Perner, Rotraud: Missbrauch. Kirche-Täter-Opfer.

Rezension von Prof. Dr. Herbert Ulonska

Rotraud A. Perner (Hg.), Missbrauch. Kirche-Täter-Opfer. LIT-Verlag, S. 241, Wien 2010

Die Herausgeberin und der LIT-Verlag legen ein sehr empfehlenswertes Buch vor für alle, die sich mit der sexuellen Gewalt im Raum der Kirche befassen, aber auch für alle, die der Täterfrage und den Motiven zur sexuellen Gewalt nachgehen. Auch wenn sich die gesammelten Beiträge auf Österreich beziehen, sind sie auf jedes andere Land übertragbar. Rotraud A. Perner, die sich intensiv mit dem Thema der sexuellen Gewalt im kirchlichen Raum befasst, hat eine sehr interessante und aspektreiche „Mischung“ von Autorinnen und Autoren gewinnen können, die in vielfältiger Weise mit dem Thema zu tun haben, sei es in eigener Betroffenheit, sei es als Therapeuten, die den Opfern in ihrer Praxis begegnen. Obwohl ich selbst seit 1993 durch die Gründung des Forschungsschwerpunktes „Sexuelle Gewalt gegen Kinder im Grundschulalter“ im damaligen „Institut für Forschung und Lehre für die Primarstufe“ mich mit dem Thema auseinandersetze, habe ich vor allem durch die Selbstberichte und die Reflexionen der Therapeuten viel hinzugelernt,- weil das gesammelte Material überaus hilfreich für die analytische Arbeit ist, um konzeptionell weiter an der primären Prävention zu arbeiten.

Immer wieder taucht in den Beiträgen der Zusammenhang von Pflichtzölibat, sexueller Gewalt, Pädosexualität und kirchlicher Sexualmoral auf. An dieser Quadratur des Kreises muss unbedingt weiter gearbeitet werden, wer immer sich dazu fachlich berufen fühlt. Um der Kirche und ihres priesterlichen Nachwuchses willen darf sexuelle Gewalt im Raum der Kirche nicht personalisiert und damit auf Einzelfälle isoliert werden. Ungeeignet an dieser Arbeit sind alle diejenigen, denen es um polemische Kirchenkritik geht, nicht aber um das Aufarbeiten einer Jahrhunderte zurückreichende Tradition der Körperfeindlichkeit. Es geht um einen Neuanfang in der Präventionsarbeit im kirchlichen Raum zugunsten der Priesteramtskandidaten und der im Amt leidenden Zölibatäre, für die wegen des Pflichtzölibats eine dauernde seelsorgerliche Betreuung Aufgabe der Kirche bleibt. Auf keinen Fall darf die sekundäre Prävention vergessen werden, wenn es um die Nachsorge der Opfer geht. Hier hat sich Kirche durch Vernachlässigung der Opfer und Bewahrung der „Reinheit“ der Kirche große Schuld aufgeladen, die noch manches Schuldeingeständnis nötig macht.

Das Buch hilft allen Engagierten, die sich für diese Männerkirche verantwortlich fühlen, keine Ruhe zu geben, sondern heilsame Unruhestifter zu sein, damit sich in der Institution Kirche das „wandernde Gottesvolk“ wieder geborgen fühlt und der Anfänger unseres Glaubens, der Jesus aus Nazareth. sich mit seinem menschenfreundlichen Evangelium durchsetzen kann.
Ich habe den Band mit dem Stift gelesen und bin jetzt rückblickend beim Durchblättern erstaunt, wir bunt viele Seiten durch Unterstreichen im Text und Randbemerkungen, seien sie zustimmend oder auch kritisch, geworden sind. Besonders kräftig habe ich herumgestrichen in den Beiträgen von Rudolf Schermann, Der Pädophilie-Skandal; Alfred Kirchmayr, Das Christentum als infantilisierende Führer-Religion; Herbert Kohlmaier, Über die Heilung eines kranken Systems; Franz Babka, Wen Gott liebt, den züchtigt er; Robert Bilgeri, Denn sie wissen nicht, was sie tun…Oder wissen sie es doch?; und Peter Paul Kaspar, Erotik in der Kirche; - was nicht heißen soll, dass auch die anderen Beiträge genauso lesenswert sind.

Autor

  • Prof. Dr. Herbert Ulonska

    Prof. Dr. Ulonska ist Initiator und langjähriger Leiter des Projekts Kinderschutzportal.

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