Migrationshintergrund

1 Migration und sexueller Missbrauch

Sexuelle Gewalt gibt es in allen Kulturen. Präventionsarbeit in Deutschland muss also kulturübergreifend stattfinden, wenn man den Schutz aller Kinder im Blick haben will. Kinder mit Migrationshintergrund, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind, leben in anderen Lebensrealitäten als Kinder deutscher Familien, die Opfer sexueller Gewalt sind. Leider gibt es sehr wenig wissenschaftliche Literatur zu diesem Themenkomplex – hier liegt ein Forschungsdesiderat – dennoch lässt sich, v.a. durch die reflektierte Arbeit von Sozialpädagoginnen, das Feld wie folgt umreißen, ohne alle verschiedene Szenarien der Lebenswelten vereinheitlichen zu wollen:

1.1 Minderheitenstatus

Migrantinnen und Migranten leben in einem Minderheitenstatus. Sie sehen sich einer Dominanzkultur gegenüber, die nicht die ihre ist. Diese Lebenssituation im Minderheitenstatus ist ein wesentlicher Sozialisationsfaktor im Leben von Migrantinnen und Migranten. Abgrenzung gegen die Dominanzkultur, Vorurteile gegen die Minderheitenkultur, der Versuch der Angleichung, der Integration oder der Selbstverleugnung sind verschiedene Umgangsformen, um mit dieser Situation umzugehen. Entziehen kann man sich dieser Aufgabe, wie Minderheit und Dominanz in der eigenen Biographie verhandelt werden, nicht.

Von sexueller Gewalt betroffene Migrantinnen und Migranten haben oft höhere Hürden zu überwinden, wenn sie sich aus ihrer Situation befreien wollen, denn die Verletzung berührt zusätzlich die kulturelle Identität. Nivedita Prasad macht zwei verschiedene Umgangsweisen von betroffenen Mädchen aus, die sich bereits hilfesuchend an Institutionen gewandt haben:

Zum einen die Gruppe von Mädchen, die erlebte sexuelle Gewalt innerhalb der Familie und damit in der Regel durch einen Mann mit Migrationshintergrund vor Deutschen nicht (oder erst spät) thematisieren, weil sie befürchten, dass ihre Geschichte rassistisches Gedankengut schüren könne. Sie selbst wollen nicht ausländerfeindlichen Vorurteilen Vorschub leisten, weil sie sich selbst ihrer ethnischen Herkunft bewusst und stolz darauf sind.

Die zweite Gruppe, so Prasad, sei der Meinung, dass ihre ethnische Herkunft die sexuelle Gewalt begünstigt habe. Diese Gruppe habe die Vorurteile der Dominanzkultur verinnerlicht, gegen sich selbst gerichtet und entlastet somit die Täter, indem deren individuelle Tat v.a. im kulturellen Rahmen gesehen wird.

Gemeinsam ist beiden Formen des Umgangs mit erlebter sexueller Gewalt, dass ihr Minderheitenstatus das Handeln stark beeinflusst und somit bei der Präventionsarbeit berücksichtigt werden muss, auch indem sich die Helferinnen und Helfer mit ihrem eigenen Status in der Dominanzkultur und dem eigenen Denken selbstkritisch auseinandersetzen.

Dazu gehört eine behutsame und kultursensible Begleitung, denn wenn die Betroffenen sich entscheiden, ihr Elternhaus zu verlassen, bedeutet das in der Regel, dass sie zu dem Bruch mit der Familie zusätzlich einen Bruch mit der Herkunftskultur erleben. Dies zu verarbeiten stellt eine sehr große Herausforderung dar.

