Expert*innenkommentarzum Medium

Allgemeine Informationen zum Material: 

"Online sein. Smart sein. Damit Kinder und Jugendliche auch in digitalen Welten sicher sind“ 

Titel Online sein. Smart sein. Damit Kinder und Jugendliche auch in digitalen Welten sicher sind“
Herausgeber o. Institution Dunkelziffer e.V.
Umfang 72 Seiten
Land Deutschland
Bestellmöglichkeit Dunkelziffer e.V., Onlineshop
Preis 10,00 € zzgl. Versand
Medienformat/Format Unterrichtsmaterialien/Arbeitsblätter
Angegebene Altersempfehlung ab 5.Klasse

Inhaltliche Beschreibung

 

Das Arbeitsmaterial „Online sein. Smart sein. – Damit Kinder und Jugendliche auch in digitalen Welten sicher sind“ ist ein Unterrichtsmaterial für Mädchen und Jungen ab der fünften Klasse. Es richtet sich an Lehrer*innen und Schulsozialarbeiter*innen und soll einen Einstieg in die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zum Erwerb digitaler Medienkompetenz bieten.

 

In der Einleitung wird auf die Faszination sowie die Chancen und Risiken hingewiesen, die die mediale Lebenswelt für Kinder und Jugendliche mit sich bringt. Es wird verdeutlicht, dass Kinder und Jugendliche die erzieherische Begleitung Erwachsener benötigen. Um sie schützen zu können, ist es notwendig, dass Erwachsene sich über digitale Medien informieren. Es finden sich viele anschauliche Beispiele und Hinweise zur pädagogischen Umsetzung des theoretischen Wissens.

 

Im ersten Teil der Publikation wird den Pädagog*innen Basiswissen vermittelt. Das ersten Kapitel „Mediennutzung Jugendlicher“ befasst sich mit der Jugendmedienkultur Heranwachsender und erklärt, was es für sie bedeutet „immer online“ zu sein und die neuen Medien für Kommunikation und Unterhaltung zu nutzen. 

 

Im zweiten Kapitel „Kommunikationsformen“ werden unterschiedliche Arten der Online-Kommunikation von Postings in sozialen Netzwerken, über Chats, bis hin zu Instant-Messeger-Nachrichten vorgestellt und Anregungen gegeben, wie Erwachsene durch eine Begleitung der Kinder und Jugendlichen dazu beitragen können, jede dieser Kommunikationsformen sicherer zu gestalten.

 

Im dritten Kapitel „Formen sexualisierter Kommunikation“ wird darüber aufgeklärt, in welchem Umfang Jugendliche absichtlich und auch unabsichtlich pornographische Bilder und Videos sehen. Auch hier werden Sicherheitstipps gegeben und Möglichkeiten aufgezeigt, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.

 

Im vierten Kapitel „Sexting“ wird zunächst darauf hingewiesen, dass Sexting an sich kein Problem, sondern eher ein Ausdruck sexueller Neugier ist. Erst der missbräuchliche Umgang mit den Sexting-Inhalten, wie sexualisiertes Mobbing, Sextortion (Erpressung mit den Inhalten) oder sexuelle Übergriffe ist problematisch. Die Motive der Jugendlichen werden erläutert und basale Möglichkeiten des sichereren Umgangs aufgezeigt.

 

Das fünfte Kapitel ist dem Thema (Cyber-)Mobbing gewidmet. Es wird die verschärfte Dynamik von Cybermobbing im Gegensatz zum altbekannten „Schulhofmobbing“ dargestellt und kurz auf Bildrechte Bezug genommen.

 

Das sechste Kapitel „Sexueller Missbrauch/Cybergrooming“ erklärt zunächst die Faszination der „anonymen“ Onlinekommunikation, um dann sehr knapp ins Thema Cybergrooming einzuführen. Auch hier steht es im Zentrum, die Kompetenzen von Jugendlichen zu stärken und auf Hilfe durch Erwachsene zu setzen.

 

Nach jedem der Kapitel wird auf passende Methoden aus dem anschließenden Methodenteil hingewiesen. Die Methoden richten sich an unterschiedliche Altersgruppen und verfolgen verschiedene Ziele. Diese werden jeweils skizzenhaft dargestellt. Die Kopiervorlagen der methodischen Arbeitsblätter sind einerseits im Anhang des Materials verfügbar, können aber auch in aktualisierter Form online heruntergeladen werden. Das Material umfasst zudem eine Vorlage für einen Elternbrief. Dieser soll Eltern dazu einladen, ihre Kinder medienpädagogisch zu begleiten und in schwierigen Situationen zu helfen. Darüber hinaus gibt eine Linkliste, die sowohl für Eltern, als auch Pädagog*innen sowie Kindern/ Jugendlichen Anregung zu Internetseiten bietet, die zur Vertiefung der Themen hilfreich sein können. Abschließend werden relevante juristische Paragraphen benannt und in einem Glossar die zentralen Fachbegriffe definiert.

