Expert*innenkommentarzum Medium

Allgemeine Informationen zum Material: 

Jockels Schweigen

Titel Jockels Schweigen
Autor*in o. Projektleitung Stern, Adriana
Erscheinungsjahr u. Auflage 2011
Umfang 320 Seiten
Land Deutschland
Verlag Verlagshaus Jacoby Stuart
ISBN 3941787268
Bestellmöglichkeit Buchhandel
Preis 14,95 €
Medienformat/Form Jugendbuch
Angegebene Altersempfehlung k.A.

Inhaltliche Beschreibung

 

Der spannende und berührende Jugendroman „Jockels Schweigen“ verbindet das Thema „sexualisierte Gewalt gegen Jungen“ mit der Darstellung einer Freundschaft zwischen zwei Jugendlichen sowie dem Erleben einer ersten Liebe. Auf 318 Seiten erzählt die Jugendbuchautorin Adriana Stern packend und sensibel ein halbes Jahr aus dem Leben der beiden Hauptfiguren und ihrer Familien.

 

Der fiktive Roman spielt in Köln, nimmt aber Bezug auf eine wahre Begebenheit, die sich 2008 in Berlin ereignete. Im Prolog, des 21 Kapitel umfassenden Buches, erinnert sich David Grün, 16 Jahre alt, zurück an die Geschehnisse des letzten halben Jahres mit seinem Freund Jewdokim Sapoznikow. Die jeweils mit einem Datum und einer Überschrift betitelten Kapitel führen die Leser*innen durch diese Zeit. Der überwiegende Teil des Romans schildert Davids Gedanken und Erlebnisse aus der Ich-Perspektive. Die Sicht Davids steht jedoch immer wieder im Wechsel mit Passagen einer auktorialen Erzählperspektive, in denen Jewdokim unter dem Namen „Jeff“ im Fokus steht und die einen zweiten Handlungsstrang mit sehr viel Innensicht auf dessen Gedanken und Gefühle beinhalten. Hier liegt eine besondere Stärke des Romans.

 

Das Buchcover (ein gezeichnetes Seiten-Portrait eines leicht androgyn wirkenden Jungen vor braunrotem Hintergrund) und der Titel rücken den 11jährigen Jockel und die sexualisierten Übergriffe, die er lange verschweigt, in den Fokus -  die eigentlichen Hauptfiguren des Romans sind allerdings David und sein Freund Jewdokim, von David „Chip“ genannt, der ebenfalls Betroffener sexualisierter Gewalt ist. Zu Beginn des Romans beschreibt David, dass er den gleichaltrigen russischstämmigen Jewdokim, obwohl dieser in der Schule als schräger Vogel gilt, auf Anhieb mochte und zwischen beiden eine intensive Freundschaft entstanden ist. Vielleicht, weil auch David ein wenig „schräg“ für einen Sechszehnjährigen ist – aufgrund seines Hobbys „Snooker“ zu spielen, kleidet er sich auch privat ausschließlich wie ein Snooker-Spieler; mit Anzug, Weste, Fliege und schwarzen Lederschuhen. Beide Jungen verbindet das Hobby des Programmierens von PC-Spielen; gemeinsam träumen sie von einer Karriere als Entwickler von Computerspielen. Doch gibt es auch immer wieder Situationen, in denen David seinen Freund nicht versteht; so, wenn er viele seiner Fragen schlicht ignoriert, sich verschließt oder, wenn er anderen gegenüber mit massiven Gewaltausbrüchen reagiert. 

