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Emotionale Kompetenz des Kindes
Bei der Frage nach dem Einfluss der sexuellen Gewalterfahrung auf die Wahrnehmungskompetenz des Kindes ist die jüngste Arbeit zur emotionalen Kompetenz bei Kindern von Franz Petermann und Silvia Wiedebusch (Göttingen 2003) sehr aufschlussreich.
Petermann und Wiedebusch haben in ihrem 5. Kap. über „Störungen beim Erwerb emotionaler Kompetenz“ (S. 95-134) auch einen Abschnitt über misshandelte Kinder (S.127-134). Dieser Abschnitt ist im Zusammenhang mit den Folgen bei sexueller Gewalterfahrung wichtig:
- für die kindliche Rezeptionsfähigkeit von sexuellen Gewalterlebnissen,
- für ihre Verbalisierung,
- und wiederum für die Wahrnehmungsfähigkeit durch die Vertrauensperson.
Als Fragen formuliert:
- Wie erleben Kinder emotional ihre Gewalterfahrung?
- Was geht in ihrem Gefühlshaushalt vor?
- Wie teilen sie ihre Gefühle mit?
- Welche Sprachimpulse löst das Erlebte, trotz Redeverbot durch den Täter, aus?
- Wie nehmen die Vertrauenspersonen wiederum diese Gewalterfahrung auf?
- Welches Verstehen löst die Mitteilung bei der Vertrauensperson auf Grund eigener sexueller Erlebnisse und Erfahrungen aus?
Petermann und Wiedebusch gehen von folgender These aus: „Misshandelte Kinder zeigen Auffälligkeiten in ihrer physiologischen Reaktivität und Emotionalität und erwerben im Entwicklungsverlauf typische Defizite in den Bereichen des mimischen und sprachlichen Emotionsausdrucks, des Emotionsverständnisses und der Fähigkeit zur Emotionsregulation.“ (2003, S.127).
Im Einzelnen:
1. Kinder mit sexueller Gewalterfahrung zeigen physiologische Dysregulationen. Sie werden durch eine länger andauernde Veränderung im Stresshormonhaushalt ausgelöst. Das Leben des Kindes zwischen permanenter Existenzangst und der Abwehr des Täters lassen eine Emotionsregulation nur unangemessen zu.
„Reaktionen wurden als dysreguliert bewertet, wenn die Kinder in sozialen Interaktionen auf neutrale oder sogar freundliche Signale ihrer Gleichaltrigen hin mit Übererregung, Ängstlichkeit oder unangemessenen Gefühlen reagieren“ (2003, S.131).
Diese emotionalen Ausbrüche und Unberechenbarkeiten der Opfer sexueller Gewalttaten lassen viele Vertrauenspersonen verzweifeln, weil mancher Gefühlsausbruch situativ unabhängig verläuft und sich nicht erklären lässt.
„Ältere misshandelte Kinder zeigen häufiger negative Gefühle, vor allem ein höheres Maß an Ärger und Aggression, wenn sie bedrohlichen Situationen und Konflikten ausgesetzt sind“ (2003, S.128). Was für Betroffene bedrohlich erscheint, ist oft nicht leicht zu durchschauen.
2. Auch im mimischen Gesichtsausdruck zeigen Opfer sexueller Gewalttaten Dysregulationen.
Petermann/Wiedebusch berichten von einer Studie mit Drei- bis Siebenjährigen, dass statistisch hochsignifikant betroffene Opfer in ihrem eigenen Gesichtsausdruck emotional nicht eindeutig sind. Auch bei anderen können sie diese Gefühle nicht eindeutig feststellen. Die Unterdrückung eigener Gefühle im Gesichtsausdruck kann ein Schutzverhalten gegenüber dem Täter sein. Wer negative Gefühle zeigt, könnte noch mehr zum Schweigen gezwungen werden. Wer positive Gefühle zeigt, verstärkt und bestätigt das Täterverhalten.
