Expert*innenkommentarzum Medium

Allgemeine Informationen zum Material: 

Schutz vor sexueller Gewalt auf Ferienfreizeit. 

Titel Schutz vor sexueller Gewalt auf Ferienfreizeiten
Autor*in o. Projektleitung Orth, Stefanie; Wissert, Silke u. a.
Herausgeber*in o. Institution Bund der Deutschen Katholischen Jugend Diözesanverband Freiburg und Abteilung Jugendpastoral im Erzbischöflichen Seelsorgeamt Freiburg
Erscheinungsjahr und Auflage 2012, 1. Auflage
Land Deutschland
Bestellmöglichkeit BDKJ, Freiburg
Downloadmöglichkeit http://www.schutz.kja-freiburg.de/html/materialien830.html
Online Verfügbarkeit ja, http://www.schutz.kja-freiburg.de/html/materialien830.html
Preis 20,00 € (15,00 € für Einrichtungen und Verbände der Erzdiözese Freiburg); auch Teilbestellung einzelner Themen/Kapitel möglich
Medienformat/Format Ordner und CD

Inhaltliche Beschreibung 

Der Ordner wendet sich an ehrenamtlich und hauptberuflich Tätige in der Diözese Freiburg, die Ferienfreizeiten in der katholischen Jugendarbeit organisieren und durchführen bzw. für diese Veranstaltungen verantwortlich sind. Die Materialien sollen bei der Vorbereitung und Durchführung von Freizeiten eingesetzt werden, um das Thema „Rechte von Mädchen und Jungen“ zu vermitteln und Maßnahmen für den Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt zu verankern. Dabei deckt das Material verschiedene Ebenen ab, um den Präventionsgedanken zu verankern. 

 

Der Ordner enthält in sieben Kapiteln Informationen und Arbeitsmaterialien zu den Themen:

 

  • Schulung von Ferienfreizeitteams
  • Rechte von Mädchen und Jungen
  • Checklisten zur Vorbereitung von Freizeiten
  • Verbesserungsmanagement
  • Elternarbeit zum Schutz vor sexueller Gewalt
  • Zeltlagerbilder
  • Verpflichtungserklärung zum Schutz vor sexueller Gewalt

 

Enthalten sind unter anderem Vorschläge und Beispiele für die Schulung von Gruppenleiter*innen, die insbesondere Hauptamtliche als Ausbilder*innen für ehrenamtliche Gruppenleiter*innen in den Blick nehmen. Darüber hinaus werden Materialien für die eigentliche Präventionsarbeit mit den Kindern/Jugendlichen zur Verfügung gestellt, beispielsweise ein Handlungsleitfaden für den Umgang mit Hinweisen auf grenzverletzendes Verhalten und für Gespräche mit Kindern/Jugendlichen, die sich wegen eines Übergriffs anvertrauen. Des Weiteren enthält der Ordner auch Materialien für die Information von Eltern. Der Einsatz der Materialien wird jeweils exemplarisch dargestellt: Zeitaufwand, Gruppengröße, Ablauf, Materialien. Dabei sind die Abläufe praxisorientiert und detailliert beschrieben. Materialien, die zusätzlich gebraucht werden, sind als Anschauungsmaterial beigefügt und können beim Träger bestellt werden. Zusätzlich vermitteln Checklisten den Durchführenden der Freizeit Orientierungen für einen Grenzen wahrenden Umgang der Betreuer*innen mit den teilnehmenden Kindern/Jugendlichen bei alltäglichen Abläufen/Situationen in Freizeiten.

 

Die Informationen und Materialien stehen sowohl auf gelochten Kartonblättern als auch auf einer CD zur Verfügung. Außerdem enthält der Ordner eine 40-seitige Broschüre mit kompakten Informationen zu wichtigem Fachwissen. Beispielsweise werden die Themen ‚sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche‘, ‚Standards zum Umgang mit Opfern und Tätern im Kontext kirchlicher Jugendarbeit‘ und ‚Gesetzestexte und Materialhinweisen‘ erläutert.

Expert*innenkommentar zur Eignung des Materials für die primärpräventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

 

Der Ordner ist insgesamt sehr gut auf die Zielgruppe der ehrenamtlich und hauptamtlich Tätigen abgestimmt. Das gilt sowohl für die Ansprache der Nutzer*innen als auch für die Aufarbeitung und Darstellung der Inhalte. 

