Mosser, Peter: Wege aus dem Dunkelfeld

Rezension von PD Dr. Monika Friedrich

Mosser, Peter: "Wege aus dem Dunkelfeld - Aufdeckung und Hilfesuche bei sexuellem Missbrauch an Jungen“ Wiesbaden 2009

Peter Mosser hat das Ziel seiner Arbeit selbst eindrücklich formuliert. Er verwendet die Metapher einer „Mauer des Schweigens“, die nur von wenigen sexuell missbrauchten Jungen durchbrochen wird und betont: „Wir wissen also, dass wir vieles nicht erfahren. Diese Erkenntnis…benennt die Beziehung zwischen Forschung und Dunkelfeld: Auf der einen Seite der Mauer wird darüber gesprochen und geschrieben, wie auf der anderen Seite der Mauer geschwiegen wird…Die vorliegende Arbeit…will mehr darüber herausfinden, unter welchen Bedingungen sexuell misshandelte Jungen über die Möglichkeit verfügen, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen und aus dem Dunkelfeld herauszutreten“ (S. 20/21).

Dieses Ziel hat der Autor – so viel sei hier schon vorweggenommen – nicht nur erreicht, sondern auch wichtige neue Erkenntnisse über diesen schwierigen Prozess mit seiner empirischen Untersuchung gewinnen können.

In einem sehr detailliert ausgearbeiteten theoretischen Teil der Arbeit vermittelt Peter Mosser einleitend eine umfassende Übersicht über die Literatur zum Thema Aufdeckung von sexuellem Missbrauch. Nach einer Darstellung der Vielschichtigkeit und Unbestimmtheit des Begriffs Aufdeckung gliedert er die weiteren Ergebnisse seiner Literaturrecherche nach Informationszusammenhängen, die eine solide Basis für das Verständnis des Themas bilden. Mit Blick auf die Einflussfaktoren z.B., die bei der Aufdeckungsbereitschaft von Jungen wichtig sind, systematisiert er die aus der Literatur gewonnenen Informationen nach dem Alter der Jungen, dem kulturellen Hintergrund und dem sozialen Status. Weiter ordnet er nach
der Täter-Opfer-Beziehung, den Charakteristika des sexuellen Missbrauchs, den intrapsychischen Aspekten beim Kind, nach seinem Geschlecht, danach, wem es sich zuerst anvertraut, nach den sozialen Reaktionen auf die Aufdeckung und nach den familiären Konsequenzen. Diese systematische Aufbereitung der Literatur bietet u.a. einen sehr guten Überblick über Stand und Entwicklung der Forschung zu den einzelnen Einflussfaktoren.

Das trifft auch für die dann vorgestellten fünf wichtigen „erweiterten Modelle von Aufdeckungsprozessen“ und deren Folgen bei sexueller Kindesmisshandlung zu, die komplexere Konzeptualisierungen dieser Prozesse ermöglichen. Der Autor referiert ihre Argumentationslinien nicht nur sehr ausführlich und kenntnisreich, sondern zeigt auch ihre Bedeutung für den heutigen Stand des Wissens zum Thema auf. In ihrer präzisen Darstellung der Modelle haben diese Abschnitte fast Handbuchartikel-Charakter, ohne die logische Einbindung in den argumentativen Fortgang der Arbeit zu gefährden.

Dem hier besonders angemessen Prinzip „vom Konkreten zum Abstrakten“ folgend befasst sich Peter Mosser im nächsten Kapitel mit der „theoretischen Fundierung von Aufdeckungsprozessen“. Er stellt drei relevante theoretische Perspektiven vor: die sozialen Austauschtheorien, die Perspektive des sozialkognitiven Modells und die des Sozialkonstruktivismus. Er würdigt sie kritisch mit Blick auf ihren Erklärungswert für die Zusammenhänge von Aufdeckungsprozessen. Am Schluss seiner Arbeit ergänzt er diese theoretischen Modelle dann noch um eine identitätstheoretische Perspektive.