1.2 Denkmuster

Heranwachsende mit Migrationskulturen müssen unterschiedlichen Erwartungen genügen. Sie leben zwischen den Traditionen und Kulturen, viele versuchen, den Werten der Elternkultur und den Anforderungen der deutschen Gesellschaft gerecht zu werden. Die Konfrontation mit Widersprüchen bleibt nicht aus und muss gelöst werden. Hat die Herkunftskultur nun eine patriarchale Prägung, liegt eine „Lösung“ der Probleme im Denkmuster von männlicher Dominanz und weiblicher Unterwürfigkeit nahe. Diese Strukturen, so wird im Projekt „Heroes“ ausgeführt „hindern Jugendliche beiderlei Geschlechts an der freien Entwicklung ihrer Persönlichkeit und schränken die möglichen Lebensentwürfe ein: Mädchen und Frauen werden in schwache Positionen, in die Opferrolle, gedrängt (Zwangsheirat, Kontrolle, Unterordnung), aber auch Jungen geraten unter empfindlichen Druck (Durchsetzung der Ehrenvorschriften, arrangierte Ehen)“

Präventionsarbeit mit migrierten Familien aus patriarchal geprägten Strukturen muss somit bei diesen Denkstrukturen beginnen: Die eigenen Rollenkonflikte können reflektiert und zur Sprache gebracht werden, Empathie eingeübt und ein anderes Ehrendenken ausprobiert werden. So sollen junge Migranten für Themen wie Gleichberechtigung, Demokratie, Zwangsheirat und Ehrenmord sensibilisiert werden. Nicht jeder patriarchal denkender Mensch missbraucht Schutzbefohlene und eine egalitäre Einstellung verhindert nicht jeden Missbrauch, aber sie ist die Basis, eine selbstbestimmte Persönlichkeit auszubilden, andere zu respektieren und legt gewaltlose Konfliktlösungen nahe. Dies ist ein schwieriger Weg, aber er ist gangbar, wie ausgezeichnete Projekte gegen sexuellen Missbrauch in Berlin und Duisburg vorgemacht haben.

1.3 Aufenthaltsregelung

Viele Migrantinnen und Migranten fürchten um ihren Aufenthaltsstatus in der Bundesrepublik Deutschland, wenn sie den Missbrauch öffentlich machen. Nicht immer ist diese Angst berechtigt, denn einige Betroffene haben einen eigenen Aufenthaltsstatus und wenn nicht, sieht das Gesetz Härteregelungen vor, auch wenn das Gesetz eine Ehestandbewahrung von zwei Jahren vorsieht:

Das Ausländergesetz §19 AuslG wurde im Punkt „Gewalt gegen Frauen und sexuellem Missbrauch gegen Kinder“ nachgebessert, indem ein Bleiberecht für Ehefrauen und Kinder verbürgt ist, die Opfer sexueller Gewalt durch den Ehegatten oder Vater geworden sind. Auch wenn also in dieser zweijährigen Ehephase, in der die Ehefrau kein eigenes Bleiberecht, sondern nur abhängig von ihrem Ehemann besitzt, sexuelle Gewalt gegen sie selbst oder ihre Kinder auftritt, wird keine Rückführung ins Heimatland veranlasst. In der Praxis bereitet allerdings zuweilen der Nachweis erlittener Misshandlung gegenüber den Ausländerbehörden Schwierigkeiten. Bei mangelnder Sprachfähigkeit und rechtlicher Unkenntnis kann dies zu großen Problemen führen. Dieser Umstand der Erpressbarkeit von Kindern und Frau („Wenn Du nicht schweigst, wirst du weggeschickt!“), erschwert es vielen Betroffenen noch mehr, sich anderen zu öffnen. Präventionsarbeit muss hier auch eine rechtlichen Beratung einschließen und gegebenenfalls Ängste gegenüber Ämtern und Polizei ausräumen.

