Behinderung/ Beeinträchtigung

verfasst von Prof. Dr. Barbara Ortland

1 Einleitung

Der nachfolgende Text ist mit freundlicher Genehmigung aus der Zeitschrift für Heilpädagogik entnommen: Ortland, B. (2012): Die Schulen für die Schülerinnen stark machen. Prävention sexueller Gewalt (nicht nur) an Förderschulen. Jahrgang 63, Heft 3, S. 114-119.

Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf in den Bereichen körperliche und motorische sowie bzw. oder geistige Entwicklung besuchen in den meisten Bundesländern nach wie vor vorrangig die Förderschulen mit den Förderschwerpunkten körperliche/ motorische Entwicklung (FkmE) oder geistige Entwicklung (FgE) (Sozialverband Deutschland, 2009, S. 14f.). Auch wenn sich bei beiden Personengruppen die Gefährdung für sexuelle Gewalt sowie die Herausforderungen in Prävention und Intervention bei differenzierter Betrachtung z. T. unterscheiden (z. B. bei der Fähigkeit, Situationen zu reflektieren, Erfahrungen eindeutig zu kommunizieren), so gelten die folgenden überblickhaften Ausführungen für alle Kinder und Jugendlichen mit Körper- und/ oder geistiger Behinderung. Die Gefährdungsfaktoren, die sowohl aus Behinderung als auch Lebenssituation resultieren, verdeutlichen den immensen, vor allem strukturellen und konzeptionellen Handlungsbedarf zur Prävention sexueller Gewalt.

2 Angewiesen sein auf Pflege bzw. Unterstützung im urogenitalen Bereich

Viele Menschen dieses Personenkreises sind dauerhaft auf Pflegehandlungen im Intimbereich angewiesen. Dies erschwert es ihnen häufig, eine stabile Intimsphäre aufzubauen, die übergriffiges und gewalttätiges Verhalten in Pflegesituationen eindeutig als solches erkennen lässt (Ortland, 2007, S. 182ff.). Mitbestimmung bei der Wahl der Pflegepersonen ist oft nicht möglich (Mickler, 2009, S. 30). Ebenso sind Pflegehandlungen besonders anfällig für subtile Gewalt. Dies lässt sich durch den durch die Pflegeperson empfundenen Ekel oder den Zorn über die mangelnde Mitarbeit des pflegebedürftigen Menschen erklären (Gieseke, 2009, S. 195f.). Hinzu kommen strukturelle Erschwernisse, da z. B. in Förderschulen FkmE eine gleichgeschlechtliche Pflege nach Aussage von Lehrerinnen nur in 41,7 % der Fälle sicher gewährleistet werden kann. Jeder zehnte an dieser Schulform in NRW befragte Lehrer (N=231) legt keinen Wert auf gleichgeschlechtliche Pflege, fast ein Drittel (28,6%) erst ab einem bestimmten Alter (Ortland, 2005, S. 116f.).

3 Körpernahe Förderung

Auch für die pädagogisch ausgerichtete körpernahe Förderung (z. B. Basale Stimulation) gilt, dass die Kinder und Jugendlichen mehrere verschiedene Personen im Laufe eines Schuljahres in diesen Förderangeboten nah an sich heranlassen müssen. Über die Hälfte der befragten Lehrerinnen an Förderschulen FkmE in NRW legt hier keinen Wert auf Gleichgeschlechtlichkeit (Ortland, 2005, S. 126ff.). Über die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer erlebt deutlich sexuelles Verhalten der Schüler in diesen Situationen (ebd., S. 129), das sie zum Handeln herausfordert. Für therapeutische Situationen ist Ähnliches anzunehmen. Diesbezüglich weisen Köbsell& Strahl (2011) weiterhin auf folgenden Zusammenhang hin: „Wenn frau damit aufwächst, dass ständig fremde Personen (Ärzt/innen, Therapeut/innen und andere) in durchaus auch schmerzhafter Weise am Körper hantieren und niemand erklärt, dass es hier Grenzen gibt, die nicht überschritten werden dürfen, gibt es auch kein Gefühl und kein Verhaltensrepertoire für Grenzüberschreitungen“ (ebd., S. 4).

4 Mangelnde Kommunikationsmöglichkeiten und mögliche kognitive Beeinträchtigungen:

Durch die Behinderung in Kombination mit den folgenden strukturellen Defiziten ist es den Betroffenen häufig nicht möglich oder wesentlich erschwert, sich beim Vorliegen sexueller Gewalt eindeutig mitzuteilen (vgl. Bosch &Suykerbuyk, 2010). Menschen ohne verständliche Lautsprache, die unterstützt kommunizieren, fehlen in der Regel differenzierte Aussagemöglichkeiten (vgl. Ortland, 2008). Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen wird selten oder gar nicht geglaubt, da ihre Mitteilungsmöglichkeiten oft nicht differenziert genug sind (Delisle, 2010, S. 14).