Der hier exemplarisch ausgewählte sozialkonstruktivistische Ansatz hilft z.B. erklären, wie das lange gehütete Tabu des sexuellen Missbrauchs gebrochen werden konnte. Mosser zeigt, dass der sexuelle Kindesmissbrauch durch die feministische Bewegung erfolgreich im öffentlichen Diskurs und damit im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert wurde. Weil aber dieser Diskurs ideologisch z.T. auch heute noch weitgehend der Formel „männliche Täter und
weibliche Opfer“ verhaftet bleibt, können Jungen als Opfer – und noch weniger Frauen als Täterinnen – nur als untypisch ins öffentliche Bewusstsein gelangen. „Das männliche Opfer sexueller Gewalt wird als merkwürdige Ausnahme innerhalb einer Normalkonzeption, die für die Rolle des Missbrauchers den Mann vorsieht und der Frau die Opferrolle zuweist, konstruiert“ (S.77). Der Autor unterstreicht dann die Konsequenzen für das Aufdeckungsverhalten
der betroffenen Jungen: Sie können sich weder selbst als Opfer sehen,
noch werden sie als solches wahrgenommen. Die Theorie des sozialen Konstruktivismus macht deutlich, dass es sich nicht um privat-interaktive Zuweisungen handelt, sondern um gesellschaftliche, in denen das Geschlecht eine zentrale Rolle spielt.

In den nächsten beiden Kapiteln setzt sich Peter Mosser mit den vielschichtigen Widersprüchlichkeiten zwischen gesellschaftlichen Männlichkeitsbildern und dem Opferstatus von Jungen oder Männern und den resultierenden Problemen bei der Hilfesuche auseinander. Männlichkeit formiert sich, so seine Analyse, je nach gesellschaftlichen Bedingungen und den entsprechenden Erfordernissen der Machtaneignung. Er zeigt u.a. auf, dass das Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“ eine „Orientierungsstruktur der Geschlechterpraxis“ bietet, die
Männern eine dominante Position und Frauen Unterordnung zuschreibt und „an der sich jeder Junge/Mann abzuarbeiten hat“ (S.82). Opfer von Gewalt zu sein, so betont er weiter, droht den Betroffenen innerhalb des Systems der hegemonialen Männlichkeit zu marginalisieren, da „nicht das Erleiden von Gewalt, sondern deren Ausübung konstitutiv für eine Position im Zentrum dieser Struktur ist“ (S.82). Die Erfahrung, Opfer geworden zu sein, bedroht den Mythos der Männlichkeit des Jungen/Mannes und muss daher verschwiegen und verheimlicht werden. Es entsteht eine „Koalition des Verschweigens“ (S.85), deren Partner Betroffene, Täter, Helfer und die gesamte Gesellschaft sind, aber auch der Wissenschaftsbetrieb, der das Phänomen männlicher Gewaltbetroffenheit weitgehend unerforscht und somit unsichtbar belässt.

Im folgenden Kapitel beleuchtet Mosser die Probleme der Hilfesuche bei männlichen Opfern mit Blick auf die psychologische Situation der Betroffenen. In dieser kenntnisreichen und sensiblen Auseinandersetzung befasst er sich mit folgenden Aspekten: Hilfesuche wird von den Opfern als unmännlich empfunden, sie bagatellisieren die erlebte sexuelle Gewalt, sie unterliegen einer doppelten Scham und einer gleichsam vorauseilenden Erwartung, dass Hilfe nichts nützt. Er arbeitet aber auch die Wahrnehmungen und Haltungen von Professionellen gegenüber den männlichen Opfern heraus und diagnostiziert u.a., „dass sich die Abwehrreflexe der betroffenen Jungen in den Wahrnehmungsmustern der Professionellen widerspiegeln: Es gilt als sehr unwahrscheinlich, dass sich ein Junge sexuell misshandeln lässt; sollte es ihm dennoch passiert sein, so ist davon auszugehen, dass die Folgen nicht allzu schlimm sein dürften und demnach aus eigener Kraft bewältigt werden können“ (S. 91/92). Vor dem Hintergrund dieser „doppelten Blindheit“ kann es nicht verwundern, dass es zu einer „strukturellen Unterversorgung“ an Hilfeangeboten kommt, deren Bedingungen der Autor im
Folgenden herausarbeitet.

