BMBF Projekt: Präventionsmaterialien

Die Inhalte des Bereichs "Präventionsmaterialien" sind im Rahmen des Forschungsprojekts "Präventionsmaterialien für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zum Themenbereich Sexualisierte Gewalt" an der Katholischen Hochschule NRW erarbeitet worden. Das Projekt wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (Förderkennzeichen 01SR1501) gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei Frau Prof. Dr. Sarah Yvonne Brandl.

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Sexualisierte Gewalt durch Geschwister, Praxishandbuch

Rezension von Prof. Dr. Herbert Ulonska

Esther Klees, Thorsten Kettritz (Hrsg.): Sexualisierte Gewalt durch Geschwister. Praxishandbuch für die pädagogische und psychologisch-psychiatrische Arbeit mit sexualisiert übergriffigen Kindern/Jugendlichen, Papst Science Publischers Lenkerich 2018

 

Höchst verdienstvoll hat Esther Klees das Thema ihrer Dissertation (Geschwisterinzest im Kinder- und Jugendalter, Lengerich 2008) wieder aufgenommen und mit diesem „Praxishandbuch“, das sie gemeinsam mit Thorsten Kettritz herausgegeben hat, einem größeren Fachpersonal zur Verfügung gestellt.

 

Dass das oft aus Scham und wegen mangelnder Kenntnisse verschwiegene und tabuisierte Thema endlich von der Fachöffentlichkeit ernst genommen wird, ist Esther Klees zu verdanken.

Einem Praxishandbuch gemäß sind Theorie und Praxis ausgewogen bedacht, auch wenn die Praxisanteile überwiegen und den Nachfragenden ein überaus umfangreiches Literaturverzeichnis mitgegeben wird.

 

Das Handbuch ist didaktisch geschickt aufgebaut. Die Artikel sind auf ca. 10 Seiten begrenzt, als Orientierungshilfe, auch um neugierig zu werden, steht am Anfang eine Zusammenfassung, am Ende ein Fazit als mögliche Memorierhilfe für das Gelesene.

 

Dank des guten Lektorats gibt es (fast) keine ärgerlichen Rechtschreibfehler als „Stolpersteine“ beim Lesen.

 

Wer wiederum die eigene Praxisarbeit weiterführend reflektieren will, findet eine Fülle von Beispielen, die die eigene kreative Phantasie oft heftig anregen. (Der Rezensent selbst trotz langjähriger Erfahrung mit dem Thema „Sexualisierte Gewalt gegen Kinder“ vertraut, hat oft verweilend das Lesen unterbrechen müssen, um eigene Handlungsansäze kritisch zu befragen. Obwohl ich dachte, nach 25 Jahren schon (fast) alles zu wissen, habe ich kräftig hinzugelernt.)

 

 

Einleitung

Einleitung und Thematische Einführung (S.13-71) informieren über die immer wieder geforderte Mehrdimensionalität und verweisen auf die notwendige systemische  Behandlung des Themas.

Mit der Diskussion über Definitionen zu beginnen ist immer gut und nützlich, um nicht das eigene Vorwissen zu pflegen und Bestätigungen dafür zu finden, vielmehr bei „Neuland“ problemoffen ans Lesen zu gehen. Was ist sachgemäß von „sexualisierter Gewalt durch Geschwister“ oder vom „Geschwisterinzest“ zu sprechen? (S.14) Die Orientierung an den Folgen der Übergriffigkeit ist sachgemäßer, da es um gewalttätige Beziehungen geht. Da diese Beziehungen innerfamiliär geschehen, wird diese Form sexualisierter Gewalt zu einem bestgehüteten Familiengeheimnis, was wiederum zur Verheimlichung und Tabuisierung beiträgt. Die Ideologie der  von der heilen Familie unterstützte Bagatellisierungen als Vermeidungsstrategie bei Eltern, die auf ihren guten Ruf achten. Auf den Beteiligten als Übergriffige und Betroffene lastet dann der moralische Druck zum Schweigen, um die Familie nicht zu beschmutzen.

