Expert*innenkommentarzum Medium

Allgemeine Informationen zum Material: Kinder dürfen nein sagen. Kinder vor Gewalt schützen. Infos in leichter Sprache für Kinder, Eltern, Erzieherinnen und Lehrerinnen.

Titel Kinder dürfen nein sagen. Kinder vor Gewalt schützen. Infos in leichter Sprache für Kinder, Eltern, Erzieherinnen und Lehrerinnen.
Herausgeber o. Institution Deutscher Caritasverband e.V. (DCV) Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e.V. (CBP)
Erscheinungsjahr u. Auflage 2015
Umfang 16 Seiten
Land Deutschland
Erhältlich auch i.d. Sprachen Englisch, Französisch, Arabisch, Russisch, Türkisch und Farsi
Bestellmöglichkeit Carikauf.de
Downloadmöglichkeit Homepage der Caritas
Onlineverfügbarkeit https://www.caritas.de/fuerprofis/fachthemen/sexuellermissbrauch/materialien
Preis kostenloser Download; Bestellung ab 5,00 € pro Pack (25 Stk.)
Medienformat/Format Broschüre

Inhaltliche Beschreibung

„Kinder dürfen nein sagen!“ ist eine vom Deutschen Caritasverband e.V. herausgegebene 16-seitige Bro-schüre, die auch in sechs anderen Sprachen und kostenfrei als PDF erhältlich ist. Zudem wird sie kos-tengünstig im Klassensatz angeboten. Der Untertitel „Kinder vor Gewalt schützen: Infos in leichter Sprache für Kinder, Eltern, Erzieherinnen und Lehrerinnen“ gibt gleich drei wesentliche Informationen zur Intention der Broschüre: Im Fokus steht die (verschiedene Gewaltformen umfassende) Gewaltprävention. Zielgruppen sind neben Kindern, auch deren Eltern und pädagogische Fachkräfte. Durch die konsequente Verwendung der leichten Sprache ermöglicht die Broschüre auch Menschen mit Einschränkungen oder nur geringen Deutschkenntnissen den Text zu verstehen.

 

Illustriert ist „Kinder dürfen nein sagen!“ durch farbige Zeichnungen im Comicstil von Dorothee Wolters, die bereits eine Reihe von Büchern und Materialien für die Präventionsarbeit gestaltet hat. Die anspre-chenden und klaren Bilder zeigen Kinder und Erwachsene in verschiedenen Situationen, die den Inhalt der Texte unterstreichen. Hierbei fällt besonders die heterogene Darstellung der Kinder positiv auf: Mäd-chen und Jungen sind mit verschiedene Hautfarben, mal im Rollstuhl, mal mit Brille gezeichnet.

 

Die Broschüre ist durchgängig aus Kinderperspektive geschrieben „Was darf ich als Kind schon tun?“ und legt ausgehend von dem Blick auf die Kinderrechte den Schwerpunkt auf das „Recht auf ein Leben ohne Gewalt“. Nach einer einführenden Erklärung, was Gewalt bedeutet, erläutern Text und Bilder „Was sind Rechte?“. An verschiedenen Beispielen werden Kinderrechte erklärt - aus Sicht der Kinder, aber auch hinsichtlich der Verantwortung Erwachsener für Kinder „Erwachsene müssen dafür sorgen, dass Kinder im Winter nicht frieren.“. Im Folgenden wird das Kinderecht auf ein gewaltfreies Leben näher be-trachtet. Eine erneute Erklärung: „Was ist Gewalt?“ zeigt nochmal neue Aspekte des Themas auf. Im Fettdruck hervorgehoben wird „Gewalt ist immer verboten! Niemand darf mir wehtun!“. Unterteilt in „Kör-perliche Gewalt“, „Seelische Gewalt“ und „Sexuelle Gewalt“ werden diese Gewaltformen nun kindgerecht erklärt. 

 

Bei den ersten beiden Gewaltformen erfolgt die Erklärung nach der gleichen Struktur: Unter der Über-schrift „Das ist Gewalt:“ werden in kurzen Sätzen wesentliche Merkmale der körperlichen und seelischen Gewalt aufgezählt „Wenn mir jemand weh tut.“ oder „Wenn mir jemand Angst macht.“, die dann jeweils anschließend an Beispielen differenziert werden „Jemand schlägt mich.“  oder „Jemand schreit mich an.“. Illustriert sind die kurzen Texte durch Zeichnungen von einem Kind und einem Erwachsenen in einer der beschriebenen Situationen. Bei beiden Gewaltformen wird auch explizit erwähnt „Es ist aber auch Ge-walt, wenn ich jemanden weh tue, bzw. Angst mache.“. 

