Ein Fallbeispiel aus der Literatur

"Vor vielen, vielen Jahren war ich ein kleines Mädchen. Ich hatte den Spitznamen 'Punky', denn damals war ich so rund wie ein Kürbis. Mein Bruder nannte mich 'Sis' oder 'Sissy'. Niemand in der Familie rief mich jemals mit meinem richtigen Namen oder auch nur mit einem davon abgeleiteten Spitznamen.

Als kleines Mädchen dachte ich, dass das Unglück damit begonnen hatte, dass meine Mutter arbeiten gehen musste. In meinen ersten Lebensjahren hatten wir auf einer großen Farm gewohnt, und meine Mutter hatte auf dem Hof gearbeitet und war zu Hause gewesen.

Aber mein Vater war jähzornig und hatte sich mit seinen Arbeitgebern überworfen ... Meine Mutter blieb also bei der Nachtarbeit, auch wenn ihr Mann wütend auf sie war. Sie arbeitete, bis der letzte Gast das Lokal verlassen hatte ... In all diesen langen Nächten ließ sie einen frustrierten, zornigen Mann zurück – denn es verletzte seinen Stolz, dass seine Frau arbeiten gehen musste –, allein im Hause mit seinen kleinen Kindern. Und so hielt er sich an sie ... und ließ seine Wut an ihnen aus ... an seinen Opfern, jagdbarem Wild, und so fing es an mit dem hässlichen kleinen Geheimnis.

Wenn ich zurückdenke, war ich vielleicht fünf, als er es übernahm, mich abends zu baden ... Nicht lange danach fingen die Besuche zur Schlafenszeit an ... Mein Vater kam und steckte seine Hand unter die Decke und machte etwas mit mir. Er flüsterte mir zu, dass es unser Geheimnis sei, nicht wahr, und dass ich es gern hätte, nicht wahr. Er wollte, so sagte er, nur mit mir ´spielen´. Es fühlte sich aber nicht wie Spielen an ... Es tat weh.

Seine Hände waren groß und durch jahrelange Arbeit knotig geworden, aber es lag vor allem an ihrer Größe, denn er war ein großer Mann. Und er wanderte mit seinen Fingern hierhin und dahin und bahnte sich seinen Weg zwischen meine Beine, wie fest ich die Augen auch zusammenkniff und die Beine zusammenpresste und zu Maria und Gott und Sankt Judas, dem Heiligen des Undenkbaren betete, damit er fort ginge ...

Jahrelang kam er jede Nacht von der anderen Seite des Zimmers herüber, und manchmal stand er dort drüben, bevor er das Licht ausmachte, und rieb sein schrecklich großes Ding, das rot und hässlich und dick aussah ... Mit elf Jahren bekam ich meine Periode, und ich entdeckte, dass er mich nicht anfasste, wenn ich mich mit Camelia und Bindegürtel ausgerüstet hatte – ein moderner Keuschheitsgürtel, wie sich herausstellte. Daraufhin hatte ich Perioden von phänomenaler Länge. Jahre später musste ich über diese List lächeln, denn sie zeigte doch, dass ich eine gewisse Courage besaß.

Eines Abends im Winter kam ich mit einem Berg Hausaufgaben von der Schule nach Hause. Das Haus war kalt; es brannte kein Feuer im Kamin ... Ich fror, fühlte mich ungeliebt und mit Arbeit überhäuft, und so beschloss ich schluchzend, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen ... Ich beschloss, mich vor seinen Augen zu töten, so dass er wusste, warum ich es getan hatte ... Er blickte auf. Ich schluchzte: ‚Ích halte das nicht mehr aus!´ ... Er sprang auf und entriss mir mit einer einzigen Bewegung der einen Hand die Waffe, während er mich mit der anderen zu Boden warf, wo ich weinend zwischen Kohlengrus und Kiefernnadeln liegen blieb...

Ich dachte mir neue Tricks aus, um das Grauen zu beenden ... Aber gegen eine Sache war ich machtlos: Jeden Morgen - ohne Ausnahme - weckte er mich, indem er mich in eine oder beide meiner inzwischen voll entwickelten Brüste kniff ... Als er schließlich auf die andere Seite des Wohnzimmers ging und sich eine Zigarette anzündete, stieß ich voller Abscheu und Zorn unter Tränen hervor: ´Warum kannst du nicht wie ein richtiger Vater sein?´ Und dann hielt ich inne und fügte mit gesenkter Stimme hinzu: ´Du weißt, ich könnte dich vor Gericht bringen und denen sagen, was du für einer bist ...´Und er drehte sich um und sagte ganz leise: ´Wenn du das jemals tust, bring' ich dich um.´ Und ich glaubte ihm" (Auszüge aus dem Selbstbericht von Carol Poston in: Lison, K. und C. Poston 1991, S. 15-23).

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