5 Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse

Menschen mit Behinderung leben in Institutionen aufgrund ihres Unterstützungsbedarfes in Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen (Bretländer, 2007;  Fegert et al., 2006; Küppers, 2009, S. 46f.;Herrath, 2010, S. 14). Sie brauchen bspw. Hilfe bei alltäglichen Verrichtungen, zur Unterstützung ihrer Mobilität, zum Ausleben ihrer Sexualität. Diese Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse erleichtern es Tätern, sich Kinder und Jugendliche mit Behinderung gefügig zu machen (vgl. Gerdtz, 2003, S. 37f.;Wawrok, Klein &Fegert, 2006). „Die Alltäglichkeit von Fremdbestimmung wird dem geistig behinderten Menschen zum Verhängnis“ (Gerdtz, 2003, S. 37f.).

6 Mangelnde Sexualerziehung

Die Situation der Sexualerziehung an den Förderschulen zeigt aus Lehrkräfteperspektive ein desolates Bild. Die Befragung von Lehrkräften an elf Förderschulen FkmE in NRW (N= 231) zeigte, dass die Lehrkräfte zwar um die möglichen Besonderheiten der sexuellen Entwicklung der Schülerinnen wissen, sich diese aber nur bedingt in einer behinderungsspezifischen und kompetenten Sexualerziehung niederschlagen. Die Lehrkräfte bewerten ihre Ausbildung vorwiegend als mangelhaft, sehen die Notwendigkeit einer besonderen Ausbildung für die Sexualerziehung an der Förderschule FkmE und geben sowohl einen deutlichen Fortbildungsbedarf als auch die Notwendigkeit innerschulischer Unterstützung an (Ortland, 2005, S. 182f.). Für Jugendliche mit geistiger Behinderung konstatiert Leue-Käding (2004) in ihrer Studie mangelndes Sachwissen, dessen Ursprung sie „in der maximal sporadisch erfolgten Aufklärungsarbeit von Seiten der Eltern und der Schule“ (ebd., S. 218) sieht (vgl. Gerdtz, 2003, S. 37). Fehlende Lern- und Erfahrungsräume für sexuelles Handeln potenzieren die Erschwernisse im Bereich der sexuellen Entwicklung (vgl. Specht, 2008, S. 299).

7 Mangelnde soziale Netzwerke zur Unterstützung

Kinder und Jugendliche mit Behinderung haben durch den Besuch der Förderschule im Ganztag, durch veränderte Kommunikationswege sowie Stigmatisierungsprozesse weniger Erfahrungen in sozialen Kontakten und demgemäß eingeschränkte soziale Netzwerke, die im Fall von sexueller Gewalt intervenieren könnten. Verhaltensänderungen aufgrund sexueller Gewalt werden selten damit in Verbindung gebracht, sondern eher auf die Behinderung zurückgeführt (Wildwasser, 2002, S. 13; Mickler, 2009, S. 32).

Die Gefährdungsfaktoren für Kinder und Jugendliche mit Behinderung sind vorrangig strukturell bedingt und werden durch ihre Behinderung potenziert. Das Erlernen selbstbestimmten Verhaltens, also die Stärkung des Selbstbewusstseins zur Abwehr sexueller Gewalt, ist für Kinder und Jugendliche mit Behinderung deutlich erschwert und erfordert einen kontinuierlichen aufwändigen Lernprozess. Für Kinder und Jugendliche mit schwerer und mehrfacher Behinderung ist es unmöglich, diese Formen zum eigenen Schutz vor sexueller Gewalt zu erlernen. Deshalb müssen Präventionsmaßnahmen neben der Realisierung pädagogisch umfassender Präventionsarbeit mit den Kindern und Jugendlichen bei der Veränderung struktureller Rahmenbedingungen ansetzen. Pädagogische Institutionen, in diesem Fall Schulen, müssen die besondere Gefährdung der Schülerinnen fokussieren und gezielte strukturelle Maßnahmen zur Vermeidung bzw. Minimierung sexueller Gewalt etablieren.

8 Literatur

Bosch, E.; Suykerbuyk, E. (2010): Begleitung sexuell missbrauchter Menschen mit geistiger Behinderung. Arnhem: Bosch &Suykerbuyk Trainingscentrum BV

Bretländer, B. (2007): Kraftakte: Lebensalltag und Identitätsarbeit körperbehinderter Mädchen und junger Frauen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt

Delisle, B. (2010): Sexuelle Gewalt gegen Menschen mit Behinderung. In: Medizin für Menschen mitgeistiger oder mehrfacher Behinderung. Jahrgang 7, Heft 1, 13-18

Fegert, J.M., Jeschke, K.; Thomas, H.; Lehmkuhl, U. (2006)(Hrsg.): Sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Gewalt. Ein Modellprojekt in Wohneinrichtungen für junge Menschen mit geistiger Behinderung. Weinheim: Juventa

