BMBF Projekt: Präventionsmaterialien

Die Inhalte des Bereichs "Präventionsmaterialien" sind im Rahmen des Forschungsprojekts "Präventionsmaterialien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zum Themenbereich Sexualisierte Gewalt" an der Katholischen Hochschule NRW erarbeitet worden. Das Projekt wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (Förderkennzeichen 01SR1501) gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei Frau Prof. Dr. Sarah Yvonne Brandl.

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Kriterien- und Reflexionsleitfaden

zur Auswahl und Nutzung von Präventionsmaterialien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gegen sexualisierte Gewalt verfasst von Brandl, S. Y.; Vogelsang, V.; Bäumer, E.; Schneider, N.

Inhaltsverzeichnis

  1. 1. Einführung: Über das Projekt
  2. 2. Ablauf des Forschungsprojektes
  3. 3. Kriterien- und Reflexionsleitfaden
  4. 4. TEIL A: Reflexion von Präventionsbausteinen und Themen
    1. 4.1. Themenbereich sexualisierte Gewalt (A.1)
      1. 4.1.1. Kriterium: Thematisierung von sexualisierter Gewalt: Definitionen, Darstellung, Sprache
      2. 4.1.2. Kriterium: Darstellung der Täter*innen und der Missbrauchsdynamik
      3. 4.1.3. Kriterium: Täter*innenstrategien
      4. 4.1.4. Kriterium: Darstellung von (potentiell) Betroffenen (Reaktionen und Erleben)
      5. 4.1.5. Kriterium: Kritisches Hinterfragen von Gegenwehr
      6. 4.1.6. Kriterium: Handlungsstrategien zur Intervention nach widerfahrener sexualisierter Gewalt
      7. 4.1.7. Kriterium: kritische Konzeptreflexion: Empowerment! - Kinder /Jugendliche als Zielgruppe von Prävention
      8. 4.1.8. Kriterium: kritische Konzeptreflexion: Schuld und Verantwortung - Zuschreibung und Verortung
      9. 4.1.9. Kriterium: Rechtliches Sachwissen
    2. 4.2. Schnittstellen der Prävention sexualisierter Gewalt zu angrenzenden Themenbereichen (A.2)
      1. 4.2.1. Schnittstellen zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenz
      2. 4.2.2. Schnittstellen zu sexueller Bildung: Themenbereich Körper und Sexualität
      3. 4.2.3. Schnittstellen zur Förderung von Genderkompetenz: Themenbereich Geschlecht und Geschlechterzuschreibungen
      4. 4.2.4. Schnittstellen zur Förderung von Medienkompetenz
  5. 5. TEIL B: Reflexion der Gesamtdarstellung und Gesamtresümee
    1. 5.1. Formale Kriterien der Gesamtdarstellung und der Umsetzung (B.1)
      1. 5.1.1. Kriterium: Gesamteindruck zur (Audio-)visuelle Gestaltung des Präventionsmaterials: Sprache, Text, Bebilderung, Ton, Musik, filmische Gestaltung
      2. 5.1.2. Kriterium: Praktische Umsetzung und methodische Anregungen
      3. 5.1.3. Kriterium: Stringenz im Aufbau des Materials
    2. 5.2. Darstellung und Einbezug von Vielfalt (B.2)
      1. 5.2.1. Kriterium: Vielfalt im Material
      2. 5.2.2. Kriterium: Heterogenität der Zielgruppe
    3. 5.3. Gesamteindruck zur Wirkung des Materials (B.3)
  6. 6. TEIL C: Reflexion der Einbettung und Rahmenbedingungen von Präventionsarbeit mit Kindern/Jugendlichen
    1. 6.1. Kriterium: Hinweise für den konkreten Einsatz
    2. 6.2. Kriterium: Einbettung in ein institutionelles Schutzkonzept
    3. 6.3. Kriterium: Handlungswissen zur Intervention/Vernetzung/Disclosure
  7. 7. Beteiligte Expert*innen
  8. 8. Einbezogene Quellen/ Literatur

1 Einführung: Über das Projekt

Ein System, das die Qualität von Präventionsmaterialien beurteilt, gab es im deutschsprachigen Raum bisher nicht. An diesen Bedarf aus der Praxis knüpft das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt "Präventionsmaterialien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zum Themenbereich Sexualisierte Gewalt. Systematische Zusammenstellung und Entwicklung eines dynamischen Bewertungssystems zur Qualitätssicherung" an.

 

Im Fokus des dreijährigen Forschungsprojektes (Laufzeit Oktober 2015 bis September 2018), welches unter der Leitung von Prof. Dr. Sarah Yvonne Brandl an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Münster durchgeführt wurde, steht die Entwicklung eines dynamisch strukturierten Reflexionsleitfaden, der pädagogischen Fachkräften Orientierung bei der Einschätzung von Medien und Materialien für die präventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und bei der Planung ihrer konkreten Präventionsarbeit bietet. Die Anwendung des Reflexionsleitfadens erleichtert die Auswahl von Angeboten, die Kinder und Jugendliche in altersentsprechender Form über sexualisierte Gewalt aufklären, und trägt zu einer Förderung der Präventionskompetenz der Anwender*innen bei. 

 

Vor dem Hintergrund eines ganzheitlichen Präventionsverständnisses kann die Qualität von Präventionsmaterialien als notwendige aber nicht hinreichende Bedingung für gelingende Prävention verstanden werden. Präventionsmaterial kann daher nicht losgelöst von seiner Anwendung, d.h. von den Nutzer*innen, der Nutzungssituation sowie den institutionelle Rahmenbedingungen betrachtet werden. Ziel des im Forschungsprojekt entwickelten Reflexionsleitfadens besteht darin, die Präventionskompetenz der Anwender*innen nicht nur im Hinblick auf die Auswahl von Materialien zu fördern, sondern für ein ganzheitliches Verständnis von Prävention als Erziehungshaltung zu sensibilisieren, die Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung zu Themen wie z.B. Gewalt, Macht und Sexualität zu fördern und eine Schutzkonzeptentwicklung in Einrichtungen anzuregen. 

2 Ablauf des Forschungsprojektes

Auf Basis aktueller Forschungsergebnisse und theoretischer Diskussionen sowie Anforderungen aus der präventiven Praxis (u.a. zu Qualitätskriterien und Vermittlungszielen von Prävention) wurde zu Beginn des Forschungsprojektes zunächst ein Entwurf eines Kriterienrasters für die Begutachtung von Präventionsmaterialien erarbeitet, der verschiedene Bausteine und Vermittlungsziele von Prävention einbezieht. 

 

Zur Sammlung von Kriterien fanden im September 2016 fünf Gruppendiskussion mit Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis statt. Ziel der Diskussion war es, die gewohnte additive Auflistung der Präventionsbausteine und Vermittlungsziele - die in der Praxis als weitestgehend verbreiteter Konsens immer wieder auftritt - zu hinterfragen und zu reflektieren. 

 

Unter Einbezug der Ergebnisse der Expert*innendiskussion ist ein kriterienorientierter Fragenkatalog zur Begutachtung von Präventionsmaterialien entstanden. Dabei wurde die Diversität der Zielgruppe der adressierten Kinder/Jugendlichen (z.B. im Hinblick auf das Entwicklungsalter, Geschlecht, etc.) berücksichtigt. Der Fragenkatalog war Grundlage für exemplarische Begutachtungen von 40 Präventionsmaterialien verschiedener Medienformate, die im Zeitraum von Mai bis Juli 2017 von multiprofessionellen Expert*innentandems aus Wissenschaft und Praxis durchgeführt wurden. Ziel dieser Begutachtungsphase bestand darin, den kriterienorientierten Fragenkatalog anhand möglichst unterschiedlicher Medien und Materialen zu erproben, zu überarbeiten und daraus einen umfassenden Reflexionsleitfaden zu entwickeln.

 

Zur Zusammenstellung der Stichprobe von 40 Präventionsmaterialien wurde eine bewusst kontrastierende Fallauswahl vorgenommen. Anhand festgelegter Kriterien wurden 40 Medien verschiedener Formate ausgewählt, die in der primärpräventiven Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Institutionen wie Kindertageseinrichtungen, Schulen, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe etc. eingesetzt werden können. Die Stichprobe umfasst Medienformate wie Kinderbücher, Jugendbücher, Unterrichtsmaterial, Filme etc. und berücksichtigt Materialien für unterschiedliche Zielgruppen. 