 

Bei sexueller Gewalt arbeitet die Broschüre etwas anders im Aufbau. Die erklärenden Sätze bleiben recht allgemein „Das ist eine besondere Art von Gewalt. Es geht vor allem um meinen Körper.“, in den Beispie-len werden dann jedoch mögliche Handlungen konkret benannt, z.B. „Jemand fasst mich an, zum Bei-spiel am Po, an der Scheide oder am Penis.“ ein mögliches Geheimhaltungsgebot wird unmittelbar nach der Beschreibung der sexuellen Gewalt thematisiert und diesem Schweigegebot anschließenden auf zwei Seiten ausführlich widersprochen. Es wird konkret die Erlaubnis zum Weitererzählen eines solchen Geheimnisses (wie auch beobachteter Gewalt an einem anderen Kind) gegeben und es werden ver-schiedene mögliche Ansprechpersonen thematisiert. Daran anschließend folgt ein nochmals eher allge-meiner Teil über Rechte von Kindern, der erneut das Recht auf Schutz und Selbstbestimmung über den eigenen Körper aufgreift und mit dem Recht, sich zu beschweren, endet. 

 

Telefonnummern und Mailadressen von verschiedenen Caritaseinrichtungen auf der Rückseite der Bro-schüre bieten erwachsenen Leser*innen, die Möglichkeit, sich weitere Informationen oder selber Hilfe zu holen.  

Expert*innenkommentar zur Eignung des Materials für die primärpräventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

 

Der Titel der Broschüre „Kinder dürfen nein sagen.“ ist nicht ganz passend: Es geht vielmehr um die Aufklärung über das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung, daher wäre der Titel „Kinder haben Rechte!“ oder: „Ich habe Rechte!“ passender.

 

Die Illustrationen zum Themenbereich „sexualisierte Gewalt“ sind absolut uneindeutig bzw. sogar verharmlosend und irreführend (ein Mann zieht Kind am T-Shirt). Hier hätte es ganz klar deutlichere Bilder gebraucht. 

 

Der Begriff „Übergriffe“ ist zwar inhaltlich und fachlich richtig, aber für Kinder ggf. zu allgemein. Die sprachliche Nutzung von „Jemand“ ist geschickt und bezieht alle Möglichkeiten und Konstellationen gut mit ein, aber ggf. wäre eine exemplarische Aufzählung einzelner Personen auch gut. 

 

Der Aspekt des Nein-Sagens bezieht sich lediglich auf „Hilfe-Holen“. Das Nein-Sagen gegenüber ungewollter Gewalt kommt im Text nicht vor, die bildliche Darstellung greift es durch die Stopphand auf: Ein Kind hält ein Schild, auf dem „Nein“ steht. Anders als der Titel vermuten lässt, wird kaum darauf eingegangen, dass ein Kind auch „Nein“ zu Übergriffen sagen darf und wie es das tun kann. Möglicherweise ist dies bewusst so gewählt, um keine falsche Stärke zu suggerieren. Aber ein bis zwei Beispiele, in denen das Kind „Nein“ sagt oder zeigt und der*die Erwachsene es nicht beachtet bzw. sich über den eindeutig erklärten Willen des Kindes hinwegsetzt, wären sinnvoll gewesen. Dies würde den wichtigen Aspekt „Du darfst „Nein“ sagen, aber es kann sein, dass dein „Nein“ übergangen wird!“ aufgreifen.

 

Schwierig ist die Stelle: „Man muss mir zuhören. Man muss mir helfen.“ Und wenn dies nicht passiert? Könnte das dazu führen, dass Kinder denken, sie hätten etwas falsch gemacht? Es ist wichtig, Schuldgefühle und Loyalitätskonflikte zu berücksichtigen, um einer Schuldzuschreibung an Betroffene vorzubeugen. Und wer soll „Man“ in diesem Fall sein? Besser wäre in dem Kontext die Botschaft „Ich habe ein Recht auf Hilfe. Erwachsene sollen Kindern helfen, wenn sie in Not sind.“.

