Resilienz

Resilienz und sexuelle Gewalt an Kindern

In der fachlichen Diskussion zu sexueller Gewalt ebenso wie in der einschlägigen Forschung wird häufig darauf verwiesen, dass der emotionale Umgang mit und die Verarbeitung von sexueller Gewalterfahrung individuell höchst unterschiedlich sein können. In den meisten Fällen, so formuliert z.B. Damrow, stellt sexueller Missbrauch „eine traumatische Erfahrung dar, die gravierende Spätfolgen haben kann“ (2006, S. 199). Das heißt aber auch, dass für einige Betroffene diese Erfahrung nicht zwangsläufig traumatisch sein und solche gravierenden Spätfolgen haben muss. Im Gegenteil, einige von ihnen scheinen resilient gegenüber solchen Traumata zu sein. Bereits in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts haben z.B. Finkelhor und seine Kollegen folgende Fragen gestellt: ‚Ist eine Behandlung auch dann angezeigt, wenn Kinder kein symptomatisches Verhalten zeigen?’, oder ‚Kann Verleugnung eine gesunde Bewältigungsstrategie für einige Kinder sein?’ Weiter haben sie andere Forscher und Forscherinnen aufgefordert zu untersuchen, wie sich Verhalten und Gefühle von Individuen, die wenige lang anhaltende Symptome zeigten und resilient waren, von denen unterscheiden, die stark gelitten haben (1988, S. 64, zitiert bei Hunter, 2010, S. 6). Finkelhor und sein Team mahnten also bereits damals die Berücksichtigung von Unterschieden bei der kindlichen Verarbeitung von sexueller Gewalterfahrung an.

Heute wird auf der Basis neuerer Forschung partiell belegt, dass solche Unterschie-de in der Disposition, also in der „inneren Bereitschaft“ der betroffenen Personen, in ihren personalen Ressourcen, verankert sind und vermutlich mit bestimmten Fakto-ren in ihrer Umwelt in Zusammenhang stehen.
 
Damrow z.B. bezieht sich neben deutschen besonders auf amerikanische Studien zu Resilienz bei Erfahrungen mit sexueller Gewalt (2006, S. 199 ff).

So berichtet sie aus der amerikanischen Untersuchung von Liem et al. (1997), die der Frage nach den Unterschieden zwischen resilienten und nicht resilienten (verletzlichen) Opfern sexueller Gewalt nachgeht. In dieser Studie werden z.B. zwei Persönlichkeitsvariablen herausgearbeitet, die resiliente und nicht resiliente Opfer unterscheiden:

  • Resiliente Opfer schreiben sich selbst die Fähigkeit zu, gewünschte Ergebnisse auch zu erreichen. Sie konnten ein Gefühl der Selbstwirksamkeit entwickeln, d.h. ein Gefühl, Probleme lösen und sich selbst steuern zu können. Nicht resiliente Opfer hingegen neigen dazu, solche gewünschten Ergebnisse äußeren Umständen zuzuschreiben, über die sie keine Kontrolle haben. Sie sehen sich als von außen beeinflusst (vgl. dazu auch Daniel und Wassell, 2002, zitiert bei Weiß 2007, S. 161 f).
  • Resiliente Opfer zeigten sich zudem als weniger selbstzerstörerisch.


Besonders die erste Persönlichkeitsvariable verweist auf eine sichere emotionale Basis der resilienten Individuen, die überzeugt sind, dass sie Menschen und Situationen beeinflussen und kontrollieren können (vgl. Liem et al. (1997, S. 601); zitiert bei Damrow (2006, S. 200). Sie erfahren sich damit als kompetent und handlungsmächtig und haben Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen entwickeln können. Das lässt vermuten, dass sie die emotionalen Dispositionen (oder Persönlichkeitsvariablen) auch auf ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt übertragen konnten und können.

Noch aber ist wenig bekannt, worin insgesamt diese dispositionellen Unterschiede bestehen und genau „welche Faktoren dafür zuständig sind“ (Damrow 2006, S. 200). Damrow rät hier zu weiterer Forschung.

Die australische Kinder- und Familienberaterin Sally Hunter legt, höchst aktuell, eine Studie zum Thema Resilienz bei sexueller Gewalterfahrung vor (2010). Sie hat 22 Erwachsene zu deren „sexuellen Kindheitserfahrungen mit Erwachsenen“ befragt. Sie wählt mit Blick auf das Resilienzphänomen statt der Begriffe „sexuelle Gewalt gegen Kinder“ bzw. „sexueller Missbrauch an Kindern“ (child sexual abuse) die Bezeichnung „sexuelle Erfahrungen mit Erwachsenen in der Kindheit“ (childhood sexual experiences with adults). Sie begründet diese neutrale Begriffswahl mit der Befürchtung, dass die beiden Begriffe sexuelle ‚Gewalt’ und sexueller ‚Missbrauch’ ausschließlich und allumfassend mit lang anhaltendem Leid der Betroffenen assoziiert werden. Sie möchte der Gefahr entgegen wirken, dass schon im Vorfeld empirischer Untersuchungen bereits gedanklich (nämlich über die Begriffswahl) die Möglichkeit resilienten Verhaltens der Kinder auch im Bereich sexueller Gewalt ausgeschlossen wird.

Hunters narrative Daten sind Resilienzerzählungen („narratives of resilience“). Sie geben Aufschluss über die höchst unterschiedlichen Erlebens- und Verarbeitungs-weisen der Kindheitserfahrungen mit „Erwachsenensexualität“ und füllen den „abs-trakten Begriff der Resilienz“ mit Inhalten des Erlebens und Handelns. Sie belegen, dass Risikofaktoren wie Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch nicht notwendiger-weise zu einer massiven und nachhaltigen Beeinträchtigung in den Biographien der Kinder führen müssen. Es gibt auch im Zusammenhang mit sexueller Gewalt wohl einen Prozentsatz von Kindern, die trotz derartiger Risiken in ihrem weiteren Leben erfolgreich sind.

Hunters Analysen ihrer Daten dürfen aber nicht dazu „missbraucht werden“, die tiefen Verletzungen und Traumata der meisten Betroffenen zu relativieren. Das gilt besonders vor dem Hintergrund der gegenwärtigen „Aufdeckungswelle“ von sexuellen Missbrauchsfällen in verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen in Vergangenheit und Gegenwart.

Hunters Ergebnisse können aber helfen, differenziertere Erkenntnisse über die Er-scheinungsformen von Resilienz im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch zu gewinnen. Sie legen nahe, auch im Zusammenhang mit dem Problembereich sexueller Gewalt den Paradigmenwechsel zu vollziehen und der Forschungsfrage nachzugehen, wie  Widerstandsfähigkeit (Resilienz) gefördert und gestärkt werden kann.

Erkenntnisse über Widerstandskräfte und Bewältigungskompetenz zu suchen und zu gewinnen tritt so in den Mittelpunkt wissenschaftlichen Denkens und Forschens.

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