 

Im September 2017 fanden weitere fünf Gruppendiskussion mit Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis statt. Im Mittelpunkt stand der Austausch zur Anwendung und Weiterentwicklung des kriterienorientierten Fragenkatalogs mit dem Ziel, Empfehlungen für die Anwendung des Begutachtungs- und Auswahlinstrumentes zu entwickeln, die den selbstreflexiven Umgang sowohl mit dem Instrument als auch mit dem ausgewählten Material als Teil von Präventionskompetenz fördern. 

 

Auf Basis der Ergebnisse dieser Expert*innendiskussion sowie der exemplarischen Begutachtungen wurde ein Reflexionsleitfaden erarbeitet, der es Nutzer*innen ermöglicht, eigenständig kriterienorientiert Präventionsmaterialien zu bewerten. 

3 Kriterien- und Reflexionsleitfaden

zur Auswahl und Nutzung von Präventionsmaterialien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gegen sexualisierte Gewalt

Für die praktische Präventionsarbeit gegen sexualisierte Gewalt mit Kindern und Jugendlichen stehen zahlreiche Medien und Materialien zur Verfügung, die das sensible Thema aufgreifen und dabei unterstützen, Kinder/Jugendliche alters- und diversitätssensibel über sexualisierte Gewalt zu informieren. Neben Kinder- und Jugendbüchern sowie Unterrichtsmaterialien existieren weitere Medienformate wie Filme, Apps, Hörspiele, die explizit sexualisierte Gewalt thematisieren (z.B. sexualisierte Gewalt durch erwachsene, bekannte oder unbekannte Personen, sexuelle Übergriffe von Kindern/Jugendlichen an Kindern/Jugendlichen, sexuelle Belästigung und unangenehme Berührungen gegen den eigenen Willen, sexualisierte Gewalt unter Geschwistern, Onlineviktimisierung uvm.). Darüber hinaus gibt es auch Medien/Materialien, die ausschließlich allgemeinpräventive Ziele wie z.B. Gefühlserziehung, Sexualerziehung, Medienkompetenzförderung etc. fokussieren, ohne den Bezug zu sexualisierter Gewalt explizit herzustellen.

 

Doch wie lässt sich bei der Vielzahl an unterschiedlichen Präventionsmaterialien die Eignung für die eigene Zielgruppe und für die eigene präventive Arbeit beurteilen? Worauf ist bei der Auswahl von Medien/Materialien zu achten und welche Rahmenbedingungen gilt es für die Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen zu berücksichtigen? Bei der Arbeit mit Kindern/Jugendlichen zum Thema sexualisierte Gewalt geht es dabei vor allem um das WAS und das WIE der Vermittlung. 

 

Im Rahmen des BMBF-geförderten Forschungsprojektes „Präventionsmaterialien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zum Themenbereich sexualisierte Gewalt – systematische Zusammenstellung und Entwicklung eines dynamischen Bewertungssystems zur Qualitätssicherung“ wurde der folgende kriteriengestützte Reflexionsleitfaden entwickelt. Er bietet pädagogischen Fachkräften Orientierung bei der Qualitätseinschätzung von Medien/Materialien und leitet gleichzeitig dazu an, das Thema sexualisierte Gewalt in seinen verschiedenen Facetten, die in der Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen beachtenswert sind, umfassend und zugleich differenziert in den Blick zu nehmen. Zielgruppe sind Fachkräfte, die in Institutionen wie Kindertageseinrichtungen, Schulen, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe etc. mit Kindern und Jugendlichen präventiv arbeiten (möchten). Der Reflexionsleitfaden kann zudem Anregungen für Reflexionsprozesse in Teams bzw. im Kollegium geben. 

 

Vor dem Hintergrund eines ganzheitlichen Präventionsverständnisses ist davon auszugehen, dass die Auswahl von Präventionsmaterialien immer kontextuell begründet wird. Die Einschätzung zur Eignung eines Materials erfolgt vor dem Hintergrund von Nutzer*innen, Nutzungssituation sowie institutionellen Rahmenbedingungen. Eine Anwendung des kriteriengestützten Reflexionsleitfadens leistet einerseits einen Beitrag zur Sensibilisierung, andererseits zur Selbstreflexion für die Thematik sexualisierte Gewalt.

 

Was kann das jeweilige Präventionsmaterial vermitteln? Auf welche Inhalte wird nicht eingegangen? Welche Möglichkeiten und Grenzen werden mit Blick auf die Anwendung deutlich? – diese fragende Herangehensweise hilft bei der Einschätzung von Handhabbarkeit und gibt Impulse für die Planung der konkreten Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Hintergrundwissen und Informationen werden sichtbar, die Kindern/Jugendlichen aber auch Eltern und Kolleg*innen als Ergänzung zur Verfügung gestellt werden können (z.B. mündlich, durch ergänzende Übungen, Vertiefungen, weitere Medien/Materialien).

 

Mithilfe des kriteriengestützten Reflexionsleitfadens ist es möglich Materialien und Medien, die sich direkt an Kinder und Jugendliche wenden, wie z.B. Kinderbücher oder Jugendromane, differenzierter einzuschätzen. Dies gilt auch für Materialien, die sich an pädagogische Fachkräfte oder Eltern richten und ein Konzept für die präventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen beinhalten, wie beispielsweise Unterrichtsmaterialien.

Die Fragen des Reflexionsleitfadens laden zu einem Interview mit dem Material ein.

 

Der Leitfaden gliedert sich in drei Teile: 

  • A - Reflexion von Präventionsbausteinen und Themen – Details zur Darstellung und Einbettung
  • B - Reflexion der Gesamtdarstellung und Gesamtresümee
  • C - Reflexion der Einbettung und Rahmenbedingungen von Präventionsarbeit mit Kindern/Jugendlichen

Es kann günstig sein, die Anregungen des Teilbereichs B zunächst nach einer ersten Sichtung des Materials zu bearbeiten und dieses Vorgehen nach intensiver Beschäftigung mithilfe der unter Teil A und C angeregten Bearbeitungsweise, nochmals zu wiederholen. Der Unterschied zwischen noch undifferenziertem Ersteindruck und abschließendem Gesamteindruck kann wertvolle Hinweise auf den eigenen Sensibilisierungsprozess geben, in Bezug auf die Fähigkeit Materialien differenzierter zu betrachten.

 

Bei einigen Themen werden bewusst alternierende Fragen verwendet. Viele können nicht eindeutig mit „richtig“ oder „falsch“ beantworten werden, da die Bewertung vom jeweiligen Kontext der Gesamtsituation abhängt und jede*r Anwender*in, jeder Nutzungskontext, etc. anders ist.

Zum Material

Ein Material/Medium kann und/oder muss nicht alle aufgezeigten Kriterien enthalten bzw. nicht allen Anforderungen gerecht werden. Auch Materialien/Medien, die nur Teile des Gesamtspektrums abdecken, können für die (Primär)Prävention sinnvoll eingesetzt werden. Hierfür ist es wichtig, die durch die Auseinandersetzung mit dem Reflexionsleitfaden deutlich gewordenen Lücken, Schwachstellen, Grenzen auszugleichen, z.B. indem man sich verschiedener Inhalte und Methoden unterschiedlicher Materialien/Medien bedient. 

Voraussetzung für Prävention: Handlungswissen zur Intervention

Nicht selten kommt es im Rahmen von Präventionsarbeit dazu, dass betroffene Kinder/Jugendliche über erlebte Gewalt sprechen und sexualisierte Gewalt offengelegt wird. Daher ist es im Vorfeld der Durchführung von Prävention unerlässlich, sich über Interventionsschritte zu informieren und sich mit Fachberatungsstellen vor Ort zu vernetzen.

Grundlage für die Erarbeitung des kriterienorientierten Reflexionsleitfadens

Der vorliegende Kriterien- und Reflexionsleitfaden wurde unter Einbezug aktueller Forschungsergebnisse, theoretischer Diskussionen, Arbeitsmaterialien aus der präventiven Praxis sowie unter Beteiligung von Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis entwickelt. 

 

Um die Vielfalt an Geschlechtern und Identitäten sichtbar zu machen wird in dem vorliegenden Text der Genderstern* verwendet.

 

Zum Verzeichnis aller beteiligter Expert*innen und verwendeter Literatur

4 TEIL A: Reflexion von Präventionsbausteinen und Themen

 - Details zur Darstellung und Einbettung

4.1 Themenbereich sexualisierte Gewalt (A.1)

Die Vermittlung von Wissen über sexualisierte Gewalt ist ein zentraler Baustein in der Präventionsarbeit. Dazu gehört die Aufklärung über mögliche Formen von sexualisierter Gewalt, über Täter*innen, deren Strategien sowie über (potenziell) Betroffene. 

