Expert*innenkommentarzum Medium

Allgemeine Informationen zum Material: 

Alles Liebe? Eine Geschichte über Freundschaft, Achtung und Gewalt.

 

 

Titel Alles Liebe? Eine Geschichte über Freundschaft, Achtung und Gewalt.
Autor*in o. Projektleitung Elmer, Corinna; Fries, Brigitte
Herausgeber*in o. Institution Limita, Fachstelle zur Prävention sexueller Ausbeutung von Mädchen und Jungen
Erscheinungsjahr 2006
Umfang 38 Seiten Comic + 56 Seiten Begleitmanual (beides A4)
Land Schweiz
ISBN Sachcomic 9783906413310; Begleitmanual 9783906413327
Bestellmöglichkeit Limita Zürich (zurzeit beides vergriffen)
Downloadmöglichkeit Comic: https://limita.ch/app/uploads/2018/01/Limita_Comic_Alles_Liebe.pdf Manual: https://limita.ch/app/uploads/2018/01/Limita_Manual_Alles_Liebe.pdf
Preis Download kostenfrei; Bestellung Paket 26,50 €; Comic 19,50 €, Manual 9,80 €; Download kostenfrei; Bestellung Paket 26,50 €; Comic 19,50 €, Manual 9,80 €
Medienformat/Form Comic und Manual
Angegebene Altersempfehlung Zielgruppe: Jugendliche mit einer leichten bis mittelschweren geistigen Behinderung

Inhaltliche Beschreibung

 

Comic

 

Der Comic erzählt die Geschichte von Lena, einem jugendlichen Mädchen, das in einer Wohngruppe lebt. Sie ist mit Jan zusammen, der bei seinen Eltern wohnt und noch zur Schule geht. Lena liebt Pferde und reitet sehr gerne. Wenig Platz beim gemeinsamen Fernsehgucken in der Wohngruppe mag sie nicht. Sie arbeitet in einer Gärtnerei und ihr Lehrmeister heißt Herr Gerber.

 

Jan ist gerne bei den Pfadfindern oder trifft sich mit seinem Freund Manuel. Er mag es nicht, wenn sein Sportlehrer in hart anfasst. Auch er reitet gerne und so lernt er Lena kennen und die beiden werden ein Paar.

 

Jan wünscht sich mehr körperliche Nähe. Er möchte Lena küssen und ihren Körper berühren. Sie möchte das aber nicht. Sie sagt ihm das klar und Jan ist daraufhin traurig und fragt Manuel, ob Lena ihn vielleicht gar nicht mag. Manuel erklärt ihm, dass in der Liebe nicht immer beide das Gleiche wollen und daher Grenzen geachtet werden müssen.

 

In der Gärtnerei zeigt Herr Gerber Lena seine Orchideensammlung. Er umarmt sie und macht ihr Komplimente. Lena hat dabei ein komisches Bauchgefühl. Dann greift er Lena an ihre Brust und küsst sie auf den Mund. Obwohl sie das nicht möchte und sich wehrt, hört er nicht damit auf. Er sagt ihr danach, sie dürfe nicht darüber reden, weil sie sonst nicht mehr in der Gärtnerei arbeiten dürfe.

 

Daraufhin geht es Lena schlecht. Sie möchte gerne mit Bettina, ihrer Mitbewohnerin darüber reden, traut sich aber nicht, weil sie sich schämt. Als sie am nächsten Morgen nicht aufstehen will, fragt ihre Betreuerin Daniela genauer nach und Lena erzählt ihr, was passiert ist. Daniela sagt ihr, dass sie sehr mutig sei und sie keine Schuld trifft – das sei sexueller Missbrauch. Lena geht in den nächsten Tagen zunächst nicht zur Arbeit. Bald darauf ist Herr Gerber nicht mehr bei der Arbeit und Lena kann wieder dorthin gehen. Anfangs wird sie noch von einer Betreuerin begleitet. Lena erzählt Jan, was ihr widerfahren ist und er ist froh, dass die Polizei sich kümmert. Jan akzeptiert Lenas Grenzen weiterhin und die beiden haben Spaß. Am Wochenende, wenn Lena bei ihren Eltern zu Besuch ist, darf Jan sogar mit bei Lenas Eltern schlafen, weil sie ihn kennenlernen wollten.

 

Manual

 

Das 56-seitige Manual „Alles Liebe“ ist unterteilt in drei Hauptkapitel:

 

  1.  „Ein Comic zur Prävention sexueller Ausbeutung?“ mit fünf Unterkapiteln,
  2. „Die einzelnen Kapitel“ mit 13 Unterkapiteln und
  3. „Anhang“ mit drei Unterkapiteln. 