2 Interkulturelle Prävention in der Schule

Das Thema Prävention von sexuellem Missbrauch bekommt immer mehr Gewicht und Bedeutung auch in der Schule. Die in den letzten Jahren bekannt gewordenen Missbrauchsfälle in den kirchlichen Schulen und Internaten zeigen noch einmal mehr, welche Verantwortung die Schule gegenüber den SchülerInnen für den Schutz vor sexuellen Missbrauch trägt. Als eine Institution, der Kinder und Jugendliche im Sinne des Gesetzes "zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut" (§ 174 STGB: Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen) werden, sollte die Schule bemüht sein, die begünstigenden Strukturen für Missbrauch abzuschaffen bzw. Regeln einzuführen, die die Machtmechanismen in der Schule relativieren. Einer der wichtigsten Faktoren, die sexuellen Missbrauch in Institutionen begünstigen, ist das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Fachkräften und Kindern. Denn sexueller Missbrauch passiert immer in einem Macht- und Abhängigkeitsverhältnis. Der Schule als eine hierarchisch aufgebaute Institution, die die SchülerInnen bewertet und ihren Werdegang maßgeblich prägt, kommt eine große Verantwortung zu, was das Machtverhältnis betrifft. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund werden einmal mehr aufgrund ihrer Herkunft und Zugehörigkeit bewertet. Dies bestätigen auch internationale Studien der letzten 10 Jahre wie z.B. PISA, IGLU und OECD.

2.1 Selbstreflektiever Ansatz

Präventionsarbeit mit Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund bedarf eines umfassenden und selbstreflektieven Ansatzes, der auf gängige Vorurteile geprüft ist und die eigene Haltung bewusst macht. Als erstes ist wichtig zu überprüfen, wie viel Wissen und welches Wissen über MigrantInnen vorhanden ist. Das Wissen über Menschen basiert in unserer Gesellschaft auf Differenzen. In diesem Wissen wird als erstes versucht, die Unterschiede klar zu machen und festzuhalten. In den großen Institutionen wie Schule werden sogar mehr Unterschiede erwartet, als die SchülerInnen mit Migrationshintergrund tatsächlich mitbringen. Ein nicht deutscher Nachname oder eine andere Hautfarbe reichen oft, SchülerInnen als fremd einzuordnen, egal zu welcher Generation der Einwanderer sie gehören. Dieses System des differenten Wissens führt oft zur Klassifizierung und Ausgrenzung. Ausgrenzung führt wiederum zum Verlust des Selbstwertgefühls und ist oft eine günstige Bedingung dafür, bestimmte Menschen zu isolieren.

Von den Täteruntersuchungen wissen wir, dass viele TäterInnen versuchen, durch Isolation des Opfers sexuellen Missbrauch ungestört und mit ziemlicher Selbstsicherheit weiter auszuüben. Ein isoliertes Kind, das u.U. kein Netzwerk hat, das ihn unterstützt, ist ein günstiges Ziel für TäterInnen. Gegen das differente Wissen würde ein Wissen über SchülerInnen mit Migrationshintergrund helfen, das über ihre Lebensweise informiert, ihren Vielfalt darstellt und zeigt, wie sie ihr Leben meistern, mit welchen Schwierigkeiten sie hier kämpfen und welche Stärken sie haben. Ein Wissen in der Schule, das Menschen mit vielfältigem Hintergrund anerkennt und wertschätzt, würde grundsätzlich die Schule aufwerten und einen wesentlichen Schritt in die Richtung interkulturelle Prävention nehmen.

2.2 Vertrauenspersonen und Vertrauensklima

Für SchülerInnen ist eine Vertrauensperson in der Schule sehr wichtig. Wir wissen, dass sie sich im Falle einer vorhandenen Vertrauensperson auch an sie wenden, wenn sie sexuelle Gewalt erleiden mussten. Schulen stellen zwar qualifizierte VertrauenslehrerInnen und SchulsozialarbeiterInnen zu diesem Zweck zur Verfügung, aber wir wissen aus einer Untersuchung vom DJI von 2011 (vgl. Helming et al./DJI-Abschlussbericht 2011), dass SchülerInnen sich beim Thema sexuelle Gewalt eher ihren KlassenlehrerInnen anvertrauen, weil diese alltäglich vertraute Personen sind und niedrigschwellig zu erreichen sind. Dies macht deutlich, dass zum einen eine flächendeckende Qualifizierung für LeherInnen notwendig ist, um mit dem Thema sexuellem Missbrauch gut umgehen und ihre SchülerInnen auffangen zu können. Zum anderen ist es wichtig, dass diese sich auch interkulturelle Kompetenz aneignen, um SchülerInnen mit Migrationshintergrund unterstützen zu können.