 

Positiv ist, dass das Material auch die „Täter*innen-Perspektive“ mit aufnimmt: „Es ist aber auch Gewalt, wenn ich jemandem wehtue.“  und: „Es ist aber auch Gewalt, wenn ich jemanden Angst mache.“ Sprachlich sind die Botschaften gut und kindgerecht gelöst. Es ist wichtig, dass Kinder nicht ausschließlich in der Rolle der Betroffenen angesprochen werden. Leider wird der Aspekt bei der Erläuterung von sexualisierter Gewalt nicht direkt mit aufgegriffen. Hier ist es wichtig, zu ergänzen: „Es ist aber auch Gewalt, wenn ich jemanden zu Berührungen zwinge.“ oder: „Es ist aber auch Gewalt, wenn ich jemanden so berühre, wie er das nicht will.“

 

Stärkende Sätze wie: „Ich bin willkommen, dort wo ich bin. Ich bin wichtig. Alle müssen mich ernst nehmen.“ sind grundsätzlich wichtig und gut in der Arbeit mit Kindern. Es wäre zu ergänzen, dass es auch Kinder gibt, die das anders erleben. Was lösen diese Sätze bei diesen Kindern aus? Es wäre gut, Sätze einzufügen, die betroffenen Kindern Mut machen und ihnen verdeutlichen, dass sie weder Schuld haben noch verantwortlich sind. Wichtig wäre auch nochmal ein Hinweis darauf, sich anzuvertrauen und sich Hilfe zu holen, wenn Kinderrechte verletzt werden.

 

Die verwendete leichte Sprache ist sehr klar und gut verständlich für Grundschulkinder. Bei entsprechender Begleitung durch Fachkräfte könnte das Material auch schon im Elementarbereich eingesetzt werden.

 

Die Illustrationen im Comicstil sind sehr ansprechend, die heterogene Darstellung der Kinder (Mädchen, Jungen, Rollstuhl, verschiedene Hautfarbe, Brille) ist positiv zu bewerten. Bei den dargestellten erwachsenen Personen ist die Heterogenität leider nicht berücksichtigt worden, da nur hellhäutige Personen abgebildet sind.

 

In Bezug auf die Telefonnummern und Mailadressen auf der Rückseite der Broschüre wäre die Nennung des bundesweit agierenden Hilfetelefons Sexueller Missbrauch (0800 22 55 530) und die Nummer gegen Kummer des Deutschen Kinderschutzbundes zusätzlich sehr hilfreich.

 

Fazit: „Kinder dürfen Nein sagen“ ist eine ansprechende Broschüre, die sich gut für die Präventionsarbeit mit Grundschulkindern eignet und die vielfältige Anregungen für Dialoge bietet. Auch für ältere Kitakinder und Eltern mit Lernschwierigkeiten oder schlechten Sprachkenntnissen lässt sich die Broschüre gut nutzen. An einigen Stellen müssten jedoch, z.B. in Gesprächen mit Kindern, weitere Informationen ergänzt werden. Manche plakative Äußerung gilt es zu überprüfen.

Wichtige Anmerkungen des Forschungsteams und Reflexionsleitfaden

 

Die Expert*innenkommentare bilden nicht die Vollständigkeit aller relevanten Aspekte ab und geben die Meinungen von Einzelpersonen wieder, die nicht die Meinung des Forschungsteams widerspiegeln müssen. Ausführliche Informationen zum Forschungsdesign finden Sie hier

 

Die Expert*innenkommentare unterscheiden sich in Länge und Gewichtung von allgemeinen und spezifischen Anmerkungen. Einige Kommentare beinhalten allgemeine kritische Anmerkungen zur Präventionsarbeit, mit Kindern und Jugendlichen als primäre Zielgruppe, die auch auf andere Materialien, im Kontext der Prävention sexualisierter Gewalt, übertragen werden können.

 

Bitte berücksichtigen Sie, dass aufgezeigte Lücken des Materials, ggfls. durch Zuhilfenahme von anderen Materialien, Modifizierungen sowie mündliche Zusatzinformationen etc. geschlossen werden können.

 

Hierfür steht Ihnen zur vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Material ein, im Forschungsprojekt entwickelter, kriteriengestützter Reflexionsleitfaden zur Verfügung. Den Reflexionsleitfaden finden Sie hier 

Informationen zum Kommentar

Die Inhaltsangaben und Expert*innenkommentare wurden von Tandems, bestehend aus Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis, vor dem Hintergrund ihrer fachlichen Perspektive vorgenommen und vom Forschungsteam redaktionell überarbeitet. mehr

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