Täterprofile

Welche Täterprofile lassen sich statistisch signifikant „herausfiltern“? Es sind vor allem pädosexuelle Täter, d.h. solche, die fixiert oder favorisiert ihre Macht-, Gewalt- und Lustbedürfnisse im Umgang mit Kindern und Jugendlichen sexualisiert befriedigen. Das zeigt sich auch im Wandel der Begrifflichkeit vom Pädo-philen zum Pädo-sexuellen (vgl. Dannecker 2002, S. 392), vergleichbar dem vom „sexuellen Missbrauch“ zur „sexualisierten Gewalt“.

Die euphemistische Selbstbezeichnung, ein Pädophiler zu sein legt das Missverständnis nahe, dass die philia = Liebe/Freundschaft nichts mit den begehrenden sexualisierten Bedürfnissen des Täters zu tun hätte, so wie ein Missbrauch auch einen Gebrauch vermuten lässt.

Die spezifische sexuelle Orientierung Pädosexueller artikuliert sich zwar als „Vorliebe für das Kind“ und möchte als eine erzieherische Grundhaltung dem Kind gegenüber – wenn auch eingegrenzt auf Sexualität – verstanden werden, doch darf die Absicht des Täters, das Kind so zu manipulieren, dass es seinem Begehren nach sexueller Machtbefriedigung entspricht, nicht verschwiegen werden.

Wenn Pädosexuelle auf Grund ihres Wissens von der Strafbarkeit ihrer Handlungen und möglicherweise auch eines „unguten“ Gefühls den Kindern gegenüber eine solche Sinnverdrehung vornehmen, sie seien nur am Wohle des Kindes interessiert, wird auch schon von Pädokriminellen gesprochen.

Der fixierte Täter

Er versteht sich als Opfer der Verhältnisse. Das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Ohnmacht und der Hilflosigkeit gegenüber den vorgegebenen Lebensbedingungen lassen ihn nach „Objekten“ suchen, mit denen er sich identifizieren kann. Er findet sie im Kleinkind, das ebenso auf Hilfe und Unterstützung angewiesen ist. Fixierte Täter möchten darum wieder wie ein Kind sein, um erlebte Defizite im Kindesalter als Erwachsene „wieder zu beleben“.

Die Befreiung aus der Opferrolle und den Ohnmachtserfahrungen in der eigenen Kindheit wird fortschreitend erneut durch Identifikation mit dem verletzlichen und schwachen Kind gesucht. Der fixierte Pädosexuelle hat als Erwachsener von der physischen und psychischen Unterlegenheit des Kindes keine neuen Ohnmachtserfahrungen zu erwarten. Er kann jetzt die Rolle des Stärkeren, des Beschützers, des Freundes, des Retters des Kindes wählen. Diese Bedürfnisse „tarnen“ ihn im Umgang mit Kindern und lassen ihn lange Zeit unentdeckt handeln. Das Machtgefälle zwischen dem erwachsenen Täter und dem gesuchten schwachen Kind verschafft Anerkennung, bindet Ängste und stärkt das verletzte männliche Selbstwertgefühl.

„Auch wenn sie sich wie ein Kind verhalten wollen und sich kindlich-sexuellen Bedürfnissen anzupassen versuchen, konfrontieren sie das Kind mit dem eigenen erwachsenen männlichen Körper und dem ausgebildeten Geschlechtsteil, was im erregten Zustand auf ein Kind bedrohlich wirken muss. Der Pädosexuelle ist zur Befriedigung seiner sexuellen und erotischen Wünsche an nicht erwachsene Objekte gebunden und er behandelt seine kindlichen Sexualobjekte zugleich so, als ob sie erwachsen und reif für sexuelle Beziehungen wären“ (Dannecker 2002, S. 393).

Pädosexuelle jugendliche Täter suchen das sexuelle Erleben nicht mit konkurrierenden gleichaltrigen Jugendlichen oder bedrohlich erscheinenden Erwachsenen sondern mit dem nicht bedrohlich wirkenden schwachen gleichgeschlechtlichen Kind, d.h. mit dem verletzten Kind in sich, das nun in der Projektion auf ein anderes Kind Heilung erfahren soll.

Durch diese Identifikation mit dem Kind erfüllen sich die nicht erlebten Sehnsüchte eigener Kindheit nach Nähe, Liebe, Aufmerksamkeit, Zuwendung, Anerkennung. Diese narzistische Verliebtheit in das Kind, das er selbst ist, zeigt eine starke emotionale Kongruenz zwischen Erwachsenen und Kindern. Sie lassen Schuldgefühle gegenüber dem Opfer kaum aufkommen.

Fixierte Pädosexuelle sind hochsignifikant unverheiratet, leben allein, isoliert und leiden unter starken Kontaktstörungen. In ihren Arbeitsfeldern erleben sie sich als „Solisten“.

