Expert*innenkommentarzum Medium

Allgemeine Informationen zum Material: 

Das kummervolle Kuscheltier. Ein Bilderbuch über sexuellen Missbrauch. Für betroffene Kinder und ihre Vertrauenspersonen.

 

 

Titel Das kummervolle Kuscheltier. Ein Bilderbuch über sexuellen Missbrauch. Für betroffene Kinder und ihre Vertrauenspersonen.
Autor*in o. Projektleitung Lauer, Katrin; Bley, Anette
Herausgeber*in o. Institution Vorwort von Klaus Neumann, Kinderschutzzentrum München
Erscheinungsjahr 2006
Umfang 32 Seiten
Land Deutschland
Verlag arsEdition GmbH, München
ISBN 3760612002
Bestellmöglichkeit Buchhandel
Preis 12,95 €
Medienformat/Form Kinderbuch

Inhaltliche Beschreibung

Das Bilderbuch „Das kummervolle Kuscheltier. Ein Bilderbuch über sexuellen Missbrauch. Für betroffene Kinder und ihre Vertrauenspersonen“ beschreibt den Entscheidungsprozess eines Mädchens von ca. 4/ 5 Jahren über den sexuellen Missbrauch durch den Freund der Mutter zu sprechen und Hilfe zu suchen.

 

Hauptperson ist neben dem Mädchen Britt, die bereits den Kindergarten besucht, ihr Kuscheltier Landolin, ein großer gelber Plüsch-Hund. Eine weitere Person ist Frau Fröhlich, die Nachbarin.

 

Britt und Landolin werden als Freunde beschrieben, die alles zusammen machen, viel Spaß haben und vor allem zusammen kuscheln. Britt erzählt ihm alle ihre Geheimnisse, auch das aktuelle, sehr belastende. Landolin möchte Britt helfen und weiß nicht wie, denn er kann nicht sprechen. 

 

Britt erzählt von dem Freund der Mutter, der bei ihnen wohnt und das Mädchen sexuell missbraucht. Landolin wird darüber wütend und kann plötzlich sprechen. Er sagt Britt, dass niemand das mit ihr tun darf, weil es weh tut und böse ist. Er erklärt Britt, dass sie kein Kuscheltier und nicht zum Spielen da ist. Parallel werden sowohl Szenen von Übergriffen des Mannes als auch Szenen vom Spiel mit Landolin gezeigt. Landolin ergreift erneut die Initiative und sagt, dass Hilfe geholt werden soll.

 

Beide überlegen und fassen einen Entschluss. Statt in den Kindergarten geht Britt mit Landolin zur Nachbarin Frau Fröhlich und offenbart sich ihr. Die Nachbarin reagiert sehr einfühlsam und klar. Das Buch endet damit, dass Frau Fröhlich Britt tröstet und in einer Fachberatungsstelle anruft.

 

Das Buch verfügt über ein Vorwort von Dr. Klaus Neumann, welches wichtige Hinweise auf die Nutzung des Materials gibt, sowie Hinweise für erwachsene Helfer*innen zu Fachberatungsstellen zum Schluss des Buches. 

Expert*innenkommentar zur Eignung des Materials für die primärpräventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

 

Das Bilderbuch richtet sich explizit, wie im Untertitel angegeben, an betroffene Kinder und ihre Vertrauenspersonen und damit an Kinder, die bereits sexualisierte Gewalt erlebt haben. 

 

Britt und Landolin sind zwei sehr sympathische Identifikationsfiguren. Das große, schlaksige, plüschige Wesen und das stämmige kleine Mädchen sind ein gelungenes Paar.

 

Beide Figuren werden genutzt, um verschiedene Gefühle und Affekte zu benennen. So kann (positiv gesehen) sowohl eine Vielfalt an möglichen emotionalen Zuständen als auch eine unterschiedliche Gewichtung durch die Verteilung auf zwei Figuren dargestellt werden. Dies ermöglicht ein breiteres Identifikationsangebot für Kinder.

 

Sexualisierte Gewalt wird im Buch explizit thematisiert. Dies wird jedoch auf sprachlicher Ebene und auf der Ebene der Bilder unterschiedlich realisiert. Die Bilder zeigen sexuelle Übergriffe explizit. Gezeigt wird der nackte, nicht erigierte Penis des Täters. Gezeigt wird auch, dass er Britt die Hose auszieht und unter ihr Hemd fasst. Sprachlich findet die Thematisierung deutlich zurückhaltender und auch unklarer statt. Die Vorgänge werden bezeichnet mit „Geheimnis“ und „er will spielen“ und „er tut ihr sehr weh“. Beim gemeinsamen Betrachten und Lesen des Buches mit einem Kind könnten Begriffe für Körperteile ergänzt werden, um dem bisher nicht Besprechbaren erste Wörter und Bezeichnungen anzubieten und dadurch das gemeinsame Sprechen über die Szenen zu ermöglichen.

 

Gute Geheimnisse und schlechte Geheimnisse werden unterschieden und explizit die Notwendigkeit Hilfe zu holen benannt. Die Nachbarin ist ein gut gewähltes Beispiel für eine Person, der sich Britt anvertrauen kann. Sie kennt sich aus, holt professionelle Hilfe, agiert nicht selbst, bestätigt Britts Gefühle und reagiert zugewandt.

