Modell: 4 Vorbedingungen

Weder der feministische noch der familiendynamische Ansatz erklären genügend, warum es letztlich zum Missbrauch kommt: Warum gibt es Familienväter, die in den beschriebenen Konfliktsituationen zu Missbrauchern werden, während es andere Familienväter gibt, die nach gewaltfreien Lösungsmöglichkeiten suchen? Warum wird der eine Mann unter vergleichbaren Gesellschaftsbedingungen zum Täter, der andere jedoch nicht? Diese Fragen werden durch die beiden Erklärungsansätze nur unzureichend beantwortet.

David Finkelhor (1984) entwickelte ein Integrationsmodell aus verschiedenen Erklärungsansätzen. Er macht darauf aufmerksam, „dass die Erklärungen für das Entstehen des Verhaltens eines sexuellen Missbrauchers nicht gleichgesetzt werden können mit den Erklärungen, warum ein Kind sexuell missbraucht wird.“ (Finkelhor 1984 zitiert in: Deegener 1995, S.222) Die Frage, warum es letztendlich zum sexuellen Missbrauch kommt, nimmt eine zentrale Rolle bei Finkelhor ein: er nennt vier bedingende Faktoren, die in unterschiedlicher Gewichtung dazu beitragen können, dass eine Person ein Kind sexuell missbraucht.

Der potentielle Täter benötigt eine gewisse Motivation zum sexuellen Missbrauch eines Kindes. z.B. das Bedürfnis, sich mächtig und kontrollierend zu empfinden; die Befriedigung emotionaler und sexueller Bedürfnisse.

Der potentielle Täter muss interne Hemmungen überwinden, welche dagegen wirken, nach solch einer Motivation zu handeln, wie z.B. mangelnde Impulskontrolle, Psychosen, soziale Tolerierung sexueller Interessen.

Der potentielle Täter muss externe Hemmungen überwinden, um sexuellen Missbrauch zu begehen: z.B., dass die Mutter abwesend oder krank ist.

Der potentielle Täter oder einige andere Faktoren müssen den möglichen Widerstand des Kindes gegen den sexuellen Missbrauch untergraben oder überwinden, z.B. emotional unsichere oder deprivierte Kinder; Gewaltanwendung; Machtlosigkeit von Kindern in der Gesellschaft etc. (Diese Faktoren hat Finkelhor in Verbindung mit individuellen und soziokulturellen Erklärungshypothesen gebracht)

Finkelhors Modell der vier Vorbedingungen zum sexuellen Missbrauch bieten eine gute Grundlage für die erforderliche mehrdimensionale Betrachtungsweise bei der Ursachenanalyse von sexueller Gewalt an Kindern, in die der familiendynamische und der feministischer Erklärungsansatz integriert werden können.

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