 

In pädagogischen Kontexten ist die Thematisierung von sexualisierter Gewalt ein wesentliches Kriterium für die Qualität von Präventionsmaterialien, wobei die Art und Weise der Thematisierung bereits einen wichtigen Rahmen für Kommunikation mit den Kindern und Jugendlichen setzt im Hinblick darauf, was und wie miteinander gesprochen werden kann.

4.1.1 Kriterium: Thematisierung von sexualisierter Gewalt: Definitionen, Darstellung, Sprache

Eine verständliche und für die jeweilige Zielgruppe anschlussfähige Thematisierung von sexualisierter Gewalt ist zentral in der Präventionsarbeit. Dazu gehören u.a. Informationen über die vielfältigen Erscheinungsformen, über mögliche Beteiligte sowie über eine bewusste, zielgruppen- und entwicklungsangemessene Begriffswahl und -verwendung. Die gewählte Sprache ist dabei ein wesentlicher Faktor, der Gesprächsanlässe in der Präventionsarbeit sowohl hemmen als auch fördern kann.

 

  • Wird sexualisierte Gewalt konkret benannt? Wenn ja, wie?
  • Wie und in welcher Form wird sexualisierte Gewalt bildlich dargestellt und sprachlich beschrieben?
  • Welcher Begriff und welche Darstellung könnte für die eigene Zielgruppe gut verständlich und für das Entwicklungsalter angemessen sein?
  • Wirkung: Wie könnte die Darstellung auf die Zielgruppe wirken?
  • Welche wären die eigenen Worte, um Kindern/Jugendlichen zu erklären, was sexualisierte Gewalt ist?

4.1.2 Kriterium: Darstellung der Täter*innen und der Missbrauchsdynamik

Die Thematisierung von möglichen Tatpersonen und ihren Strategien ist ein wichtiger Bestandteil in der Präventionsarbeit. Dadurch kann das Erkennen der Vorgehensweisen von Täter*innen gefördert und das Einordnen und Verstehen von Missbrauchsgeschehen in grundlegenden Aspekten unterstützt werden. Bei Auftreten einer Thematisierung von Ursachen und Erklärungsansätzen von Täter*innenverhalten ist besonders darauf zu achten, dass dadurch missverständlich Empathie für Täter*innen entstehen kann und daraus eine Verschiebung oder Abmilderung der Schuldzuschreibung resultieren kann.


Wichtig ist die klare Botschaft: Die Verantwortung liegt immer bei den Täter*innen und niemals bei den Betroffenen.

 

  • Welches Täter*innenbild wird vermittelt?
  • Wie könnte die sprachliche/bildliche Täter*innendarstellung auf die eigene Zielgruppe wirken?
  • Bietet die Darstellung Anlass, um z.B. Ambivalenzen und Loyalitäten der Betroffenen nachvollziehbar zu machen?

4.1.3 Kriterium: Täter*innenstrategien

Die Strategien von Täter*innen sind sehr vielfältig. Sie gehen subtil und gezielt vor, um das Vertrauen von Kindern/Jugendlichen zu gewinnen, ihren Widerstand zu untergraben und sie zum Schweigen zu bringen. Daher ist es wichtig, Anbahnungsprozesse von Täter*innen zur Vorbereitung eines sexuellen Missbrauchs (Groomingprozesse) zu thematisieren.

 

Im Zusammenhang mit Täter*innenstrategien ist als zentraler Präventionsbaustein häufig das Unterscheiden zwischen ‚guten‘ und ‚schlechten‘ Geheimnissen zu finden.

 

Wichtig ist die Vermittlung, dass Kinder/Jugendliche über alles, was ihnen widerfahren ist, sprechen dürfen („Du darfst Geheimnisse auch weitererzählen, wenn Du versprochen hast, es für dich zu behalten.“).

 

Zugleich ist zu bedenken, dass es aufgrund von Drohungen oder Geheimhaltungsdruck, aber auch aufgrund von Loyalitätskonflikten und Abhängigkeiten Kindern und Jugendlichen besonders schwerfallen kann, das Erlebte einzuordnen.

 

  • Welche Informationen enthält das Material zu Täter*innenstrategien bzw. zu Anbahnungsprozessen von Täter*innen im Vorfeld eines sexuellen Missbrauchs?
  • Wird thematisiert, dass Kinder/Jugendliche häufig durch Drohungen oder Geheimhaltungsdruck abgehalten werden, über Erlebtes zu sprechen?
  • Wird die Erzeugung von Schuldgefühlen als Täter*innenstrategie deutlich gemacht? 
  • Ermöglicht die Darstellung der Täter*innenstrategien in einen Dialog mit Kindern und Jugendlichen zu kommen, der zahlreiche Facetten der Dynamik von Kontaktaufnahme und Anbahnung einbezieht?

4.1.4 Kriterium: Darstellung von (potentiell) Betroffenen (Reaktionen und Erleben)

Alle Kinder/Jugendlichen, unabhängig von Alter, Geschlecht, sozio-kulturellem Hintergrund etc. können von sexualisierter Gewalt betroffen sein. Die mit den Erfahrungen von sexualisierter Gewalt verbundenen Erlebensweisen, Gefühle und Folgen sind individuell und vielfältig und deren Darstellung ist ein wichtiger Aspekt in der Präventionsarbeit, um die Perspektive auf Betroffene und einen empathischen Umgang mit ihnen zu fördern. Dies kann zum Verständnis der Psychodynamik im Kontakt mit Betroffenen und zur Entlastung Betroffener beitragen. 

 

  • Welche Gefühle werden seitens der Betroffenen in Bezug auf den Missbrauchskontext thematisiert bzw. gezeigt (z.B. Angst, Niedergeschlagenheit, Scham- und Schuldgefühle, Sprachlosigkeit)? 
  • Wie werden die Gefühle dargestellt (z.B. als Information, emotional nachvollziehbar, abstrakt)? 
  • Werden auch ambivalente Gefühle gegenüber dem*der Täter*in deutlich? 

4.1.5 Kriterium: Kritisches Hinterfragen von Gegenwehr

Einige Materialien thematisieren Handlungsstrategien, die dazu beitragen sollen, die Missbrauchssituation zu beenden bzw. diese zu verhindern. Werden diese Handlungsstrategien als mögliche Verhaltensmodelle zur Gegenwehr sexualisierter Gewalt dargestellt oder beinhalten die Materialien Methoden, um solche Sicherheitstechniken als erfolgsversprechende Strategien einzuüben, ist dies sehr kritisch zu betrachten, da so der Eindruck entsteht, Kinder/Jugendliche könnten sich mittels dieser eingeübten Gegenwehrtechniken erfolgreich bei sexuellen Übergriffen wehren.

 

Handlungsstrategien, wie „Nein-sagen“, sind aufgrund des generationalen, körperlichen und kognitiven Machtungleichgewichts zwischen Täter*innen und Betroffenen sowie vor dem Hintergrund vorhandener Bindungen und Loyalitäten zur Tatperson häufig kaum möglich und selten erfolgreich.

 

  • Werden im Material Gegenwehrstrategien thematisiert? 
  • Können die aufgezeigten Gegenwehrstrategien mit einer realistischen „Erfolgschance“ nachgeahmt werden, oder sind sie unrealistisch, überfordern, erzeugen ein Gefühl der Schwäche, des Scheiterns oder der Schuld? 
  • Wird realistisch dargestellt, dass Kinder/Jugendliche sich in der Regel nicht gegen Erwachsene/ältere Jugendliche wehren können?
  • Wird das generationale, physische und kognitive Machtungleichgewicht zwischen Täter*innen und Betroffenen thematisiert? 

4.1.6 Kriterium: Handlungsstrategien zur Intervention nach widerfahrener sexualisierter Gewalt

Das Thema Hilfe-holen ist besonders relevant, da Kindern/Jugendlichen durch die Thematisierung von möglichen Ansprechpartner*innen und Hilfsangeboten wichtige Handlungsspielräume aufgezeigt werden. Darüber hinaus ist das Eröffnen einer Perspektive vor dem Hintergrund der meist intensiven Ohnmachtsgefühle bedeutsam. 

 

Zur Entlastung Betroffener ist es notwendig, auch mögliche ambivalente bzw. zwiespältige Gefühle in Bezug auf das Hilfe-holen aufzuzeigen und diese als nachvollziehbares Erleben des Missbrauchsgeschehens zu thematisieren.

 

  • Informiert und ermutigt das Material zum Hilfe-Holen? 
  • Werden in Bezug auf das Hilfe-holen mögliche Hemmschwellen thematisiert, wie z.B. Loyalität zu Täter*innen, Ängste vor möglichen Folgen?