Expert*innenkommentar zur Eignung des Materials für die primärpräventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

 


Die Publikation „Online Sein. Smart sein.“ eignet sich sehr gut als erste, basale medienpädagogische Einführung für Lehrer*innen und Schulsozialarbeiter*innen. Das Material baut durch seiner einfachen Zugänglichkeit Berührungsängste ab. Denn sowohl das Thema sexualisierte Gewalt als auch Medienkompetenzvermittlung erzeugen bei der Zielgruppe häufig eine Abwehr und Verunsicherung. Besonders der enge Praxisbezug, der u.a. im ausführlichen Methodenteil der Broschüre deutlich wird, ist begrüßenswert, da viele Erwachsene nicht wissen, wie sie konkret Workshops und Angebote für Kinder und Jugendliche zu den angeführten Themen ausgestalten können. Die Leser*innen werden „an die Hand genommen“ und in die Lage versetzt, nach dem Erwerb theoretischer Grundlagenkenntnisse, auch ihre praktische Arbeit mit einfachen Methoden ausgestalten zu können. Besonders positiv hervorzuheben ist die vielfach erkennbare offene, positive Grundhaltung zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen. Es werden an verschiedenen Stellen positive Nutzungsmöglichkeiten digitaler Medien vorgestellt und einer „Verteufelung“ digitaler Medien oder Dramatisierung der Gefahren wird entgegengewirkt. Wer also einen guten ersten Einstieg mit einfachem Arbeitsmaterial für die basale Vermittlung von Medienkompetenz sucht und auch Themen wie sexualisierte Gewalt im Netz mit einbeziehen möchte, ist hier richtig. Für Fachkräfte mit Vorkenntnissen zum Thema Medienpädagogik und/oder Prävention von sexualisierter Gewalt wird dieses Werk zu kurz greifen. 

 

Das Thema „sexualisierte Gewalt“ wird in dieser Publikation nur als ein Thema neben vielen anderen und eher oberflächlich behandelt. Anhand eines Beispiels wird lediglich eine Form sexualisierter Gewalt im Netz genannt. Eine konkrete Definition sexualisierter Gewalt, hilfreiche Hintergrundinfos zu Täter*innen und deren Strategien oder Informationen zu den Folgen für Betroffene bleiben aus. Es werden wenige Strategien zum Umgang mit übergriffigem Verhalten im Chat werden angeführt, wie z.B. den Chat sofort abzubrechen. Hingewiesen wird immer wieder darauf, wie wichtig es ist, dass Jugendliche sich Hilfe bei Erwachsenen suchen und was diese tun können, um die Jugendlichen darin zu bestärken. Es wird darauf eingegangen, welche Bedürfnisse Jungendliche dazu bringen, sich risikohaft im Netz zu verhalten und wie Täter*innen dies ausnutzen. Die möglichen Folgen werden jedoch nicht ausreichend beschrieben. Informationen zu gewaltbegünstigenden Tatorten im Internet bleiben ebenso aus wie konkrete Empfehlungen zu Datenschutzmaßnahmen als Hilfe für die durchführenden Pädagog*innen im Basiswissen-Teil. Das Material zielt vor allem auf die Stärkung der Jugendlichen in Bezug auf kompetentes Handeln on- wie offline ab sowie die Betonung der Verantwortlichkeit der Erwachsenen, wenn es um erzieherische Unterstützung und Hilfe geht. 

 

Im Methoden-Teil werden zentrale Themen zur Medienkritikfähigkeit wie Öffentlichkeit vs. Anonymität, Datenschutz, Rechtsverletzungen, Gewalt im Netz und weitere Risiken behandelt. Die Methoden sind sehr einfach umzusetzen. Die meisten sind offline, wie z.B. die zahlreichen Rollenspiele, die auf unterschiedliche Weise auf eine Reflexion des Verhaltens Jugendlicher im Netz abzielen. Dabei geht es um Sensibilisierung für die Risiken im Netz, aber auch für das zum Teil risikohafte Verhalten Jugendlicher. Ziel ist also nicht nur die Wissensvermittlung über Risiken, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und Grenzen, sowie Stärkung der Empathiefähigkeit, als Prävention von (sexualisierter) Gewalt im Netz. Darüber hinaus gibt es noch Methoden, die ohne große Vorbereitung am Rechner durchgeführt werden können, wie der „Surfschein“ von „Internet-ABC“ oder Video-Clips die angeschaut und zu denen im Anschluss gearbeitet wird. Die Methoden schaffen eine gute Balance zwischen passiver Wissensvermittlung und aktivem Austausch und Reflexion. Dabei geht es schwerpunktmäßig um einen Austausch und Dialog der Jugendlichen untereinander, sowie mit der pädagogischen Fachkraft.

 

Einige eher allgemeine Hilfe- und Meldeseiten werden in der Linkliste angegeben, wie z. B. die „Nummer gegen Kummer“, wobei beispielsweise ein Hinweis auf „n.i.n.a. e.V.“, die bundesweit tätige, nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen, fehlt. 