In den Institutionen wie Schule erschweren bestimmte Bedingungen, dass sich betroffene Kinder überhaupt jemandem anvertrauen. Es sind oft innere Hemmnisse wie Schamgefühle oder Angst vor Konsequenzen der Aufdeckung, Angst die vertraute Umgebung verlassen zu müssen oder dass dem Betroffenen nicht geglaubt wird. Auch die Reaktionen der Schule sind oft nicht besonders unterstützend, denn das Thema belastet alle Beteiligten und meistens wollen sie es gar nicht wahr haben.

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass sich die Betroffenen meistens in einem Vertrauensklima trauen, über ihr Erlebtes zu sprechen. Dazu kommt noch die Erkenntnis, dass "Kinder mit Migrationshintergrund Missbrauch seltener aufdecken als Kinder ohne so einen Hintergrund" (Bange 2011, S. 49). Und wenn ein Kind aufgrund seiner Herkunft oder Hautfarbe oder seines Aussehens auch noch ausgeschlossen und isoliert wird, fehlen ihm u.U. die entsprechende Vertrauensperson und das Vertrauensklima in der Schule. Klassenlehrerinnen sollten ebenfalls kompetent sein, dieses unterstützende und sensible Vertrauensklima zu schaffen, damit auch SchülerInnen mit Migrationshintergrund sich ihnen gegenüber öffnen können. Dieses Klima kann durch offene Haltung ohne Abgrenzung und durch das Zeigen von Zivilcourage bei Abgrenzung durch andere Personen oder SchülerInnen in der Schule hergestellt werden.

2.3 Verhaltensregeln, die Zeichen setzen

Der Schule kommt wie jeder anderen großen Institution eine besondere Verantwortung des Schutzes gegenüber ihren SchülerInnen zu. Grundsätzlich gilt, dass Kinder und Jugendliche sich nicht alleine vor sexuellen Missbrauch schützen können. Sie brauchen verantwortungsbewusste erwachsene Bezugspersonen an ihrer Seite. Bestimmte Schutzmechanismen müssen in der Struktur der Institutionen verankert sein, damit der Schutz vor sexuellem Missbrauch erfolgversprechend ist. Zu diesen Schutzmechanismen gehören beispielsweise funktionierende Regeln, wie verantwortungsbewusste Lehrkräfte ausgewählt werden, die Interesse an dem Schutz von Mädchen und Jungen haben und sich für ihre Belange einsetzen. Zu diesen Regeln gehören Schutzkriterien und ein Schutzkonzept, die Schule mit Hilfe von Präventionsfachkräften entwickeln und in der Struktur der Schule verankern kann. Es ist ebenfalls wichtig, dass es für Lehrkräfte Regeln gibt, die selbstverpflichtenden Charakter haben und im Sinne des Schutzes vor sexuellem Missbrauch umgesetzt werden, z.B. Verhaltensregeln zwischen LehrerInnen und SchülerInnen. Auch gewisse Verhaltensregeln zwischen SchülerInnen sind wichtig, die ein Zeichen gegen sexuelle, physische, psychische so wie rassistische Gewalt, setzen. So verpflichtet sich jede/r gegen Ausbeutungs- Ausgrenzungs- und Unterdrückungsmechanismen.

2.4 Sexualerziehung

Zur Prävention von sexuellem Missbrauch gehört eine sensible und altersgerechte Sexualerziehung. Je früher diese stattfindet, desto hilfreicher ist sie. Viele Eltern - u. a. auch viele mit Migrationshintergrund - finden eine Sexualerziehung im Kindergartenalter noch zu früh und warten ab, bis ihre Kinder in die Schule gehen in der Hoffnung, dass diese im Biologieunterricht die nötigen Informationen über Körper, Menschen und Sexualität bekommen.