4.1.7 Kriterium: kritische Konzeptreflexion: Empowerment! - Kinder /Jugendliche als Zielgruppe von Prävention

Die Beteiligung von Kindern/Jugendlichen an ihrem Selbstschutz darf nicht mit einer Verantwortungszuschreibung einhergehen. Auch wenn eine Selbstverantwortung nicht explizit formuliert wird, ist nicht auszuschließen, dass durch die Bemühungen zur Stärkung von Handlungskompetenz das Gefühl der Verantwortung auf Seiten der Kinder/Jugendlichen entsteht oder sich verstärkt.

 

Bei einer kritischen Betrachtung von Stärkungsbemühungen ist es sehr wichtig, den Unterschied zwischen subjektiv empfundener Wirkmächtigkeit durch Ermutigung und real weiterhin sehr eingeschränkter Handlungs- und Wirkmächtigkeit bezüglich des Erfolgs von Gegenwehr zu berücksichtigen.

 

  • Welche Annahme darüber, was ein "gestärktes" Kind bewirken kann, vermittelt das Material?
  • Wird die reale Wirkmächtigkeit von Kindern/Jugendlichen realistisch eingeschätzt?

4.1.8 Kriterium: kritische Konzeptreflexion: Schuld und Verantwortung - Zuschreibung und Verortung

Ein zentrales Thema, das immer wieder der Klarheit bedarf, ist die Botschaft, dass die Verantwortung für die Tat bei den Tatbegehenden liegt. Die Selbstzuschreibung von Schuld durch die Betroffenen ist dabei ein häufiges Phänomen, das es aufzugreifen und besonders zu beachten gilt.

 

  • Kommen im Material (auch indirekte) Schuld- und Verantwortungszuweisungen an Betroffene vor? 
  • Werden Argumente aufgezeigt, um diese Zuschreibungen zu entkräften?

4.1.9 Kriterium: Rechtliches Sachwissen

Rechtliches Sachwissen kann eine Norm darstellen und Orientierung geben. Dabei geht es nicht nur darum, das Verhalten anderer gegenüber sich selbst einschätzen zu können, sondern auch das eigene Handeln zu reflektieren und zu hinterfragen, um selbst keine (strafrechtlichen) Grenzen zu überschreiten.

 

Im Vordergrund der Vermittlung von rechtlichem Sachwissen steht die Thematisierung des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung.

 

  • Wird vermittelt, dass sexualisierte Gewalt eine Straftat ist?
  • Regt das Material an, auch das eigene (übergriffige, grenzüberschreitende) Verhalten in den Blick zu nehmen?

4.2 Schnittstellen der Prävention sexualisierter Gewalt zu angrenzenden Themenbereichen (A.2)

Ganzheitliche Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen erfolgt eingebettet in die allgemeinen Bereiche der sexuellen Bildung, Förderung von Medienkompetenz, Genderkompetenz, emotionaler Kompetenz und Sozialkompetenz bzw. in den allgemeinpräventiven Bereich der ICH-Stärkung. Auf diese verschiedenen Schnittstellen der Prävention sexualisierter Gewalt wird im Folgenden eingegangen. 

 

 

 

Abbildung: Schnittstellen der Prävention sexualisierter Gewalt zu angrenzenden Themenbereichen (Quelle: Brandl et al. 2018)

 

 

4.2.1 Schnittstellen zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenz

4.2.1.1 Kriterium: Gefühle – Gefühlswahrnehmung

Das Wahrnehmen und Achten eigener Gefühle sowie der Gefühle anderer als ein Aspekt emotionaler Kompetenz ist eine wichtige Voraussetzung, um eigene Grenzen und Grenzen anderer zu achten. Kinder/Jugendliche können durch Präventionsmaterialien angeregt werden, Gefühle bewusster wahrzunehmen und darüber ins Gespräch zu kommen.

 

Wichtig ist, dass Kinder/Jugendliche ihrem Entwicklungsstand entsprechend mit einer Bandbreite an vielfältigen Gefühlswahrnehmungen und Gefühlsbezeichnungen, einschließlich ambivalenter Gefühle, vertraut gemacht werden.

 

Im Kontext Sexualisierter Gewalt ist dabei immer zu bedenken, dass betroffene Kinder/Jugendliche aufgrund komplexer Beziehungsdynamiken und damit verbundener Loyalitäten häufig eine Gefühlsverwirrung erleben. 

 

  • Gelingt es dem Material eine Vielfalt von Gefühlen und emotionalen Situationen anzubieten?
  • Kann das Material dazu beitragen, dass Kinder/Jugendliche sich mit ihren Gefühlen auseinandersetzen und sich im Sprechen über Gefühle zu üben?
  • Wird im Material berücksichtigt/deutlich, dass Täter*innen in sexuellen Missbrauchssituationen die Gefühle von Kindern/Jugendlichen manipulieren und verwirren können? 

4.2.1.2 Kriterium: Grenzen – Wahrnehmen, Setzen, Respektieren

In der Prävention mit Kindern/Jugendlichen ist es wichtig, das Thema Grenzen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten: die Reflexion der eigenen Grenzen, das Setzen der persönlichen Grenzen sowie das Wahrnehmen und Respektieren der Grenzen anderer.

 

Zu Bedenken sind jedoch im Kontext sexualisierter Gewalt, dass beides, sowohl das Wahrnehmen als auch das Setzen eigener Grenzen aufgrund der individuellen Entwicklungsgeschichte und aufgrund von möglicher Loyalität und Bindung zur Tatperson und aufgrund des Machtungleichgewichts zwischen Tatperson und Betroffenen beeinträchtigt sein kann.

 

  • Wird thematisiert, wie die eigenen Grenzen kommunikativ deutlich gemacht werden können? 
  • Vermittelt das Material die Botschaft, dass es wichtig ist, die Grenzen anderer anzuerkennen und zu achten?
  • Beinhaltet das Material Regeln für ein grenzachtendes respektvolles Miteinander (auch im Kontext digitaler Medien)? 

4.2.2 Schnittstellen zu sexueller Bildung: Themenbereich Körper und Sexualität

4.2.2.1 Kriterium: Wissen und Sprachfähigkeit

Eine alters- bzw. entwicklungsangemessene (ganzheitliche und kontinuierliche) Sexualerziehung ist eine wichtige Voraussetzung für die Präventionsarbeit mit Kindern/Jugendlichen. Angebote zur Sexualerziehung sollten unabhängig vom Präventionsangebot bereits im Vorfeld der Prävention erfolgen. Im Rahmen eines Präventionsprojektes zum Thema sexualisierte Gewalt kann daran anknüpfend eine Auffrischung erfolgen. So kann für alle Kinder/Jugendlichen eine gemeinsame sprachliche Basis und ein Wissenshintergrund als Voraussetzung für Prävention geschaffen werden, wodurch eine Atmosphäre unterstützt wird, in der es möglich ist über Sexualität und Verletzungen der eigenen Sexualität zu sprechen.

 

Wichtig ist, dass durch Präventionsmaterialien Wissen und Sprachfähigkeit zu sexuellen Themen gefördert werden und keine Tabuisierungen entstehen bzw. aufrecht gehalten werden. Es gibt jedoch konträre Ansichten darüber, ob sexualpädagogische Inhalte in unmittelbarem Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt thematisiert werden sollten.

 

Zu bedenken ist hier einerseits, dass durch eine gleichzeitig stattfindende Thematisierung von Gewaltprävention und Sexualpädagogik (oder Gewaltprävention im Rahmen von sexualpädagogischen Angeboten) eine ungünstige Kopplung der positiven luststimulierenden Aspekte von Sexualität mit gewaltbezogenen angststimulierenden Aspekten entstehen kann. In diesem Zusammenhang ist die Differenzierung nach Alter der Zielgruppe besonders relevant.

 

Werden zum Beispiel in der Präventionsarbeit sexuelle Übergriffe im Jugendalter, Grenzverletzungen in jugendlichen Paarbeziehungen oder z.B. sexuelle Belästigung beim Flirten im Internet thematisiert, können Aspekte von Jugendsexualität und sexueller Identitätsentwicklung nicht ausgeklammert werden, da diese nicht strikt voneinander getrennt, sondern miteinander verwoben sind.  

 

  • Wie lädt das Material dazu ein, dass sich Kinder/Jugendliche mit ihrem eigenen Körper auseinandersetzen? 
  • Wie werden Kinder/Jugendliche angeregt, sich mit ihrem eigenen Sprachgebrauch auseinanderzusetzen und diesen zu reflektieren?  (Sind Begrifflichkeiten für Körper- und Geschlechtsteile altersentsprechend, fachlich-medizinisch, umgangssprachlich etc.)?  
  • Wird thematisiert, welche Verhaltensweisen unter Kindern/Jugendlichen im Rahmen der psychosexuellen Entwicklung altersangemessen sind und wie sich kindliche, jugendliche und Erwachsenensexualität unterscheiden?