Täter projizieren gern ihr eigenes Lustverhalten auf ihre Opfer und fordern zustimmende Resonanz: „Es hat dir doch auch Spaß gemacht“. Gegenüber den unberechenbaren Attacken des Täters schützt ein neutralisierter Gesichtsausdruck. „Nur nichts anmerken lassen, dann hört er bald auf“, ein Satz, der oft in den Autobiographien auftaucht.
Ein internalisierter emotionsloser, neutralisierter Gesichtsausdruck kann dann zu dem Missverständnis in der Wahrnehmung führen, das Kind leide ja nicht; denn eine Leidensmine sei nicht erkennbar. Dazu eine Beobachtung von Petermann: „Da die Fähigkeit, Gefühle zuverlässig zu erkennen, ein wichtiger Bestandteil sozialer Interaktionen ist, könnten die Defizite misshandelter Kinder in diesem Bereich für ihre Verhaltensprobleme verantwortlich sein“ (2003, S.129).
Das Kind kann den ärgerlichen oder freundlichen Gesichtsausdruck anderer für sich nicht richtig einschätzen und reagiert unangemessen, was zur Irritation der Vertrauensperson beiträgt. Vergleichbare Defizite gelten auch für die emotionale Sprache.
“Möglicherweise haben misshandelte Kinder in ihrem familiären Umfeld gelernt, dass es bedrohlich oder sogar gefährlich ist, über negative Gefühle zu reden“ (2003, S.130). Wer keine Gefühle zeigt, kann auch nicht bestraft werden. „Ist was mit dir?“ „Nein, alles o.k.“, sagt das Kind, „es geht mir gut“, gilt dann als positive Bestätigung und entlastet den Täter. Sagt es, es geht mir schlecht, bedroht diese Aussage den Täter und er verstärkt den Geheimhaltungsdruck.
3. Ein sehr interessantes Zitat von Petermann zum Emotionsverständnis soll noch genannt werden:
„Shipman et al. (2000) untersuchten das Emotionsverständnis sechs- bis zwölfjähriger, sexuell missbrauchter Mädchen. Auch hier zeigten die misshandelten Mädchen hinsichtlich der Emotionen Traurigkeit und Ärger, ein geringeres Emotionsverständnis als die Kontrollgruppe. Sie hatten mehr Schwierigkeiten, die Ursachen und Konsequenzen emotionaler Situationen richtig einzuschätzen und reagierten auf den Emotionsausdruck anderer in unangemessener Weise. Außerdem waren sie sich seltener ihrer eigenen Gefühle bewusst. Die Autoren weisen darauf hin, dass die mangelnde Wahrnehmung eigener Emotionen in der Missbrauchssituation adaptiv sein kann, weil sie die Kinder vor schmerzlichen emotionalen Erlebnissen schützt, die ihre Bewältigungsressourcen übersteigen könnten“ (2003, S.130).
Aus vielen Autobiographien kennen wir dieses Verhalten. Kinder stellen sich tot oder „wandern“ in der sexuellen Ausbeutungssituation in ihre Traumwelten „aus“. Nur so können sie die Schwere der Gewalthandlung und die Schmerzen aushalten. Vergleichbares Verhalten ist für Folteropfer und multiple Persönlichkeiten beschrieben worden. Als Verstörung formuliert: Opfer sexueller Gewalt flüchten immer wieder in ihre Traumwelten, auch bei Tage, was sie als abwesend erscheinen lässt.
4. Diese aufgezeigten Defizite erhöhen das Risiko für psychische Störungen im sozialen Verhalten.
So verweisen Petermann und Wiedebusch auf eine Studie mit acht – zwölfjährigen Misshandelten, die im Vergleich zu einer Kontrollgruppe gegenüber Gleichaltrigen häufiger tyrannisierendes Verhalten zeigen oder bereiter sind, die Opferrolle in ihrer Peer-Group zu übernehmen. Dieser schnelle Wechsel zwischen Täter- und Opferrolle löst wiederum große Verwirrung bei den wahrnehmenden Vertrauenspersonen aus
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