 

Im ersten Teil werden ausführliche Grundlagenkenntnisse zu sexualisierter Gewalt an Menschen, die eine Behinderung aufweisen, vermittelt. In Bezug auf die Prävention werden drei Aspekte hervorgehoben, nämlich „Aufklärung und Information“, „Verringerung von Abhängigkeiten und generelle Stärkung von Ich-Kompetenzen“, „Vermittlung sowie Training von Handlungsstrategien und Hilfsmöglichkeiten“. Es folgen Ausführungen zu den Beweggründen, einen Comic als Medium auszuwählen. 

 

Anschließend werden im Hauptteil des Manuals die einzelnen Kapitel des Comics besprochen. Zu jeder Szene des Comics werden ausführliche Hintergrundinformationen und Tipps zusammengetragen (Geschichte, Idee, Vorschläge zur Umsetzung, weiterführende Links).

 

Abschließend werden in dem Manual Webadressen und eine Literaturliste angeführt. 

Expert*innenkommentar zur Eignung des Materials für die primärpräventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

 

Comic

 

Eine Besonderheit des Comics „Alles Liebe?“ ist die Einbeziehung des Lebensweltkontextes von Lena und Jan. Lena lebt in einer stationären Einrichtung der Behindertenhilfe und arbeitet in einer Gärtnerei. Jan lebt bei seinen Eltern und geht noch zur Schule. Der Lebensweltkontext von Menschen mit Behinderung wird in Präventionsmaterialien nur selten aufgegriffen, obwohl es wichtig ist, diesen mitzudenken und zu berücksichtigen. 

 

Die Auseinandersetzung mit Gefühlen und Bedürfnissen findet gleich zu Beginn der Geschichte statt. Dies regt dazu an, sich mit eigenen Empfindungen auseinanderzusetzen und den eigenen Gefühlen, angenehmen so wie unangenehmen, zu trauen. Als negativ für die beiden Protagonisten werden Situationen beschrieben, in denen die individuellen Grenzen im Alltag überschritten werden, was auch beim Erarbeiten mit der Zielgruppe genutzt werden kann, um eigene Grenzen zu reflektieren. Anschließend wird kurz dargestellt, wie sich Lena und Jan in Bezug auf ihre individuellen körperlichen Veränderungen in der Pubertät fühlen. Positiv ist hierbei, dass die Auseinandersetzung mit Körperlichkeit im sexualpädagogischen Sinne, Sexualität und Beziehung unabhängig von und zeitlich vor der sexualisierten Gewalt thematisiert und dargestellt wird. In den Kapiteln „Lena sagt Stopp!“ und „Jan ist traurig“ werden die individuellen persönlichen Grenzen von Jugendlichen, in Bezug auf erste sexuelle Kontakte, thematisiert. Damit kann eine Reflexion der eigenen Grenzen angeregt und verdeutlicht werden, z.B., dass es richtig und wichtig ist, Bedürfnisse in Bezug auf sexuelle Kontakte klar zu kommunizieren. Verstärkt wird dies durch den Austausch mit Jans gutem Freund Manuel. Er nimmt Jans Angst davor, dass Lena ihn nicht mehr mag, ernst und bestärkt ihn darin, Lenas Grenzen zu achten.

 

Anschließend wird sexualisierte Gewalt thematisiert. Die Groomingstrategien des Täters beginnend mit Vertrauensaufbau, über Geschenke, besondere Privilegien, bis hin zu Komplimenten werden sehr realitätsnah dargestellt.

 

Die Tatperson kommt aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen und es besteht ein Abhängigkeitsverhältnis. Der Übergriff wird bildlich dargestellt. Die Zeichnung zeigt, wie der Täter Lena auf den Mund küsst und ihre nackte Brust anfasst. Ihre Mimik und Gestik zeigen deutlich, dass Lena den Übergriff als unangenehm erlebt. Im Text wird die Ambivalenz ihrer Gefühle zum Ausdruck gebracht. Einerseits mag sie ihren Lehrmeister Herrn Gerber, bewundert ihn für sein Können, findet ihn nett und will ihn nicht enttäuschen. Andererseits lehnt sie den Übergriff ab und setzt sich zur Wehr. Die Gegenwehr wird vom Täter jedoch bewusst ignoriert. Lenas Gefühle werden während des Übergriffes als „mulmiges Gefühl“ und später als „verwirrt“ beschrieben. Nach dem Übergriff ist sie niedergeschlagen, fühlt sich selbst schuldig und weiß nicht, wie sie es jemandem erzählen soll. Auch Geheimnisse werden im Kontext der Täter*innenstrategien thematisiert. Der Täter übt Geheimhaltungsdruck auf die Betroffene aus, indem er ihr ein Schweigegebot auferlegt und damit droht, dass sie bei einem Verstoß ihren Job verliert. Hierbei wird nochmal das Machtgefälle zwischen Täter und Betroffene deutlich. 

