Armut - soziale Ausgrenzung - psychische Erkrankung

In der praktischen Arbeit mit sexuell misshandelten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird immer deutlicher, dass sexueller Missbrauch nicht isoliert von den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen betrachtet werden kann. Vor dem Hintergrund einer sich dramatisch ausbreiteten Armut(sgefährdung) oder zumindest einer spürbaren Verschärfung existentieller Bedingungen, beginnen sich auch im Bereich der Bewältigung sexuellen Missbrauchs bestimmte Veränderungen abzuzeichnen.

Diese beziehen sich vor allem auf das Ausmaß an Ressourcen, das Familien zur Verfügung steht, um ein Kind durch die Krise der Aufdeckung zu begleiten und den Hilfeprozess zu managen. Familien, die vom Verlust ihrer materiellen Grundlagen und dadurch von sozialer Exklusion bedroht sind, verfügen häufig nicht mehr über die Ressourcen, die notwendig sind, um Hilfe in kontinuierlicher Form in Anspruch zu nehmen. Die Kinder sind in ihrem Bewältigungsprozess blockiert, weil auf mehreren Problemebenen gleichzeitig ihr Einsatz gefordert wird. In einer solchen Konstellation besteht ein erhebliches Risiko, dass die Betroffenheit von sexualisierter Gewalt in der Wahrnehmung der Familie marginalisiert wird. Verleugnung und Bagatellisierung erscheinen in einem solchen Szenario der multiplen Überforderungen als einziger Ausweg. Ein Effekt, der damit recht deutlich assoziierbar scheint, ist die auffällige Zunahme psychiatrisch relevanter Störungsbilder innerhalb der Klientel von Opferhilfeeinrichtungen.

Insgesamt stellen sich diese Störungen als Zusammenbruch individueller und familiärer Bewältigungsressourcen dar. Armut, soziale Exklusion und Existenzängste scheinen demnach den Boden für langwierige Schädigungsfolgen traumatischer Erlebnisse zu bereiten. Sowohl Prävention als auch Intervention können daher ihre Wirksamkeit nur dann entfalten, wenn Kinder und ihre Familien auf ein ausreichendes Maß an sozialer Sicherung zurückgreifen können. Ansonsten sind diese Kinder sowohl im Hinblick auf Gefährdungen als auch im Bezug auf die Folgen sexueller Gewalterlebnisse extrem vulnerabel.

Autor: Dr. Peter Mosser

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