Expert*innenkommentarzum Medium

Allgemeine Informationen zum Material: Glaub mir! Unglaublich!

Titel Glaub mir! Unglaublich!
Herausgeber*in o. Institution Wildwasser Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen e. V. zusammen mit Leeds Animation Workshop
Erscheinungsjahr u. Auflage 2015
Umfang 24 min. Film + 31 S. Begleitheft
Land Deutschland
Verlag mebes & noack, Köln
Bestellmöglichkeit Verlag mebes & noack (Homepage)
Preis 18,50 € zzgl. Versand
Medienformat/Form DVD
Angegebene Altersempfehlung ab 9 Jahren

Inhaltliche Beschreibung

 

Die DVD beinhaltet zwei Animationsfilme, „Glaub mir“ für Kinder und Jugendliche und „Unglaublich“ für Erwachsene. Der DVD liegt ein Begleitheft bei. Die Filme wurden 2003 als englisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt von Leeds Animation Workshop und Wildwasser e.V. Berlin produziert. Sie dauern je 12 Minuten und eignen sich u.a. für Aus- und Fortbildungen zum Thema sexualisierte Gewalt für pädagogische und therapeutische Berufe und weitere Berufsgruppen, die für Kinderschutz Verantwortung tragen. Der Film „Glaub mir“ kann im Rahmen der Prävention mit Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden.

 

Der Animationsfilm „Glaub mir!“, besteht aus fünf Fallgeschichten, die unterschiedliche Missbrauchsgeschehen thematisieren. Die Geschichten finden einen guten Ausgang, weil betroffene Kinder sich erfolgreich Hilfe holen, bzw. ein Kind sich erfolgreich wehrt, bevor es zu tätlichen sexuellen Übergriffen kommt. Die Fallbeispiele sind so ausgewählt, dass sie als oft vorkommendes Missbrauchsgeschehen gelten können. Zwischen den einzelnen Fallgeschichten, die unabhängig voneinander angesehen werden können, sind kurze Pausen, in denen knappe Hintergrundinformationen gegeben werden. Den Zuschauer*innen wird vermittelt, dass sie keine Schuld trifft und sie werden ermutigt über ihr Leid zu sprechen und sich Hilfe zu holen. In Begleitung von Erwachsenen, die sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt haben und die Filmbeispiele gut kennen, wird der Einsatz für Jungen und Mädchen ab 9 Jahren empfohlen.

 

Der Animationsfilm: „Unglaublich!“ richtet sich an Eltern, und beschreibt die facettenreiche Verunsicherung und die Krisen, die Angehörige betroffener Kinder, die zumeist selbst Opfer von Vertrauensmissbrauch geworden sind, haben. Dieser Film vermittelt Erwachsenen, insbesondere Eltern oder Pflegeltern, aber auch Mitarbeiter*innen in Einrichtungen, in deren Umgebung Kinder sexualisierte Gewalt erfahren haben, Einsichten über die psychischen und sozialen Krisen und Folgen, die durch die Aufdeckung zumeist unweigerlich auftreten. Erwachsene werden ermuntert, sich ihrerseits Hilfe zu holen, um diese oft tiefen Krisen und Belastungen aushalten und Kindern gut beistehen zu können.  

 

Weiterhin befinden sich auf der DVD zwei Spots von N.I.N.A., die über das Ausmaß von sexuellem Kindesmissbrauch informieren und daran appellieren, sich Hilfe zu holen. N.I.N.A. steht für Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen. Seit Mai 2014 hat N.I.N.A. die Trägerschaft und fachliche Leitung vom bundesweiten Hilfetelefon Sexueller Missbrauch übernommen. Über save-me-online.de bietet N.I.N.A. seit 2010 zudem spezialisierte Online-Beratung für ältere Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an.

Expert*innenkommentar zur Eignung des Materials für die primärpräventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

 

Zu „Glaub mir!“:
In den Animationsfilmbeispielen, insbesondere bei "Glaub mir!", werden die häufigsten Täter-Opfer-Konstellationen behandelt. Weibliche Tatpersonen kommen nicht vor. Ein Transfer zu anderen möglichen Tatpersonengruppen und Tatszenarien ist jedoch möglich. „Glaub mir!“ ist für die Aufklärung über sexualisierte Gewalt relativ gut geeignet. Auch und gerade für Basis-Fortbildungen von Mitarbeiter*innen und Ehrenamtlichen in Institutionen, die Verantwortung für Kinder und Jugendliche tragen, ist „Glaub mir!“ und „Unglaublich!“ sinnvoll und hat sich in der Praxis weitgehend bewährt. 

