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Jungen als Opfer sexueller Gewalt
Einleitung
Unbestritten ist, dass Mädchen um ein Vielfaches gefährdeter sind als Jungen, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Doch auch Jungen werden sexuell missbraucht.
„Die Tatsache, dass Jungen Opfer sexueller Gewalt werden, passt [allerdings] nicht in das Bild vom „wehrhaften“ Jungen. Die vorherrschenden Männlichkeitsbilder beeinflussen die Wahrnehmung und Verarbeitung sexueller Gewalterfahrungen auch durch die Betroffenen selbst; die Folge ist, dass viele betroffene Jungen sich nicht oder sehr spät mitteilen und keine Hilfe in Anspruch nehmen" (Julius/Boehme 1997).
Dementsprechend wurden und werden das Ausmaß und die möglichen Folgen sexueller Gewalt gegen Jungen immer noch bagatellisiert.
Ein Überblick über die internationalen Forschungsergebnisse (vgl. u.a. Julius/ Boehme 1997) ergibt folgendes Bild:
- Deutsche und internationale Dunkelfelduntersuchungen belegen, dass jeder neunte bis zwölfte Junge in seiner Kindheit oder Jugend mindestens eine sexuelle Gewalterfahrung macht. Es ist davon auszugehen, dass Jungen, die eine Sonderschule besuchen, in Heimen oder Psychiatrien leben, noch wesentlich häufiger von sexueller Gewalt betroffen sind.
- Jungen werden als Säuglinge, Kleinkinder, im Grundschulalter und als Jugendliche sexuell ausgebeutet.
- Jungen jeder sozialen Herkunft können von sexueller Gewalt betroffen sein.
- Etwa 75 % der Täter und Täterinnen sind dem Jungen bekannt, bevor die sexuelle Gewalt beginnt. Jungen werden zu etwa 20 % von Familienmitgliedern missbraucht (Väter, Mütter, Onkel, Tanten, Brüder, Cousins, Cousinen usw.). Meist sind die Täter und Täterinnen Bezugspersonen aus dem außerfamilialen Nahraum (z.B. Nachbarn, Freunde der Familie, Lehrer, Erzieher, Jugendgruppenleiter, Babysitter, Trainer).
- Das Durchschnittsalter der Täter liegt bei etwa 30 Jahren.
- Über ein Drittel der Täter ist selbst noch im Kindes- oder Jugendalter.
- Jungen erleben sexuelle Gewalt überwiegend durch männliche Täter.
- Der Anteil der Täterinnen liegt bei etwa 20 %, in einigen Untersuchungen niedriger, in anderen aber deutlich höher.
- Die Berichte von betroffenen Jungen und Männern sowie eine Fülle von Forschungsdaten verweisen auf die Vielfalt und Schwere möglicher Folgen sexueller Gewalt an Jungen (z.B. Depressionen, Suizidalität, Ängste, psychosomatische Beschwerden, Beeinträchtigungen des sexuellen Erlebens, posttraumatische Belastungsreaktionen, tief greifende Verunsicherung der sexuellen bzw. männlichen Identität) (Boehme in: Risau/ Kruck/ Bender 2001, S.254f.).
In unserem Kulturkreis haben sich aufgrund geschlechtsspezifischer Sozialisation unterschiedliche Verarbeitungsweisen bei negativen Erlebnissen entwickelt. Man unterscheidet internalisierende (z.B. Depression, Suizidalität, Autoaggression, sozialer Rückzug) und externalisierende, d.h. auf die Außenwelt gerichtete Bewältigungsstrategien (z.B. Aggression, sexuelle Übergriffe). Die Vorgaben einer männlichen Sozialisation legen den betroffenen Jungen nahe, den erlebten Kontrollverlust externalisierend, z.B. mit „hyper-maskulinem” Verhalten zu kompensieren.
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