Gerdtz, M. (2003): Auch wir dürfen NEIN sagen. Sexueller Missbrauch von Kindern mit einer geistigen Behinderung. Heidelberg: Schindele

Gieseke, W. (2009): Lebenslanges Lernen und Emotionen. Wirkungen von Emotionen auf Bildungsprozesse aus beziehungstheoretischer Perspektive. 2. Aufl. Bielefeld: Bertelsmann

Herrath, F. (2010): Was behindert Sexualität? In: Dobslaw, G. (Hrsg.): Sexualität bei Menschen mit geistiger Behinderung. Dokumentation der Arbeitstagung des DGSGB am 5.3.2010 in Kassel. Download unter http://www.dgsgb.de/downloads/band%2023.pdf (Abruf am 25.05.11)

Köbsell, S.; Strahl, M. (2011): Unsichtbare Opfer – behinderte Frauen und (sexualisierte) Gewalt. In: Frauenhauskoordinierung e.V. (Hrsg): Newsletter 2, 4-6

Küppers, D. (2009): Sexualität ermöglichen – Sexualisierte Gewalt verhindern. In: AMYNA e.V. (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt verhindern, Selbstbestimmung ermöglichen. Schutz und Vorbeugung für Mädchen und Jungen mit unterschiedlichen Behinderungen. Norderstedt: Books on Demand, 41-60

Leue-Käding, S. (2004): Sexualität und Partnerschaft bei Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung. Probleme und Möglichkeiten einer Enttabuisierung. Heidelberg. Schindele

Mickler, B. (2009): Sexualisierte Gewalt an Mädchen und Jungen mit Behinderung. In: AMYNA e.V. (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt verhindern, Selbstbestimmung ermöglichen. Schutz und Vorbeugung für Mädchen und Jungen mit unterschiedlichen Behinderungen. Norderstedt: Books on Demand, 25-39

Ortland, B. (2005): Sexualerziehung an der Schule für Körperbehinderte aus Sicht der Lehrerinnen und Lehrer. Wissenschaftliche Grundlagen, empirische Ergebnisse, pädagogische Konsequenzen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt

Ortland, B. (2007): Pflegeabhängigkeit und Sexualität. In: Faßbender, K.-J.; Schlüter, M. (Hrsg.): Pflegabhängigkeit und Körperbehinderung. Theoretische Fundierungen und praktische Erfahrungen. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 177-196

Ortland, B. (2008): Behinderung und Sexualität. Grundlagen einer behinderungsspezifischen Sexualpädagogik. Stuttgart: Kohlhammer

Sozialverband Deutschland (Hrsg.) (2009): Das SoVD Bildungsbarometer Inklusion. Fortschritte auf dem Weg zur inklusiven Bildung in den Bundesländern. Download unter: http://www.sovd.de/fileadmin/downloads/pdf/positionspapiere/SoVD Bildungsbarometer_Inklusion.pdf (Abruf am 06.04.11)

Specht, R. (2008): Sexualität und Behinderung. In: Sielert, U.; Schmidt, R.-B. (Hrsg.): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung. Weinheim: Juventa, 295-308

Wawrok, S., Klein, S. ; Fegert, J.M. (2006): Forschungsergebnisse zur Problematik der sexualisierten Gewalt in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe und Anlage eines Modellprojektes. In: Fegert, J.M.; Wolff, M. (Hrsg.): Sexueller Missbrauch durch Professionelle in Institutionen. Prävention und Intervention – ein Werkbuch. Weinheim: Juventa, 73-82

Wildwasser e.V. (Hrsg.) (2002): Gegen sexuelle Gewalt an Frauen und Mädchen mit Körperbehinderung. Ein Handbuch für Prävention und Beratung. Freiburg

 

 

Autorin

  • Prof´in Dr. Barbara Ortland

    Prof. Dr. Barbara Ortland ist Professorin für Heilpädagogische Methodik und Intervention an der Katholischen Hochschule NRW im Studiengang Heilpädagogik und arbeitet seit 2011 im wissenschaf- lichen Beirat des Projekts Kinderschutzportal mit. Zu ihren Schwerpunkten gehört u.a. die Prävention von sexueller Gewalt gegen Menschen mit Behinderung.

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Buchtipp

Ortland, Barbara: Behinderung als Thema in der Sexualerziehung. Unterrichts- bausteine und –materialien. Buxtehude: Persen Verlag GmbH, 2009.

 

Präventionsprojekte für Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf

  • WenDo - Selbstbehauptung und Selbstverteidigung

    Selbstbehauptung/ Selbstverteidigung und Konflikttraining für Mädchen

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  • "Mut tut gut"

    Verminderung von Gewalt

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  • "Die große Nein-Tonne"

    Präventionstheater

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Buchtipp

Bundesverein Lebenshilfe (Hrsg.): Sexual- pädagogische Materialien für die Arbeit mit geistig behin- derten Menschen. 5. Auflage. Weinheim und München: Juventa Verlag, 2009.