 

Beim Einsatz von „Glaub mir!“ mit Kindern und Jugendlichen, sollten ausgewählte Fallbeispiele vorbereitet werden. Es empfiehlt sich, nicht alle Fallbeispiele in einem Durchgang zu zeigen. Um genügend Konzentration für die gezielte Reflexion der einzelnen Fallgeschichten zu haben, ist es wichtig, für die Besprechung der einzelnen Fallgeschichten genügend Zeit einzuplanen. Die von Fallgeschichte zu Fallgeschichte sich steigernde Brisanz der Missbrauchsgeschehen und damit verbundenen Krisen der betroffenen Kinder und Herausforderungen, sich Hilfe zu holen, sind eine gute Dramaturgie des Materials und betonen zugleich die Notwendigkeit, die Fallgeschichten im Rahmen der Prävention unbedingt selektiv einzusetzen. Die Überschriften und Einführungen der Fallgeschichten mit den Namen der Protagonist*innen ermöglichen eine Fokussierung auf ihre Perspektive. Gleiches gilt für die Kinder-, bzw. Kommentarstimme. Dass das Bildmaterial unverkennbar englischen Ursprungs ist, stört nicht, irritiert höchstens ein wenig, wenn Kinder in der Fallgeschichte „Sam“ in Schuluniform auftreten. 

 

Besonders gelungen ist die Filmvignette „Sam“. Hier werden Übergriffe deutlich benannt („Ich musste seinen Pimmel anfassen.“). Darüber hinaus erfolgt die Andeutung komplexer innerer Konflikte, einschließlich der Verwirrung durch genitale Stimulationserfahrung wider Willen („…dass es mich manchmal angemacht hat“). Einbezogen werden auch die Einsamkeit und die Schuldgefühle von Sam und seine Sorge um die Folgen der Aufdeckung und das Gefühl, für die Belastungen verantwortlich zu sein („Es war so schlimm, ich habe mir fast gewünscht, ich hätte nie was gesagt.“) sowie die Darstellung der inneren Wut, die in Gewaltverhalten zum Ausdruck kommt. 

 

Im Fallbeispiel „Joe“ wird von „es“ und „diesen Dingen“ erzählt. Hier wird nicht klar genannt, was der Trainer macht. Das, was zu sehen ist und vom Sprecher angedeutet wird, wird zudem als sexueller Übergriff nicht deutlich genug. Positiv an diesem Filmbeispiel ist, dass erkennbar wird, dass auch Grenzverletzungen ein guter Grund für Beschwerden und Hilfeholen sind.    

 

An der ersten Fallgeschichte „Ruth“, wird sehr wirkmächtig suggeriert, dass erfolgreicher Selbstschutz Kindern leicht möglich ist, wenn man selbstbewusst genug auftritt. Dies ist kritisch zu sehen, bei allem Verständnis, dass die Ermunterung zur Wehrhaftigkeit hier die Intention der Redaktion sein dürfte. Die Irritation, die hohe Schamschwelle, die Unsicherheit in der Fähigkeit das Geschehen bzw. Ansinnen des Freundes des Vaters richtig bewerten zu können, die Sorge, jemanden Unrecht zu tun, die Furcht, nicht ernst genommen zu werden und sich nicht durchsetzen zu können, machen es Kindern alles andere als leicht, sich an diesem Filmvorbild Ruth orientieren zu können. Nicht nur betroffene Kinder, auch stillere Kinder und unsichere Kinder könnten hier in eine emotional prekäre Situation gebracht werden. 

 

Die sexuellen Übergriffe, bzw. Andeutungen dieser, sind in den verschiedenen Filmbeispielen zum Teil schwarz „eingekastelt“, was den Eindruck einer Tabuisierung („du sollst nicht sehen“) erwecken kann. Gleichzeitig kann die Art der Darstellung für Kinder mit geistigem Förderbedarf positiv sein, da auf das Wesentliche im Bild fokussiert wird. Dies würde aber ein längeres Einblenden erforderlich machen, damit es erfasst werden kann.

