Diagnostik des sexuellen Missbrauchs

Wenn man versucht Hinweise auf möglichen sexuellen Missbrauch richtig zu deuten, muss man sich vor einem gegenläufigen Fehler hüten: Einerseits die Äußerungen des Kindes oder bestimmte Verhaltensweisen nicht ernst genug zu nehmen, andererseits Hinweise und Anzeichen überzuinterpretieren und damit zu falschen Schlussfolgerungen zu gelangen. Beide Arten von Fehlern gehen zu Lasten des betroffenen Kindes. Schwierig ist folgendes:

  • Es gibt keinen Test und keine spezifischen Merkmale, die eindeutig auf sexuellen Missbrauch schließen lassen.
  • Es gibt keinen eindeutigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Die gleichen psychischen Folgen (Vgl. Folgen des Missbrauchs) können durch verschiedene verursachende Bedingungen zustande kommen (z.B. durch Vernachlässigung oder Misshandlung).
  • Die Bandbreite der Reaktionen und Auswirkungen ist außerordentlich groß. Sie reicht von relativ guter psychischer Verarbeitung bis hin zu schweren Traumatisierungen.
  • Die innerpsychischen Verarbeitungsmechanismen bei schweren Traumatisierungen (z.B. Verleugnung, dissoziative Amnesie, eigene Schuldzuschreibung) führen bei dem missbrauchten Kind zu einer veränderten Realitäts- und Personenwahrnehmung (Vgl. Psychodynamik). Da diese Verdrängungsmechanismen unbewusst sind, können sie allein durch Befragung nicht erfasst werden, sondern verlangen eine umfangreiche psychologische Untersuchung.
  • Art, Dauer und Intensität des Missbrauchs weisen große Unterschiede auf, so dass man abhängig von Geschlecht und individuellem Entwicklungstand des Kindes mit unterschiedlichen Schweregraden rechnen muss.
  • Diagnostik bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch verlangt mehr als die Feststellung eines Sachverhaltes. Es ist ein komplexer Prozess, der in das Leben des Kindes und der Familie eingreift und daher das Zusammenspiel von verschiedenen Einrichtungen und Fachleuten (medizinische, psychologische, pädagogische, sozialpädagogische, juristische) verlangt.
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