Erziehungshaltung

verfasst von Dr. Marlene Kruck-Homann

1 Präventive Erziehungshaltung

Eine präventive Erziehungshaltung ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, Halt, Orientierung und Hilfe zu finden. Mädchen und Jungen haben ein sehr gutes Gespür dafür, ob sie von Erwachsenen ernst- und wahrgenommen, ob ihre Anliegen berücksichtigt, ob ihre Fragen gehört und beantwortet werden, ob kein Geschlecht bevorzugt oder benachteiligt wird und ob Regeln eingehalten werden.

Was Sie tun können, um eine präventive Erziehungshaltung gegenüber Kindern und Jugendlichen einzunehmen:

  • Nehmen Sie die Gefühle der Mädchen und Jungen wahr und achten Sie diese. Ermuntern Sie Kinder und Jugendliche, ihren Gefühlen zu trauen und diese zu benennen.
  • Schenken Sie Mädchen und Jungen ehrliche Aufmerksamkeit und Zuwendung.
  • Verlangen Sie keinen unbedingten Gehorsam gegenüber Erwachsenen, sondern ermöglichen Sie Kindern und Jugendlichen an vielen Stellen Mitsprache und Eigenverantwortung.
  • Praktizieren Sie keine geschlechtsspezifische Erziehung bzw. hinterfragen und durchbrechen Sie entsprechende Festschreibungen.
  • Legen Sie Grenzen und Regeln gemeinschaftlich fest und achten Sie auf deren Einhaltung.
  • Achten Sie auf ein verantwortungsvolles und klares Nähe-Distanz-Verhältnis in der Arbeit. Gestehen Sie Mädchen und Jungen einen selbstbestimmten Körperkontakt zu. Machen Sie Angebote von Zuwendung und Nähe und lassen sie die Kinder und Jugendlichen entscheiden, ob sie diese annehmen möchten oder nicht.

Eine präventive Erziehungshaltung erfordert von Ihnen auch eine klare Positionierung zum Thema sexualisierte Gewalt im Kontakt mit Erwachsenen:

  • Haben Sie den Mut nachzufragen und Stellung zu beziehen, wenn Bemerkungen zweideutig sind.
  • Nehmen Sie einen klaren ablehnenden Standpunkt in Bezug auf sexistische Sprüche und Verhaltensweisen ein.
  • Hinterfragen und verändern Sie Strukturen, die Ihnen undurchsichtig oder (sexualisierte) Gewalt fördernd erscheinen.

2 Reflexionskompetenz als Voraussetzung

Eine entscheidende Voraussetzung, um eine präventive Erziehungshaltung einnehmen zu können, ist die Selbstreflexion. Präventionsarbeit setzt die Bereitschaft voraus, sich persönlich mit der Thematik der sexualisierten Gewalt auseinander zu setzen. Dazu müssen Sie als pädagogisch Handelnde oder Handelnder reflektieren, welche Berührungspunkte Sie selbst mit dem Thema haben, wo Ihre Ängste, Sorgen und Unsicherheiten liegen und wie Sie mit diesen umgehen. Die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt beinhaltet auch die Beschäftigung mit der eigenen Sexualität. In der Beschäftigung mit dem Thema kommt immer auch die eigene – auch sexuelle – Biografie zum Tragen. Christa Wanzeck-Sielert schreibt hierzu:

„Die bewusste Beschäftigung mit der eigenen – auch sexuellen – Biografie (...) fördert nicht nur die Empathiefähigkeit für die individuellen Lebenslagen der Mädchen und Jungen und das Annehmen der Kinder in ihrem So-Sein, sondern auch Besonnenheit und Gelassenheit angesichts herausfordernder pädagogischer Situationen.“ (Wanzeck-Sielert, 2010, S.9)

Mögliche Fragen zur Selbstreflexion sind:

  • Welche Gefühle und Assoziationen spricht das Thema sexualisierte Gewalt in mir an?
  • Bin ich stark genug, der Realität des Missbrauchs zu begegnen?
  • Welche Verantwortung habe ich in meiner pädagogischen Profession?
  • Wie kann ich meinen Ängsten und Unsicherheiten respektieren und meine Grenzen beachten?
  • Kann ich auf Fragen der Kinder und Jugendlichen antworten?
  • Bei wem finde ich Anerkennung und Unterstützung für meine Arbeit?
  • Wo beginnt mein eigener Schutzbereich? Über welche Dinge will und kann ich nicht mit den Kindern/Jugendlichen reden? Wie setze ich dies durch?

Selbstreflexion

Selbstreflexion ist eine wichtige Voraussetzung, um sich mit dem Thema sexualisierte Gewalt zu beschäftigen. Ausführliche Informationen zum Thema Selbstreflexion erhalten Sie hier.

3 Literatur

Aus: Marlene Kruck-Homann: Sexuelle Gewalt – Basiswissen, Prävention und Intervention. In: Schmidt, Sielert (Hrsg.): Sexualpädagogik in beruflichen Handlungsfeldern. Bildungsverlag EINS, 2012, S. 212-248.

Autorin

  • Dr. Marlene Kruck-Homann

    Dr. Marlene Kruck-Homann ist Grundschullehrerin und langjährige Mitarbeiterin im wissenschaftlichen Beirat des Projekts Kinderschutzportal. Im Rahmen ihrer Dissertation hat sie sich mit Kinder- und Jugendbuchliteratur zum Thema sexualisierte Gewalt auseinandergesetzt. Zu ihren thematischen Schwerpunkten gehört die Präventionsarbeit gegen sexualisierte Gewalt in der Grundschule.

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Buchtipp

Wittmann, Anna Julia (2015): Kinder mit sexuellen Miss- brauchserfahrungen stabi- lisieren: Handlungssicherheit für den pädagogischen Alltag. Reinhardt Verlag.

Broschüre

Sexuelle Übergriffe in der Schule. Neu- auflage 2010. Ein Leitfaden für Schulleitungen, Schulaufsicht und Kollegien zur Wahrung des sexuellen Selbstbestimmungsrechts von Schülerinnen und Schülern. zum Leitfaden