Expert*innenkommentarzum Medium

Allgemeine Informationen zum Material: ECHT KRASS! Jugendliche und sexuelle Gewalt. Präventionsmaterial für Schule und Jugendhilfe. (Unterrichtsmaterialien: Wo hört der Spaß auf?)    

Titel ECHT KRASS! Jugendliche und sexuelle Gewalt. Präventionsmaterial für Schule und Jugendhilfe. (Unterrichtsmaterialien: Wo hört der Spaß auf?)
Autor*in o. Projektleitung Delphendahl, Sinje; Zeiher, Pia
Herausgeber o. Institution PETZE-Institution für Gewaltprävention gGmbH
Erscheinungsjahr u. Auflage 2012, 1. Auflage
Umfang 108 Seiten
ISBN 978-3-9809659-4-1
Land Deutschland
Bestellmöglichkeit PETZE-Institution für Gewaltprävention gGmbH
Preis 15,00 € zzgl. Versand
Medienformat/Form Unterrichtsmaterialien
Angegeben Altersempfehlung ab Klasse 7

Inhaltliche Beschreibung

Bei dem Material „Echt Krass! Jugendliche und sexuelle Gewalt. Präventionsmaterial für Schule und Jugendhilfe.“ handelt es sich um ein Begleitbuch für Lehrer*innen und Fachkräfte der Jugendhilfe zur Ausstellung „ECHT KRASS!“, die sich mit unterschiedlichen Facetten sexualisierter Gewalt auseinandersetzt.

Jugendliche werden im Präventionsmaterial nicht nur als potenzielle Betroffene, sondern ebenfalls als potenzielle Täter*innen adressiert. Das Buch begleitet die Präventionsthemen der Ausstellung mit zahlreichen Informationen, Arbeitsbögen und Übungen. Es kann jedoch auch unabhängig von der Ausstellung eingesetzt werden, da alle Informationen aus der Ausstellung in Form von Arbeitsbögen aufbereitet sind. Zielgruppe des Materials sind Jugendliche ab der 7. Klasse.

 

Zusätzlich zum Printmaterial gibt es ein Onlineangebot, was zusätzlich zum Buch genutzt werden kann http://www.echt-krass.info

 

Folgende Themen werden zentral bearbeitet:

  • Sexismus (u.a. werden Beispiele aus der Werbung und Musik aufgegriffen, um Jugendliche dazu anzuregen, Schönheitsideale zu hinterfragen und zu reflektieren, was sie als sexistisch empfinden. Thematisiert wird auch, dass nicht nur Mädchen/Frauen, sondern auch Jungen/Männer sexistische Abwertung erfahren können.)
  • Sexuelle Übergriffe im Internet (Thematisierung von Sicherheitstipps für das Chatten, „alarmverdächtigen Fragen“, Handlungswissen zur Intervention)
  • Pornografie (Anregungen zur Reflexion sexualbezogener Mythen, wie z.B. „Alle stehen auf Analsex“, Reflexion von Vorurteilen bezüglich des Pornografiekonsums)
  • Flirten und Anmachsprüche (Reflexion kommunikationsbezogener Grenzen und Förderung einer grenzachtenden Kommunikationskultur: Was empfinde ich als Flirt, was als „blöde“ Anmache oder Belästigung? Wie kann ich handeln, wenn die Grenze überschritten wurde? Hier wird u.a. auch thematisiert, dass sich Betroffene oft selbst die Schuld geben. Darüber hinaus werden Jugendliche als Bystander in den Blick genommen.
  • Sexualität im Jugendalter  
  • Grenzwahrungen in ersten Beziehungen: Reflexion der eigenen sexualbezogenen Grenzen sowie der Grenzen anderer.
  • Selbstbestimmte Sexualität oder Übergriff? Wo hört der Spaß auf?
  • Auseinandersetzung mit Stereotypen/ Rollenklischees („Jungen sind triebgesteuert“, „Mädchen, die viel Sex haben, sind Schlampen“ etc.)
  • In Bezug auf Sexualkontakte unter Jugendlichen wird thematisiert, dass es wichtig ist, klar zu kommunizieren, was man möchte und was nicht (Berücksichtigung von „token resistance“ = Ablehnung sexueller „Angebote“ trotz vorhandener Bereitschaft: Nein sagen, Ja meinen und „compliance“ = Einwilligung in sexuelle Kontakte bei fehlender Bereitschaft: Ja sagen, Nein meinen
  • Gruppendruck und gruppendynamische Aspekte von Mobbing
  • Sexualisierte Gewalt in unterschiedlichen Kontexten (z.B. Familie, Zwangsheirat, Teenagerbeziehung), verschiedene Beispiele für mögliche Tatpersonen (z.B. Großvater, Bruder, Trainer etc.). Auch Frauen werden als Täterinnen genannt.
  • Mythen und Realitäten sexualisierter Gewalt
  • Rechtliches Sachwissen zu den Themen Sexualisierte Gewalt, Recht am eigenen Bild, Recht auf Beratung, Hilfe und Schutz in Notsituationen, Pornografie
  • Folgen sexualisierter Gewalt
  • Hilfe-Holen (Thematisierung von Hemmschwellen, Ansprechpersonen) 