 

Die Figur des Kuscheltieres wird im Material explizit als Identifikationsobjekt eingesetzt und ermöglicht es manchen Kindern, dadurch einen Zugang zu dem schwierigen Erleben zu bekommen. Wichtig wäre von Seiten der Fachkraft zu berücksichtigen, dass möglicherweise aufgrund unterschiedlicher früher Interaktionserfahrungen oder kognitiver Defizite die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Phantasie- und Realitätsebene nicht bei allen Kindern altersgemäß entwickelt ist. Es könnte sonst das Missverständnis entstehen, das Kuscheltier könnte auch Hilfe holen. Dies wäre im gemeinsamen Gespräch mit den Kindern zu thematisieren.

 

Irritierend könnte auf den ersten Blick sein, dass Britt zwar mit ihrer Mutter zusammenlebt, diese aber nur schemenhaft vorkommt: sie holt in einem Bild ihren neuen Freund in die Familie, in einem anderen Bild ist sie gesichtslos beim Aufräumen zu sehen. Im Vorfeld der erfolgreichen Hilfesuche hat die Mutter offensichtlich die nonverbalen Signale der Tochter, wie die gemalten Bilder vom Missbrauch, die unter dem Bett lagen, durch Wegschauen ignoriert. Bezugspersonen als Bystander (Personen, die eher zuschauen und nicht helfen), machen eine Hilfesuche bei anderen Personen zwar plausibel, für kindliche Leser*innen ist hier der begleitende Kommentar bzw. eine Erklärung durch die Präventionsfachkraft dann allerdings besonders wichtig. Denn Vierjährige wenden sich vermutlich eher an Familienmitglieder, als an Außenstehende, wenn es ihnen nicht gut geht, es sei denn, sie haben schlechte Erfahrungen gemacht.

 

Nicht alle Kinder haben eine Person wie Frau Fröhlich zur Nachbarin und die Botschaft im Vorwort „es gibt jemanden, dem du vertrauen kannst“ trifft ebenfalls nicht für alle Kinder zu. Hier ermöglicht die einerseits vielleicht zu schemenhafte Darstellung der Mutter andererseits ein vermutlich breiteres Projektions- und Identifikationsangebot für betroffene oder gefährdete Kinder. Kinder im Alter von 4-5 Jahren beginnen über die Intentionen und Absichten anderer Menschen explizit nachzudenken, insofern bietet eine eher vage gehaltene Figurendarstellung hier die Möglichkeit für eine Ausgestaltung durch die Kinder selbst im Dialog mit erwachsenen Leser*innen.

 

Kritisch zu sehen ist die Rangordnung, in der Hilfsmöglichkeiten im Nachwort vorgestellt werden. Unabhängige, spezialisierte Einrichtungen werden an dritter und letzter Stelle nach Jugendämtern und kirchlichen Trägern genannt. 

 

Das Buch enthält viele Impulse für die Arbeit mit Kindern im Bereich der Sekundärprävention. Die Zielgruppen der Prävention lassen sich jedoch nicht so einfach disjunkt trennen, es gibt häufiger den Fall, dass innerhalb einer Gruppe für einige Kinder die Arbeit primärpräventiv ist und für andere aufgrund der Vorerfahrungen sekundärpräventiv. Vor diesem Hintergrund lässt sich in beiden Fällen das Buch nutzen, um ins Gespräch zu kommen, wobei die genannten Einschränkungen wie auch die potentielle suggestive Wirkung des intensiven Bildmaterials durch einfühlsames und reflektiertes Vorangehen der Fachkraft im Tempo des Kindes ausgeglichen werden können.

Wichtige Anmerkungen des Forschungsteams und Reflexionsleitfaden

 

Die Expert*innenkommentare bilden nicht die Vollständigkeit aller relevanten Aspekte ab und geben die Meinungen von Einzelpersonen wieder, die nicht die Meinung des Forschungsteams widerspiegeln müssen. Ausführliche Informationen zum Forschungsdesign finden Sie hier

Die Expert*innenkommentare unterscheiden sich in Länge und Gewichtung von allgemeinen und spezifischen Anmerkungen. Einige Kommentare beinhalten allgemeine kritische Anmerkungen zur Präventionsarbeit, mit Kindern und Jugendlichen als primäre Zielgruppe, die auch auf andere Materialien, im Kontext der Prävention sexualisierter Gewalt, übertragen werden können.

 

Bitte berücksichtigen Sie, dass aufgezeigte Lücken des Materials, ggfls. durch Zuhilfenahme von anderen Materialien, Modifizierungen sowie mündliche Zusatzinformationen etc. geschlossen werden können.


Hierfür steht Ihnen zur vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Material ein, im Forschungsprojekt entwickelter, kriteriengestützter Reflexionsleitfaden zur Verfügung. Den Reflexionsleitfaden finden Sie hier 

Informationen zum Kommentar

Die Inhaltsangaben und Expert*innenkommentare wurden von Tandems, bestehend aus Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis, vor dem Hintergrund ihrer fachlichen Perspektive vorgenommen und vom Forschungsteam redaktionell überarbeitet. mehr

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