 

Der Ordner ist stabil und handlich sowie ansprechend (mit Zeichnungen von Dorothee Wolters) und übersichtlich gestaltet. Die Reihenfolge der Kapitel ist plausibel und transparent. Der Ordner organisiert das Thema praxisnah und detailliert entlang der einzelnen Schritte für die Vorbereitung und Durchführung einer Ferienfreizeit. Gut gelungen ist auch die Verknüpfung wichtiger Präventionsthemen mit typischen Situationen in Ferienfreizeiten, z.B. die Auswahl von Häusern bzw. Zeltplätzen, der Umgang mit Verletzungen und Heimweh oder die besonderen Umstände bei Nachtwanderungen und Überfällen. Die Inhaltsvermittlung ist durch den Einsatz verschiedener Gestaltungselementen sehr anschaulich, z.B. durch Frage/Antwort-Formulierungen, Zeichnungen und Hervorhebungen von zentralen Botschaften. 

 

Die Vorschläge für die Durchführung von Schulungen sind verständlich und konkret formuliert und umfassen zudem Hinweisen auf mögliche Umsetzungsvarianten. Die Übungen sind praktikabel für die Zielgruppe und anregend für die Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Dauer einer Schulung wird mit drei Stunden veranschlagt. Das ist angesichts der Herausforderung, die das Thema für ehrenamtlich Tätige darstellt, eher ein Minimum. Der Zeitrahmen ist jedoch plausibel vor dem Hintergrund, dass für die Teilnehmer*innen einer Schulung vorausgesetzt wird, dass sie bereits eine „Verpflichtungserklärung“ unterschrieben haben und in diesem Kontext eine Einführung in das Thema erhalten haben.

 

Die Arbeitsvorschläge zu Rechten von Mädchen und Jungen sind ebenfalls klar strukturiert, parteilich und motivierend. Die entwickelten Materialien „Rechtspass“ und „Rechtsarmband“ sind tendenziell eher für eine kindliche Zielgruppe passend. Es sollte bei Jugendgruppen geprüft werden, ob diese Materialien auch für die Jugendlichen anschlussfähig sind. Das gilt auch für die im Ordner enthaltenen „Zeltlagerbilder“. Diese, nach dem Konzept von Wimmelbildern gestalteten Plakate, sollen für Grenzen achtendes bzw. grenzverletzendes Verhalten in Ferienfreizeit sensibilisieren. Dafür stehen mehrere Methodenvorschläge und ein Fragenset zur Verfügung, welche den Einsatz der Plakate anschaulich machen. Die Gestaltung der Plakate und die Darstellung der Figuren sind eher „kindlich“ orientiert; Die Fragensets sind dagegen auch für die Arbeit mit Jugendlichen geeignet. 

 

Sehr gelungen ist, dass, neben den methodischen Vorschlägen zu Kinderrechten, konkrete Hinweise für die Verankerung des Themas im alltäglichen Ablauf von Freizeiten gegeben werden: 

 

  • Checklisten mit konkreten Fragen zur Aufteilung von Schlafräumen, zu Duschen und Toiletten, zur Nutzung von Smartphones und zur Reflexion von Ritualen, wie z.B. „nächtliche Überfälle“ helfen, Risikopotentiale zu erkennen und im Sinn eines verbesserten Schutzes zu verändern.
  • Im Kapitel „Verbesserungsmanagement“ werden Methoden und ein Fragebogen vorgestellt, die helfen können, Erfahrungen und Beschwerden von Teilnehmer*innen herauszufinden und zu reagieren, wenn akut oder im Rückblick Probleme deutlich werden.
  • Für die Elternarbeit stehen ebenfalls konkrete Methodenvorschläge und eine Präsentation zur Verfügung. 

 

Diese Kapitel sind zusammen mit der „Verpflichtungserklärung zum Schutz vor sexueller Gewalt“ und der Broschüre „Schutz vor sexueller Gewalt“ ein guter Rahmen, um die Präventionsarbeit als eine Frage von individueller Haltung und von geeigneten Organisationsstrukturen begreiflich zu machen und umzusetzen. 

 

In der ergänzenden Broschüre sind die rechtlichen Vorgaben aus dem Grundgesetz, dem SGB VIII, dem StGB und dem kirchlichen Kontext auf dem Stand des Erscheinungsjahrs (2012) dokumentiert. In welchen Situationen die Polizei eingeschaltet werden muss, bleibt offen – das ist jedoch eine Frage, die mit Ehrenamtlichen unbedingt angesprochen und geregelt sein sollte.