Der regressive Täter

Dieser Tätertyp möchte wieder wie ein Kind spielen können, nicht nur am Computer seinem Spieltrieb nachkommen; „die Leichtigkeit des Seins“ in einer Stressgesellschaft genießen und noch einmal „das Kind im Manne“ legal erleben dürfen, ohne gesellschaftlich sanktioniert zu werden. Wird dieses Bedürfnis emotionalisiert und sexualisiert kompensiert, fällt der Erwachsene zurück in die Phase der kindlichen „Doktorspiele“ als mögliche sexuelle Spielart: sich gegenseitig nackt zeigen, Sexualorgane sehen, streicheln, masturbieren.

Gesuchte emotionale Nähe wird zuerst erotisiert, nicht unbedingt schon anal oder vaginal sexualisiert, was bei fortschreitendem Missbrauch allerdings möglich wird. Die Faszination für das Kind korreliert hoch mit der Bewunderung durch das Kind. Weil er es mit dem Kind gut meint, „verführt“ ihn diese Intention, das Kind seinen eigenen sexuellen Bedürfnissen entsprechend zu manipulieren und die tatsächlichen Bedürfnisse des Kindes nach Selbstbestimmung zu übergehen.

Anders als der fixierte Pädosexuelle, der wie ein Kind zurück in die Kindheit will, hebt er das Kind als gleichberechtigten Partner zu sich als Erwachsenen empor. Der spielerische Umgang mit dem Kind lässt Versagensängste gar nicht erst aufkommen und auch körperliche Nähe erotisch angenehm erscheinen. So „funktioniert“ der regressive Pädosexuelle das Kind „um“ und macht es zum geeigneten gleichberechtigten Sexualpartner, weil er sich selbst im kindlich-sexuellen Entwicklungsstand wohl fühlt und vom Kind nicht als unmännlich erlebt wird.

„In Identifikation mit dem Jungen gelingt es den Pädosexuellen, ihre eigenen kindlichen Bedürfnisse kurzzeitig zu befriedigen. Sie können ‚endlich einmal Kind sein’ ohne Gefahr zu laufen, aufgrund der Artikulierung ihrer Emotionen zurückgewiesen und geringgeschätzt zu werden“ (Bundschuh/Stein-Hilbers 1998, S.191).

Zweifel an der eigenen Männlichkeit werden durch die „liebevolle“ Hinwendung zum „bedürftigen“ Kind kompensierend überwunden. Das Kind wird zum Ersatz für nicht vorhandene altersadäquate Geschlechtspartner, um zunächst keineswegs sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen, vielmehr Störungen und Krisen der männlichen Selbstwahrnehmung zu kompensieren.

Der soziopathische Täter

Dieser Typus ist durch ein deutlich erlebtes ungleiches Machtverhältnis zwischen Mann und Frau geprägt. In den primären Bezugsgruppen haben sich die Frauen, trotz gegenteiliger Bedürfnisse, den Männern untergeordnet. Der Mann als Familienoberhaupt hatte eindeutig „das Sagen“, war in der Regel der Ernährer und garantierte den sozialen Status der Familie.

Der Junge erlernt ein männliches Vorbild mit den klassischen patriarchalen Verhaltensmustern: Dominanz gegenüber Frauen, Selbstbeherrschung gegenüber eigenen Gefühlen, Durchsetzungswille und Unterwerfungsstreben gegen Konkurrenten, durchaus mit der Bereitschaft zur Gewalt.

Die Identifikation des Jungen mit dem vorgegebenen männlichen Ideal scheitert oft mit dem Beginn der Pubertät, wenn die Erfolg versprechenden gelernten „Tugenden“ sich im Umgang mit Gleichaltrigen nicht bewähren. Das männliche Selbstbild, „ein richtiger Junge“ sein zu wollen, gerät in die Krise, wenn sich körperliche Unterlegenheiten („Weichei“), z.B. im Sport oder bei Mutproben als Initiationsriten der peer-groups, zeigen, intellektuelle Niederlagen durch Mädchen in der Schule „eingesteckt“ werden oder die Höherbewertung des Mannes gegenüber der Frau außerhalb der Familie keine Bestätigung findet.

Ängstliche, schüchterne, gehorsame kleine Mädchen faszinieren soziopathische Pädosexuelle, selbstbewusste bedrohen sie. Die Unfähigkeit, sich durch das eigene männliche Selbstbild bei Gleichaltrigen Respekt zu verschaffen ebenso wie die verweigerte Unterwerfung der Frauen lassen diese Täter immer wieder, vor allem in Krisen- und Grenzsituationen, in denen ihre Männlichkeit in Zweifel gezogen wird, gegenüber Schwächeren mit sexualisierter Gewalt reagieren.

Die Erwartung sexueller Verfügbarkeit über ein weibliches „Objekt“ lässt diese Täter vor allem Mädchen bis zur Pubertät missbrauchen, weil der kindliche weibliche Körper durch Unschuld, Unverdorbenheit und Naivität fasziniert. Wird das Kind geschlechtsreif, erwachsen, beginnt das Bedrohungsmuster, ein „Versager“ zu sein, wieder zu wirken.

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