Zu Recht und dringend nötig wird in diesem einführenden Beitrag der Herausgeberin „Innerfamiliäre sexualisierte Gewalt durch Geschwister-das besondere Tabu“ (S.21-32) das Problemfeld Familie in den Blick genommen, was in weiteren Beiträgen vertiefend im Abschnitt „Themenschwerpunkte“ unterstrichen wird.

 

Der Beitrag von Carmen Kerger-Ladleif (Geschwister zwischen Doktorspielen und sexualisierten Übergriffen, S.45-59) nimmt den Aspekt der Bagatellisierungen sehr informativ an Hand der Endwicklung kindlicher Sexualität wider auf. „Kinder sind von der Geburt an sexuelle Wesen.“ (S.45) Nur wehe, wenn ältere Geschwister und Erwachsene diese Neugier und Ichbezogenheit missverstehen und auf die erwachsene Sexualität beziehen. (Ich erinnere nur an Forderungen von pädophilen Verbänden in den achtziger Jahren, Kinder hätten ein Recht auf Sexualität mit Erwachsenen.)

Ich bewerte diesen Beitrag als Pflichtlektüre für alle, die mit Kleinkindern umgehen.

Ebenso ergänzend und nützlich zum Problemfeld Familie zu lesen ist der weiterführende Beitrag von Thorsten Linke und Katja Krolzik-Matthei („Familiäre Risikofaktoren sexualisierter Gewalt für Kinder und Jugendliche, S. 61-71). Ausgehend von den verschiedenen Familienrealitäten sind die Risikofaktoren für eine sexualisierte Gewalt unter Geschwistern wegen der Mehrdimensionalität zu bedenken, wie das Beispiel von „Max“ im folgenden Beitrag zeigt. (S.77ff.)

Der sehr umfangreiche zweite Abschnitt „Themenschwerpunkte“ (S.75-272) bietet in vielen Beiträgen ein ausgezeichnetes Lehr- und Lernmaterial bis hin zu vielen anregenden und weiterführenden Selbstreflexionen des pädagogische-psychologischen Personals.

Ein sehr gutes Lernfeld zeigt sich in der Fallskizze von „Max“.(S.75-84) Wenn der gewalttätige Vater zum Vorbild vom Sohn genommen wird, begünstigt dieses analoges Handeln und vermittelt Respekt in der Familie, was sich in der sexualisierten Gewalt konkretisiert.

Der Beitrag „Das große Tabu“ (S.85-94) zeigt die stabilen Familienstrukturen auf, die den Geschwisterinzest begünstigen, ihn verschweigen lassen und aus Scham nach außen unterdrücken. Die S. 91f. geben ausgezeichnete Hilfen für Helfende. Die oft ignorierte weil emotional hoch besetzte Scham wird sehr vertiefend (S.95-106) aufgenommen. Das interaktionale Dreieck ist eine gute Deutungshilfe. (S.97f.) „Das Familiensystem schämt sich für das abweichende Verhalten eines ihrer Mitglieder.“ (S.100) Diesen Artikel empfehle ich als Pflichtlektüre, wie auch den folgenden (S.107-124) über das Vertrauen als Voraussetzung für ein Schuldeingeständnis des Übergriffigen. Das Leugnen als notwendiger Schutz, die Scham als Gegensatz zum Vertrauen, zeigen den Helfenden, wie sensibel mit solchen geschlossenen Familiensystemen umgegangen werden muss. Denn: „Wer vertraut, zeigt seine Verletzlichkeit“; (S. 117).

Der folgende Artikel über mögliche Zugänge zu Übergriffigen und Betroffenen (S.125-140) wird ebenso als Pflichtlektüre empfohlen, nicht nur, weil der Ansatz aus der Praxis stammt. An zwei Fallbeispielen wird verdeutlicht, wie die (vor)schnelle Opfer-Täter-Realition relativiert wird. Wird diese Relation in den Kontext der Familiensituation gestellt, vor allem bei minderjährigen Übergriffigen, stellt sich schnell die Frage, wer hier Opfer und wer Täter ist. Diese „innere Unübersichtlichkeit“ (S. 132) lässt nach neuen Zugängen fragen. (S.132/138)

Die nächsten beiden Artikel aus der Praxis über die „Deliktarbeit (S.141-150) und die „Biografiearbeit“ (S.159-167) berichten sehr reflektiert über „therapeutische Bausteine“ (S.151), die lehrreich für die eigene Arbeit sein können.

