Das Ausmaß sexueller Gewalt

Seit einigen Jahrzehnten existieren nun wissenschaftliche Untersuchungen zum Ausmaß sexueller Gewalt. Diese Angaben sind jedoch stets in Verbindung mit der jeweils zu Grunde liegenden Definition von sexueller Gewalt gegen Kinder, der Befragungsmethoden und der Stichprobenauswahl zu betrachten.

Bis heute herrscht Uneinigkeit über das Ausmaß, allerdings sind die Anfang und Mitte der neunziger Jahre geführten heftigen und hitzigen Kontroversen um die „richtigen“ Zahlen, inzwischen einem wissenschaftlicheren und sachlicheren Umgang mit der Thematik gewichen.

Die Tabuisierung des sexuellen Missbrauchs über Jahrhunderte hinweg hat lange eine Auseinandersetzung mit der Frage des Ausmaßes erschwert oder ganz unterbunden. Erst seitdem der Missbrauchs-Skandal öffentlich wurde – in Deutschland vor ungefähr 30 Jahren – rückt auch die Frage nach dem Ausmaß der sexuellen Ausbeutung von Mädchen (und mit einigen Jahren Verspätung auch die Frage nach der Anzahl sexuell ausgebeuteter Jungen) verstärkt ins Blickfeld.

Es interessieren hierbei zwei Maße: Die Inzidenz der Taten, d.h. mit wie vielen neuen Fällen sexueller Gewalt innerhalb eines Zeitraumes (meist eines Jahres) in einer bestimmten Population zu rechnen ist. Die Prävalenz der sexuellen Gewalt zeigt auf, wie häufig diese Gewalttat innerhalb einer bestimmten Periode (z. B. der Kindheit) in einer Untersuchungsgruppe festgestellt werden kann. Aus den Ergebnissen können Hypothesen darüber aufgestellt werden, wie viele Mädchen und Jungen einer Bevölkerung von sexuellen Gewalterlebnissen betroffen sind.

Zur Feststellung der Inzidenz wird überwiegend auf die polizeilichen Kriminalstatistiken zurückgegriffen. Da diese jedoch nur Fälle sexueller Gewalt aufzeigen, die vorher angezeigt wurden, und zudem das Anzeigeverhalten bezüglich dieser Straftaten durch soziale und gesellschaftliche Umstände beeinflusst wird, muss hier zusätzlich das so genannte Dunkelfeld der nicht in der Kriminalstatistik erfassten Fälle berücksichtigt werden.

Die Berechnung des Dunkelfeldes wird kontrovers diskutiert und ist in vielen Punkten umstritten. Angaben zur Prävalenz werden über eigens hierfür durchgeführte Untersuchungen erlangt. Nachdem zunächst nur auf Untersuchungen aus dem Ausland (überwiegend aus den USA) zurückgegriffen werden konnte, weil bis Anfang der neunziger Jahre keine methodisch angemessenen Untersuchungen für Deutschland vorlagen, sind in den letzten Jahren zunehmend deutsche Forschungen zum Ausmaß der sexuellen Gewalt durchgeführt worden, z.B. Schötensack/Elliger/Gross/Nissen (1992), Bange (1992), Pfeiffer/Wetzels (1992), Raupp/Eggers (1993), Burger/Reiter (1993), Deegener (1994/1995), Richter-Appelt (1995), Lange (2000).

Während die Auswertung der vor ca. fünf Jahren vorliegenden Untersuchungen ein Ausmaß von 15-33% bei den Mädchen und 6-9% bei den Jungen darstellte, fassen neuere Publikationen die aktuell vorliegenden Untersuchungen dahingehend zusammen, „dass 10-15% der Frauen und 5-10% der Männer bis zum Alter von 14 oder 16 Jahren mindestens einmal einen sexuellen Kontakt erlebt haben, der unerwünscht war oder durch die »moralische« Übermacht einer deutlich älteren Person oder durch Gewalt erzwungen wurde.“ (Bange zitiert Ernst, 1997, S. 68f. in: Bange/Körner, 2002, S. 25.)

Neben den Angaben zum Ausmaß der sexuellen Gewalt sollte auch ein Augenmerk auf die Dauer der sexuellen Übergriffe gelegt werden. Untersuchungen zeigen, dass es sich bei ca. 60-70% der Fälle um einmalige Übergriffe handelt. Dieses (auch in ausländischen Studien bestätigte) Verhältnis von 2:1 von einmaligen zu mehrmaligen sexuellen Übergriffen trifft für Mädchen und Jungen gleichermaßen zu. Erwartungsgemäß ist dieses Verhältnis von dem Bekanntschaftsgrad zwischen Opfer und Täter bzw. Täterin abhängig: Unbekannte Täter und Täterinnen begehen eine solche Tat in der Regel nur einmal, während ein Drittel bis die Hälfte der Täter und Täterinnen aus dem Bekanntenkreis sexuelle Gewalt mehrfach an einem Opfer ausüben.

Am häufigsten müssen Mädchen und Jungen, die im Verwandtenkreis sexuell ausgebeutet werden, wiederholte Übergriffe ertragen, denn innerhalb der Familie sind es mehr als drei Viertel der Opfer, die mehrfach und nicht selten über Jahre sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Untersuchungen zeigen, dass die sexuelle Gewalt umso länger andauert, je früher im Leben eines Kindes die sexuellen Übergriffe durch Täter und Täterinnen aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis beginnt.

 „Die durchschnittliche Dauer betrug 6,7 Jahre, wenn [die sexuelle Gewalt] vor dem zehnten Lebensjahr begann; setzten die ersten Übergriffe nach dem zehnten Lebensjahr ein, so dauerten sie im Durchschnitt 3,8 Jahre.“ (Wildwasser Wiesbaden (1990) zitiert bei Steinhage, 1992, S.10)

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