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Mädchen als Opfer sexueller Gewalt
70-80% der Opfer sexueller Gewalt sind Mädchen. Gründe dafür liegen in den Geschlechterbildern und im Geschlechterverhältnis, das in Sozialisationsprozessen von Mädchen und Jungen tradiert wird.
Sozialisationsprozesse, wie z.B. Erziehungshandeln oder Familienrituale, sind geschlechtlich konnotiert, d.h. sie enthalten Vorstellungen von beiden Geschlechtern, sie prägen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsstrukturen.
Zu betonen ist, dass das Geschlechterverhältnis nicht egalitär, sondern hierarchisch angelegt ist. Das sozioökonomische und politische Gefälle zwischen Männern und Frauen lässt sich an Hand der geschlechtsbezogenen und hierarchisierten Arbeitsteilung moderner Gesellschaften in einen männlich konnotierten produktiven und einen weiblich geprägten reproduktiven Bereich nachzeichnen.
Diese institutionalisierte Ungleichheit der Geschlechter hat u.a. zur Folge, dass das weibliche Geschlecht weniger wertgeschätzt wird als das männliche, was bis in die Selbstwahrnehmung hineinreicht. Aufgrund dieser Arbeitsteilung und Weiblichkeitsbilder werden an Mädchen andere normative Erwartungen als an Jungen gerichtet. Fürsorglichkeit, Einfühlungsvermögen und Nachgiebigkeit werden vom weiblichen Geschlecht erwartet, sie gelten als gefühlvoll, eher unlogisch und passiv. Jungen und Männern wird in diesen Stereotypen dagegen Aktivität, Dominanz und Nüchternheit zugesprochen, sie gelten ferner als sexuell initiativ, eher aggressiv und stark.
Auch wenn sich die Sozialisation und Lebensplanung zwischen den Geschlechtern immer mehr angleicht, sind wir von einer Egalität weit entfernt, wie etwa die jüngsten Shell-Studien zeigen. Viele Forschungen (z.B. Hurrelmann 2004; Benard/ Schlaffer 1996) zeigen, dass Mädchen
- im sozialen Bereich stärker gefordert werden als Jungen
- weniger Lernangebote bekommen, um sich durchzusetzen
- ein niedrigeres Selbstwertgefühl haben als Jungen
- stärker psychosomatisch auf Alltagsstress reagieren als Jungen
- negative Attribuierungsmuster haben
Grundlegend für unseren Kontext ist, dass sich auch die Sexualmoral für die Geschlechter unterscheidet. Mädchen müssen lernen, eine Balance zwischen „Sittsamkeit” und „Sinnlichkeit” zu entwickeln. „Sie haben mit dem Widerspruch fertig zu werden, dass sie Macht ausüben können durch ihre weibliche Attraktivität, erotisch reizvoll aber erst durch ihre Unterwerfungsbereitschaft sind.” (Zielke 1992, S.33)
Weibliche Idealbilder werden insbesondere von der Werbung gezeichnet, sexualisierte Äußerlichkeiten entfalten hierbei eine große Wirkungsmacht. Der weibliche Körper wird häufig auf das Klischee der sexuellen Attraktivität für den Mann reduziert. Dagegen wird das Familienbild in den Medien traditionell dargestellt: Die Frau erscheint als die fürsorgliche Mutter, die für das Wohl der Familie zuständig ist. Selbstbestimmte Weiblichkeitsformen jenseits der Geschlechterklischees sind noch immer nicht alltäglich. Die weibliche Geschlechtsrolle bereitet für Mädchen den Boden für die Opferrolle, denn die „durch Abhängigkeit und Sensibilität gekennzeichnete weibliche Rolle prädestiniert Frauen dazu, sensibel auf die Wünsche anderer einzugehen und sich unterzuordnen und steht der aggressiven Durchsetzung eigener Wünsche entgegen.” (Kolshorn und Brockhaus 2002, S.114)
Ein selbstsicherer und effektiver Stand gegen den Täter wird so besonders schwierig. Auf Grund geschlechtsspezifischer Sozialisation haben sich auch unterschiedliche Verarbeitungsweisen bei negativen und traumatisierenden Erlebnissen entwickelt. Man unterscheidet internalisierende, d.h. gegen die eigene Person gerichtete Bewältigungsstrategien (z.B. Depression, Suizidalität, Autoaggression, sozialer Rückzug) und externalisierende, d.h. gegen die Außenwelt gerichtete Bewältigungsstrategien (z.B. Aggression, sexuelle Übergriffe).
Die Vorgaben einer weiblichen Sozialisation legen den betroffenen Mädchen nahe, die erlebte Gewalt internalisierend zu verarbeiten. Viele Mädchen haben gelernt, andere zu verstehen und sich selbst zurückzunehmen. Prekär werden diese Fähigkeiten, wenn sie, gegen das Wohl des Mädchens gewandt, vom Täter ausgenutzt werden, wie dies bei sexueller Gewalt der Fall ist. In der Folge lenken viele Mädchen die Bewältigungsversuche auf ihren Körper und zeigen psychosomatische Störungen.
Rind und Tromovitch (1997) kommen in ihrer empirischen Analyse zum Schluss, dass weibliche Opfer häufiger als männliche Opfer angeben, unter sexuellen Kindesmisshandlungen zu leiden, und dass die weiblichen Opfer tendenziell stärker unter den Kurz- und Langzeitfolgen leiden als männliche Opfer. Die beiden Autoren führen diese Geschlechtsunterschiede darauf zurück, dass Mädchen im Allgemeinen schwereren Formen sexueller Gewalt ausgesetzt seien. Im Vergleich mit Jungen würden Mädchen häufiger sehr jung und öfter durch körperliche Gewalt zu inzestuösen Beziehungen gezwungen.
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