Der folgende sehr lesenswerte Bericht aus der Praxis (S.169-181) nimmt das heikle Thema einer Wiederbegegnung zwischen dem Übergriffigen und seinen Geschwistern auf. Wie kann die Rückkehr in die beschädigte Familie möglich werden? Wie können zerstörte Beziehungen soweit geheilt werden, dass Begegnung nicht sofort in Streit mündet? Wie kann eine zerstörte Familie neu gelebt werden bei der Erwartung, dass es alles doch so wieder sein könnte wie früher? Wie kann zwischen allen Betroffenen zu neuen und offenen Kooperationen kommen? Der Verfasserin ist zuzustimmen, weil sie aus Erfahrung berichtet, dass ein solches Vorhaben ohne fremde Hilfe von außen kaum gelingt. Es ist sehr spannend nachzulesen, wie diese „Mutprobe“ gelingen kann. (S.174-178)

Der folgende Artikel (S.183-193) informiert über das systemische Denken und Arbeiten im Umgang mit sexualisierter Gewalt unter Geschwistern. Es ist eine gute und nützliche Information für alle, die diesem Ansatz noch skeptisch gegenüber stehen.

Die Beiträge Nr. 14 und Nr. 15 behandeln Lernfelder in weiterführender und vertiefender Absicht. Die pädagogischen Handlungsfelder (S.195-205) behandeln Grundfragen: „Weshalb begehen diese Kinder und Jugendlichen sexualisierte Übergriffe an ihren Geschwistern?“ (S.195ff.) Ausgehend von Erfahrungen aus Wohngruppen mit Übergriffigen werden drei Gründe genannt: (1) das Experimentieren in der Pubertät mit der eigenen Sexualität an jüngeren Geschwistern; (2) der leichte Zugang zu Kindern in der Familie; (3) Wiederholung von eigenen erlittenen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt.

Die angebotenen sechs Handlungsansätze fassen Erfahrungen mit Übergriffigen zusammen:  

  1. Relativierung als Machtentzug der sexuellen Befriedigung;
  2. Stabilisierung von Selbstbewusstsein und Selbstwert bei Übergriffigen;
  3. Enttraumatisierung von erfahrenen Gewalterlebnissen;
  4. Verhinderung von vergleichbaren Gewalt begünstigen Strukturen in Wohngruppen;
  5. Defizitäres Wissen über eigene Sexualität;
  6. Elternarbeit zum Verstehen der übergriffigen Kinder.

Der Beitrag Nr. 15 (S. 207-215) stellt sich dem Thema: Sexualpädagogik als Lernbereich therapeutischer Arbeit. Ausgehend von einer „Diskreditierung“ der Sexualität als „Machtmittel“ wird nach alternativen Machtausübungen gesucht, um Lernschritte für alltagstaugliche Sexualerlebnisse zu ermöglichen. Dieser Ansatz würde die sexualisierte Gewalt entdämonisieren und gezielt über Machtstrukturen zwischen den Geschwistern reden lassen. Es kostet viel Mut und ein starkes Engagement für die Begleitenden einen solchen Lernprozess mit Übergriffigen zu initiieren.

Der Erfahrungsbericht aus der „Therapeutischen Lebensgemeinschaft Haus Narnia“ gehört wieder zur Pflichtlektüre. (S.217-227) Nüchtern, ohne Pathos wird in Form eines Selbstberichtes an Hand von drei Fallbeispielen erzählt: Leon (S.220f.); Johan (221f.) und Felix (S.222f.).