Sexualpädagogik und Prävention sexualisierter Gewalt:

  • Fanden sexualpädagogische Angebote (Angebote zur Sexualerziehung) im Vorfeld der Präventionsarbeit statt? 
  • Gibt es Überschneidungen bzw. eine gemeinsame Thematisierung von sexualpädagogischen Inhalten und sexualisierter Gewalt? Welche Wirkung kann dies haben?
  • Wie könnte man beide Themen deutlich getrennt voneinander behandeln?

4.2.2.2 Kriterium: Individuelle Grenzen (Körper/Sexualität) / Berührungen

Die Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit in der Präventionsarbeit ermöglicht einen unmittelbar erfahrungsbezogenen Zugang für das Thema eigene Grenzen und Grenzen anderer. Die Sensibilisierung ist dabei die Voraussetzung für die meist zentrale Botschaft, dass Kinder/Jugendliche über ihren eigenen Körper bestimmen dürfen.

 

Da je nach Situation, Kontext und beteiligten Personen Berührungen individuell unterschiedlich eingeordnet werden, können Präventionsmaterialien dazu beitragen, Kinder und Jugendliche für die individuellen personen- und kontextabhängigen Unterschiede in der Wahrnehmung von Berührungen zu sensibilisieren. 

  • Wie wird im Präventionsmaterial das Wahrnehmen und Ausdrücken körper- und sexualbezogener Grenzen, z.B. beim Thema Berührungen, gefördert?
  • Werden in Bezug auf sexuelle Berührungen Generalisierungen vermittelt? Wird berücksichtigt, dass es Einvernehmlichkeit erfordert und personen- und kontextabhängig ist, wo und von wem eine Person berührt werden möchte?

4.2.3 Schnittstellen zur Förderung von Genderkompetenz: Themenbereich Geschlecht und Geschlechterzuschreibungen

4.2.3.1 Kriterium: Anregungen zur Reflexion stereotyper Geschlechterzuschreibungen

Da patriarchale Strukturen in Familie und Gesellschaft als ein Risikofaktor gelten, der die Wahrscheinlichkeit sexualisierter Gewalt erhöht (vgl. Bange 2015) ist es bedeutsam, Kinder und Jugendliche zur Reflexion stereotyper Geschlechterzuschreibungen und zum Hinterfragen patriarchaler Denkmuster anzuregen. Stereotype Geschlechterzuschreibungen können das Wahrnehmen, Erkennen und Einordnen sexualisierter Gewalt, u.a. wen wir als mögliche Betroffene und Tatpersonen mitdenken, beeinflussen.

 

Beinhaltet ein Material allgemein stereotype Zuschreibungen (z.B. Junge = stark, Mädchen = schwach), oder stereotype Geschlechterzuschreibungen bezogen auf die Themen Sexualität und sexualisierte Gewalt, ist es wichtig, diese aufzugreifen und kritisch zu beleuchten.

 

- An welchen Stellen des Materials tauchen, auch indirekt, stereotype Geschlechterzuschreibungen auf? Dies betrifft sowohl die Darstellung sexualisierter Gewalt als auch die Darstellung der Identifikationsfiguren und sonstigen Charaktere, z.B. ihr Aussehen, die Kleidung, Eigenschaften, Verhaltensweisen.

- Zuschreibungen können sich u.a. auf folgende Aspekte beziehen:

  • Enthält die Bebilderung/ audio-visuelle Gestaltung Stereotype (z.B. pinke Farben für eine Broschüre für Mädchen, blau für Jungen)?
  • Welche allgemeinen Stereotype zu Verhalten und Persönlichkeit finden sich im Material (z.B. Jungen = stark; Mädchen = schwach)?
  • Welche Stereotype in Bezug auf Sexualität finden sich im Material? (Wird Mädchen z.B. der passive Part zugeschrieben und Jungen der sexuell aktive Part?)
  • Welche stereotypen Zuschreibungen finden sich im Material bezogen auf die Darstellung sexualisierter Gewalt? (Werden z.B. ausschließlich Mädchen als Betroffene angesprochen und indirekt vermittelt, dass Jungen nicht betroffen seien?)

4.2.4 Schnittstellen zur Förderung von Medienkompetenz

4.2.4.1 Kriterium: Thematisierung gewaltbegünstigender Faktoren digitaler Kommunikations- und Interaktionsformen und damit verbundene Präventionsstrategien

Die Thematisierung gewaltbegünstigender Faktoren digitaler Kommunikations- und Interaktionsformen ist eine wichtige Grundlage, um mögliche Risiken wie z.B. Cybergrooming, verbale sexuelle Belästigung, sexueller Exhibitionismus etc. und damit verbundene Präventionsstrategien in den Blick nehmen zu können. Anknüpfend an das Thema Täter*innenstrategien ist es wichtig, mit Jugendlichen zu thematisieren, wie die Anonymität digitaler Kommunikations- und Interaktionsformen sexualisierte Gewalt und Grenzüberschreitungen begünstigen kann. 

 

Zu den zentralen Präventionsstrategien gehört der sensible Umgang mit eigenen Daten. Daran anknüpfend ist es wichtig, für den Grad der Öffentlichkeit der jeweiligen Kommunikationssituation zu sensibilisieren und eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen (sexuellen) Selbstdarstellung anzuregen. 

 

Anknüpfend an das Präventionsthema „Hilfe-Holen“ ist es wichtig, Handlungswissen zur Intervention zu vermitteln und zu berücksichtigen, welche Möglichkeiten die verschiedenen sozialen Netzwerke und digitalen Kommunikationsdienste bieten, um Tatpersonen zu blockieren, zu ignorieren und zu melden. Auf dem von Jugendschutz.net herausgegebenen Onlineportal www.kompass-social.media/android/ finden sich viele Hinweise zu Einstellungen, Meldesystem und Datenschutz bei den beliebten Online-Diensten Facebook, Snapchat, Instagramm, Twitter, Youtube, etc.

 

  • Welche verschiedenen Formen von sexueller Viktimisierung im Kontext digitaler Medien werden im Material thematisiert?
  • Welche Anregungen zur Reflexion der Anonymität und Öffentlichkeit der Kommunikationssituation werden gegeben? 
  • Welche Präventionsstrategien werden wie angesprochen? Wie realistisch sind diese?

4.2.4.2 Kriterium: Berücksichtigung der Nutzungspotenziale digitaler Medien für die sexuelle Identitätsentwicklung

Digitale Medien gehören in der heutigen Zeit wie selbstverständlich zum Lebensalltag von Kindern und Jugendlichen dazu. Sie erweitern die Informations-, Interaktions- und Erfahrungsräume im Jugendalter. 

 

In der Präventionsarbeit werden häufig mögliche Risiken, wie z.B. Cybergrooming, oder die ungewollte Konfrontation mit Pornografie thematisiert. Dabei ist es wichtig, dass die vielfältigen positiven Nutzungspotenziale digitaler Medien für die sexuelle Identitätsentwicklung und das sexuelle Experimentieren im Jugendalter nicht aus dem Blick geraten.

 

Im Hinblick auf das Anwenden von Präventionsstrategien bedeutet die Förderung von Medienkompetenz, dass Jugendliche darin unterstützt werden, sich vor dem Hintergrund des Abwägens von Risiken und Chancen bewusst für oder gegen einzelne Präventionsstrategien entscheiden zu können. Zur Reflexion des Umgangs mit persönlichen Daten gehört daher die abwägende Diskussion sowohl möglicher Risiken der Preisgabe eigener Daten als auch der Konsequenzen der Beschränkung des Profilzugriffs hinsichtlich der eigenen Interessen an sozialer Kontaktgestaltung.

 

Daher ist es wichtig, in der Präventionsarbeit zu berücksichtigen, dass das Anwenden von Sicherheitsstrategien, wie z.B. Datenschutzmaßnahmen, für Jugendliche auch mit Ambivalenzen und Widersprüchen verbunden ist.

 

  • Werden Ambivalenzen und Widersprüche berücksichtigt, die sich für Jugendliche aus dem Bedürfnis sich einerseits selbst darzustellen und die sexuelle Identität medial zu erproben sowie andererseits dem Anwenden von Sicherheitsstrategien ergeben?  
  • Unterstützt das Material Jugendliche dabei, sich vor dem Hintergrund des Abwägens von Chancen und Risiken bewusster für oder gegen einzelne Präventionsstrategien zu entscheiden?