 

Sehr realitätsnah ist auch die Beschreibung der psychosomatischen Folgen für die Betroffene. Daniela, Lenas Betreuerin, befreit Lena vom Schweigegebot, indem sie ihr sagt, dass man über Sorgen immer sprechen darf, auch wenn man versprochen hat nichts zu verraten. Nachdem Lena sich Daniela anvertraut hat lobt sie sie für ihren Mut und versucht ihr die Schuldgefühle zu nehmen, indem sie ihr versichert, dass „Herr Gerber so etwas nicht tun darf“. Auch benennt sie die Tat als „sexuellen Missbrauch“. Diese konkrete und juristische Benennung der sexualisierten Gewalt ist für die Zielgruppe angemessen. 

 

Die Betreuerin findet einen Weg, der es Lena erlaubt dem Täter nicht noch einmal begegnen zu müssen, weiter in der Gärtnerei arbeiten zu können und eine Begleitung beim Wiedereinstieg zu bekommen. Es wird dabei sehr viel Rücksicht auf Lenas Gefühle genommen. Dieses gute Ende kann betroffene Jugendliche dazu ermutigen, sich selbst Hilfe zu suchen und ihren eigenen Gefühlen und Intuitionen zu trauen. 

 

Im Kapitel „Ein wichtiges Gespräch“ erzählt Lena Jan was ihr passiert ist. In diesem Zusammenhang erklärt sie, dass sie der Polizei von den Vorfällen berichten muss und dabei von Daniela begleitet wird. Es wird gezeigt, welche möglichen Schritte, nach einer Aufdeckung, auf eine*n Betroffene*n zukommen können und es wird deutlich, dass sexualisierte Gewalt eine Straftat ist. Wobei hier anzumerken ist, dass der Weg zur Polizei nicht immer der erste und beste Schritt sein muss (Gefahr der Retraumatisierung der Betroffenen) und nicht immer kann die Polizei die Probleme für die Betroffenen lösen (Beweislast).

 

Jan geht nach der Offenbarung sehr einfühlsam mit Lena um. Er respektiert weiterhin Lenas Grenzen in Bezug auf Nähe und Sexualität und geht ganz unbefangen und fröhlich mit ihr um. Die Beziehung der beiden dauert an und wird ernster. Dieses „happy end“ vermittelt Zuversicht und wirkt stärkend. Das einfühlsame und Grenzen achtende Verhalten von Jan kann Jugendliche noch einmal auf einer anderen Ebene anregen, sich mit Gefühlen auseinander zu setzen und könnte somit auch auf der Ebene der Täter*innenprävention wirksam sein.

 

Das Material schafft insgesamt eine sehr gute Grundlage, um mit Jugendlichen mit geistigem Unterstützungsbedarf über das Thema sexualisierte Gewalt ins Gespräch zu kommen. Die Zeichnungen sind sehr ansprechend gestaltet, die Texte leicht verständlich und die Geschichte ist trotz ihrer Einfachheit so mitreißend und gut, dass der Comic „Alles Liebe?“ nicht nur für die angegebene Zielgruppe ansprechend ist. Die Identifikationspersonen Lena und Jan werden in unterschiedlichen Situationen dargestellt und wirken empathisch, fröhlich, echt und stark.

 

Das Präventionsmaterial wirkt insgesamt sehr freundlich und ansprechend und trotz des Themas „sexualisierte Gewalt“ weder verängstigend, noch abschreckend. Den Jugendlichen wird durch den Comic Wissen über das Thema vermittelt. Sie werden aber auch in gleichem Maße zur Reflexion über eigene Grenzen, die Grenzen anderer, Gefühle und vieles mehr angeregt.