 

In den Filmbeispielen wird überwiegend dargestellt, dass Selbsthilfe und Hilfe holen gelingt. Einerseits ist es notwendig, betroffene Kinder und Jugendliche zum Sprechen und Hilfe holen zu ermuntern, andererseits ist das Gelingen nie sicher und der Weg oft ein sehr mühevolles Unternehmen. Diesen Aspekt gilt es bei der Nachbesprechung zu beachten.

 

Das Tempo des Films „Glaub mir“ ist sehr hoch. Die Sprache der jungen Sprecher*innen bei den einzelnen Filmbeispielen ist schnell. Daher ist es wichtig zu überprüfen, ob die gut durchdachten Texte in der Geschwindigkeit von der Zielgruppe aufgenommen werden können. Dies gilt ebenfalls für die gesprochenen Zwischentexte vor und nach den jeweiligen Filmbeispielen. Eine weitere Unruhe tritt dadurch auf, dass diese Sequenzen mit den im Bild hecktisch durchlaufenden Kärtchen noch vergrößert werden. Diese Zwischentexte beinhalten grundlegende Informationen. Daher ist es wichtig, beim Einsatz mit Kindern und Jugendlichen darauf zu achten, den Film ggf. verlangsamt abzuspielen, Pausen einzulegen und den Film zu stoppen, damit die Informationen besprochen und richtig aufgenommen werden können. 

 

Die Musik untermalt übermäßig die Dramatik des zu Sehenden und ist im Verhältnis zu den Sprechstimmen zu laut. Ein gutes Maß von emotionaler Distanz ist dadurch nicht gewährleistet.

 

Zu „Unglaublich!“: 

In den Filmvignetten „Unglaublich!“ werden auf sehr dichte Weise die wichtigsten typischen Krisenaspekte nach der Aufdeckung für Eltern skizziert. Als erstes wird vermittelt, dass die Kinder geschützt werden müssen, auch, wenn noch nicht ganz klar ist, ob die wirklich missbraucht worden sind. Die Fokussierung auf Beweggründe der Kinder, zu schweigen, ihre Angst vor den Konsequenzen der Aufdeckung wird in der Kürze der einzelnen Sequenzen dargestellt. Es wird darüber informiert, dass Tatpersonen oft sehr gut im Manipulieren von Beziehungen sind und Angehörige, potentiell schützende Personen, auf schmerzhafte Weise erkennen und aushalten müssen, ihrerseits Opfer von Vertrauensmissbrauch geworden zu sein.

 

Ein Transfer der dargestellten Belastungen für die Erwachsenen auf andere Personen in anderen Systemen, wie Schule, Kita oder Kinderheim, ist möglich. Es wäre sinnvoll darauf hinzuweisen, dass auch ins Vertrauen gezogene Lehrer*innen, Erzieher*innen oder Betreuende anderer Berufsgruppen, mit annähernd gleichen Herausforderungen zu tun bekommen, wie Familien. Hier sei nur die Gefahr der Spaltung von Systemen angeführt, die prominent in „Unglaublich!“ thematisiert wird. 

 

Gleichwohl gibt es auch hier einige Kritikpunkte anzumerken: Nachdem ein Kind von widerfahrener sexualisierter Gewalt erzählt hat, ist es sehr bedenklich, wenn gleich zu Anfang nahegelegt wird, umgehend die Polizei einzuschalten und damit über den Kopf des Kindes hinweg zu handeln. Im Fall einer Beziehungstat wird aller Erfahrung nach, das Kind aus Gründen der Loyalität und Bindung und Ängsten vor den Folgen der Aufdeckung, keine Aussagen machen. Jedes Verfahren wird eingestellt, sofern keine Zeug*innen oder materialisierten Beweise die Aussage des Kindes ersetzen. Ganz abgesehen von den, mit dem weiteren Verfahren unweigerlich entstehenden, Belastungen für das Kind. Die Konsultation einer Fachberatungsstelle sollte immer an erster Stelle stehen. Das lediglich Polizei, Gerichte und Behörden als Institutionen in den Sequenzen eine Rolle spielen, ist ein großer Mangel. Es ist wichtig, die niedrigschwelligen und unabhängig arbeitenden Fachberatungsstellen nicht nur zu nennen, sondern als Schutzraum klar zu favorisieren, mindestens aber als gleichrangig darzustellen.