 

Wünschenswert wäre eine geschlechtergerechte Sprache, auf die – wie in der Einleitung etwas überraschend erläutert wird – aufgrund einer einfachen Lesbarkeit verzichtet wurde. In Bezug auf die vorgenommene sprachliche Dichotomisierung „Täter – Opfer“ ist zu bedenken, ob diese - trotz der Verankerung im allgemeinen Jugendsprachjargon  - hinsichtlich sexueller Grenzverletzungen von Jugendlichen an Jugendlichen geeignet ist, denn Kinder und Jugendliche befinden sich insbesondere im Hinblick auf die sexualbezogene Mediennutzung in einem Stadium des Ausprobierens, Testens und auch des Grenzen-Auslotens und -überschreitens. Etikettierungen und Stigmatisierungen sind von daher nicht zielführend. Der oft kritisierte Begriff „sexueller Missbrauch“, der einen legitimen sexuellen Gebrauch von Kindern impliziert und den Gewaltaspekt nicht erwähnt, wird leider nicht durch den treffenderen Begriff „sexualisierte Gewalt“ ersetzt, was jedoch dem einfacheren Verständnis geschuldet sein mag. Zudem bleibt offen, was genau unter sexuellem Missbrauch verstanden werden kann. Der Strafaspekt bei Vergehen im Internet wird kaum beleuchtet und lediglich durch die Auflistung der unterschiedlichen Paragraphen auf der Seite „Rechte & Gesetz“ deutlich.

 

Die Sprache im Arbeitsmaterial ist angemessen und es besteht nicht die Gefahr Kinder und Jugendliche zu ängstigen.

 

Erfreulich ist, dass bei den Identifikationspersonen in den Fallbeispielen, durch die Wahl eines ausländischen Vornamens, auch Kinder und Jugendliche aus anderen Kulturkreisen einbezogen werden. 

 

Allgemein ist die Gestaltung vor allem mit den gelb und violett markierten Fallbeispielen und Hinweisen zur pädagogischen Umsetzung sehr ansprechend, übersichtlich und freundlich. Das Material ist für die angedachte Zielgruppe grundsätzlich gut geeignet, schafft eine hilfreiche Gesprächsgrundlage und gibt wertvolle methodische Tipps, um über den Umgang mit digitalen Medien ins Gespräch zu kommen – bei einigen Methoden auch in inklusiven Gruppen. Ausführliche Informationen über sexualisierte Gewalt in den digitalen Medien sind der Publikation jedoch nicht zu entnehmen.

Wichtige Anmerkungen des Forschungsteams und Reflexionsleitfaden

Die Expert*innenkommentare bilden nicht die Vollständigkeit aller relevanten Aspekte ab und geben die Meinungen von Einzelpersonen wieder, die nicht die Meinung des Forschungsteams widerspiegeln müssen. Ausführliche Informationen zum Forschungsdesign finden Sie hier

 

Die Expert*innenkommentare unterscheiden sich in Länge und Gewichtung von allgemeinen und spezifischen Anmerkungen. Einige Kommentare beinhalten allgemeine kritische Anmerkungen zur Präventionsarbeit, mit Kindern und Jugendlichen als primäre Zielgruppe, die auch auf andere Materialien, im Kontext der Prävention sexualisierter Gewalt, übertragen werden können.

 

Bitte berücksichtigen Sie, dass aufgezeigte Lücken des Materials, ggfls. durch Zuhilfenahme von anderen Materialien, Modifizierungen sowie mündliche Zusatzinformationen etc. geschlossen werden können.

 

Hierfür steht Ihnen zur vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Material ein, im Forschungsprojekt entwickelter, kriteriengestützter Reflexionsleitfaden zur Verfügung. Den Reflexionsleitfaden finden Sie hier 

Informationen zum Kommentar

Die Inhaltsangaben und Expert*innenkommentare wurden von Tandems, bestehend aus Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis, vor dem Hintergrund ihrer fachlichen Perspektive vorgenommen und vom Forschungsteam redaktionell überarbeitet. mehr

Empowermentkritik

Empowerment ist ein bedeutsamer Ansatz, allerdings dürfen dabei reale Machtverhältnisse nicht ausgeblendet werden. Es besteht eine Diskrepanz zwischen subjektiv gestärkter Vorstellung von Selbstbestimmung und Wirkmächtigkeit auf der einen und realer Ohnmacht gegenüber Gewalthandlungen von Täter*innen auf der anderen Seite. Dies kann die Selbstzuschreibung von Verantwortung für die Tat und Schuldgefühle bei Opfern sexualisierter Gewalt massiv verstärken.

Diversity

Es ist wichtig Kinder und Jugendliche in ihrer Verschiedenheit und Gleichheit wahrzunehmen und zu achten. Dafür ist eine diversitätssensible Präventionsarbeit notwendig.