Sexting
Sexting als sexualitätsbezogenes Risiko im Web 2.0
Bei der Suche nach der eigenen sexuellen Identität nehmen Medien als (Selbst-)Sozialisationsinstanz einen wichtigen Stellenwert ein. Besonders die „neuen“ Medien ermöglichen Jugendlichen, an ihrer sexuellen Identität zu arbeiten. Das Web 2.0. nimmt mit seiner Fülle von Informationen und den vielfältigen Darstellungen zum Thema Sexualität für viele Jugendliche eine orientierende und aufklärende Funktion ein. Darüber hinaus bietet es mit seinen zahlreichen Sozialen-Onlinenetzwerken, Communityprofilen, Foren und Blogs eine Plattform für die Identitätspräsentation und -erprobung. Unter den Profilbildern und Fotoalben von Jugendlichen in Online-Communities finden sich häufig sogenannte „Ego-Bilder“ – Portraits, die die Jugendlichen zum Teil selbst von sich aufgenommen haben. Viele dieser Selbstinszenierungen weisen eine Nähe zu Fotomodel-Posings auf und wirken auf den Betrachter als aufreizend oder sexualisiert. Diese „sexualisierte Konnotation ergibt sich aus den Körperhaltungen, mit denen sekundäre Geschlechtsmerkmale wie Muskeln, Brüste, Bauch, Statur oder Po in den Vordergrund gestellt werden, daneben freizügige Bekleidung, die Mimik (z. B. der Kussmund) sowie die Art des Blicks mit dem lasziven, überlegenen oder fordernden Ausdruck“ (Klicksafe-Broschüre Let´s Talk about Porno 2011, S. 43).
Das SZ Magazin widmet einen Artikel im Heft 29/2011 der Selbstdarstellung von vornehmlich Jugendlichen auf Facebook. Die Verfasser schreiben im Abschnitt „Mein Ausschnitt und ich“ (zitiert nach der Website sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/36020, 2011-08-22): „Weil Maler oder Fotografen jahrhundertelang Männer waren, haben sich für Frauen Rollenbilder etabliert: verrucht oder züchtig, Mutter oder Geliebte, stets aus männlicher Sicht betrachtet. Anders bei den Handy-Selbstporträts: Hier gibt es die Freiheit, selbst über die eigene Wirkung zu entscheiden. Trotzdem sehen viele Bilder dann so aus: Blick von schräg unten in die Kamera, ein bisschen naiv, ein bisschen sexy, das Dekolleté immer voll im Bild. Es scheint für einen männlichen Blick also keine Männer mehr zu brauchen – Frauen fügen sich selbst in eine Rolle.“
Begriffsbezeichnung
Zu den sexualitätsbezogenen Risiken, die mit den vielfältigen Handlungsmöglichkeiten im Web 2.0. einhergehen, gehört der Bereich des Sextings. Der Begriff bezeichnet ein Phänomen, bei dem Jugendliche sexuelle Nachrichten (elektronische Nachrichten, wie z. B. E-Mails, Chatnachrichten, SMS), sexuelle Bilder und/oder Videos, auf denen sie nackt oder halbnackt zu sehen sind an andere Jugendliche senden oder im Internet veröffentlichen (vgl. Grimm 2010, S. 243; Lenhart 2009, S. 3; The National Campaign to Prevent Teen and Unplanned Pregnancy and CosmoGirl.com 2008, S. 1ff.).
Im Zentrum der öffentlichen Diskussion über Sexting steht die Veröffentlichung von erotischen Fotos oder Videos in sozialen Online-Communities, wie z. B. die Verbreitung von fast hüllenlosen Fotos der letzten Party oder erotischen Bikini-Posings am Urlaubsstrand.
Sexting kann freiwillig, aber auch ungewollt erfolgen. Die Studie Porno im Web 2.0. konnte drei verschiedene Szenarien von Sexting in Form von Fotos/Videos feststellen (vgl. Grimm 2010, S. 261):
- Die absichtliche Aufnahme und Veröffentlichung des Bildmaterials.
- Die absichtliche Aufnahme für den privaten Gebrauch. Nach der Beendigung der Beziehung werden die Bilder oder Videos dann ohne das Wissen des Ex-Partners verbreitet.
- Die Bilder oder Videos werden ohne das Wissen und Einverständnis der/des Beteiligten aufgenommen und veröffentlicht.
Häufigkeitsangaben zum Vorkommen von Sexting
Im Rahmen einer US-amerikanischen Studie von The National Campaign to Prevent Teen and Unplanned Pregnancy and CosmoGirl.com (2008) gaben 20% der befragten Jugendlichen (Alter: 13 und 19 Jahre) an, Fotos oder Videos auf denen sie nackt oder halbnackt zu sehen sind, verschickt oder online veröffentlicht zu haben.
Bezüglich der Adressaten des Bildmaterials konnte die Studie feststellen, dass 71% der weiblichen Befragten und 67% der männlichen Befragten die sexuellen Inhalte an den Freund/die Freundin gesendet haben. Von 15% der Befragten wurden die Bilder an Personen geschickt, die ausschließlich aus dem Internet bekannt waren.
Studien zu den Häufigkeiten des Vorkommens von Sexting in Deutschland liegen bisher nicht vor.