Die begangenen therapeutischen Schritte führen wegen der Offenheit und Ehrlichkeit zu Selbstreflexionen der Lesenden und lassen dem Vor-Satz vor dem Fazit nur zustimmen: „Alle sagen: ´das geht nicht.´ Dann kam einer, der wusste das nicht, und hat es einfach gemacht!“ (Anonym)

Behandelt schon das Gesamtthema des Handbuchs ein Tabu, so greift der Beitrag Nr.17 (S.229-245) ein weiteres Tabu auf: Mädchen als Übergriffige gegenüber ihren Geschwistern. Da das gängige Frauenbild ein übergriffiges Verhalten relativiert, kommt es zu einer starken Minimalisierung dieses Gewaltverhaltens.

Ausgehend von der Beobachtung, dass Mädchen selbst erfahrene sexualisierte Übergriffe reinszenieren (vgl. S. 234),  wird nicht daraus geschlossen, dass alle Missbrauchten wieder missbrauchen. Anders verhält es sich mit den Folgen: Taten von Mädchen können doch nicht zu solchen schlimmen Beschädigungen führen. Nur: von Mädchen missbrauchte Jungen schweigen. Viele gute und weiterführende Empfehlungen für den Umgang mit diesen doch seltenen Fällen von Inzestgewalt werden für die therapeutische Arbeit gegeben.

Das Thema des Beitrags Nr.18, die Rückführung des Übergriffigen in die Familie, wird wieder aufgenommen (S.245-256) Dieser stark erfahrungsorientierte Bericht bedenkt die Probleme zwischen Opferschutz und Rückfallprävention. Wer sich in der Therapie dieser Problematik stellen will, gewinnt Einblick in einen lesenswerten  Erfahrungsschatz. Die mehr narrative Darstellung besitzt eine Überzeugungsqualität durch das mit eingebrachte Selbstengagement.

Der letzte Beitrag im Abschnitt Themenschwerpunkte dient der Elternarbeit. (S. 257-272) „Und wer arbeitet mit den Eltern?“ Nach der Analyse heutiger Familiensysteme: die abwesenden Eltern; die Patchworkfamilie; die neuen Väter und Stiefväter; die durch den freien Zugang zur Pornographie sexualisierten Familienstrukturen wird dafür plädiert, mit allen Mitteln der Therapie den „Teufelskreis“ der Gewalttraumata zu unterbrechen und jede Fortsetzung dieser Zwänge zu verhindern. Ein überaus lohnenswertes Ziel für die Elternarbeit.

Im Kapitel Best pratice (S.272-346) wird an gelungenen Beispielen aus der Praxis aufgezeigt, was an therapeutischer Arbeit mit übergriffigen Kindern und Jugendlichen schon möglich ist und erfolgreich geleistet wird. Es werden kostbare Hilfen aus der Praxis für Helfende, also Lernfelder für vertiefende Wahrnehmungen von sexualisierter Gewalt unter Geschwistern erfahrungsorientiert dargestellt: (1) Was Institutionen wie das Jugendamt leisten können (Nr.20); (2) wie eine erfolgreiche Kooperation zwischen Beratungsstellen und Intensivgruppen gestaltet werden kann (Nr. 21 und 23); (3) wie die „systemische Mehrspurenhilfe“ (S. 305) durch die Sehnsucht nach der wieder zurück zu gewinnenden heilen Familie überfordert wird (Nr. 22); (4) wie verurteilte Übergriffige (in Österreich) nachbehandelt werden können.

Am Ende des Praxishandbuchs (S.348-389) wird von den beiden Herausgebenden zusammengefasst. Eilige Lesende werden aus Zeitmangel die Beiträge Nr. 25 und 26 lesen, um sich zu orientieren, was  für die eigene Arbeit wichtig sein könnte. Namentliche Hinweise könnten beim Weiterlesen eine Hilfe sein.

Zuletzt ein Dank an die Herausgebenden für die Fotos der Verfassenden. Es trägt dazu bei die Anonymität trotz der beschriebenen Professionen zu relativieren.

Ich wünsche dem Praxishandbuch sehr viele Lesende; denn es lohnt sich.

Prof. Dr. Herbert Ulonska

Autor

  • Prof. Dr. Herbert Ulonska

    Prof. Dr. Ulonska ist Initiator und langjähriger Leiter des Projekts Kinderschutzportal.

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