Expert*innenkommentarzum Medium

Allgemeine Informationen zum Material: 

Nein zu Missbrauch. Präventionsmaterial für Fachleute, Kinder, Jugendliche und Erwachsene.    

 

 

Titel Nein zu Missbrauch. Präventionsmaterial für Fachleute, Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Autor*in o. Projektleitung Dietzel, Anja; Heinz, Andrea; Kluge, Kathrin; Müller, Tanja; Mergenbaum, Juliane; Spielhoff, Wanda; Wieland, Andrea
Herausgeber*in o. Institution Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e. V.
Erscheinungsjahr und Auflage 2015
Umfang 15 Seiten Text + 24 Seiten Comic
Land Deutschland
Bestellmöglichkeit Caritas Erzbistum Köln
Online-Verfügbarkeit http://caritas.erzbistum-koeln.de/dicv-koeln/hilfe_beratung/menschen_mit_behinderung/nein_zu_missbrauch/
Downloadmöglichkeit http://caritas.erzbistum-koeln.de/export/sites/caritas/dicv-koeln/.content/.galleries/downloads/behindertenhilfe/fachtag-praevention/begleitheft.pdf
Preis Einzelexemplare des Materials: kostenfrei, Paket mit einer Mappe (1 Begleitheft, 1 Comic pro Geschlecht) plus 30 Comics (15 Junge, 15 Mädchen): 10 €
Medienformat/Format Comic und Begleitheft

Inhaltliche Beschreibung

Das Präventionsmaterial „Nein zu Missbrauch. Präventionsmaterial für Fachleute, Kinder, Jugendliche und Erwachsene.“ aus dem Jahr 2015 wurde von verschiedenen Fachkräften, die mit Kinder/ Jugendlichen mit Hörbeeinträchtigung arbeiten, entwickelt. Es besteht aus zwei Comic-Heften und einem Begleitheft. Das Material richtet sich an Fachleute, Kinder, Jugendliche und Erwachsene. 

 

In einem Comic wird ein Übergriff auf einen männlichen Jugendlichen durch männliche Gleichaltrige, vermutlich Mitschüler oder Mitbewohner, gezeigt. Der zweite Comic beschreibt einen Übergriff von einem (vermutlichen) Fremdtäter auf ein Mädchen in einem Bus. Für beide Comics stehen zwei verschiedene Szenarien zur Verfügung. Die eine Variante zeigt, dass sich die Betroffenen keine Hilfe holen. In der zweiten Variante holen sich die Betroffenen Hilfe. Die Comics bestehen ausschließlich aus Bildern. Auf Text wurde verzichtet, sodass sich das Material insbesondere für die Arbeit mit Gehörlosen eignet. Es beinhaltet auch eine Aussage in Gebärdensprache.

 

Das Begleitheft thematisiert kurz „sexualisierte Gewalt und Hörschädigung“ und gibt Vorschläge, in welchem Kontext pädagogische Fachkräfte das Material anwenden können. Des Weiteren werden Ansprechpartner*innen verschiedener Kölner Beratungsstellen und Anlaufstellen für hörgeschädigte Menschen sowie themenspezifische Internetseiten und weiterführende Literatur angeführt.

 

Im Internet ist das Material eingebettet in Informationen eines Fachtages zum Thema „Nein zu Missbrauch”. Hier ist zudem ein Film zu finden, der Informationen über das Material gibt und von einer Gebärdensprachdolmetscherin übersetzt wird. Ergänzend zu dem Material, das als Download zur Verfügung steht, ist auch ein Elternbrief zu finden, der umfassende Informationen für Eltern zur Verfügung stellt. 

Expert*innenkommentar zur Eignung des Materials für die primärpräventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

 

Positiv hervorzuheben ist, dass das Material rein visuell gestaltet wurde, weshalb es sich besonders für gehörlose Menschen eignet. Zugleich wird jedoch ein größeres Angebot an Gebärdenwortschatz, der sich auf die Thematik „sexualisierte Gewalt“ bezieht, vermisst. Insbesondere deshalb, da gehörlosen Menschen oft der Wortschatz zu dieser speziellen Thematik fehlt. „Sexualisierte Gewalt“ wird nicht gebärdet.

 

Die durch das Material dargestellte Botschaft, dass die Situation veränderbar ist, vermittelt, dass es „Hoffnung“ und Lösungsmöglichkeiten gibt. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass die Botschaft von den Lesenden so verstanden wird, dass die Veränderung von ihnen selbst ausgehen muss. Dies könnte Schuldgefühle zur Folge haben („Ich habe mir keine Hilfe geholt, also bin ich selber schuld“).