 

Durch die Textpassagen aus Jeffs Sicht erahnen die Leser*innen schon recht früh, dass dieser (sexualisierte) Gewalt durch den Pädokriminellen -Ring rund um Herrn Kirsch, den Vermieter seiner Eltern ausgesetzt ist. Jewdokims Familie ist vor fünf Jahren aus St. Petersburg nach Deutschland gekommen. Sein Vater arbeitet als Pächter eines Billardsalons, seine Mutter ist sehr zurückhaltend und spricht nur wenig Deutsch. Jewdokims 14jährige Schwester Julia ist Punkerin und selten zu Hause. Finanziell steht die Familie eher schlecht da und ist somit sehr auf Herrn Kirsch angewiesen. David kommt aus einer jüdischen Arztfamilie. Sein Vater ist Oberarzt, seine Mutter war bislang nicht berufstätig, sein jüngerer Bruder, der elfjährige Joachim – genannt Jockel, wird von allen als sehr unselbstständig angesehen. Obwohl den Eltern das gemeinsame Familienleben sehr wichtig zu sein scheint, gehen sie über Jockels großen Wunsch, Filmschauspieler zu werden, autoritär hinweg und vertrösten ihn mit einer Theater-AG. Als die Mutter wieder in Teilzeit berufstätig wird und der Vater vorübergehend seine Arbeit verliert, gerät der jüngere Sohn aus dem Blick. Er überredet seinen Bruder David, ihm mit einer gefälschten Unterschrift den Besuch einer Filmagentur zu ermöglichen, die er aus dem Internet kennt. 

 

Genau hinter dieser Agentur steckt jedoch der Pädokriminellen-Ring rund um Herrn Kirsch. Jewdokim, wird inzwischen von Herrn Kirsch dazu gezwungen, Jungen für seinen an die Filmagentur angegliederten Jugendtreffpunkt anzuwerben. Dass er dadurch selbst zum Zubringer und indirekt zum Mittäter wird, verstärkt Jewdokims massive Traumatisierung durch die schon seit fünf Jahren selbst erlittene sexualisierte Gewalt. Durch Scham- und Schuldgefühle (auch aufgrund peinvoll erlebter körperlicher Erregung in den Missbrauchssituationen) schafft er es nicht, sich jemanden anzuvertrauen. Er versucht, Jockel daran zu hindern, Kontakt zu der Agentur aufzunehmen, doch gelingt ihm das nicht und Jockel verbringt immer mehr Zeit dort. Die Eltern bekommen davon lange nichts mit und auch David bemerkt erst spät, dass die anfängliche Begeisterung seines Bruders, plötzlich in Ekel, Angst und Verzweiflung umgeschlagen ist. David ist auch deshalb wenig auf seinen Bruder konzentriert, weil er sich zeitgleich Hals über Kopf in Julia, die Schwester von Jewdokim verliebt hat. Zwischen den Beiden beginnt eine sehr anrührende Liebesgeschichte, mit der die Autorin einen starken Kontrast zu den Gewalterfahrungen der Brüder darstellt. Als David schließlich klar wird, dass die massiven Verhaltensänderungen und Ängste seines kleinen Bruders mit der Filmagentur zu tun haben, beginnt er dort zunächst auf eigene Faust, später gemeinsam mit Julia zu recherchieren. Erst nachdem sie eine DVD mit Filmaufnahmen von sexuellen Gewalttaten gegen Jungen gefunden haben, erfassen sie das ganze Ausmaß. David sucht sich zunächst im Internet Informationen und findet so auch zu der (realen) Beratungsstelle Pänz Up in Köln, zu der er Kontakt aufnimmt. Gestärkt durch ein einfühlsames Gespräch mit einem Mitarbeiter redet er mit Jockel und informiert die Eltern, die erfreulich positiv reagieren. Da auch Jewdokim sich bemüht, für Jockel einzutreten, kommt es schließlich zu einem Show-Down-mäßigen Finale in der Filmagentur, in dessen Verlauf David von Herrn Kirsch entführt und niedergeschlagen wird. Schließlich greift die Polizei ein und nimmt Herrn Kirsch und andere Mitglieder des Pädokriminellen-Rings fest. 

 

Das Buch endet mit einem Nachwort von Pänz up (Beratungsstelle in Köln) sowie einer zweiseitigen Liste mit Beratungsstellen für Jungen in Deutschland.

