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Die Ohnmacht der Opfer durch Machtausübung der Täter
Wie ist es möglich, dass Überlebende inzestuöser sexueller Gewalterfahrungen auch über den Tod des Vater-Täters hinaus immer noch glauben, von ihm abhängig zu sein?
"Carol erlebte, dass sie nicht über die Ungeheuerlichkeiten, die in ihrer Kindheit geschahen, schreiben konnte, ohne zugleich Angst zu haben, dass ihr verstorbener Vater sie dafür bestrafen oder sogar töten würde. Diese(s) Beispiel(e) illustrier(t)en eine Macht, eine reale Macht, die ganz anders ist als die rohe Autorität eines großen Erwachsenen über ein kleines Kind. Sie kann lebenslängliche Abhängigkeit von einer bloßen Vorstellung, Versklavtheit an einen Gebieter, der vielleicht gar nicht mehr am Leben ist, zur Folge haben." (Lison und Poston 1991, S. 148)
Die Macht über das Kind korreliert sehr hoch mit der eingeforderten Geheimhaltung, die sich auf sexuelle Handlungen als stärkste Verletzung des Intimbereichs bezieht. Weil sich das Kind unendlich schämt, dass der (oft) geliebte Vater es sexuell ausgebeutet hat, wagt es nicht, diese "Schande" aufzudecken.
Das Kind schweigt sicher auch auf Grund der Drohungen des Täters, aber ebenso auch aus Angst vor der Schande, aus einem Rest von Scham, Selbstschutz und Selbstachtung heraus. Diese Angst des Kindes vor Stigmatisierung, eine Hure, Schlampe, Verdorbene, ja sogar "selbst schuld" an den Übergriffen zu sein, weil es sich nicht gewehrt hat, lässt schweigen.
Was der Täter selbst angedroht hat, dass dem Opfer niemand glauben werde und es selbst die Verantwortung für die sexuelle Ausbeutung trage, entwickelt sich zu einer Art "self-fulfilling prophecy": das Opfer fühlt sich schuldig an seiner eigenen Schändung.
Täter arbeiten mit der manipulativen Macht der Sexualität und behalten dadurch die Kontrolle über ihre Opfer bis ins Erwachsenenalter. Sie zerstören das erwachende und wachsende erotische Empfinden des Kindes, indem sie Kinder zu Geschlechtspartnern manipulieren. Sie verhindern jede normale sexuelle Entwicklung und tragen zur Zerrissenheit zwischen kindlicher Neugier und kindlichem Empfinden durch die aufgezwungene Erwachsenensexualität bei, was zu vielen sexuellen Katastrophen im Erwachsenenalter führt.
"Diese Spaltung scheint bei Frauen am stärksten zu sein, die als Kinder sexuelle Lust spürten, als ihr Körper manipuliert wurde. Libby sprach davon, dass sie dissoziierte und ´an die Decke schwebte und das Einmaleins aufsagte´, während ihr Stiefvater sie missbrauchte. Sie hatte überwältigende Schuldgefühle, weil ihr Körper Lust empfand. Dem Körper, der sich schon einmal gegen sie verschworen hat, ist jetzt sicher ebenso wenig wie früher zu trauen. Viele Überlebende haben tatsächlich das Gefühl, dass ihr Körper ihnen gar nicht gehört. Er war ein Objekt, ein Schauplatz für Handlungen, die einem anderen Vergnügen bereiteten, der sie nur verließ, um wiederzukehren und den Kreislauf von neuem zu beginnen." (Lison und Poston 1991, S. 216)
Fazit:
Zusammenfassend lässt sich sagen: „Insgesamt sind Kinder, die als Kleinkinder misshandelt wurden, im Vorschulalter aggressiver und unaufmerksamer, sie haben ein geringeres Selbstwertgefühl und entwickeln eine geringere soziale Kompetenz sowie mehr Verhaltensauffälligkeiten“ (Lison/Poston 1991, S.133).
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