 

Manual 

 

Das Manual eignet sich hervorragend, um Eltern und Fachkräfte zu befähigen, mit Jugendlichen, die eine Behinderung aufweisen, pädagogisch zu den Themenbereichen „Sexualerziehung“ und „sexualisierte Gewalt“ zu arbeiten. Das Begleitmaterial zum Comic „Alles Liebe“ bildet eine sehr gute Grundlage, um in einen Dialog einzusteigen und stärkt das Wissen und die Sprachfähigkeit von Eltern und Fachkräften. Besondere Stärken des Manuals sind die verschiedenen konkreten Anregungen zur praktischen Arbeit mit Jugendlichen und das vielfältige Hintergrundwissen. Zu jeder Szene des Comics werden ausführliche Hintergrundinformationen zur Geschichte und dahinterliegenden Idee zusammengetragen und es werden - sehr praxisorientiert - Vorschläge zur Umsetzung gemacht und weiterführende Links angeführt. Das Manual ist zielgruppenangemessen und sehr übersichtlich gestaltet. Es wirkt durch die vielen Umsetzungsmöglichkeiten anregend.

 

Das erhöhte Risiko für Menschen, die eine Behinderung aufweisen, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden, u.a. das besondere Machtungleichgewicht in Beziehungen, Abhängigkeiten etc., wird bereits einleitend sehr verständlich erläutert. 

 

Es wird an mehreren Stellen des Manuals ausführlich verdeutlicht, aus welchen Gründen welche Präventionsbausteine wichtig sind. Wichtige Grundlagen der Prävention, wie beispielsweise das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper, die Notwendigkeit einer sexualpädagogischen Begleitung von Kindern/ Jugendlichen, die ambivalenten Gefühle gegenüber Täter*innen, die Verantwortung, die ausschließlich bei den Tatpersonen liegt und der Umgang mit Gefühlen werden ausführlich besprochen.

 

Im Rahmen der Ausführungen wird darauf hingewiesen, dass es im Rahmen der Präventionsarbeit zum Thema „sexualisierte Gewalt“, zur Aufdeckung bereits erfahrener sexualisierter Gewalt kommen kann und wie im Falle einer Aufdeckung vorzugehen ist.

 

Das Manual beinhaltet darüber hinaus weiterführende Informationen zum Thema. Es werden im Rahmen der einzelnen Kapitelbesprechungen weiterführende Links und abschließend ausführliche Literaturtipps gegeben. Zudem wird ein Adressverzeichnis mit Organisationen, die Unterstützung bieten können, angeführt. Diese beziehen sich auf den Raum Schweiz, so dass eine Recherche zu Materialien und Beratungsstellen in Deutschland notwendig ist. Auch gilt es den im Material vorkommenden schweizerdeutschen Begriff „Pfadl“ zu erklären.

Wichtige Anmerkungen des Forschungsteams und Reflexionsleitfaden

 

Die Expert*innenkommentare bilden nicht die Vollständigkeit aller relevanten Aspekte ab und geben die Meinungen von Einzelpersonen wieder, die nicht die Meinung des Forschungsteams widerspiegeln müssen. Ausführliche Informationen zum Forschungsdesign finden Sie hier

 

Die Expert*innenkommentare unterscheiden sich in Länge und Gewichtung von allgemeinen und spezifischen Anmerkungen. Einige Kommentare beinhalten allgemeine kritische Anmerkungen zur Präventionsarbeit, mit Kindern und Jugendlichen als primäre Zielgruppe, die auch auf andere Materialien, im Kontext der Prävention sexualisierter Gewalt, übertragen werden können.

 

Bitte berücksichtigen Sie, dass aufgezeigte Lücken des Materials, ggfls. durch Zuhilfenahme von anderen Materialien, Modifizierungen sowie mündliche Zusatzinformationen etc. geschlossen werden können.

 

Hierfür steht Ihnen zur vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Material ein, im Forschungsprojekt entwickelter, kriteriengestützter Reflexionsleitfaden zur Verfügung. Den Reflexionsleitfaden finden Sie hier 

Informationen zum Kommentar

Die Inhaltsangaben und Expert*innenkommentare wurden von Tandems, bestehend aus Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis, vor dem Hintergrund ihrer fachlichen Perspektive vorgenommen und vom Forschungsteam redaktionell überarbeitet. mehr

Empowermentkritik

Empowerment ist ein bedeutsamer Ansatz, allerdings dürfen dabei reale Machtverhältnisse nicht ausgeblendet werden. Es besteht eine Diskrepanz zwischen subjektiv gestärkter Vorstellung von Selbstbestimmung und Wirkmächtigkeit auf der einen und realer Ohnmacht gegenüber Gewalthandlungen von Täter*innen auf der anderen Seite. Dies kann die Selbstzuschreibung von Verantwortung für die Tat und Schuldgefühle bei Opfern sexualisierter Gewalt massiv verstärken.

Diversity

Es ist wichtig Kinder und Jugendliche in ihrer Verschiedenheit und Gleichheit wahrzunehmen und zu achten. Dafür ist eine diversitätssensible Präventionsarbeit notwendig.