Expert*innenkommentar zur Eignung des Materials für die primärpräventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

 

Das Buch „Jockels Schweigen“ ist sehr eindrucksvoll. Eine Stärke des Buches ist, dass intensive Einblicke in die Gefühle der betroffenen Jungen gegeben werden. Bei Jockel, der seit drei Jahren betroffen ist, sind es Albträume, Aggressivität, Zurückgezogenheit von Familie, Schule schwänzen, verändertes Essverhalten sowie Ekelanfälle. Jewdokim erlebt plötzliche, massive Gewaltausbrüche gegen andere, verschließt sich gegenüber Fragen seines Freundes David, hat Angst, als schwul zu gelten und hat Suizidgedanken. 

 

Für Jugendliche sehr gut verständlich werden die Gründe für das Schweigen und die Schwierigkeiten des Hilfeholens dargestellt, darunter eigenes „Fehlverhalten“ wie Unterschriftenfälschung, Alkoholkonsum etc. Auch die eigene Erregung während der Taten sowie die als positiv erlebte anfängliche Zuneigung der Täter stellen eine Hürde dar. Darüber hinaus werden Täterstrategien, Grooming und die Isolation der Betroffenen deutlich. Auch die Macht-Strategien der Täter werden im Buch treffend aufgezeigt. Die Täter betreiben eine Filmagentur und nutzen ein Jugend-/Internet-Café zur Kontaktanbahnung. Ihre Opfer bleiben auch dann Opfer, wenn sie nicht mehr aktiv missbraucht werden. Auch suchen die Täter bereits betroffene Jungen als Kontakthersteller.

 

Sehr positiv und hilfreich für Jugendliche, auch in der Rolle des Freundes / der Freundin von Betroffenen, ist die Rolle der Beratungsstellen und der dort arbeitenden Personen.

 

Literarisch in vielen Bereichen stark ist die stilistische Raffinesse, vor allem der Wechsel der Erzählperspektive in Verbindung mit unterschiedlichen Namen der Protagonist*innen, die zu bestimmten Konstellationen gehören (als Betroffener, als Freund, als Sohn...). Die Ich-Erzählung aus Sicht von David im Wechsel mit Passagen einer auktorialen Erzählperspektive (dritte Person) auf Chip, bietet sehr viel Innensicht und Reflexion der Ambivalenzen.

 

Positiv zu bewerten ist, dass in dem Roman neben der Gewalt auch eine Liebesgeschichte vorkommt. Das zeigt Jugendlichen, dass Körperlichkeit und Sexualität auch positiv besetzt sein können.

 

Interessant ist, dass die Kleidung der Protagonist*innen als Ausdruck von Gefühlen und Haltungen zum Ausdruck kommt. Chip kauft sich teure Kleidung, die er sich von dem Geld seiner Auftraggeber des Pädokriminellen-Rings leisten kann. David hingegen trägt nur Anzüge mit Weste, Fliege, Lederschuhe (Kleidung der Snookerspieler). Julie ist Punkerin und besetzt damit eine sehr positive, starke Mädchenrolle, die nicht in Genderklischees steckenbleibt.

 

Die sexualisierten Gewalthandlungen werden nicht von den Betroffenen selbst geschildert, sondern aus der dritten Person erzählt. Die recht vage Darstellung der sexualisierten Gewalt in literarisch verfremdeter Versform ist für ein Jugendbuch vertretbar.

 

Kritisch zu sehen, ist die Naivität von David in Bezug auf das Thema „sexuelle Gewalt an Jungen“. Es wird beschrieben, dass er das erste Mal von sexualisierter Gewalt an Jungen hört und keine Idee hat, was mit den Jungen in dem Raum mit dem Bett und den Stativen in der Filmagentur geschehen sein könnte. Das entspricht nicht dem Wissen von Jugendlichen heute. Immerhin ist das Buch aus dem Jahr 2011 und die Handlung spielt in einer Großstadt. Im Gegensatz zu David, wissen heutige Jugendliche vermutlich mehr über mögliche Gefahren.

