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Jungen als Opfer - Konsequenzen für die Praxis
Die Inhalte der tradierten männlichen Geschlechtsrolle tragen dazu bei, dass „Opfersein“ in unserer Gesellschaft mit „Weiblichsein“ verknüpft wird. Jungen haben nicht gelernt, mit Gefühlen wie Ohnmacht, Hilflosigkeit und Angst umzugehen, sie werden dazu erzogen, immer Stärke zu zeigen und sich zu wehren. Das erschwert den betroffenen Jungen, sich Hilfe zu holen, da sie sich schämen, sich nicht gewehrt zu haben.
Darüber hinaus haben die Jungen große Angst davor, als homosexuell angesehen zu werden, insbesondere wenn sie analen oder oralen Sexualpraktiken ausgesetzt waren und der Missbrauch durch einen Mann erfolgte.
Born (1994) verweist zu Recht darauf, „dass bei diesem Sachverhalt noch etwas anderes deutlich wird: Diese mit großer Häufigkeit auftretende Angst der missbrauchten Jungen zeigt klar, dass in unserer Gesellschaft Homosexualität noch immer sehr verpönt kaum akzeptiert wird“ (Born 1994, S.39).
Zudem impliziert eine anerkannte, hegemoniale Männlichkeit Heterosexualität (Connell, 1999).
Drittens kommt hinzu, dass in Presseberichten häufig nicht zwischen Homosexuellen und Pädosexuellen differenziert wird, ein Missverständnis, das erkannt und behoben werden muss. Sonst besteht die Gefahr, dass vorhandenen Vorurteile gegen Homosexuelle noch verstärkt werden.
Für die Präventionsarbeit mit Jungen ist es unabdingbar, dass die Fachkräfte Kenntnisse über geschlechtsdifferente Verhaltensweisen und Bewältigungsstrategien haben. Dazu gehört die Beschäftigung mit den je eigenen Geschlechtsrollenbildern.
Jungen haben große Berührungsängste gegenüber dem Thema, was in der Praxis berücksichtigt werden muss. Die Thematisierung von möglichem Opferstatus und Ohnmachtserfahrungen verstärkt bei vielen Jungen die Bemühung, sich betont männlich zu zeigen und Ohnmachtserfahrungen zu leugnen. Ein geeigneter Rahmen könnte eine geschlechtssensible Jungenarbeit (Bentheim/ Kruse 2000) sein, in der Prävention sexueller Gewalt im Zusammenhang mit einer kritisch solidarischen Beschäftigung mit Männlichkeit geleistet werden kann. Jungen können hier lernen, sich selbst als potenzielle Opfer zu sehen, ferner, dass man über Ohnmachtserfahrungen sprechen darf und soll und die Inanspruchnahme von Hilfe nicht unmännlich ist.
Gewaltfreie, positive Männlichkeit kann hier von Lehrern, Pädagogen, Therapeuten etc. vorgelebt und von den Jungen eingeübt und konstruktive Bewältigungsstrategien erprobt werden. Wenn es gelänge, den Jungen den sozialen Druck zu nehmen, dominantes Verhalten zeigen zu müssen, wäre viel gewonnen.
Boehme (2002) bemerkt: „Eine besondere Herausforderung ist die Tatsache, dass Jungen nicht nur potenzielle Opfer sexueller Gewalt sind, sondern dass sexuelle Gewalt hauptsächlich von Jungen, männlichen Jugendlichen und Männern ausgeht. Prävention muss daher Jungen zum einen vermitteln, dass auch sie Opfer sein können, muss ihnen altersgerechte Informationen über Täterstrategien, über Schutz- und Bewältigungsstrategien an die Hand geben.
Jungenspezifische Prävention muss aber auch täterpräventive Aspekte beinhalten, z.B. indem mit den Jungen an der Entwicklung gewaltfreier, respektvoller Möglichkeiten der Konfliktlösung gearbeitet wird und Alternativen zum belastenden und gewaltfördernden traditionellen Mann-Sein gesucht werden." (Boehme 2002, S.251)
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