Salter, Anna: Dunkle Triebe. Wie Sexualstraftäter denken und ihre Taten planen.

Rezension von Prof. Dr. Herbert Ulonska

Salter, Anna: Dunkle Triebe. Wie Sexualtäter denken und ihre Taten planen. Goldmann Tb. Nr.15384, München 2006
(Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Kuhlmann-Krieg. Die Originalausgabe erschien 2003 unter dem Titel „Predators, Pedophiles, Rapists, and other Sex Offenders“.)

Aus dem Prolog: „Über zwei Jahrzehnte studierte die Kriminalpsychologin Anna Salter, gefragte Expertin für Sexualstraftaten bei amerikanischen Gerichten, das Verhalten von Sexualstraftätern, die ihre auf Kinder gerichteten sexuellen Phantasien in kriminellen Handlungen auslebten. Was sie denken, wie sie ihre Opfer täuschen und wie sie sich strafrechtlicher Verfolgung entziehen…Anna Salter, in North Carolina geboren und aufgewachsen, studierte zunächst Literatur- wissenschaft und Psychologie, bevor sie sich in Harvard der Kinderpsychologie und der Klinischen Psychologie zuwandte…Bekannt und berühmt wurde Anna Salter aber auch als Autorin von Thrillern, die Fälle der Psychologin Dr. Michael Stone…“

Wer sich mit den Sexualtätern wissenschaftlich beschäftigt, sollte das Buch unbedingt lesen. Eine solche Fülle an kritischen Beobachtungen, an reflektierten Analysen, an überzeugenden Diagnosen und hilfreichen Therapievorschlägen aus jahrelanger Erfahrung gesammelt und aufbereitet, ist mir noch nicht begegnet. Erst leider vor einem Jahr bin ich diesem Buch begegnet durch meine Arbeiten zum Inzest.

Es handelt sich um kein Lehrbuch mit vielen Statistiken und Checklisten für die Prävention, vielmehr um narrativ gewonnene Überzeugungen, die zur weiteren Reflexion reizen, auf dem Hintergrund eigener Wahrnehmungen und Recherchen. Es liegt ein kostbares Beobachtungsmaterial vor, das dringend der Auswertung bedarf.

Am Ende des Vorworts schreibt Gavin de Becker: „Dunkle Triebe gibt Eltern und Lehrkräften die beste Verteidigungswaffe gegen Sexualverbrecher: Wissen. Im Namen aller Kinder und aller Erwachsenen, die dieses Buch wegen gar nicht erst zu Opfern werden, möchte ich sagen: Dank Ihnen, Anna Salter“ (S. 16).
Diesem Wunsch kann ich nur zustimmen. Doch vorher ist es nötig, dass die vielen Beobachtungen an Sexualstraftätern, vor allem an ihren dokumentierten Selbstaussagen für die Prävention „handlich“ gemacht werden. Die oft additiven Darstellungen, die zu vielen Wiederholungen führen, müssten strukturiert werden, um sie leichter mitteilbar zu machen.

Die 378 Seiten durchzuarbeiten führt zu einem großen Gewinn, wenn die Lesenden „vom Fach“ sind und für sich selbst Wahrnehmungsprofile von Sexualtätern schon erarbeitet haben. Vorhandenes Wissen könnte dadurch intensiv fundiert und erweitert werden. Ansonsten laufen die Lesenden Gefahr, so wie es auf der Rückseite des Covers heißt, „eine erschütternde Dokumentation über die Abgründe der Seele und die Bestie im Menschen“ gelesen zu haben. Solche emotionalen Aufladungen helfen uns in der Präventionsarbeit nicht viel weiter, sie provozieren eher Distanz, Verdrängung und Verleugnung des Sexualverbrechens, vor allem aber der sexualisierten Gewalt gegen Kinder.

Das Inhaltsverzeichnis bietet eine erste Orientierung, sehr hilfreich erweist sich das Stichwortverzeichnis am Schluss. Ich möchte Mut machen, das Buch gründlich bis zum Ende zu lesen; denn das verschriftlichte Wissen der Autorin führt zu einem sicheren Umgang mit den verschiedenen Profilen von Sexualtätern. Und dieses selbst strukturierte und auf Grund eigener Erfahrung formalisierte Wissen leistet die nötige Aufklärung über Alltagmenschen, die zu Tätern werden und uns all zu oft ratlos zurücklassen. Täterarbeit dient der Prävention, genauso wie die Opferarbeit. Dieser Ursachenforschung nach den Prämissen sexualisierter Gewalt sollte unsere ganze Aufmerksamkeit gehören.

Autor

  • Prof. Dr. Herbert Ulonska

    Prof. Dr. Ulonska ist Initiator und langjähriger Leiter des Projekts Kinderschutzportal.

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