5 TEIL B: Reflexion der Gesamtdarstellung und Gesamtresümee

Im Unterschied zu den zahlreichen detailorientierten Hinweisen und Anregungen aus Teil A zu den einzelnen Präventionsinhalten und den Schnittstellen der Prävention sexualisierter Gewalt geht es im Folgenden um eine am Gesamteindruck orientierte, resümierende Einschätzung zur Gesamtdarstellung. Die Fragen zur Gesamtdarstellung beziehen auch Fragen zum Einbezug von Vielfalt mit ein.

5.1 Formale Kriterien der Gesamtdarstellung und der Umsetzung (B.1)

Im Folgenden rücken formale Aspekte in den Fokus. Die Fragen bilden ein Spektrum möglicher formaler Kriterien des Gesamteindrucks ab. 

5.1.1 Kriterium: Gesamteindruck zur (Audio-)visuelle Gestaltung des Präventionsmaterials: Sprache, Text, Bebilderung, Ton, Musik, filmische Gestaltung

Ergänzend zur Auseinandersetzung mit den Inhalten des Materials können auch die Sprache, der Text, die Bebilderung, der Ton, die Musik, die filmische Gestaltung etc. in den Fokus genommen werden. Das WIE der formalen Gestaltung trägt wesentlich zur Gesamtwirkung des Materials bei und ist in Bezug auf die Zielgruppe zu berücksichtigen.

 

  • Ist die sprachliche und (audio-)visuelle Gestaltung des Materials insgesamt für zielgruppenangemessen?
  • Sind Design und Gestaltung des Materials für Kinder/ Jugendliche ansprechend und anschlussfähig? Knüpft das Material an die heutige Kinder- und Jugendkultur an?
  • Sind Bilder und Texte/Ton angemessen miteinander verknüpft?
  • Beinhaltet das Material stilistische Mittel, die Kinder/Jugendliche der angegebenen Altersempfehlung aufgrund ihres Entwicklungsstandes (noch) nicht verstehen können (z.B. Ironie, Metaphern, Zeitsprünge oder Rückblenden, schnelle Schnittfolgen in Filmen)? 

5.1.2 Kriterium: Praktische Umsetzung und methodische Anregungen

Das Spektrum an Präventionsmaterialien ist groß. Es umfasst Materialien mit vollständigen Unterrichtskonzepten, Methodenvorschlägen und Arbeitsblättern einerseits aber auch Kinderbücher und Jugendromane, die zunächst für sich stehen und keine oder nur wenige methodischen Anregungen explizit enthalten. Bei Letzteren ist die Fachkraft gefordert, passende Methoden heranzuziehen.

 

Dabei ist es wichtig, einerseits vielfältige Methoden einzubeziehen, die abwechslungsreich und an die Zielgruppe angepasst sind und andererseits kritisch zu prüfen, dass keine Überfrachtung mit Methoden Gesprächsanlässe und -möglichkeiten verhindert.

 

  • Welche praktischen Umsetzungen bzw. Methoden bietet das Material an?
  • Werden Teilnehmer*innen aktiv (z.B. Rollenspiel, Übungen, Bilder malen) und/oder passiv (z.B. Demonstrationen, Videos, Musik) einbezogen?
  • Werden verschiedene Wahrnehmungskanäle berücksichtigt (visuell, auditiv, kinästhetisch etc.)?
  • Welche Methoden eignen sich für die eigene Arbeit unter Berücksichtigung der Zielgruppe und der Rahmenbedingungen von Prävention?
  • Wie müssten vorgestellte Methoden ggf. abgeändert werden?
  • Braucht das Material methodische Ergänzungen?
  • Lädt das Material zum Dialog mit Kindern/ Jugendlichen ein? Gibt es Szenen oder Aussagen, die sich gut für Gesprächsanlässe eignen?
  • Wie verteilt sich die Gewichtung von Wissensvermittlung und Reflexion im methodischen Vorgehen?

 

Es ist sehr wichtig, dass bei der Arbeit mit den Methoden die persönlichen Grenzen der Kinder/ Jugendlichen geachtet werden. 

 

  • Wie sensibel sind die Anleitungen der Methoden bezogen auf die Schamgrenzen von Kindern/Jugendlichen?
  • Beinhaltet das Material Übungen/ Spiele, die als grenzüberschreitend empfunden werden können, z.B. Anfassen von Mitschüler*innen?

5.1.3 Kriterium: Stringenz im Aufbau des Materials

Für eine an unterschiedlichen Bedarfen der Kinder/ Jugendlichen orientierte Präventionsarbeit braucht es einerseits eine flexible Handhabbarkeit der Inhalte, gleichzeitig benötigt die Fachkraft Hilfestellung, wie einzelne Themen sinnvoll miteinander in Bezug gesetzt werden können.

  • Wie ist das Material aufgebaut? Wie ist die Detailstruktur aufgebaut, z.B. nach Themen oder Präventionsbausteinen? 
  • Ist ein roter Faden erkennbar und wenn ja, wodurch?
  • Werden die Themen oder Bausteine additiv abgearbeitet oder sind sie nachvollziehbar miteinander verknüpft? 

5.2 Darstellung und Einbezug von Vielfalt (B.2)

Der Blick auf die Darstellung sowie den Einbezug von Vielfalt kann hier in Bezug auf den Gesamteindruck erfolgen, er ist darüber hinaus kontinuierlich auf alle Inhalte im Detail zu richten.

 

Zum einen ist es wichtig zu prüfen, wie die Vielfalt menschlichen Lebens im Material repräsentiert ist, denn die Darstellungen geben einen Orientierungsrahmen für die Vielfalt im Dialog mit den Kindern und Jugendlichen und formen die Vorstellungen von Realität. Des Weiteren ist spezifischer zu prüfen wie die Heterogenität der Zielgruppe berücksichtigt wird.

 

Eine wertschätzende Haltung gegenüber Vielfalt und eine diversitätssensible Umsetzung der Präventionsinhalte ist für eine diskriminierungskritische Präventionsarbeit elementar. 

5.2.1 Kriterium: Vielfalt im Material

  • Wie wird die Vielfalt menschlichen Lebens in dem Material dargestellt (Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Herkunft, sozio-kulturelle Zugehörigkeit, Religionszugehörigkeit, Behinderung/ Beeinträchtigung etc.)?
  • Welche Normen werden gesetzt? Werden Stereotype bestätigt oder aufgeweicht?
  • Werden vielfältige Lebensweltkontexte der Kinder und Jugendlichen im Material berücksichtigt? Gibt das Material die heutige Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen wieder?

5.2.2 Kriterium: Heterogenität der Zielgruppe

  • Zeigt das Material auf, welche Aspekte bei einer diversitätssensiblen Präventionsarbeit gegen sexualisierte Gewalt zu berücksichtigen sind (z.B. Achtung unterschiedlicher Schamgrenzen aufgrund verschiedener religiöser und sozio-kultureller Hintergründe)
  • Wie können die unterschiedlichen Botschaften des Materials auf Kinder/ Jugendliche vor deren unterschiedlichen bio-psycho-sozialen Hintergründen wirken? Zum Beispiel auf:
    - Kind/ Jugendliche mit weiblicher, männlicher oder intersexueller Geschlechtszugehörigkeit?
    - Kind/ Jugendlicher mit Behinderung
    - Kind/ Jugendlicher aus kollektivistisch ausgerichteten Familiensystemen

5.3 Gesamteindruck zur Wirkung des Materials (B.3)

Sowohl als Ersteindruck nach erster Sichtung des Materials als auch unter Berücksichtigung der Reflexion der Inhalte, der Betrachtung formaler Kriterien sowie der Vielfalt im Material und der Vielfalt der Zielgruppe, können nachfolgende Fragen dazu dienen, ein Urteil zum Gesamteindruck zu bilden.

 

  • Welche Aspekte der sprachlichen/bildlichen Darstellung halten Sie für kritisch? Wo sehen Sie Lücken?…in Bezug auf...
    … die Darstellung sexualisierter Gewalt? 
    … die Darstellung der Täter*innen?
    … vorgestellte Strategien zur Gegenwehr? 
    … das Thema Hilfe-Holen?
  • Können diese kritischen Aspekte im Dialog mit den Kindern/Jugendlichen aufgefangen werden?
  • Welche der vielfältigen oben beschriebenen Aspekte werden im Material nicht berücksichtigt und müssten von Ihnen in der Arbeit mit Kindern/Jugendlichen als Zusatzinformationen ergänzt werden?
  • Wie ist Ihr persönlicher Gesamteindruck der Wirkung des Materials (z.B. freundlich, abschreckend, angstmachend, ermutigend, anregend etc.)?
  • Gibt es Stellen im Material, auf die Sie mit Irritation bzw. starken Gefühlen wie bspw. Unbehagen, Abwehr, Ärger reagiert haben? Warum?
  • Gibt es Stellen, bei deren Vorstellung der gemeinsamen Lektüre mit Kindern/ Jugendlichen Sie Bedenken haben oder Irritationen spüren? Warum?
  • Enthält das Material Bilder/Abbildungen, Textpassagen, Erzählperspektiven oder Stilmittel, die von Kinder/ Jugendlichen als grenzverletzend erlebt werden könnten? 

