Verlust des Vertrauens bei Inzest

Inzest zerstört die Fähigkeit zu vertrauen. Ohne Vertrauen in ihre (Um-)Welt haben Kinder es sehr schwer, sich selbst und den Menschen ihrer Familie ohne Misstrauen zu begegnen. Wenn Ursula Wirtz für den Inzest das Wort Seelemord benutzt und das auf die gestörte bis verhinderte Identitätsentwicklung sexueller Gewaltopfer bezieht, ist ihr zuzustimmen, weil zu einer gesunden Identitätsentwicklung über das Urvertrauen hinaus auch das Vertrauen zu den primären Bezugspersonen in der Familie gehört.

Hier sind Vater und Mutter von besonderer Bedeutung, weil sie dem Kind helfen, sich die Welt zu erschließen. Wenn Väter – und auch Mütter – ihren Kindern sexuelle Gewalt antun, nehmen sie ihnen die entscheidende Möglichkeit, vertrauensvolle Beziehungen zu ihren Mitmenschen, auch außerhalb der Familie, zu entwickeln. Einige Gründe für fehlende Entwicklungen bei der Vertrauensbildung:

Zerstörung der Intimsphäre des Kindes:

Da der Täter beansprucht, zu jeder Zeit und beliebigen Gelegenheit in die kleine Welt des Kindes einzudringen, sich des Kindes zu "bedienen", wenn es ihm günstig und gelegen erscheint, lebt das Kind in einer Atmosphäre andauernder Angst vor Übergriffen. Es hat keinen sicheren Zufluchtsort, keinen Ort der Geborgenheit, keinen Schutz vor Willkür, nicht einmal das eigene Bett verschafft Sicherheit. Das sich daraus entwickelnde Gefühl der Ohnmacht und Ausweglosigkeit führt schon früh zu Verzweiflungsphantasien wie Selbstmord als einzigen Weg der Befreiung aus der Zwangslage.

Die Entwicklung von Fluchtreflexen: Da Täter die Gefühle der Opfer in ihrem Sinne zu manipulieren versuchen, um das eigene Gewissen zu beruhigen, "finden" Kinder Überlebensstrategien, die sich zu Schuld- und Schamgefühlen weiter entwickeln. Die Kinder nehmen Bestechungsgeschenke an, um die Gewalt des Täters abzumildern; sie stellen sich schlafend und üben Totstelleffekte ein, um sich aus der Situation emotional zu entfernen; sie trennen Gefühl und Realität voneinander, was zu Dissoziationen führt; sie täuschen Gefühle vor, um den Täter zu beruhigen, damit er die Gefühlsverweigerung nicht erkennt und keine weitere Gewalt anwendet.

Die Zerstörung des Selbstwertgefühls: Das missbrauchte Vertrauen zerstört auch die Selbstachtung. Weil Opfer das Gefühl nicht verlieren, "benutzt" worden zu sein, gehen sie misstrauisch in jede neue Beziehung in der Erwartung, wieder ausgebeutet zu werden. Da sich Opfer sexueller Gewalt kein stabiles Selbstwertgefühl aufbauen konnten, laufen sie immer wieder Gefahr, Opfer zu werden. Der erlernte Mangel an Selbstvertrauen und Selbstachtung lässt sie unterwürfig sein, unfähig, ihre wahren Gefühle auszudrücken und damit oft gefühllos erscheinen, Ärger, Wut und Hass unterdrücken und autoaggressiv werden.

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