 

Weiterhin positiv hervorzuheben ist die Darstellung, dass beide Geschlechter von sexualisierter Gewalt betroffen sein können und geschlechtsbezogene Arbeit angeregt wird. 

 

In Bezug auf die Täter*innenschaft werden jedoch nur männliche Täter dargestellt. Ein Vorteil gegenüber anderen Materialien ist, dass Peers als Tatpersonen dargestellt werden. Anhand des Comics mit dem männlichen Protagonisten kann auch das Thema „Bystander“ behandelt werden. Die Auseinandersetzung mit ambivalenten Gefühlen in Bezug auf den Täter (hier Peergroup) wird jedoch nicht im Material aufgegriffen und auch eine Wissensvermittlung über Täter*innenstrategien fehlt. 

 

Das Material greift u.a. das Thema sexuelle Übergriffe von Jugendlichen an Jugendlichen in Verbindung mit digitalen Medien auf. Dies ist für Jugendliche mit Hörbeeinträchtigung besonders relevant, da sie deutlich mehr über Internet, Handy usw. kommunizieren und daher besonders den Gefahren sexualisierter Gewalt in Medien ausgesetzt sind. 

 

Dem Thema „Hilfe-holen“ wird viel Bedeutung beigemessen, ist jedoch einseitig dargestellt, da jeweils nur eine Variante angeboten wird. Beide betroffenen Jugendlichen gehen zu ihrer*ihrem Lehrer*in. Es gibt keine weiteren Handlungsalternativen. Diesbezüglich ist anzumerken, dass dies die Lebensrealität hörgeschädigter Schüler*innen gut darstellt. Lehrer*innen sind in vielen Fällen wichtige Vertrauenspersonen hörgeschädigter Schüler*innen. Weitere (erwachsene) Ansprechpartner*innen fehlen häufig. 

 

Vermisst wird der Hinweis darauf, dass beim Hilfe holen manchmal einige Anläufe nötig sind, bis jemand aktiv hilft. 

 

Die Situationen nach dem „Hilfe-holen” stellen sich für die Protagonist*innen so dar, dass die Lehrkräfte im Anschluss an die Offenbarung der ganzen Klasse Informationen zum Nein-Sagen geben. Es ist fraglich, ob dies als ein gewünschter „Erfolg” der Betroffenen zu werten ist. 

 

Ebenso im Fokus steht das „Nein-Sagen“. Auf verschiedenen Bildern und an den Schultafeln hängen Plakate auf denen „Nein-Stopp” geschrieben steht und die Protagonist*innen werden am Ende in einer „abgrenzenden Körperhaltung” dargestellt. Wie das Nein-Sagen konkret funktionieren kann, bleibt für die Lesenden diffus. 

 

Das Material sollte durch folgende Themen ergänzt bzw. in folgende thematische Bausteine eingebettet werden:

  • sexualpädagogische Inhalte bzw. sexuelle Bildung als Basis
  • die ausführliche Behandlung der klassischen Präventionsbausteine wie Körperwissen, Berührungen, Gefühle, Geheimnisse, Grenzen erkennen und achten, Nein-Sagen, Hilfe holen
  • die Vermittlung von Sicherheitsstrategien, Erkennen von Risikosituationen
  • Schuld und Verantwortlichkeit
  • rechtlichen Informationen 

 

In dem Begleitheft für die pädagogischen Fachkräfte werden Vorschläge für die Anwendung des Materials gemacht ( z.B. Einstieg in die Präventionsarbeit). Es werden aber keine weiteren Informationen zu den Rahmenbedingungen, zu Methoden und keine weiteren konkreten Handlungsanweisungen gegeben. Es fehlen ausführlichere Informationen zur Intervention, falls sich Teilnehmende offenbaren. Ebenso fehlen Hinweise bezüglich Selbstfürsorge und Selbstreflexion für die Fachkräfte. Im Mittelpunkt steht die Opferprävention. Das Material fällt eher in den Bereich der Verhaltensprävention. Notwendige Maßnahmen auf anderen Eben werden nicht thematisiert und es werden keine Anregungen zu Nachhaltigkeit oder zur Verankerung von Schutzkonzepten gegeben. Des Weiteren werden keine örtlichen Fachberatungsstellen zum Thema sexualisierte Gewalt genannt, an die sich Betroffene oder Fachkräfte wenden können. Zu finden sind jedoch themenspezifische Internetseiten und weiterführende Literatur. 