6 TEIL C: Reflexion der Einbettung und Rahmenbedingungen von Präventionsarbeit mit Kindern/Jugendlichen

6.1 Kriterium: Hinweise für den konkreten Einsatz

Im Vorfeld der Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen ist es wichtig, sich Gedanken über die Rahmenbedingungen zu machen und diese mit dem eingesetzten Material abzugleichen. 

  • Werden Regeln für das gemeinsame Arbeiten formuliert oder wird angeregt diese zu Beginn gemeinsam mit Kindern/Jugendlichen zu erarbeiten?
  • Gibt das Material einen Hinweis darauf, dass Freiwilligkeit hilfreich für ein erfolgreiches Umsetzen von Präventionsprojekten ist? Wie kann damit umgegangen werden, wenn Freiwilligkeit aufgrund des Kontextes nicht gegeben ist? Gibt es bspw. einen Rückzugsort für Kinder/Jugendliche innerhalb der Präventionsarbeit?

6.2 Kriterium: Einbettung in ein institutionelles Schutzkonzept

Präventionsangebote, die Kinder und Jugendliche als Zielgruppe adressieren, können lediglich als ein Baustein von Prävention verstanden werden, der einer Einbettung in ein umfassendes institutionelles Präventionskonzept bedarf. Hierzu gehört die Durchführung einer Risiko- und Potenzialanalyse sowie das Erarbeiten, Umsetzen und nachhaltige Verankern eines institutionellen Schutzkonzeptes. Der Prozess der Erarbeitung und Umsetzung eines Schutzkonzeptes sollte partizipativ gestaltet sein und möglichst alle beteiligten Personengruppen und Ebenen (Leitung, pädagogische Fachkräfte, sonstige Mitarbeiter*innen, Kinder/Jugendliche, Eltern/Sorgeberechtigte) einbeziehen, damit diese das Schutzkonzept mittragen und unterstützen.

 

Bei der Erarbeitung und Umsetzung eines Schutzkonzeptes handelt es sich um einen Prozess der Organisationsentwicklung, der von außen begleitet werden kann. Insbesondere spezialisierte Fachberatungsstellen können Sie dabei unterstützen.

 

  • Steht die Präventionsarbeit mit Kindern/Jugendlichen in Ihrer Einrichtung für sich allein oder handelt es sich um eine Maßnahme im Rahmen der Entwicklung eines umfassenden Schutzkonzeptes?
  • Wie könnten gewaltbegünstigende Strukturen, Routinen und Situationen im Arbeitsalltag vermindert werden?
  • Welche Bestandteile eines Schutzkonzeptes gibt es schon in Ihrer Einrichtung? Welche bereits bestehenden Bestandteile könnten weiterentwickelt werden? 
  • Welche neuen Strukturen, Angebote, Maßnahmen etc. braucht es, um ein umfassendes Schutzkonzept zu erarbeiten?

6.3 Kriterium: Handlungswissen zur Intervention/Vernetzung/Disclosure

Präventionsarbeit fördert im gelingenden Fall die Kommunikation über Sexualisierte Gewalt. Daran geknüpft ist immer die Möglichkeit, dass Kinder und Jugendliche von eigenen, persönlichen Kontakten mit dem Thema sprechen. Es kann sowohl in der Gruppensituation als auch in der persönlichen Ansprache der Fachkraft dazu kommen, dass betroffene Kinder und Jugendliche sexualisierte Gewalt, die ihnen widerfahren ist, einordnen können und erstmals offenlegen. Fachkräfte, die Präventionsarbeit durchführen, können wichtige Ansprechpersonen für betroffene Kinder und Jugendliche sein.

 

In der Präventionsarbeit ist es daher im Vorfeld und auch ohne konkreten Anhalt zur Erhöhung von Handlungssicherheit wichtig, die eigenen Ängste und Unsicherheiten diesbezüglich zu reflektieren, sich Handlungsschritte bei Vermutung bzw. Offenlegung von sexualisierter Gewalt zu vergegenwärtigen und rechtliche Rahmenbedingungen zum Schutz von Kindern/Jugendlichen sowie das Unterstützungsnetzwerk vor Ort zu kennen und mit diesem zu kooperieren. 

 

  • Wird darauf hingewiesen, dass Präventionsarbeit immer auch bedeuten kann, dass betroffene Kinder und Jugendliche in der Zielgruppe sein können und eine gute Vorbereitung für erste hilfreiche Reaktionen und Schritte gegeben sein sollte?
  • Welche Eigenschaften einer Person sind förderlich, damit sich Kinder/Jugendliche vertrauensvoll an sie wenden können? 
  • Wer können Ansprechpartner*innen sein, bei denen Sie sich zur Einschätzung der Situation, zur Planung des konkreten Vorgehens oder zu eigenen Entlastung beraten lassen können?
  • Kennen Sie Anlaufstellen und Beratungsangebote, die Sie Kindern/Jugendlichen empfehlen können?

    Weiterführende Hilfen zum Thema "Handlungswissen zur Intervention/Vernetzung/Disclosure" finden sich auf dem Infoportal Hilfetelefon, siehe www.hilfetelefon.de

    Präventive Haltung und Selbstreflexion als Voraussetzung für Prävention

    Die persönliche Auseinandersetzung mit Themen wie Gewalt, Macht und Sexualität stellt eine Grundvoraussetzung für Prävention dar, denn gerade mit diesen Themen sind Erfahrungen und Überzeugungen verknüpft, die häufig mehr Auswirkungen auf das eigene (präventive) Handeln haben als angeeignetes Wissen (vgl. Braun 2015, S. 14f.).

     

    Die selbstreflexive Dimension enthält auch die Betrachtung eigener Unsicherheit oder Tendenzen zur Vermeidung in Bezug auf einzelne Themen in der gemeinsamen Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Selbstreflexion ist dabei nicht nur als kognitiver Vorgang zu verstehen, sondern umfasst auch affektive und emotionale Reaktionsbereitschaften (vgl. Brandl 2018).

    7 Beteiligte Expert*innen

    Folgende Beteiligte aus Wissenschaft und Praxis haben als Expert*innen, jedoch nicht immer als Vertreter*innen der Institutionen, denen sie angehören, mitgewirkt:

    Amyna e.V. München (Christine Rudolf-Jilg), Ärztliche Kinderschutzambulanz Münster (Florian Stricker), Gabriele Beisenkötter (Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Bistum Münster), Andrea Buskotte (Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen), Ulrich Braun (Förderverein Kinderschutzportal e.V.; Heinrich-Piepmeyer-Haus Münster), BZgA (Stefanie Amann; Mirjam Tomse), Dr. Miriam Damrow, Eigensinn e.V. Bielefeld (Isabell Venne), Sylvia Fein (DGfPI e.V.), Frauen-Notruf Münster e.V. (Gerlinde Gröger, Daniela Stöveken), Prof. Dr. Michael Herschelmann (Hochschule Emden/Leer), Andreas Huckele, Prof. Dr. Julia Gebrande (Hochschule Esslingen), Dr. Catharina Katzer (Institut für Cyberpsychologie und Medienethik, Köln), Prof. Dr. Barbara Kavemann, Annette Kemper (Gesamtschule Münster-Mitte), Carmen Kerger-Ladleif, Dr. Esther Klees, Christoph Knack (Deutscher Kinderschutzbund Münster), Dr. Wilhelm Körner, Christa Kortenbrede (Fachstelle gegen sexuellen Missbrauch, Caritasverband für das Dekanat Ahlen e.V.), Dr. Marlene Kruck-Homann, Meta Lange, Esther Lißeck (PariSozial Münsterland), Marion Mebes (Verlag Mebes & Noack), Werner Meyer-Deters (DGfPI, e.V., Institut Kogemus), Dr. Thomas Mies, Christoph Muck, Petra Risau (Förderverein Kinderschutzportal e.V.), Ursula Schele (Petze - Institut für Gewaltprävention), Dr. Karla Verlinden, Zartbitter Münster e.V. (Martin Helmer), Erziehung und Bildung GmbH, Zentrum für Schulische und psychosoziale Rehabilitation (Britt Holubec). 