 

Das Material beinhaltet neben den Arbeitsmaterialien zahlreiche Informationen zum Thema, Medientipps (z.B. Hinweise zu Filmclips, die zur weiterführenden Bearbeitung der Thematik eingesetzt werden können), Vorschläge für vertiefende Übungen, wichtige Hinweise zum Arbeiten in geschlechtergetrennten oder koedukativen Gruppen, eine Auflistung wichtiger Beratungsangebote u.v.m.

Expert*innenkommentar zur Eignung des Materials für die primärpräventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

 

Das Material ist insgesamt eine sehr gelungene Vorlage für die Präventionsarbeit zu verschiedenen Themen rund um verschiedene Formen sexualisierter Gewalt. Es bietet die Möglichkeit eines methodisch abwechslungsreichen Zugangs zum diesem Thema. Das Material gibt Anregungen zur Selbstreflexion für Jugendliche und schlägt unterschiedliche Übungen zur Auslotung eigener Grenzen und zur Förderung der Akzeptanz der Grenzen anderer vor.

 

Sexualisierte Gewalt, Übergriffe und Grenzüberschreitungen werden deutlich benannt und aus den unterschiedlichen Perspektiven (Betroffene, Täter*innen, ggf. Bystander) beleuchtet. 

 

Sprachlich und visuell ist das Material nah an der Lebenswelt der Jugendlichen. 

 

In Bezug auf sexualisierte Gewalt im Kontext digitaler Medien ist eine Aktualisierung erforderlich, denn es wird nicht durchgehend auf die heutigen medialen Tatorte sexueller Übergriffe oder Belästigungen wie YouNow, YouTube, Snapchat oder WhatsApp hingewiesen. An einigen Stellen fehlt der Onlinebezug, z.B. bei „Netter Flirt“. Auch das Thema Mobbing bezieht sich nur auf den physischen Raum, Cybermobbing wird nicht thematisiert.

 

In der Arbeit mit dem Material ist es daher wichtig, themenübergreifend auch sexuelle Viktimisierung in Onlinemedien, Kinderpornografie, Cybergrooming, das Phänomen Loverboys, Cybermobbing etc. einzubeziehen.

 

Teil 1: Ausstellung:

Im Begleitmaterial zur Ausstellung wird das Thema sexualisierte Gewalt in unterschiedlichen Facetten thematisiert. Dabei wird auch die sexualbezogene Mediennutzung im Jugendalter in den Blick genommen. Bei den Arbeitsmaterialien „Alles Porno oder was?!“ ist zu überlegen, ob die Darstellung mit Ken und Barbie sowie der Sprachstil der Statements in der angeführten Aufgabe für die Zielgruppe passend sind.

