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Mythos Täterbild
Vorstellungen von Tätern haben sich in den 90er Jahren verändert. Sie unterlagen viel zu lange verschiedenen Mythen, die immer noch, trotz besserer Erkenntnis, in der Öffentlichkeit vorhanden sind.
Lange Zeit wurde nur vor dem „bösen Fremden“ gewarnt: vor dem Mann mit der Schokolade am Spielplatz; vor dem Mann, der aus dem Auto heraus kleine Kinder anspricht; vor dem Mann, der bei Anbruch der Dunkelheit kleine Kinder verführt. So lauteten auch die Warnungen, sogar in polizeilichen Präventionsschriften: „Geh nie mit einem Fremden mit!“ „Nimm nie Geschenke von fremden Personen an!“ „Bei Dunkelheit bist Du im Haus!“
Dass es diese Fremdtäter immer noch und immer wieder gibt, ist unbestritten; doch sind sie eine kleine, wenn auch medienwirksame Minderheit, z.B. wenn ein Sexualmord stattfindet, im Gegensatz zu den Tätern im sozialen Nahbereich, die oft unentdeckt bleiben.
Aus der verbesserten Wahrnehmung entstand allerdings Anfang der 90er Jahre ein neuer Mythos: Die Väter sind die Täter! Die Gegenbewegung lautete dann: „Missbrauch mit dem Missbrauch“. In den letzten zehn Jahren sind auf dem Gebiet der Täteranalyse viele neue qualifizierte Erkenntnisse gewonnen worden. Neben den Fremdtätern, die den Opfern nicht bekannt sind, sprechen wir von den Tätern im sozialen Nahbereich (z.B. in Schule, Bekanntenkreis, Jugendgruppe, Sportverein, Nachbarschaft, Kommunions- und Konfirmandengruppe), die geregelten Umgang mit Kindern haben, ihr Vertrauen gewinnen können, um es sexuell auszubeuten.
Eine weitere Gruppe von Tätern gehört zur Primärgruppe Familie und zur engen Verwandtschaft. Erst in den späten 80er Jahren begann eine Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Mütter bzw. Frauen als Täterinnen’. Der Mythos, „die Väter sind die Täter“ und anfänglich auch noch einseitige feministische Parteilichkeit für Frauen verstellten den Blick für die Erkenntnis, dass auch Frauen sexualisierte Gewalttaten begehen. Der Gedanke an weibliche Täterschaft, sowohl innerhalb der Familie als auch im außerfamiliären Umfeld, war stark tabuisiert und ist es z.T. auch heute noch.
Hygienische und fürsorgliche Aspekte haben sexualisiertes Verhalten von Frauen vor allem bei Kleinkindern verdecken können. Doch für die Opfer zeigen sich ebenso zerstörerische Folgen wie bei sexueller Gewalt durch Männer. Vor allem von Frauen missbrauchte Jungen haben es sehr schwer, Gehör für ihr Leiden zu finden.
Bis heute gibt es über Schätzungen hinaus keine genauen Zahlen zu weiblicher Täterschaft. Auch weiß man bis heute wenig darüber, welche Frauen zu Täterinnen werden. Die Dunkelziffer, so wird vermutet, ist hier besonders hoch und viele der Taten, besonders bei Kleinkindern, bleiben unter hygienischen bzw. fürsorglichen Aspekten verborgen. Untersuchungen legen nahe, dass ca. fünf bis 20 Prozent aller Fälle sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche von Frauen ausgeübt werden (vgl. Elliot 1995, 304 -305). Von diesen Täterinnen sind ca. 23 Prozent Angehörige, ca. 50 Prozent Bekannte. Auch die Täterinnen – ebenso wie Täter – kommen aus allen sozialen Schichten.
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