körperkontakt' (Exhibitionismus; Opfer muss sich pornographische Filme anschauen; TäterIn beobachtet Opfer beim Baden) (vgl. Deegener 2010: 32f.).

Abschließend ist festzuhalten, dass die von einer Vertrauensperson vollzogene sexuelle Gewalt an einem Kind oder einem/ einer Jugendlichen seine/ ihre mangelnde Fähigkeit, zwischen liebevoller Zuwendung und Ausbeutung eines/ einer Erwachsenen zu unterscheiden, ausnutzt und missbraucht und häufig schwerwiegende, mitunter lebenslange Folgen nach sich zieht.

3 Verantwortungsebene

Viele Täter und Täterinnen rechtfertigen ihre sexuellen Übergriffe sich und anderen gegenüber mit Äußerungen wie, das Kind habe sie „verführt“, den Sex „initiiert“, „gewollt“ und auch „genossen“.

Es ist heute unumstritten, dass Kinder eine eigene Sexualität haben. Sie unterscheidet sich aber grundlegend von der der Erwachsenen. Kinder entdecken ihren Körper, ihre Gefühle bei seiner Berührung und experimentieren mit ihrer Sexualität. Sie sind neugierig auf die Körper Gleichaltriger (Doktorspiele). Sie fordern aber niemals zu sexuellen oder sexualisierten Kontakten mit Erwachsenen auf, wie Täterinnen und Täter oft glauben machen wollen.

Kinder können auf Grund ihrer körperlichen, emotionalen, kognitiven und sprachlichen Unterlegenheit sexuellen und sexualisierten Handlungen mit Erwachsenen nicht wissentlich zustimmen (vgl. Enders 2001). Sexuelle und sexualisierte Handlungen von Erwachsenen an Kindern werden daher immer gegen den Willen der Kinder ausgeführt.

Es sind immer die Erwachsenen, die die Grenzen erkennen und ziehen müssen, denn nur sie können abschätzen, was das Kind weder überblicken noch absehen kann. Kinder können sich (in der Regel) auch nicht der Überredung entziehen oder sich gegen Zwang, physische und psychische Gewalt wehren, die der Täter, die Täterin androhen oder anwenden, um unter Ausnutzung ihrer Macht- oder Authoritätsposition ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen.

Die Verantwortung für sexuelle Übergriffe liegt demnach immer und ausschließlich beim Täter oder bei der Täterin.

Wie oben ausgeführt – und entgegen der landläufigen Meinung – erleiden Kinder seltener durch Fremde sexualisierte und sexuelle Gewalt als durch Menschen aus dem sozialen Umfeld (Familie, Freundeskreis und Institutionen). Es begehen also häufiger gerade die Personen solche Taten, denen die Kinder nahe stehen, denen sie vertrauen und denen sie überantwortet sind.

Täter und Täterinnen werden ihrer Verantwortung, die sie für die ihnen anvertrauten Kinder tragen, in zweifacher Hinsicht nicht gerecht: Sie verstoßen gegen das Wohl des Kindes, indem sie seine sexuelle und persönliche Integrität verletzen, für deren Wahrung sie verantwortlich sind und übertragen zudem meistens die Verantwortung für ihre sexuellen und sexualisierten Gewalttaten auf eben diese Kinder.

Durch die sexuelle Ausbeutung wird nicht nur das Vertrauen der Kinder zerstört, sondern meist auch ihre psychische, soziale und sexuelle Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt.

4 Zusammenfassung

Eindeutige Kriterien

  • Inzest
  • Kinderprostitution
  • Kinderhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung
  • Kinderpornografie
  • sexualisierte Gewalt in ritualisierten Gruppen
  • Sextourismus und Sexualmord

Enge Kriterien

  • erzwungene Befriedigung sexueller Bedürfnisse Erwachsener durch Schwächere
  • sexuelle Berührung des oralen, analen und genitalen Bereichs
  • Geheimhaltungsdruck mit Drohungen
  • Altersdifferenz von TäterIn und Opfer über drei Jahre
  • Missachtung des Selbstbestimmungsrechts des Kindes
  • Ausnutzung des Vertrauensverhältnisses des Kindes zu TäterIn
  • Zerstörung des Vertrauensverhältnisses zu anderen Vertrauenspersonen

Weite Kriterien

  • sexuelle Ausbeutung kindlicher Neugier auf den eigenen Körper
  • als Spiel getarnte sexuelle Berührungen
  • als Aufklärung getarnte sexuelle Praktiken
  • Zwang auf Kinder, an der Herstellung pornografischer Filme, Videos etc. teilzunehmen oder
  • sie zu konsumieren
  • sexistische Sprache sowie Tolerierung „machohaften“ Verhaltens und Übertragung der
  • Schuld des Täters auf das Opfer

5 Literatur

Deegener, Günther (2010): Kindesmissbrauch. Erkennen – helfen – vorbeugen. 5. komplett überarbeitete Auflage. Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

Enders, Ursula (Hrsg.) (1990): Zart war ich, bitter war's. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen. Erkennen – Schützen – Beraten. Köln: Kölner Volksblatt Verlag.

Herzig, Sabine (2010): Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen – Begriffe, Definitionen, Zahlen und Auswirkungen. In: BZgA Forum Sexualaufklärung und Familienplanung. Sexueller Missbrauch. (2010), H. 3, S. 3 – 6.

Krieger, Wolfgang/ Lang, Anita/ Meßmer, Simone/ Osthoff, Ralf (2007): Kindesmisshandlung, Vernachlässigung und sexueller Missbrauch im Aufgabenbereich der öffentlichen Träger der Jugendhilfe. Eine Einführung. Stuttgart: ibidem – Verlag.

Smektala, Kristin (2012): Darstellung der körperlichen, psychosomatischen und psychischen Folgen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sowie der pädagogischen und therapeutischen Postvention. Unveröffentlichte Masterarbeit. Westfälische Wilhelms-Universität Münster.

Ulonska, Herbert (2008): Einführung: Sexuelle Gewalt gegen Kinder. In: Schoden, Patrick (Hrsg.): Sexuelle Gewalt gegen Kinder. Information & Prävention. Berlin: LIT VERLAG Dr. W. Hopf. S. 25-29.

Unterstaller, Adelheid (2006): Was ist unter sexuellem Missbrauch zu verstehen? In: Kindler, Heinz/ Lillig, Susanna/ Blüml, Herbert/ Meysen, Thomas/ Werner, Annegret (Hg.) (2006): Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). München: grafik + druck gmbh. S. 6.1 – 6-5.

Autorin

  • Kristin Smektala

    Kristin Smektala ist hat sich im Rahmen ihrer Masterarbeit mit körperlichen, psychosomatischen und psychischen Folgen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sowie der pädagogischen und therapeutischen Postvention beschäftigt.

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