Expert*innenkommentarzum Medium

Allgemeine Informationen zum Material: 

Schweigen schützt die Falschen! Handlungsleitfaden für Vereine. Versorgen – erkennen – handeln. Der richtige Umgang mit dem Thema „sexueller Missbrauch im Sportverein“.

 

 

Titel Schweigen schützt die Falschen! Handlungsleitfaden für Vereine. Versorgen – erkennen – handeln. Der richtige Umgang mit dem Thema „sexueller Missbrauch im Sportverein“. + Finger weg! Pack mich nicht an! / Jung, Junge …(Pockenheft) + Wir können auch anders! Tipps zum Weitergeben und Aufbewahren. Nur für Mädchen! (Pocketheft)
Autor*in o. Projektleitung Lazik, Petra
Herausgeber o. Institution Landessportbund Nordrhein-Westfalen e. V.
Erscheinungsjahr und Auflage 2013 (online Neuauflage von 2014); Pockethefte: 2011
Umfang 42 Seiten (DIN A4) + 20 Seiten (DIN A6) + 20 Seiten (DIN A6)
Land Deutschland
Bestellmöglichkeit Landessportbund Nordrhein-Westfalen e. V.
Downloadmöglichkeit ja
Online Verfügbarkeit ja
Preis kostenfrei
Medienformat/Format Orientierungshilfe für Erwachsene in der Kinder- u. Jugendarbeit + Pocket(wende)heft für Jungen + Pocket(wende)heft für Mädchen
Preis kostenfrei

Inhaltliche Beschreibung

 

Der „Handlungsleitfaden für Vereine“ des Landessportbund NRW beschreibt anhand von vier Abschnitten wie das Thema „sexueller Missbrauch im Sportverein“ bearbeitet werden kann. Im ersten Teil des Handlungsleitfadens werden allgemeine Informationen zum Thema sexualisierte Gewalt anhand der Initiative „Schweigen schützt die Falschen!“ beschrieben. Hier werden die Begrifflichkeiten, Definitionen, Täter*innenverhalten, mögliche Auffälligkeiten und sexualisierte Gewalt in Medien kurz dargestellt. Abschließend werden die Besonderheiten sexualisierter Gewalt im Bereich des Sports charakterisiert.

 

Im zweiten Teil werden viele verschiedene Strategien beschrieben, um sexualisierte Gewalt im Vorfeld zu verhindern. Hierbei werden konkrete Hinweise und Beispiele für folgende Strategien genannt: Regeln & Strukturen im Verein; Transparenter Umgang; Benennung einer Ansprechperson und Verordnung in der Vereinsstruktur; Vorgehen im Einstellungsgespräch; Erstellung eines Ehrenkodex und das erweiterte Führungszeugnis. Weiterhin werden benannt: die Notwendigkeit regelmäßiger Fortbildungen; Grenzen im Umgang festlegen; Erstellen eines individuellen Handlungsleitfadens; Kooperationsvereinbarung mit einer Fachberatungsstelle; Beschwerdemanagement und Festlegung von Handlungsstrategien. Zu allen Strategien gibt es kurze und prägnante Beispiele, die bei der konkreten Umsetzung im Verein helfen sollen. Der dritte Abschnitt thematisiert Intervention bei Vorfällen sexualisierter Gewalt. Anhand praxisnaher Situationen und Beispiele werden Hinweise zum Vorgehen bei einem Verdachtsfall und empfohlene Interventionsschritte gegeben.

 

Der 4. Abschnitt der weiterführenden Informationsmaterialien beinhaltet die Angebote des Vereins-, Informations-, Beratungs- und Schulungs-Systems (VIBSS) des LSB bzgl. Beratung, Fortbildung und Qualifizierung; Beispiele eines konkreten Vereinshandlungsfaden; Beispiele für Fragen zu einem Einstellungsgespräch und ein Praxisbeispiel eines Sportvereins mit chronologischer Auflistung des Vorgehens im Verein um präventive Strukturen zu implementieren. 

 

Zwei Broschüren für Jungen und Mädchen ergänzen den Handlungsleitfaden für Vereine. Für Sportvereine steht so, mit Broschüren für Verantwortliche, Broschüren für Jungen und Mädchen sowie mit Stickern wie „Grabschen ist uncool“ und Plakaten ein komplettes Präventionspaket zur Verfügung. Die in NRW entwickelten Materialien sind bundesweit nutzbar und können durch regionale Ansprechpersonen ergänzt werden.