Risiken
In den USA wurden bereits zwei Untersuchungen durchgeführt, die folgende Risiken des Phänomens feststellen konnten (vgl. Studie von The National Campaign to Prevent Teen and Unplanned Pregnancy and CosmoGirl.com 2008):
- Die veröffentlichten Bilder/Videos sind nur sehr schwer wieder aus dem Internet zu löschen. Auch wenn Bildmatertial gelöscht wird, kann es zuvor kopiert und an einer anderen Stelle veröffentlicht worden sein. Vielen Jugendlichen ist dieses nicht bewusst.
- Oft wird die Intention der Nachrichten/Bilder/Videos missverstanden. Während beispielsweise mehrere weibliche Befragte angeben, die erotischen Bilder von sich aus Spaß an einen Jungen gesendet zu haben, interpretieren die Jungen das Bildmaterial als Erwartung der Mädchen, zu einem Treffen eingeladen zu werden mit dem Ziel des sexuellen Kontaktes.
- Die vermeintliche Anonymität im Internet täuscht. Auch wenn Jugendliche glauben, ihr Bildmaterial anonym veröffentlicht zu haben (z. B. unter einem Nickname auf einer Profilseite eines Chatanbieters), ermöglichen andere Angaben aus dem Onlineprofil es oft, die Person auch im realen Leben ausfindig zu machen.
- Studien belegen, dass das versendete Bildmaterial oft nicht bei den Personen bleibt, für die es bestimmt war. Obwohl viele Jugendliche über die negativen Konsequenzen von Sexting informiert sind, versendet ein großer Teil trotzdem sexuelle Bilder/Videos von sich. Ein großer Teil der Jugendlichen überschätzt die eigene Immunität bezüglich des Phänomens Sexting (vgl. Grimm 2010, S. 265).
Prävention
Wie kann in Schule oder Jugendarbeit zum Thema Sexting gearbeitet werden?
Im Rahmen der Präventionsarbeit ist zunächst die Sensibilisierung für die Gefahr des Sexting von großer Bedeutung. Indem Jugendliche reflektieren, welche Nachteile das Veröffentlichen von ihren freizügigen Bildern mit sich bringen kann, lernen Sie die Gefahr einzuschätzen.
Im Umgang mit den vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten des Web 2.0. ist zusätzlich die Förderung von Mediensicherheitskompetenzen unerlässlich. Jugendliche müssen erlernen, wie sie beispielsweise die Privatsphäre-Einstellungen in ihrem Online-Profil verändern können oder Fotos von einer Webseite löschen lassen können.
Darüber hinaus fehlt Jugendlichen oft das Wissen über die Rechte im Umgang mit Bildern anderer Personen. Hier bedarf es der Vermittlung konkreter Wissensbestände. Wer Bilder oder Videos ohne die Zustimmung der abgelichteten Person veröffentlicht, verstößt u.a. gegen das Recht am eigenen Bild.
Ein weiterer wichtiger Bereich der Präventionsarbeit ist die Information der Jugendlichen über mögliche Hilfs-/Beratungsangebote, wie z. B. https://www.save-me-online.de/ oder http://www.nina-info.de.
Arbeitsmaterialien für die Präventionsarbeit
Broschüre “Let´s talk about Porno”
- Projekt „Sexualisierte Selbstdarstellung“
- Hier finden sich Arbeitsmaterialien für eine Unterrichtsstunde zum Thema Sexting/Sexualisierte Selbstdarstellung.
Zeitungsartikel zum Thema
- SZ-Magazin: „Alles Einbildung. Wie Menschen sich für ihr Facebook-Profil fotografieren, verrät mehr über sie, als sie glauben (und mit der Hoffnung, einzigartig zu sein, sieht es schon mal nicht so gut aus)“.
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/36020 - Zeit-Online: „Ausziehen 2.0. Trotz Warnungen von Datenschützern und so manch böser Überraschung beim Bewerbungsgepräch, entblößen sich Millionen immer noch ungeniert und leichtfertig in Online-Netzwerken. Warum nur?“
http://www.zeit.de/campus/2008/03/online-netzwerke
Die Besprechung eines Artikels kann Jugendlichen zeigen, wie das Phänomen Sexting in den Medien diskutiert wird und wie ihre ggf. naiv ins Netz gestellten Fotos auf Andere wirken.
Filme zum Thema
- Filmspot: „Everyone knows your name“
http://www.youtube.com/watch?v=dT1GvPQG904
- Filmspots auf der Internetseite
http://www.thatsnotcool.com/
Literatur:
Grimm, Petra u.a.: Porno im Web 2.0. Die Bedeutung sexualisierter Webinhalte in der Lebenswelt von Jugendlichen. Schriftenreihe der NLM, Band 25. Berlin: VISTAS Verlag GmbH, 2010.
Kimmel, Birgit; Rack, Stefanie u.a.: Let´s Talk about Porno. Jugendsexualität, Internet und Pornografie. Arbeitsmaterialien für Schule und Jugendarbeit. Klicksafe-Broschüre. 1. Auflage, 2011.
The National Campaign to Prevent Teen and Unplanned Pregnancy and CosmoGirl.com (Hrsg.: Sex and Tech. Results from a Survey of Teens and Young Adults). 2008
Text erstellt von Verena Vogelsang