Lebenssituation betroffener Mütter

Mütter von Opfern sexualisierter Gewalt Mütter von Kindern, die Opfer sexueller Gewalttaten geworden sind, befinden sich in einer schwierigen, für viele von ihnen als höchst belastend empfundenen Lebenssituation. Es ist davon auszugehen, dass die meisten der Mütter nicht oder nicht von Beginn an Kenntnis davon haben, dass ihre Kinder Opfer sexualisierter Gewalt sind oder waren.

Meist senden die Kinder zwar Signale, die ihre Mütter jedoch nicht verstehen und letztlich auch nicht verstehen können, weil es für sie undenkbar ist, dass ihren Kindern und ihnen so etwas widerfährt. Wenn sie es erfahren, dann selten von ihren Kindern, sondern meist von kompetenten dritten Personen.

Facetten dieser Krise sind:

  • Umfassende schwere Selbstvorwürfe und große Schuldgefühle, weil sie nichts gemerkt und als ‚gute Mütter’ versagt haben. Dieser Vorwurf trifft sie häufig auch von Außenstehenden. Da die Mehrheit der Kinder Opfer von Tätern aus dem sozialen Umfeld werden, potenzieren sich die Schuld auslösenden Erfahrungen der Mütter.
  • Bei Inzest: Die Mütter werfen sich vor, ihren Ehemännern/Partnern naiv vertraut zu haben und ihren Kindern gegenüber nicht fürsorglich und zudem nachlässig gewesen zu sein. Oft sehen sie sich auch als eine Art ‚Mittäterinnen’, weil sie die sexualisierte Gewalt nicht wahrgenommen und ihre Kinder nicht geschützt haben. Der Vorwurf der Mittäterschaft wird ihnen häufig auch von Außenstehenden gemacht. Wenn sie die Täter verlassen, sehen sich die meisten massiven Existenzängsten gegenüber, denn sie müssen ihr gesamtes Leben für sich und ihre Kinder neu strukturieren. Fließen Informationen über den Inzest in Trennungs- oder Scheidungsverfahren ein, werden die Mütter nicht selten des „Missbrauchs mit dem Missbrauch“ bezichtigt. Es wird ihnen unterstellt, sie wollten sich mit einer solchen als „bloße Behauptung“ interpretierten Anschuldigung im anstehenden Verfahren eigene Vorteile verschaffen.

Gerade in Inzestfällen werfen sich die betroffenen Mütter vor, sexuell nicht ausreichend auf ihren Mann eingegangen zu sein. Dieser Selbstvorwurf gründet in dem gesellschaftlich vorherrschenden kulturellen Muster von männlicher Sexualität, das auch sie internalisiert haben. Dieses Muster legt nahe, dass männliche Sexualität aggressiv und triebgesteuert sei; die Grenzen zu sexualisierter Gewalt bleiben diffus.

Das bedeutet, dass männliche Sexualität bei starken Reizen oder Mangel an Befriedigung als unkontrollierbar verstanden und der Mann so von jeder Verantwortung und Schuld frei gesprochen wird. Im Rahmen dieses kulturellen Musters ist die Rolle der Frau, insbesondere der Ehefrau oder Partnerin, die der sexuellen „Versorgerin“. Genügt sie dieser Rolle nicht, sei es z.B. durch Abwesenheit, Krankheit oder durch eine zerrüttete Beziehung, kann diese Rolle der Tochter, einem Mädchen aus dem sozialen Umfeld oder einem fremden weiblichen Kind zufallen.

In diesem Muster werden Frauen – und ersatzweise auch weibliche Kinder und Jugendliche – als Objekte der sexuellen Befriedigung des Mannes verstanden. Gleichzeitig und widersprüchlich wird ihnen die Macht der sexuellen Verführung zugeschrieben. Ein Beispiel für diese Sichtweise ist das stereotyp wiederkehrende Argument von sexuellen Gewalttätern, die Tochter oder das Mädchen habe ihn „verführt“ und den Sex „selbst gewollt“ und „genossen“. Nicht selten geben sich dann die Mütter die Schuld an den sexuellen Übergriffen an ihren Kindern, weil sie meinen, ihren „ehelichen Pflichten“ nicht oder nicht ausreichend nachgekommen zu sein.

Bei sexualisierter Gewalt im sozialen Umfeld: Sind Großväter, Onkel, Cousins, Freunde, Nachbarn usw. die Täter, brechen vertraute Verwandtschaftsallianzen auseinander und Bekanntschaftsgefüge werden zerstört. Die betroffene Familie sieht sich häufig gezwungen, zum Schutz der Kinder den Wohnort zu wechseln. Die Mütter müssen dann befürchten, dass sie und die anderen Familienmitglieder Freunde und soziale Unterstützung verlieren. Auch bei diesem Täterkreis sehen sich die Mütter der Opfer häufig als eine Art Mittäterinnen, weil sie die sexualisierte Gewalt nicht wahrgenommen und ihre Kinder nicht geschützt haben. Viele Mütter müssen sich mit mehreren dieser belastenden Entwicklungen auseinander setzen.

© 2005 by WWU Münster, Zentrum für Lehrerbildung  Impressum »