Im letzten Kapitel des theoretischen Teils der Arbeit beleuchtet Peter Mosser noch sozialisationstheoretische Aspekte des Hilfesucheprozesses. Er zeigt auf, dass er als „vierstufiger Entscheidungsprozess“ verstanden werden kann, der von Geschlechtsrollenstereotypen (mit)bestimmt wird und viele Hürden aufweist, die eine Inanspruchnahme von Hilfe durch die Opfer erschweren oder verunmöglichen. Er analysiert dann zwei Modelle des Umgangs mit Depressionen und mit psychischen Erkrankungen, die auch einen Erklärungsrahmen für geschlechtstypisches Hilfeverhalten von männlichen Opfern von sexualisierter Gewalt bieten.

Den zweiten Teil seiner Arbeit beginnt Peter Mosser mit der Feststellung, dass die analysierte Literatur umfassende Erkenntnisse über die Schwierigkeiten auf dem Weg der Hilfesuche der Opfer bereitstellt. Wenig dagegen ist bekannt, wie trotz der Barrieren „Aufdeckung gelingen kann und auf welche Weise Jungen in die Lage kommen, Hilfsangebote in Anspruch nehmen zu können“ (S.103). Er formuliert zwei zentrale Fragen für seine Untersuchung,

  • „Wodurch zeichnen sich Aufdeckungsverläufe bei sexuellem Missbrauch an Jungen aus?“ und
  • „Auf welchen Wegen gelangen sexuell missbrauchte Jungen zu (professioneller) Unterstützung“ (S.103)?

die er dann sehr differenziert für seine empirische Untersuchung aufschlüsselt.

Der dritte, empirische Teil der Arbeit bietet eine sehr gute Begründung des von Mosser gewählten qualitativen Forschungsdesigns. Da sich sein Erkenntnisinteresse auf die Rekonstruktion von Verläufen, auf die Erfassung der Komplexität des Aufdeckungsgeschehens und auf die Entwicklung einer Terminologie richtet, die „den spezifischen Charakter von Aufdeckungsprozessen“ zu beschreiben vermag, wählt er einen qualitativen methodischen Zugang.

Der Autor beschreibt dann das Auswahlverfahren (theoretical sampling) für die Stichprobe der untersuchten Fälle. Er befragte Betroffene und in den meisten Fällen einen am Aufdeckungsprozess beteiligten Elternteil. Als Instrument der Datenerhebung wählte er das (problemzentrierte) Leitfaden-Interview und begründet diese Entscheidung umfassend und sehr kenntnisreich. Er entwickelte je ein Instrument für betroffene Jungen und für die Elternteile.
Der Autor gibt weiter Auskunft über alle Schritte und erwartete Schwierigkeiten der Datenerhebung und setzt sich kritisch mit seiner Doppelrolle als Forscher und (in einigen Fällen früherer) Berater der Befragten auseinander.

Bei der Analyse der Daten folgt der Autor zwei zentralen Fragen:

  • Welche Veränderungen bewirkt die Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs innerhalb der Familien und in welcher Form werden Hilfesuchprozesse intrafamiliär organisiert?
  • Welche Übereinstimmungen und Unterschiede gibt es bei den Beschreibungen der fraglichen Erfahrungen innerhalb familiärer Subsysteme, d.h. in welcher Form werden die entsprechenden retrospektiven Co-Konstruktionen präsentiert?

Für die Datenanalyse verwendet er das Verfahren des Zirkulären Dekonstruierens nach Jaeggi und Mruck (1998) und das des Multidimensionalen Zugangs zum Narrativen nach Fiese und Sameroff (1999). Er beschreibt beide Verfahren detailliert und präzise auf seine Fragestellung bezogen.

Es folgt eine sehr informative Darstellung der untersuchten Fälle, die eine notwendige und sehr gute Grundlage für das Verständnis der anschließenden Analyseergebnisse bilden.