In einer Untersuchung der BZgA von 2010 über Sexualaufklärung von Jugendlichen zwischen 14-17 Jahren wird festgestellt, dass die meisten Jugendlichen besonders mit Migrationshintergrund keine AnsprechpartnerInnen für sexuelle Fragen in der Familie haben. Das fehlende Gesprächsangebot über sexuelle Fragen seitens der Eltern gilt besonders für Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund. Die Gründe dafür liefert die Studie nicht. Aber diese können fehlende eigene Sexualerziehung und damit verbundene eigene Schamgefühle sein, die Eltern davon abhalten, ihre Kinder aufzuklären. Es kann auch daran liegen, dass sie Angst vor Überforderung ihrer Kinder haben. Die meisten der befragten Jugendlichen mit Migrationshintergrund geben an, dass ihre LehrerInnen ihre ersten AnsprechpartnerInnen für Sexualfragen waren. Dies zeigt ebenfalls auf, wie wichtig die Rolle der Schule und insbesondere die der LehrerInnen sein kann.

Natürlich müssen nicht immer LehrerInnen die Aufgabe der Sexualerziehung übernehmen. Es ist sogar oft sinnvoller, dass sie dies nicht tun. Es gilt, das Intimleben der SchülerInnen zu schützen und deshalb sollte dies möglichst nicht mit Lehrkräften geteilt werden. Wichtig ist aber, dass eine Sexualerziehung stattfindet und das jemand für die Fragen oder den Gesprächsbedarf der SchülerInnen zur Verfügung steht.

Eine präventive Sexualerziehung informiert Mädchen und Jungen über Sexualität, Gefühle, Beziehung und Gesundheit, gibt ihnen eine positive Sprache und unterstützt sie darin, die positiven Seiten der Sexualität als positiv zu bezeichnen und negative Erfahrungen möglichst zu vermeiden. Eine unterstützende Sexualerziehung stärkt Mädchen und Jungen in ihrem Selbstbewusstsein und führt zu einem positiven Selbstbild und dazu, dass Kinder und Jugendliche ihren Körper als etwas Wertvolles und Schützenswertes erfahren. Eine Sexualerziehung der Vielfalt bedient nicht die vorherrschenden Klischees und Rollenbilder, ist nicht auf eine besondere Sexualitätsform wie z.B. Geschlechtsverkehr fixiert, erkennt die vielen Facetten der Sexualität an, erkennt die Sexualität von allen Menschen in jedem Alter und mit jeder körperlichen und geistigen Fähigkeit an, ist nicht aufdringlich, respektiert die menschlichen Grenzen und lehnt Grenzüberschreitungen ab. So ein offenes Sexualerziehungskonzept ist ein wichtiger Teil der interkulturellen Prävention.

2.5 Elternarbeit

Der nächste wichtige Teil der Präventionsarbeit ist die Elternarbeit. Eltern haben Recht auf Informationen. Sie können wichtiger Teil eines starken Bündnisses sein, das zum Schutz von Kindern und Jugendlichen beiträgt.

Auch in der Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch ist es wichtig, nicht gegen die Eltern zu arbeiten sondern sie mit ins Boot zu holen und mit ihnen zusammen zu arbeiten, soweit diese nicht selbst unter dem Verdacht stehen. Grundsätzlich ist es wichtig, auch Eltern mit Migrationshintergrund über das Thema sexueller Missbrauch, Prävention und Sexualerziehung zu informieren und ihnen die Bedeutung des Themas für den Schutz ihrer Kinder klar zu machen. Es ist oft sinnvoll, für Eltern mit Migrationshintergrund separate Abende zu diesen Themen anzubieten, je nachdem, wie lange sie in Deutschland sind und wie gut sie Deutsch sprechen. Ggf. ist sogar wichtig, dass sie einen Vortrag in ihrer Sprache oder mit Möglichkeit der Übersetzung erhalten. Da die professionellen Übersetzungsarbeiten oft sehr kostenintensiv sind, können die Schulen auch auf eigene Ressourcen zurückgreifen wie z.B. andere engagierte und besser Deutsch sprechende Eltern, die unentgeltlich für die kleinen und homogenen Elterngruppen übersetzen könnten.