 

Teil 2. Vertiefende Information und Übungen:

Die vertiefenden Informationen und Übungen sind überwiegend sehr gut gelungen. Hier wird neben der rechtlichen Einordnung, insgesamt sehr gut auch auf die mediale Kommunikation fokussiert. Vor allem zielen die Übungen auf Reflexion, Selbstaufmerksamkeit und Kritikfähigkeit ab, was positiv zu bewerten ist. Auch das Aufzeigen von Handlungsweisen, eines „Notfallplans“ sozusagen, sowie das benennen von Hilfsangeboten ist nützlich. Gut gelungen ist die Betrachtung des Internets (Videochat etc.) im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt, denn dies ist der heutige „Tummelplatz“ von Kindern, Jugendlichen und Pädokriminellen.

 

Im Bereich „Law & Order“ ist es wichtig, ergänzend auf das neue Cybergrooming Gesetz hinzuweisen.

 

Auf Seite 49 wird angesprochen, dass Pornografiekonsum für Minderjährige verboten ist. Dies ist sachlich allerdings leider falsch. Hier ist es wichtig, darauf zu verweisen, dass sich Jugendliche nicht strafbar machen, wenn sie „normale“ (Mainstream)-Pornografie nutzen. Strafbar ist jedoch die Verbreitung von Pornografie an Jugendliche, wie z.B. das Weiterleiten von Pornoclips mit dem Smartphone.

 

Insgesamt ist das Material für die Präventionsarbeit aber sehr gut geeignet. Als Ergänzung zu den ausdifferenzierten Arbeitsmaterialien beinhaltet das Material zahlreiche Informationen zum Thema, Medientipps (z.B. Hinweise zu Filmclips, die zur weiterführenden Bearbeitung der Thematik eingesetzt werden können), wichtige Hinweise zum Arbeiten in geschlechtergetrennten oder koedukativen Gruppen, eine Auflistung wichtiger Beratungsangebote u.v.m. Die oben aufgezeigten Kritikpunkte lassen sich durch ergänzende Informationen oder durch gemeinsame Beleuchtung der Punkte mit Jugendlichen gut besprechen. 

Wichtige Anmerkungen des Forschungsteams und Reflexionsleitfaden

 

Die Expert*innenkommentare bilden nicht die Vollständigkeit aller relevanten Aspekte ab und geben die Meinungen von Einzelpersonen wieder, die nicht die Meinung des Forschungsteams widerspiegeln müssen. Ausführliche Informationen zum Forschungsdesign finden Sie hier

 

Die Expert*innenkommentare unterscheiden sich in Länge und Gewichtung von allgemeinen und spezifischen Anmerkungen. Einige Kommentare beinhalten allgemeine kritische Anmerkungen zur Präventionsarbeit, mit Kindern und Jugendlichen als primäre Zielgruppe, die auch auf andere Materialien, im Kontext der Prävention sexualisierter Gewalt, übertragen werden können.

 

Bitte berücksichtigen Sie, dass aufgezeigte Lücken des Materials, ggfls. durch Zuhilfenahme von anderen Materialien, Modifizierungen sowie mündliche Zusatzinformationen etc. geschlossen werden können.

 

Hierfür steht Ihnen zur vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Material ein, im Forschungsprojekt entwickelter, kriteriengestützter Reflexionsleitfaden zur Verfügung. Den Reflexionsleitfaden finden Sie hier 

Informationen zum Kommentar

Die Inhaltsangaben und Expert*innenkommentare wurden von Tandems, bestehend aus Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis, vor dem Hintergrund ihrer fachlichen Perspektive vorgenommen und vom Forschungsteam redaktionell überarbeitet. mehr

Empowermentkritik

Empowerment ist ein bedeutsamer Ansatz, allerdings dürfen dabei reale Machtverhältnisse nicht ausgeblendet werden. Es besteht eine Diskrepanz zwischen subjektiv gestärkter Vorstellung von Selbstbestimmung und Wirkmächtigkeit auf der einen und realer Ohnmacht gegenüber Gewalthandlungen von Täter*innen auf der anderen Seite. Dies kann die Selbstzuschreibung von Verantwortung für die Tat und Schuldgefühle bei Opfern sexualisierter Gewalt massiv verstärken.

Diversity

Es ist wichtig Kinder und Jugendliche in ihrer Verschiedenheit und Gleichheit wahrzunehmen und zu achten. Dafür ist eine diversitätssensible Präventionsarbeit notwendig.