 

Das vorliegende Material wurde insgesamt (gehörlosen-)kultur- und gendersensibel verfasst. Das Material eignet sich, um für die Thematik sexualisierte Gewalt zu sensibilisieren oder Gespräche darüber anzuregen. Dabei ist zu beachten, dass ein multiperspektivischer Ansatz fehlt. Multiperspektivisch würde bedeuten, dass alle Bezugssysteme (Peers, Eltern, Lehrkräfte, Pädagog*innen etc.) mit in die Präventionsarbeit einbezogen würden. Dies ist vor allem im Hinblick darauf relevant, dass es stets die Erwachsenen (und nicht die Kinder und Jugendlichen) sind, welche die Verantwortung für die sexualisierte Gewalt tragen. Sie tragen entweder die Verantwortung als Täter*innen oder auch als Bystander, die die sexualisierte Gewalt (unwissentlich) decken, zulassen und oder wegschauen.

 

Aufgrund der aufgeführten thematischen Lücken eignet sich das Material im Rahmen von Primärprävention zur Ergänzung eines vollständigen Präventionskonzeptes. Dabei kommen sicherlich Jugendliche oder junge Erwachsene mit und ohne Hörschädigung bzw. mit einer geringen Schriftsprachkompetenz als Zielgruppe in Betracht. Damit das Material zielführend genutzt werden kann, sollte die jeweilige Fachkraft über Präventionswissen, -kompetenzen sowie über weiteres themenspezifisches Wissen verfügen.

 

Trotz verschiedener Lücken leistet das Material für den Hörgeschädigten-Bereich einen wichtigen Beitrag, insbesondere da es im Internet in hörgeschädigten-spezifische Informationen eingebettet ist. Es lassen sich verschiedene Anregungen und auch spezifische Anlaufstellen und Ansprechpartner*innen im Hörgeschädigten-Bereich finden. Zudem werden die Informationen zu dem Material in deutscher Gebärdensprache angeboten, sodass die Informationen auch für gehörlose Menschen barrierefrei zugänglich sind.

Wichtige Anmerkungen des Forschungsteams und Reflexionsleitfaden

Die Expert*innenkommentare bilden nicht die Vollständigkeit aller relevanten Aspekte ab und geben die Meinungen von Einzelpersonen wieder, die nicht die Meinung des Forschungsteams widerspiegeln müssen. Ausführliche Informationen zum Forschungsdesign finden Sie hier

 

Die Expert*innenkommentare unterscheiden sich in Länge und Gewichtung von allgemeinen und spezifischen Anmerkungen. Einige Kommentare beinhalten allgemeine kritische Anmerkungen zur Präventionsarbeit, mit Kindern und Jugendlichen als primäre Zielgruppe, die auch auf andere Materialien, im Kontext der Prävention sexualisierter Gewalt, übertragen werden können.

 

Bitte berücksichtigen Sie, dass aufgezeigte Lücken des Materials, ggfls. durch Zuhilfenahme von anderen Materialien, Modifizierungen sowie mündliche Zusatzinformationen etc. geschlossen werden können.

 

Hierfür steht Ihnen zur vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Material ein, im Forschungsprojekt entwickelter, kriteriengestützter Reflexionsleitfaden zur Verfügung. Den Reflexionsleitfaden finden Sie hier 

Informationen zum Kommentar

Die Inhaltsangaben und Expert*innenkommentare wurden von Tandems, bestehend aus Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis, vor dem Hintergrund ihrer fachlichen Perspektive vorgenommen und vom Forschungsteam redaktionell überarbeitet. mehr

Empowermentkritik

Empowerment ist ein bedeutsamer Ansatz, allerdings dürfen dabei reale Machtverhältnisse nicht ausgeblendet werden. Es besteht eine Diskrepanz zwischen subjektiv gestärkter Vorstellung von Selbstbestimmung und Wirkmächtigkeit auf der einen und realer Ohnmacht gegenüber Gewalthandlungen von Täter*innen auf der anderen Seite. Dies kann die Selbstzuschreibung von Verantwortung für die Tat und Schuldgefühle bei Opfern sexualisierter Gewalt massiv verstärken.

Diversity

Es ist wichtig Kinder und Jugendliche in ihrer Verschiedenheit und Gleichheit wahrzunehmen und zu achten. Dafür ist eine diversitätssensible Präventionsarbeit notwendig.