Oft sind auch geschlechterhomogene Elterngruppen hilfreich, weil die teilnehmende Eltern dann auch zu intimen und schambehafteten Themen wie Sexualität oder sexueller Missbrauch vertrauter sprechen können.

Wichtig ist dabei, den Eltern für ihr Interesse am Thema Anerkennung zeigen und sie dafür loben, dass sie das Angebot des Elternabends wahrgenommen haben. Ihre Erziehung ist nicht grundsätzlich in Frage zu stellen, auch wenn es in den Erziehungsfragen Differenzen gibt. Ziel sollte es sein Gemeinsamkeiten zu finden, die nicht selten sind. Eltern wollen i.d.R. das Beste für ihre Kinder. Das kann nur mit dem Interesse der Schule einhergehen. Es kommt nun darauf an, welche gemeinsame Sprache die beiden Seiten finden.

Für das Thema Prävention von sexuellem Missbrauch müssen Eltern überzeugt werden. Sie wissen genau, wie wichtig es ist, die Kinder vor sexueller Gewalt zu schützen. Oft braucht es gute Argumente dafür, warum es für erfolgreiche Prävention wichtig ist, dass die Kinder über Sexualität und sexuellen Missbrauch informiert sind. Oder welchen Sinn die Sexualerziehung hat, wenn wir Kinder vor sexueller Gewalt schützen wollen. Wenn es den Schulen gelingt, Eltern gut zu informieren und ihnen passende Argumente zu liefern, gewinnen sie die Eltern und haben damit starke PartnerInnen an ihrer Seite fürs Thema Prävention von sexuellem Missbrauch.

Die Überzeugungsarbeit fürs Thema Prävention von sexueller Gewalt mit kulturellen Aspekten können i.d.R. ReferentInnen und Fachkräfte leisten, die die nötigen Kompetenzen haben. Die Schule muss dies nur anbieten. Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen große Erfolge, wenn es darum geht, Eltern fürs Thema Prävention von sexuellem Missbrauch und Sexualerziehung stark zu machen.

2.6 Fazit

Eine gelungen Präventionsarbeit gegen sexuelle Gewalt auch mit Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund in der Schule braucht Offenheit gegenüber dem Thema, Kompetenzen, Vertrauensbasis zwischen Lehrkräften und SchülerInnen, ein passendes Konzept, gute Zusammenarbeit mit Eltern und Vertrauen darin, dass diese Ausstattungen für den Schutz von Mädchen und Jungen eine gute Grundlage ist.

3 Literatur

Bange, Dirk (2011): Eltern von sexuell missbrauchten Kindern. Reaktionen, psychosoziale Folgen und Möglichkeiten der Hilfe. Göttingen.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (2010): Jugendsexualität. Repräsentative Wiederholungsbefragung von 14- bis 17-jährigen und ihren Eltern - Aktueller Schwerpunkt Migration. Köln.

Helming, Elisabeth et al. (2011): Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen - Abschlussbericht des DJI-Projektes im Auftrag der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann, Deutsches Jugendinstitut e.V. (Hrsg.), München.

Rommelspacher, Birgit (1995): Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht, Berlin.

Strohhalm e.V. (Hrsg.) (2007): Jedes Kind auf dieser Erde ist ein Wunder Bd. 1: Interkultureller Kontext für Elternbildung, Beratung und Prävention bei sexuellem Missbrauch, Berlin.

Strohhalm e.V. (Hrsg.) (2007): Jedes Kind auf dieser Erde ist ein Wunder Bd. 2: Schutz vor sexuellem Missbrauch - Konzepte und Erfahrungen interkulturellerPräventionsarbeit, Berlin.

§ 174 STGB: Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen

Autorinnen

  • Dipl.-Päd. Parvaneh Djafarzadeh

    Dipl.-Päd. Parvaneh Djafarzadeh arbeitet als pädagogische Mitarbeiterin bei AMYNA (Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch). Zu ihren Schwerpunkten gehört die interkulturelle Präventionsarbeit.

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