 

Es wird in „Unglaublich!“ weiter angerissen, dass betroffene Kinder unterschiedlichste Folgesymptome erleiden, die für Angehörige schwer auszuhalten und zu begleiten sind. Dieser Themenkomplex, der auch die Vertiefung des Verständnisses für Trauma und Traumafolgestörungen zum Gegenstand hat, erfordert viel mehr Aufmerksamkeit.                                                                                               


Zu „Guten Abend, gute Nacht!“:

Die der DVD angehängten, kurzen Spots sind emotional übermäßig aufgeladen. Zudem wird in dem von einer Kinderstimme gesungenen Lied Gott bemüht, damit der Missbrauch entdeckt wird und damit eine Übermacht in die Verantwortung gezogen. Damit wird die eigentliche Intention von „Glaub mir!“ und „Unglaublich!“ gerade zu konterkariert. Diese Spots sollten nicht gezeigt werden.  

 

Fazit:

Trotz dessen, dass der 2003 entwickelte Film in seiner technischen Machart für Kinder und Jugendliche heute nicht mehr besonders attraktiv ist, ist der Einsatz von „Glaub mir!“ für die Aufklärungsarbeit mit gut begleiteten Kindern zu empfehlen. Auch der Film „Unglaublich!“ kann trotz der Einschränkungen sinnvoll in Präventionsschulungen eingesetzt werden. Es gibt kaum geeignetes und so prägnantes Filmmaterial, das die komplexen Aspekte zum Thema wie diese Animationsfilme behandelt. Bei der Arbeit mit dem Material ist es wichtig, die genannten kritischen Aspekte und Defizite möglichst im Rahmen der Reflexion zu berücksichtigen.


Wichtige Informationen des Forschungsteams und Reflexionsleitfaden

 

Die Expert*innenkommentare bilden nicht die Vollständigkeit aller relevanten Aspekte ab und geben die Meinungen von Einzelpersonen wieder, die nicht die Meinung des Forschungsteams widerspiegeln müssen. Ausführliche Informationen zum Forschungsdesign finden Sie hier

 

Die Expert*innenkommentare unterscheiden sich in Länge und Gewichtung von allgemeinen und spezifischen Anmerkungen. Einige Kommentare beinhalten allgemeine kritische Anmerkungen zur Präventionsarbeit, mit Kindern und Jugendlichen als primäre Zielgruppe, die auch auf andere Materialien, im Kontext der Prävention sexualisierter Gewalt, übertragen werden können.

 

Bitte berücksichtigen Sie, dass aufgezeigte Lücken des Materials, ggfls. durch Zuhilfenahme von anderen Materialien, Modifizierungen sowie mündliche Zusatzinformationen etc. geschlossen werden können.

 

Hierfür steht Ihnen zur vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Material ein, im Forschungsprojekt entwickelter, kriteriengestützter Reflexionsleitfaden zur Verfügung. Den Reflexionsleitfaden finden Sie hier 

Informationen zum Kommentar

Die Inhaltsangaben und Expert*innenkommentare wurden von Tandems, bestehend aus Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis, vor dem Hintergrund ihrer fachlichen Perspektive vorgenommen und vom Forschungsteam redaktionell überarbeitet. mehr

Empowermentkritik

Empowerment ist ein bedeutsamer Ansatz, allerdings dürfen dabei reale Machtverhältnisse nicht ausgeblendet werden. Es besteht eine Diskrepanz zwischen subjektiv gestärkter Vorstellung von Selbstbestimmung und Wirkmächtigkeit auf der einen und realer Ohnmacht gegenüber Gewalthandlungen von Täter*innen auf der anderen Seite. Dies kann die Selbstzuschreibung von Verantwortung für die Tat und Schuldgefühle bei Opfern sexualisierter Gewalt massiv verstärken.

Diversity

Es ist wichtig Kinder und Jugendliche in ihrer Verschiedenheit und Gleichheit wahrzunehmen und zu achten. Dafür ist eine diversitätssensible Präventionsarbeit notwendig.