 

Finger weg! Pack mich nicht an!/ Junge, Junge/ Wir können auch anders!

 

Die Broschüren für Jungen und Mädchen beschreiben geschlechtsbezogen das Thema sexuelle Grenzverletzungen/ Übergriffe durch Trainer im Sport. Die Jungenbroschüre ist durch ihre Heftung in die Bereiche Prävention/Stärkung/Deine Rechte und Sexueller Missbrauch/Hilfeholen aufgeteilt. Die Broschüre für Mädchen „Wir können auch anders!“ fokussiert das Thema Übergriffe durch Trainer. 

 

Unter der Fragestellung „Kennst du das? (so oder ähnlich“) werden konkrete Übergriffsituationen beschrieben. Bei den Jungen ist das eine Begegnung am Pissoir, Übergriffe unter der Dusche und eine Bussituation. Bei Mädchen wird das Verhalten von Trainern beschrieben, wie diese in die Umkleide kommen, sich zwischen den Beinen kratzen oder übergriffige Hilfestellungen vornehmen. Die Situationen differenzieren zwischen Scham, Übergriff und komischem Gefühl. Sexualisierte Gewalt wird in der Jungenbroschüre konkret benannt. Nach der Beschreibung der Situationen, verdeutlicht durch Schamgrenzen wahrende Zeichnungen, steht unter der Frage „Was kannst du tun?“ das Thema Hilfeholen im Vordergrund. Dies sind konkrete

 

  • Verhaltenstipps (1)
  • „Zusammenhalten oder Frech reagieren“, (2)
  • Bescheid sagen, auch als Zeuge, (3)
  • mit jemanden sprechen und (4)
  • die zentrale Aussage: „Du hast keine Schuld“ (5).

 

Abschließend werden Hilfsangebote wie das Kinder- und Jugendtelefon, Beratungsstellen und zielgruppenbezogene Angebote dargestellt. Mit dem Titel „Junge, Junge“ für den Abschnitt Rechte von Jungen steht im 2. Teil der Broschüre das Empowerment von Jungen im Vordergrund. Die Titel „Junge, Junge“ und „Finger weg! Pack mich nicht an“ lassen diese Unterscheidung auch für interessierte Jungen sichtbar werden.

Expert*innenkommentar zur Eignung des Materials für die primärpräventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

 

Der „Handlungsleitfaden für Vereine“ des Landessportbund NRW versucht auf wenigen Seiten viele Informationen zum Bereich Umgang mit sexualisierter Gewalt im Sportverein zu vermitteln und gleichzeitig konkrete Hilfsmöglichkeiten für die Umsetzung im eigenen Verein abzubilden. Die vier Abschnitte sind gut aufgeteilt und bieten sowohl Laien als auch Fachkräften Orientierungshilfen im Umgang mit sexuellen Übergriffen im Sport. Der erste Abschnitt ist kurz und prägnant formuliert und enthält wesentliche Basis-Informationen, die zur allgemeinen Aufklärung dienen.

 

Der zweite Abschnitt der Prävention enthält sehr viele Informationen und Ideen für verschiedene Präventionsstrategien. Es wird auch regelmäßig betont, dass nicht eine Strategie zum Erfolg führt, sondern mehrere Bausteine nötig sind, um effektive präventive Strukturen zu etablieren. Dies zeigt eine realistische Einschätzung bzgl. Vereinsstrukturen und vermittelt dadurch ein adäquates Problembewusstsein. Die vielen Beispiele dienen einer ersten guten Orientierung, die häufig sehr praxisnah beschrieben sind und dadurch zu konkreten Umsetzungen anregen. Es werden u.a. Beispiele zur Entwicklung von Verhaltensregeln, der Erstellung eines Ehrenkodex und den Besonderheiten des erweiterten Führungszeugnisses gegeben. Hierbei wird auch der regelmäßige fachliche Austausch mit spezialisierten Beratungsstellen und/oder externen Ansprechpartner*innen betont. Die große Informationsfülle und das Fehlen eines roten Fadens über die den einzelnen Strategien entlang können jedoch zu einer leichten Überforderung führen, wenn sich eine Person mit dem Thema zum ersten Mal beschäftigt. 

