Ausführlichere Definition

Etymologische Herleitungen des Wortes Inzest aus dem Lateinischen verweisen auf die Rein-Unrein-Problematik, vor allem im sittlichen Bereich. Castus meint keusch, züchtig, unschuldig, was auf die moralisch-sittliche aber auch auf die sexuelle Ebene verweist; genauso wie das Gegenwort incestus (Adj.) als unrein, befleckt, unsittlich, sündhaft.

Als Substantiv schließt incestus die Bedeutung der beiden Begriffe Unzucht und Blutschande mit ein, die die abweichende Sexualität mit Familie verknüpfen, genauer mit Blutsverwandten. Vor diesem Bedeutungshintergrund entstand dann das Inzesttabu und wurde gesetzlich kodifiziert.

Der Begriff Unzucht legt nahe, dass sich jemand nicht "in Zucht nehmen" kann, seine Sexualität unbeherrscht auslebt oder die Kontrolle über sich verliert. Das Wort Blutschande spielt einmal auf die Blutsbande zwischen direkt Verwandten an, zum anderen auf die Schande der Tat, die durch Schändung geschieht. Das Opfer der Schande bleibt geschändet und befleckt zurück.

Die Unzucht mit Abhängigen wird als eine Erweiterung des Inzesttabus verstanden und mit unter Strafe gestellt. Im Begriff der Abhängigkeit wird schon ein Machtgefälle angedeutet, das in der weiteren Diskussion des Themas Inzest an Bedeutung gewann.

Die in der letzten Zeit geführten Auseinandersetzungen um den Inzest in der Familie beziehen sich zunehmend auf dieses Machtgefälle und sprechen von Machtmissbrauch des Täters, dem dieses Machtgefälle die Tat erst ermöglicht und erleichtert. Das Opfer erfährt die größte Vertrauenskrise, die Überlebende, als die sie sich selbst verstehen, oft ein Leben lang begleitet.

Insofern ist der Bezeichnung "Seelenmord" (Wirtz 1993, S.21) für den Inzest angemessen und aussagekräftig, weil darin nicht nur die aus dem Machtmissbrauch erwachsene Vergewaltigung als sexuelle Gewalt enthalten ist, sondern auch die Zerstörung der Vertrauensbeziehung durch die primären Bezugspersonen in der Familie. Dieser Verrat am Kind durch die Personen, auf die das Kind für seine emotionale Entwicklung besonders angewiesen ist, macht den Inzest für viele Überlebende zu einem nicht vergebbaren Verbrechen.

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