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Resilienz
Kritische Anmerkungen
Kritische Anmerkungen zur Rezeption des Resilienz-Konzepts
Resilienz als Begriff stammt aus der psychologischen Fachliteratur. Das Resilienzkonzept spielt zunehmend auch in anderen Disziplinen eine große Rolle, besonders in Pädagogik und Sozialpädagogik, aber auch in Psychiatrie und Soziologie. So weckte die Entdeckung protektiver (schützender) Faktoren
„als Gegenspieler von Entwicklungsrisiken…in der pädagogischen Szene einen großen Optimismus, der Resilienz als eine Art immunisierende Persön-lichkeitseigenschaft ansah, die es lediglich zu wecken oder zu trainieren galt“ (Fingerle 2007, S. 299).
Eine solche Sichtweise ignoriert das komplexe Zusammenspiel von Persönlichkeitsvariablen des Individuums und den Bedingungen, die es in seinem Umfeld vorfindet.
„Diese nicht selten unkritische Rezeption der Resilienzforschung führte schließlich dazu, dass der Resilienzbegriff zu einem Modekonzept wurde, zu einem nahezu beliebig verwendbaren Marketingvehikel für Trainingsprogramme…“(Fingerle 2007, S. 299).
Die Konzipierung solcher Trainingsprogramme zur „Stärkung von Kindern“ ignoriert oft die schon seit den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts vorhandene wissen-schaftliche Erkenntnis, dass Resilienz kein stabiles Merkmal „im Sinne einer univer-salen Unverletzlichkeit“ eines Individuums ist. Die Entwickler solcher Programme verkennen damit auch die Tatsache, dass Resilienz nur verstanden werden kann
„als eine zumeist zeitlich begrenzte, von verschiedenen (personalen und sozialen) Schutzfaktoren gespeiste psychische Widerstandsfähigkeit oder Bewältigungskapazität“ (Fingerle 2007, S. 299).
Sie beziehen ebenfalls die Erkenntnis nicht oder unzureichend ein, dass der Begriff „Resilienz“ nur aussagt, dass Risikofaktoren wie z.B. Armut, Alkoholismus der Eltern oder auch Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch
„nicht notwendigerweise zu einer massiven und nachhaltigen Beeinträchtigung in den Biographien der Kinder führen müssen – vielmehr gibt es einen relativ hohen Prozentsatz solcher Kinder, die trotz derartiger Risiken in Schule und Beruf erfolgreich sind…Resilienz ist – in diesem Sinne – sozusagen die Gegenwahrscheinlichkeit der Wahrscheinlichkeit für einen negativen Entwicklungsverlauf, die wiederum mit bestimmten Risikofaktoren statistisch assoziiert ist“ (Fingerle 2007, S. 300).
Solche Trainingsprogramme „springen auch zu kurz“, weil sie meist nur die Stärkung der personalen Schutzfaktoren konzeptionell in den Blick nehmen, nicht aber die sozialen Ressourcen. Sie vernachlässigen oft die Komplexität der Interaktion zwischen den personalen Ressourcen des Kindes und den Resilienz fördernden Schutzfaktoren in seinem Umfeld (den sozialen Ressourcen). In diesem Sinne sehr problematisch sind z.B. Projekte, die die personalen Bewältigungsressourcen der Kinder einseitig und oft in kurzen Zeitspannen zu fördern suchen, ohne Zugang zu Ressourcen im sozialen Umfeld schaffen zu können oder auch nur zu reflektieren. Gerade auf solche Ressourcen im sozialen Umfeld, die ihren überdauernden Bedürfnisstrukturen gerecht werden, sind die Kinder aber angewiesen, sollen sie in ihrer Widerstandsfähigkeit und Bewältigungskompetenz gestärkt werden.
In solchen Trainingsprojekten lauert damit eine große Gefahr: Sie suchen einseitig das Kind zu stärken und verankern damit letztlich die Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg ebenso einseitig im späteren Verhalten des Kindes. Bei einem fast immer zu erwartenden Versagen - denn Kinder sind im Vergleich zu Erwachsenen gerade auch bei sexueller Gewalt immer die Schwächeren - übernehmen die Kinder dann oft diese zugeschriebene Verantwortung und suchen die „Schuld“ bei sich.
Da Kinder aus problematischen Milieus selten auf soziale Ressourcen in ihrem Umfeld zurückgreifen können, unterstreicht Fingerle folgerichtig,
„dass sich die Förderung von Resilienz nicht nur auf das Training personaler Bewältigungsressourcen, sondern auch auf die Erkundung, Organisation und Etablierung entwicklungsfördernder sozialer Nischen beziehen muss, wenn sie erfolgreich sein will“ (2007, S. 299).
Hier wird ein weiteres Defizit solcher Praxisprojekte deutlich. Meist fehlt nämlich eine Verankerung der Förderung der kindlichen Resilienz in einem Umfeld, das Schutzfaktoren bereitstellt, die zudem für das Kind erreichbar sein müssen. Wir erin-nern uns, dass sich Resilienz als „Widerstandsfähigkeit“ nur in der Auseinandersetzung mit den widrigen Bedingungen eines sozialen Milieus und auf der Grundlage eines Austauschs mit Schutzfaktoren entwickeln kann, auf die das Kind auch zugreifen können muss.
Da Risiko-Kindern oft der Zugang zu solchen Schutzfaktoren in seinem Umfeld fehlt – wie die Grundlage für eine sichere Bindung, um nur ein Beispiel zu nennen –, kann auch präventive Entwicklungsförderung nur gelingen, wenn besondere Bereiche, Nischen, gefunden werden, die solche Schutzfaktoren bereitstellen und für die Kinder verfügbar machen (vgl. Fingerle 2007, S. 304 ff).
Eine solche Nische muss drei Bedingungen erfüllen: Sie darf die (Regulierungs-) Fähigkeiten des Kindes nicht überfordern, d.h. sie muss Stressoren von ihm fern halten, sie darf aber auch keine für das Kind unerfüllbaren Veränderungsanforderungen stellen. Diese erste Bedingung wirkt stabilisierend auf das Kind, jedoch noch nicht entwicklungsfördernd. Dafür bedarf es der Erfüllung zweier weiterer Bedingungen,
nämlich der „Förderung der Exploration der Umwelt und der eigenen Fähigkeiten des Kindes. Von großer Wichtigkeit ist weiter die Orientierung dieser Exploration auf Ziele, die anschlussfähig für die eigenen Fähigkeiten, aber darüber hinaus auch im weiteren Sinne sozial anschlussfähig sind“ (Fingerle 2007, S. 304).
Das bedeutet, dass sowohl die Risiko- als auch die Schutzfaktoren nur kontextbezogen bestimmt werden können.
Nur wenn Nischen, die diese Bedingungen erfüllen, Risiko-Kindern zur Verfügung stehen, können ihre Widerstandsfähigkeit und Bewältigungskompetenz entwickelt und gefördert, d.h. Kinder wirkungsvoll und nachhaltig „gestärkt“ werden.
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