 

Im Abschnitt der Intervention werden sinnige Interventionsschritte geschildert, die zu einer ersten Orientierung dienen. Im letzten Abschnitt der weiterführenden Materialien vermittelt die Darstellung des Vereins-, Informations-, Beratungs- und Schulungs-Systems (VIBSS) des LSB eine konkrete Anlaufstelle für Beratung, Fortbildung und Qualifizierungsmaßnahmen, sowie zusätzlicher Hilfestellungen (wie z.B. Fragen im Einstellungsgespräch).

 

Der Handlungsleitfaden vermittelt insgesamt eine gute Orientierung im Umgang mit sexualisierter Gewalt in Sportvereinen, gibt Ideen für die Implementierung präventiver Strukturen und Hinweise für den konkreten Umgang bei einem Verdachtsfall. Positiv ist außerdem, dass der Handlungsleitfaden kostenlos als pdf-Dokument auf der Website des Landessportbundes NRW heruntergeladen werden kann. 

 

Die Broschüren für Jungen und Mädchen informieren über sexuelle Grenzverletzungen und Übergriffe durch Trainer und stärken sie in ihrer Rolle als Ansprechperson oder Zeug*in. Sie ermutigen Mädchen und Jungen auf ihr Gefühl zu hören und differenzieren zwischen guten und schlechten Geheimnissen. Durch die benannten Verhaltenstipps wie „frech werden“ oder „den Trainer in der Dusche nass spritzen“ sollen Kinder ermutigt werden sich zu wehren. Dies berücksichtigt allerdings nicht womöglich auftretende Gefühle wie Scham, Unsicherheit oder auch Angst, die eine derartige Reaktion der Kinder abwegig, wenn nicht unmöglich erscheinen lassen.

 

Kritisch ist anzumerken, dass das Material ausschließlich auf männliche Trainer fokussiert ist. Zudem fehlt das Thema „Sexuelle Grenzverletzungen unter Minderjährigen/ Gleichaltrigen/ Gleichgeschlechtlichen“ in den Broschüren für Mädchen und Jungen. 

Wichtige Anmerkungen des Forschungsteams und Reflexionsleitfaden

Die Expert*innenkommentare bilden nicht die Vollständigkeit aller relevanten Aspekte ab und geben die Meinungen von Einzelpersonen wieder, die nicht die Meinung des Forschungsteams widerspiegeln müssen. Ausführliche Informationen zum Forschungsdesign finden Sie hier

 

Die Expert*innenkommentare unterscheiden sich in Länge und Gewichtung von allgemeinen und spezifischen Anmerkungen. Einige Kommentare beinhalten allgemeine kritische Anmerkungen zur Präventionsarbeit, mit Kindern und Jugendlichen als primäre Zielgruppe, die auch auf andere Materialien, im Kontext der Prävention sexualisierter Gewalt, übertragen werden können.

 

Bitte berücksichtigen Sie, dass aufgezeigte Lücken des Materials, ggfls. durch Zuhilfenahme von anderen Materialien, Modifizierungen sowie mündliche Zusatzinformationen etc. geschlossen werden können.

 

Hierfür steht Ihnen zur vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Material ein, im Forschungsprojekt entwickelter, kriteriengestützter Reflexionsleitfaden zur Verfügung. Den Reflexionsleitfaden finden Sie hier 

Informationen zum Kommentar

Die Inhaltsangaben und Expert*innenkommentare wurden von Tandems, bestehend aus Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis, vor dem Hintergrund ihrer fachlichen Perspektive vorgenommen und vom Forschungsteam redaktionell überarbeitet. mehr

Empowermentkritik

Empowerment ist ein bedeutsamer Ansatz, allerdings dürfen dabei reale Machtverhältnisse nicht ausgeblendet werden. Es besteht eine Diskrepanz zwischen subjektiv gestärkter Vorstellung von Selbstbestimmung und Wirkmächtigkeit auf der einen und realer Ohnmacht gegenüber Gewalthandlungen von Täter*innen auf der anderen Seite. Dies kann die Selbstzuschreibung von Verantwortung für die Tat und Schuldgefühle bei Opfern sexualisierter Gewalt massiv verstärken.

Diversity

Es ist wichtig Kinder und Jugendliche in ihrer Verschiedenheit und Gleichheit wahrzunehmen und zu achten. Dafür ist eine diversitätssensible Präventionsarbeit notwendig.