 

Unter der Fragestellung „Was könnt ihr tun, wenn doch etwas passiert?“ steht ein Handlungsleitfaden für den Umgang mit „Vermutungen“ und „Fällen“, eine Liste von Beratungsstellen, Hinweise auf Ansprechpartner*innen sowie eine „Gesprächshilfe“ zur Verfügung. Der Abschnitt enthält richtige und wichtige Orientierungen für (ehrenamtliche) Freizeitteams. Die Frage, welche Ansprechpartner*innen in einer konkreten Situation zur Verfügung stehen, wird mit Hinweisen auf Leitungspersonen, Ansprechpartner*innen in der Diözese und Fachberatungsstellen beantwortet. Die jeweils aktuellen Kontaktdaten sind auf einer Internetseite abrufbar. Ein, auch außerhalb von üblichen Bürozeiten kurzfristig erreichbarer, „Notdienst“ für eine Beratung in akuten Situationen ist nicht benannt, wäre für Ehrenamtliche aber eine wichtige und notwendige Unterstützung. 

 

Insgesamt ist der Ordner ein sehr gelungenes, attraktiv gestaltetes, praxisorientiertes Material für die Zielgruppe und die Arbeit mit Kindern. Was fehlt – bzw. auf welche Aspekte zugunsten einer kompakten Struktur verzichtet wurde:

 

  • Im Hinblick auf die Arbeit mit Jugendlichen ist das Material etwas weniger ergiebig. Möglicherweise bieten die Filmtipps in der Broschüre Anknüpfungspunkte für die Arbeit mit Jugendlichen. Dabei fehlen allerdings Erläuterungen zum Inhalt und zu den Einsatzmöglichkeiten in der Präventionsarbeit. Für Ehrenamtliche wären solche Hinweise aber wichtig, um die Filme zielgerichtet nutzen können.
  • Das Thema Sexualpädagogik/Sexualerziehung ist ausgespart. Weder wird geklärt, welche Begrifflichkeiten verwendet werden können, noch wird die Frage aufgegriffen, welche sexuellen Aktivitäten während der Freizeit (nicht) akzeptabel sind. Beides wäre jedoch für Ferienfreizeit sinnvoll und nötig wie die Praxis belegt.
  • Ambivalenzen auf Seiten der betroffenen Kinder/Jugendlichen (Gefühle für Täter*innen, Bedürfnisse nach Zuwendung, Manipulationen durch Geschenke, Schuldgefühle, Machtungleichgewichte) werden ebenfalls nicht angesprochen.

Wichtige Anmerkungen des Forschungsteams und Reflexionsleitfaden

Die Expert*innenkommentare bilden nicht die Vollständigkeit aller relevanten Aspekte ab und geben die Meinungen von Einzelpersonen wieder, die nicht die Meinung des Forschungsteams widerspiegeln müssen. Ausführliche Informationen zum Forschungsdesign finden Sie hier

 

Die Expert*innenkommentare unterscheiden sich in Länge und Gewichtung von allgemeinen und spezifischen Anmerkungen. Einige Kommentare beinhalten allgemeine kritische Anmerkungen zur Präventionsarbeit, mit Kindern und Jugendlichen als primäre Zielgruppe, die auch auf andere Materialien, im Kontext der Prävention sexualisierter Gewalt, übertragen werden können.

 

Bitte berücksichtigen Sie, dass aufgezeigte Lücken des Materials, ggfls. durch Zuhilfenahme von anderen Materialien, Modifizierungen sowie mündliche Zusatzinformationen etc. geschlossen werden können.

 

Hierfür steht Ihnen zur vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Material ein, im Forschungsprojekt entwickelter, kriteriengestützter Reflexionsleitfaden zur Verfügung. Den Reflexionsleitfaden finden Sie hier 

Informationen zum Kommentar

Die Inhaltsangaben und Expert*innenkommentare wurden von Tandems, bestehend aus Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis, vor dem Hintergrund ihrer fachlichen Perspektive vorgenommen und vom Forschungsteam redaktionell überarbeitet. mehr

Empowermentkritik

Empowerment ist ein bedeutsamer Ansatz, allerdings dürfen dabei reale Machtverhältnisse nicht ausgeblendet werden. Es besteht eine Diskrepanz zwischen subjektiv gestärkter Vorstellung von Selbstbestimmung und Wirkmächtigkeit auf der einen und realer Ohnmacht gegenüber Gewalthandlungen von Täter*innen auf der anderen Seite. Dies kann die Selbstzuschreibung von Verantwortung für die Tat und Schuldgefühle bei Opfern sexualisierter Gewalt massiv verstärken.

Diversity

Es ist wichtig Kinder und Jugendliche in ihrer Verschiedenheit und Gleichheit wahrzunehmen und zu achten. Dafür ist eine diversitätssensible Präventionsarbeit notwendig.