Besonders bemerkenswert ist die klare Systematik der Datenanalyse, die in der Ergebnisdarstellung sichtbar wird. Peter Mosser stellt vier Ergebniskomplexe vor, die mit dem der ‚Systeme und systemübergreifenden Relevanzbereiche’ beginnen und über ‚Prozesskategorien und Verlaufstypen’, ‚Sprache der Aufdeckung und Hilfesuche’ zu dem der ‚familiären Aspekte’ führen. So analysiert er, um nur ein Beispiel herauszugreifen, im ersten Komplex ‚Systeme ‚Systeme und systemübergreifende Relevanzbereiche’ seine Daten mit Blick auf das Missbrauchssystem, das Aufdeckungssystem und das Hilfesystem. In allen drei Systemen betrachtet er jeweils den sozialen, den innerpsychischen und den ethischen Relevanzbereich. Im sozialen Relevanzbereich des Missbrauchssystems z.B. arbeitet er die „sozialen Zusammenhänge
der betroffenen Jungen (Zugehörigkeit, Einflussnahme), deren innerpsychisches Erleben (Bewusstheit, Ambivalenz) sowie moralische Bewertungen und Verhaltensweisen (Schuld, Rücksichtnahme)“ (S.155) heraus.

Die weiteren Ergebniskomplexe sind ebenfalls sehr differenziert gegliedert und eröffnen wichtige Erkenntnisse über den für die Betroffenen meist sehr komplexen, prozess- und krisenhaften Weg aus dem Dunkelfeld und in Hilfesysteme.

Seine Ergebnisse hat er anschließend in einer 14 Punkte umfassenden Zusammenfassung dargestellt. Dieser Überblick bildet für die Leserinnen und Leser nach der Lektüre der ausführlichen Darstellung eine gute Basis für die retrospektive Reflexion der Vielfalt der gewonnenen Erkenntnisse.

Im letzten Teil seiner Arbeit betrachtet der Autor seine Untersuchungsergebnisse im Kontext aktueller empirisch begründeter Modelle. Er bindet dann seine Befunde in die oben erwähnte identitätstheoretische Konzeption ein, die ihm die Betrachtung des sexuellen Missbrauchs unter geschlechtsspezifischen Aspekten ermöglicht. Er greift hier die in seinem ersten Ergebnisteil der Arbeit vorgestellten Systeme, das Missbrauchssystem, das Aufdeckungssystem und das Hilfesystem, wieder auf. Im Rahmen des Missbrauchssystems erarbeitet er die Bedingungen der Identitätskonstruktion betroffener Jungen. Anschließend zeigt er die von den Jungen zu leistende Identitätsarbeit unter den Bedingungen der Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs (Aufdeckungssystem) auf. Schließlich betrachtet er die Möglichkeiten der Jungen für die Identitätsarbeit auf dem Weg ins Hilfesystem und kommt zu dem Schluss, dass sich hier neue Perspektiven für diese wichtige Anforderung an das Jugendalter ergeben.

Im letzten Kapitel erarbeitet Peter Mosser sehr konkrete Anregungen für das System „professioneller psychosozialer Hilfen“, die dazu beitragen, eine erhöhte „Sensibilität für die Situation männlicher Opfer sexualisierter Gewalt“ (S. 305) zu entwickeln. Hier greift er die im ersten Ergebnisteil entwickelten Relevanzbereiche wieder auf und gibt damit Anhaltspunkte für die Praxis, die mir hervorragend geeignet scheinen, „die oftmals beklagte Unsicherheit in der Konfrontation mit sexuellem Missbrauch an Jungen zu vermindern“ (S. 305).
Zusammenfassend möchte ich hervorheben, dass Mossers Arbeit eine hervorragende theoretische Grundlegung, eine sehr gelungene methodische Herangehensweise, tief schürfende und sensible Analysen des qualitativen Datenmaterials und einen höchst hilfreichen Transfer der Erkenntnisse in handlungsrelevante Vorschläge für die Praxis der Arbeit mit männlichen Opfern
sexualisierter Gewalt bietet. Das Buch ist für theoretisch, für methodisch und für an der Praxis interessierte Leserinnen und Leser eine erhellende Lektüre.

Autorin

  • PD Dr. Monika Friedrich

    PD Dr. Monika Friedrich arbeitet im wissenschaftlichen Beirat des Projekts Kinderschutzportal mit. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören die Themen Resilienz, Mütter von Betroffenen sexualisierter Gewalt und Täterinnen.

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