 

Der Show-Down mit Entführung, Waffeneinsatz sowie Polizeieinsatz ist unrealistisch und wenig hilfreich für Betroffene in Bezug auf die Motivation, sich Hilfe zu holen.

 

Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf die Darstellung der Berufstätigkeit der Mutter und der Familiensituation. Diese ist nicht immer stimmig. Auch die Darstellung von Jockel wirkt etwas widersprüchlich: Einerseits wird er als Sorgenkind der Familie und als extrem unsicher dargestellt, dann wird aber formuliert: „Jockel ist wie immer schneller als ich“ (S. 43). Erstaunlich erscheint auch, dass es in der Familie einmal pro Woche einen Familienrat gibt. Dabei taucht auch die Frage auf: „Hast du überhaupt Freunde?“ (S. 44). Dies zeigt, dass auch in Familien, in denen sich Eltern für ihre Kinder interessieren, sexualisierte Gewalt durch die Strategien der Täter und das Schweigen des Opfers eine ganze Zeit lang unbemerkt bleiben kann.

 

Das Buch ist so vielschichtig geschrieben, dass es sicher auch Mädchen erreicht und daher in Schulklassen gelesen werden könnte. Es gilt zu prüfen, ob der Umfang von 316 Seiten für die Zielgruppe adäquat ist.

 

Jockels Schweigen ist ein empfehlenswertes Buch für die präventive Arbeit mit Jugendlichen. Es ist spannend, berührend und informativ. Die aufgezeigten Kritikpunkte lassen sich durch ergänzende Informationen oder durch gemeinsame Beleuchtung der Punkte mit Jugendlichen relativieren. 

Wichtige Anmerkungen des Forschungsteams und Reflexionsleitfaden

 

Die Expert*innenkommentare bilden nicht die Vollständigkeit aller relevanten Aspekte ab und geben die Meinungen von Einzelpersonen wieder, die nicht die Meinung des Forschungsteams widerspiegeln müssen. Ausführliche Informationen zum Forschungsdesign finden Sie hier

 

Die Expert*innenkommentare unterscheiden sich in Länge und Gewichtung von allgemeinen und spezifischen Anmerkungen. Einige Kommentare beinhalten allgemeine kritische Anmerkungen zur Präventionsarbeit, mit Kindern und Jugendlichen als primäre Zielgruppe, die auch auf andere Materialien, im Kontext der Prävention sexualisierter Gewalt, übertragen werden können.

 

Bitte berücksichtigen Sie, dass aufgezeigte Lücken des Materials, ggfls. durch Zuhilfenahme von anderen Materialien, Modifizierungen sowie mündliche Zusatzinformationen etc. geschlossen werden können.

 

Hierfür steht Ihnen zur vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Material ein, im Forschungsprojekt entwickelter, kriteriengestützter Reflexionsleitfaden zur Verfügung. Den Reflexionsleitfaden finden Sie hier 

Informationen zum Kommentar

Die Inhaltsangaben und Expert*innenkommentare wurden von Tandems, bestehend aus Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis, vor dem Hintergrund ihrer fachlichen Perspektive vorgenommen und vom Forschungsteam redaktionell überarbeitet. mehr

Empowermentkritik

Empowerment ist ein bedeutsamer Ansatz, allerdings dürfen dabei reale Machtverhältnisse nicht ausgeblendet werden. Es besteht eine Diskrepanz zwischen subjektiv gestärkter Vorstellung von Selbstbestimmung und Wirkmächtigkeit auf der einen und realer Ohnmacht gegenüber Gewalthandlungen von Täter*innen auf der anderen Seite. Dies kann die Selbstzuschreibung von Verantwortung für die Tat und Schuldgefühle bei Opfern sexualisierter Gewalt massiv verstärken.

Diversity

Es ist wichtig Kinder und Jugendliche in ihrer Verschiedenheit und Gleichheit wahrzunehmen und zu achten. Dafür ist eine diversitätssensible Präventionsarbeit notwendig.