    8 Einbezogene Quellen/ Literatur

    Der vorliegende Reflexionsleitfaden des BMBF-geförderten Forschungsprojektes „Präventionsmaterialien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zum Themenbereich sexualisierte Gewalt – systemische Zusammenstellung und Entwicklung eines dynamischen Bewertungssystems zur Qualitätssicherung“ wurde unter Einbezug des aktuellen Theorie- und Forschungsstandes sowie auf Basis verschiedener Qualitätsstandards (DGFPI, Amyna e.V., Strohhalm e.V. etc.) und mit Beteiligung von Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis entwickelt.

     

    Amyna e.V. (Hrsg.) (2015): Einschätzung des Präventionsangebots. Unveröffentlichtes Dokument.

     

    Amyna e.V. (Hrsg.) (o.J.): Kriterien für gute Kinderbücher zur Sexualpädagogik. Unveröffentlichtes Dokument.

     

    Andresen, Sabine; Gade, Jan David; Grünewalt, Katharina (2015): Prävention sexueller Gewalt in der Grundschule. Erfahrungen, Überzeugungen und Wirkungen aus Sicht von Kindern, Eltern, Lehr- und Fachkräften. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

     

    Bange, D. (2015). Gefährdungslagen und Schutzfaktoren bei Kindern und Jugendlichen in Bezug auf sexuellen Kindesmissbrauch. In: J. M. Fegert, U. Hoffmann, E. König, J. Niehues, H. Liebhardt (Hrsg.), Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Ein Handbuch zur Prävention und Intervention für Fachkräfte im medizinischen, psychotherapeutischen und pädagogischen Bereich (S. 103-107). Berlin/Heidelberg: Springer-Verlag.

     

    Bange, Dirk; Schlingmann, Thomas (2016): Sexuelle Erregung als Faktor der Verunsicherung sexuell missbrauchter Jungen. In: Kindesmisshandlung und -vernachlässigung. Interdisziplinäre Fachzeitschrift für Prävention und Intervention. Heft 1/2016. S. 28-43.

     

    Brandl, S.Y. (2018): Figurativ denken. Gruppenanalytische Perspektiven des Mentalisierens für pädagogische Professionalisierungsprozesse. In: Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Gruppenanalyse. Heft 4/2017, S. 332-345.

     

    Brandl, S.Y.; Vogelsang, V.; Bäumer, E.; Schneider, N. (2018): Präventionsmaterialien - Dimensionen dialogischer Qualität von primärpräventiver Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. In: Dekker, A. et al. (Hrsg.): Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Kontexten. Wiesbaden: Springer VS.

     

    Damrow, Miriam K. (2010): Was macht Prävention erfolgreich? Zur Kritik klassischer Präventionsansätze und deren Überwindung. In: BZgA Forum 3/2010, S. 25-29.

     

    Damrow, Miriam K. (2006): Sexueller Kindesmissbrauch. Eine Studie zu Präventionskonzepten, Resilienz und erfolgreicher Intervention. Weinheim und München: Juventa.

     

    Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung e.V. (Hrsg.) (2016): Qualitätskriterien für die Prävention sexualisierter Gewalt gegen Mädchen und Jungen. Online: http://www.dgfpi.de/tl_files/pdf/medien/2016-03-01_Broschuere_Qualitaetskriterien_Praevention.pdf

     

    Freund, Ulli (2001): Interkulturelle Herausforderungen an die Präventionsarbeit. In: Prävention. Zeitschrift des Bundesvereins zur Prävention von sexuellem Mißbrauch. 4, 3, S. 5-9. Online: http://www.dgfpi.de/tl_files/bundesverein/praevention/2001_03.pdf

     

    Freund, Ulli; Riedel-Breidenstein, Dagmar (2007): Interkulturelle Präventionsarbeit – Wo stehen wir heute? In: Strohhalm e.V.: Jedes Kind auf dieser Erde ist ein Wunder. Band 2. Schutz vor sexuellem Missbrauch: Konzepte und Erfahrungen interkultureller Prävention (S. 107-126). Köln: Mebes und Noack.

     

    Fryda, Candice M.; Hulme, Polly A. (2015): School-Based Childhood Sexual Abuse Prevention Programs: An Integrative Review. In: The Journal of School Nursing. 31, 3, S. 167-182.

     

    Huckele, Andreas (2014): Scheinbare Geschwister. Gewaltprävention und Sexualpädagogik. In: Thema Jugend. Fremdsprache Sexualität. Heft 1/2014, S. 9-10.

     

    Kindler, Heinz, Schmidt-Ndasi, Daniela (2011): Wirksamkeit von Maßnahmen zur Prävention und Intervention im Fall sexueller Gewalt gegen Kinder. Expertise im Rahmen des Projekts „Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen“. Amyna e.V. - Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch (Hrsg). München: DJI.  Online: http://www.dji.de/fileadmin/user_upload/sgmj/Expertise_Amyna_mit_Datum.pdf 

     

    Kindler, Heinz (2015): Prävention von sexuellem Missbrauch – Möglichkeiten und Grenzen. In: J. M. Fegert, U. Hoffmann, E. König, J. Niehues, H. Liebhardt (Hrsg.): Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Ein Handbuch zur Prävention und Intervention für Fachkräfte im medizinischen, psychotherapeutischen und pädagogischen Bereich (S. 351-362). Berlin/Heidelberg: Springer-Verlag.

     

    Koch, Helmut H.; Kruck, Marlene (2000): „Ich werd`s trotzdem weitersagen!“ Prävention gegen sexuellen Mißbrauch in der Schule (Klasse 1-10). Theorie, Praxisberichte, Literaturanalyse, Materialien. Münster: Lit.

     

    Kruck, Marlene (2004): Das Schweigen durchbrechen. Band I: Sexueller Missbrauch in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur. Münster: Lit.

     

    Lohaus, Arnold; Schorsch Falls, Sabine (2005): Kritische Reflektionen zu Präventionsansätzen zum sexuellen Missbrauch. In: Amann, Gabriele; Wipplinger, Rudolf (Hrsg.): Sexueller Missbrauch. Überblick zu Forschung, Beratung und Therapie. Ein Handbuch. 3. Auflage (S. 758-773). Tübingen: dgtv-Verlag.

     

    Maglicoglu, Serpil (2007): Sexueller Missbrauch in Migrantenfamilien: Erfahrungen und Einschätzungen spezieller Aspekte der Missbrauchsdynamik. In: Strohhalm e.V.: Jedes Kind auf dieser Erde ist ein Wunder. Band 1. Interkultureller Kontext für Prävention, Elternbildung und Beratung bei sexuellem Missbrauch (S. 23-36). Köln: Mebes und Noack.

     

    Mosser, Peter (o.J.): Geschlechtersensibilität - "Ist das noch männlich?" - Jungen als Opfer sexualisierter Gewalt. Aktuelle Perspektiven aus Forschung und Praxis. Online: www.schulische-praevention.de/wissensbereich-sexualisierte-gewalt/grundlegende-informationen/geschlechtersensibilitaet/ [Stand: 05.05.2017]

     

    National Sexual Violence Resource Center (NSVRC) (Hrsg.) (2011): Child sexual abuse prevention: Programs for children. Building an evidence informed approach. Online: http://www.nsvrc.org/sites/default/files/Publications_NSVRC_Guide_Child-Sexual-Abuse-Prevention-programs-for-children.pdf

     

    Strohhalm e.V. (Hrsg.) (o.J.): Qualitätskriterien von Präventionsprogrammen.

     

    van Keuk, Eva; Ghaderi, Cinur; Joksimovic, Ljiljana; David, Dagmar M. (2011): Diversity. Transkulturelle Kompetenz in klinischen und sozialen Arbeitsfeldern. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH 

     

    Villier, Ilka (2012): Fair ist cool! Zartbitter-Präventionsworkshop gegen Übergriffe durch Kinder. Zartbitter Köln e.V. Powerpoint zum Vortrag. Online: https://www.slideserve.com/awen/politische-grundhaltung  [Stand: 15.02.2019]

     

    Walsh, Kerryann; Zwi, Karen; Woolfenden, Susan; Shlonsky, Aron (2015): School-based education programmes for the prevention of child sexual abuse (Review). Online: https://eprints.qut.edu.au/83858/1/__staffhome.qut.edu.au_staffgroupk%24_knightdb_Desktop_CD004380.pdf[Stand: 15.02.2019]

    Förderer: BMBF

    Das Forschungsprojekt "Präventionsmaterialien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zum Themenbereich Sexualisierte Gewalt" der Katholischen Hochschule NRW wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01SR1501 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei Frau Prof. Dr. Sarah Yvonne Brandl.