Erhöhte Sensibilität gegenüber den Belastungen von Jungen

Es gibt bekanntlich kein einheitliches Symptombild, das die Identifikation einer Betroffenheit von sexualisierter Gewalt nahelegt. Die Bewältigungsversuche nach erlebter sexualisierter Gewalt sind so vielfältig wie die Jungen selbst. Wichtig ist, dass bei der Wahrnehmung dessen, was Jungen zeigen, die Möglichkeit zugrunde liegender Belastungen mitgedacht wird (Mosser, 2009b). Was ist mit einem Jungen los, der sich zurückzieht, der immer stiller wird, der sich zunehmend aggressiv verhält, der sich einer sexualisierten Sprache bemächtigt? Es muss in Betracht gezogen werden, dass all diese Verhaltensweisen Signalcharakter haben können. Jungen befinden sich in ihrem Bewältigungsverhalten in einem Dilemma: Ziehen sie sich zurück, so fallen sie nicht weiter auf. Agieren sie ihre Belastungen offensiv aus, so werden sie als Störer, Provokateure, eben als „schwierige Jungs“ gesehen und entsprechend behandelt. Die Tragik dieses Bewältigungsverhaltens besteht darin, dass die Jungen nicht annähernd das bekommen, was sie brauchen: Statt Zuwendung und Beziehung wird von Seiten der Erwachsenen mit Sanktionen und Abwertung reagiert. Solange sowohl die Jungen als auch die Erwachsenen in geschlechtstypischen Wahrnehmungsschemata gefangen bleiben, kann kein hilfreicher Kontakt aufgebaut werden. Es ist unabdingbar, dass auffälliges Verhalten so früh wie möglich als Bewältigungshandeln interpretiert wird und zugrunde liegende Belastungen aufgespürt werden.

Mosser, P. (2009 b). Sexueller Missbrauch als möglicher biographischer Hintergrund verhaltensauffälliger Jungen. In W. Wiater & D. Menzel (Hrsg.). Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf in der Regelschule, Band 3: Schülerinnen und Schüler mit Verhaltensbesonderheiten. (im Druck)

Lenz, H.-J. (2007). Gewalt und Geschlechterverhältnis aus männlicher Sicht. In: S.B. Gahleitner & H.-J. Lenz (Hrsg.), Gewalt und Geschlechterverhältnis. Interdisziplinäre und geschlechtssensible Analysen und Perspektiven, (S. 21 –51). Weinheim und München: Juventa

Autor: Dr. Peter Mosser

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